Die gestrige Vorstellung des Amazon Kindle Fire hat eines sehr deutlich gemacht: das Internet wird ein Netzwerk konkurrierender Ökosysteme.
In der deutschen Debatte um Facebook, Google+, die Cloud, Schnittstellen und alles, was dazu gehört, geht es vor allem um die Fragestellungen Privatsphäre und Datenschutz. Man merkt deutlich, daß große Teile der Gesellschaft und vor allem der Gesetzgeber Probleme haben, den Entwicklungen zu folgen oder sie gar zu antizipieren. Anders ausgedrückt: die Welt dreht sich gerade extrem schnell und wir diskutieren, ob wir das gut finden, aber nicht wie wir das Drehen besser gestalten können.
Wir sollten langsam verstehen, wie diese neuartigen Ökosysteme funktionieren. Es geht nicht mehr nur darum, wie groß Google ist oder wieviele Nutzer Facebook hat, oder wie die Laufzeit der Cookies aussieht. Das ist ehrlich gesagt völlig egal. Das Interessante ist doch, daß Google, Facebook, Amazon und Apple gigantische Ökosysteme geschaffen haben, die Wertschöpfung im Zentrum haben, aber durch Schnittstellen mehr oder weniger offen nach Außen hin sind. Apple ist nicht mehr nur ein Hardware-Hersteller, Google nicht nur eine Suchmaschine, Facebook mehr als nur ein annotiertes Adressbuch und Amazon ist kein reiner Versandhändler.
Diese neuen Ökosysteme sorgen dafür, daß sie große Zahlen von Nutzern an sich binden, dann bieten sie Dritten den Zugang zu diesen Nutzern an und profitieren dadurch, entweder weil Dritte von den Nutzern gewollte Dienstleistungen erbringen oder Inhalte liefern, oder schlicht weil Dritte für den Zugang zu den Nutzern bezahlen. Apple profitiert von einer Masse von App-Entwicklern, Google von zig Millionen an Werbetreibenden und Seitenbetreibern, die um Aufmerksamkeit werben, Facebook lässt die Plattform durch Drittanbieter immer attraktiver machen und Amazon bietet von der Logistik bishin zur Contentplattform so ziemlich alles, was man als Anbieter von Waren oder Inhalten benötigen könnte, um Nutzer zu erreichen.
Ja, früher, da war alles einfacher. Da waren Händler noch Händler und Hersteller noch Hersteller und Websites einfach nur Inhalte-Anbieter, die Werbeplätze verkaufen an Marken, wie man das von TV und Print so kennt.
Was bedeutet das jetzt? Unternehmen können sich entscheiden, ob sie Ökosystem werden, oder ob sie Zulieferer sein wollen. Beides kann lukrativ sein, beides kann sehr schwer sein. Es gibt auch Kombinationen, wie man z.B. beim Deal zwischen Facebook und Spotify sieht. Spotify ist mittlerweile ein ordentliches Ökosystem für Musik geworden, es verfügt über eine gute API und viele Dienste, die auf die API zugreifen und damit den Nutzern wiederum eine Dienstleistung erbringen. Spotify ist jetzt allerdings auch tief in das Ökosystem Facbeook integriert und macht damit sich, aber auch Facebook attraktiver. Wenn man sich im Vergleich Spotify anguckt, dann stellt man fest, daß Spotify einfach nur ein Anbieter von Musik ist. Wenn Unternehmen sich entscheiden, mit dem Internet Geld verdienen zu wollen und weder Ökosystem noch Zulieferer werden wollen, dann werden sie es bei wachsender Dominanz der Ökosysteme zunehmend schwerer haben, die Nutzer bzw. Kunden zu erreichen. Schwerer bedeutet in aller Regel, daß sie mehr Geld ausgeben müssen für Werbung, oftmals in den Ökosystemen. Denn dort sind die Nutzer.
Man könnte jetzt mal darüber nachdenken, wie die zukünftige Rolle der Nationalstaaten bei diesen konkurrierenden Ökosystem aussieht. Oder sich mal fragen, warum Deutschland als eine der bedeutendsten Wirtschaftsmächte der Welt keinen ernstzunehmenden Konkurrenten für die vorherrschenden Ökosysteme ins Rennen geschickt hat. Natürlich ist auch die Frage erlaubt, wie stark der Lock-In Effekt für die Nutzer sein darf und wie in Zukunft der Wettbewerb zwischen den Ökosystemen aussehen wird. Google wird in Spanien Mobilfunkanbieter als MVNO, Amazon verkauft preisagressive Lesegeräte für Inhalte aus dem Amazon-Ökosystem, Facebook etabliert mit Facebook Credits ein eigenes Bezahlsystem für Inhalte, die man im Ökosystem Facebook bezahlen kann – das Tempo der Entwicklungen ist atemberaubend.
Aus Nutzersicht bedeutet dies, daß vieles einfacher werden wird. Der Computer mit seinem Betriebsystem wird immer weniger sichtbar, sondern das Ökosystem steht im Vordergrund. Die Einfachheit ist allerdings verbunden mit einer engeren Verknüpfung mit einem Ökosystem und es wird in Zukunft immer schwieriger werden, sich aus dem Lock-In eines Ökosystem zu befreien, weil es eben so schön praktisch und einfach ist. Machen wir uns nichts vor, die einfache Nutzung und das Vertrauen auf einen Anbieter hat für ganz viele Nutzer enorme Vorteile, egal wieviel über offene Standards und Schnittstellen geschrieben wird. Mittendrin steht der Nutzer mit seinen Daten und muß sich überlegen, ob und wie er welches Ökosystem nutzen wird und was das für ihn und seine Daten bedeuten wird.
Schöne neue Welt?
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