7 Antworten zum Datenschutz: Stephan Noller

Nico —  6.09.2011 — 5 Comments

Stephan Noller, Nugg.adHeute antwortet Stephan Noller, CEO Nugg.ad AG, im Rahmen meiner kleinen Interview-Reihe 7 Fragen zum Datenschutz auf meine Fragen.

Was ist problematisch an Widgets, Tracking-Pixeln und eingebundenen Werbeplätzen?

Problematisch…erstmal finde ich daran gar nichts problematisch. Die Faszination des Webs beruhte ja immer schon auf der Verlinkung von Inhalten, der Überschreitung von Grenzen – gewissermaßen. Und die neueren Funktionen mit Widgets, aktiven Inhalten usw. machen das alles nur noch viel toller. Zum einen, weil man die Website gar nicht mehr verlassen muss, um einen fremden Inhalt zu sehen,
zum anderen weil eine ganz neue Qualität der Vermischung möglich ist. Unterschiedlichste Dienste können sich so gegenseitig befruchten, wenn man so will. Problematisch ist es natürlich, wenn die Dinger mehr machen als gesagt oder für den User offensichtlich und damit in seinem Sinne ist. Also zum Beispiel Daten transferieren über den eigentlichen Zweck hinaus.

Ach ja, Werbeplätze. Die finanzieren das Ganze* natürlich. Und das Online-Werbesystem ist komplex: Dass die eingeblendete Werbung auch vom Betreiber der Website kommt, ist heutzutage die totale Ausnahme. Insofern sollte man zunächst einfach mal zur Kenntnis nehmen, dass Werbung meist von anderen Systemen eingespielt wird und diese meist noch irgendwelche Daten für die Aussteuerung nutzen (z.B. um die Einblendungen eines Werbemittels pro User zu begrenzen). Allerdings sollte das für den User so transparent und kontrollierbar sein wie nur möglich, insbs. dann, wenn z.B. verhaltensbezogene Daten gespeichert und für die Auslieferung verwendet werden.

Was ist so schlimm am Like-Button?

Auch hier – schlimm finde ich den Like-Button erstmal gar nicht. Er ermöglicht wiederum auf faszinierende Weise vormals getrennte Welten (wo ich surfe und wo ich netzwerke) elegant zusammenzuführen und generiert damit offenbar erklecklichen Traffic auf den teilnehmenden Websites – und natürlich auch auf Facebook (das sollte man sich immer mal wieder vor Augen führen: „generiert traffic“ heisst: User nutzen das gerne). Allerdings ist beim Like-Button schon ein krasses Miss-Verhältnis an dahinterliegendem Code und Datenübermittlung im Vergleich zur offensichtlichen Funktionalität gegeben, insbs. natürlich wenn man ihn gar nicht drückt. Und – auch das ist glaube ich offensichtlich – er wird von einer Firma in rigider Manier (siehe neueste Reaktionen auf den zweistufigen Like von heise.de) verteilt, die nicht gerade großes Vertrauen in Sachen Datenschutz und Transparenz genießt. Das macht ihn irgendwie verdächtig, wenngleich ich Wert darauf legen möchte keine Funktion in Facebook zu kennen, die in irgendeiner Weise davon Gebrauch machen würde (z.B. indem man bild.de User im Facebook-Tool targeten könnte). Mir ist die in diesen Fällen immer häufiger anzutreffende Verdächtigungskultur mindestens so unangenehm wie bestimmte Aspekte am Like-Button selbst…

Was passiert, wenn Unternehmen tracken können, was ich als Nutzer online mache?

Dann passiert das Internet. Ich habe ja schon an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass dieses „tracking“ mitnichten nur eine Spitzeltechnologie der bösen Werbewirtschaft ist (das natürlich auch ;-)). Sondern dem, was uns am Internet so fasziniert, irgendwie inhärent ist. Denn Tracking ist Feedback, Anpassung, Intelligenz, Personalisierung, Empfehlungen – ja man kann sogar soweit gehen und die Existenz von Angeboten wie der Huffpost oder intelligente Loadbalancing-Konzepte der Google-Rechenzentren die signifikant Strom sparen helfen auf Tracking zurückführen. Tracking ist das Bewusstsein des Internets. Deshalb können viele faszinierende Dinge passieren, wenn das Internet trackt: Content wird relevanter, Apps lernen wer ich bin und was ich mag, Produkte werden spezifischer, Werbung wird weniger nervig. Und: Autos werden in wenigen Jahren autonom durch die Städte fahren, weil sie die besten Learnings aus Googles Tracking-Technologien aufsaugen durften…

Warum tracken Unternehmen eigentlich, was die Nutzer im Web alles machen?

Weil sie lernen wollen, was User interessiert, um dann die Angebote darauf abzustimmen.

Haben die jetzt wirklich meinen Namen, Adresse, Bankverbindung, Hobbies, Freunde und Anzahl plus Namen der Haustiere? Und wie machen die Unternehmen damit jetzt Geld?

Nein, haben die nicht. Zumindest die meisten nicht. Die Mehrheit der Unternehmen (gerade aus der Werbewirtschaft) haben auch überhaupt kein Interesse an solchen Daten und unternehmen große Anstrengungen, um diese gar nicht erst zu erheben (z.B. durch Anonymisierung).

Eine Gefahr in der ganzen Datenschutz-Diskussion sehe ich eher darin, dass die Grenzen verwischt werden, denn wenn jemand ohne meine Berechtigung wirklich personenbezogene Daten von mir hat und damit agiert, also z.B. Name + Adresse oder Kreditkartennummer, dann ist das wirklich schlimm. Und es ist überhaupt nicht damit vergleichbar, wenn jemand in einem Cookie aufzeichnet, dass ich
in den letzten zwei Wochen viele Sport-Webseiten besucht habe – sonst aber nichts über mich weiß. Diese Grenze – also zwischen personenbezogenen Daten und solchen ohne Personenbezug – ist von essentieller Bedeutung für Datenschutz-Konzepte und die aktuellen Debatten. Leider bekleckern sich meiner Meinung nach viele der Beteiligten nicht gerade mit Ruhm darin, dies immer ausreichend
deutlich zu machen.

Es gibt doch das Safe-Harbour-Abkommen mit den USA, also ist doch alles halb so wild, oder?

Na ja… Grundsätzlich regelt das Safe-Harbour Abkommen tatsächlich ein paar wichtige Dinge was Daten-Übergabe an ein Unternehmen in die USA anbelangt. Aber ich glaube, es gibt ein ganz pragmatisches Problem, das jeder Nicht-Jurist anhand der Tagespresse verfolgen kann:
Amerikanische Unternehmen (und andere außerhalb der EU) kümmern sich häufig nicht ernsthaft um deutsche oder europäische Datenschutzbestimmungen. Das konnte man an der lebhaften Reaktion von Facebook auf die Maßnahmen von Frau Aigner z.B. beobachten. Aber auch generell sieht Safe-Harbour eher so nach Regierungs-Kungelei aus, als nach wirksamen Prinzipien, die effektiv
Transparenz und Kontrolle für den User sicherstellen – mag aber nur ein subjektiver Eindruck sein.

Was sollte passieren, um Datenschutz zu gewährleisten, ohne den Unternehmen die Möglichkeit zu nehmen, die Nutzerdaten zu monetarisieren? Die wollen ja auch irgendwie Geld verdienen mit kostenlosen Diensten, oder?

Guter Punkt. Denn tatsächlich ist ja Werbefinanzierung mit großem Abstand das Hauptgeschäftsmodell des Internets – und wird es auf lange Sicht bleiben. Und Internet-Werbung wird nur so gut bezahlt werden, wie sie die Möglichkeiten des Internets zu nutzen weiß. Also Anzahl der Einblendungen steuern, Targeting nach Interessen, Wetter, Umgebungsinformationen usw. – man könnte auch einfach sagen: Werbung im Internet ist dann leistungsstark, wenn sie Daten nutzt. Also müssen wir Wege finden, um diese Daten-Nutzung für den User zu einem fairen Teil des Deal zu machen*. Dafür braucht es mehr Transparenz als bisher und effizientere Tools für den User um den Umgang mit seinen Daten zu beobachten und zu steuern. Da ist noch monsterhaft viel Platz für gute Ideen und spannende Startups die sich dieses Themas annehmen werden. Aber auch die bestehenden Unternehmen sind da in der Pflicht…

*der Deal funktioniert natürlich im Prinzip schon lange – McKinsey und IAB Europe haben kürzlich in einer bemerkenswerten Studie festgestellt, dass User digitale Dienste im Gegenwert von ca. 40EUR pro Monat kostenlos erhalten – finanziert durch Werbung.

Vielen Dank!

Neben den von mir gestellten 7 Fragen zum Datenschutz sind bislang außerdem 7 Antworten zum Datenschutz: Christoph Kappes, 7 Antworten zum Datenschutz: fukami, 7 Antworten zum Datenschutz: Martina Pickhardt, 7 Antworten zum Datenschutz: Uli Hegge, 7 Antworten zum Datenschutz: Christian Bennefeld und 7 Antworten zum Datenschutz: Christian Sauer in der kleinen Interview-Reihe erschienen.

5 responses to 7 Antworten zum Datenschutz: Stephan Noller

  1. @holadiho soeben wurde ihr #lummaland-content manuell ge-tracked #LOL #trace und in die #cloud ge#logged #log #log #trace #track #track

  2. @holadiho soeben wurde ihr #lummaland-content manuell ge-tracked #LOL #trace und in die #cloud ge#logged #log #log #trace #track #track

  3. @holadiho mal wieder?

  4. FriedrichB 7.09.2011 at 8:27

    38 Kommentare zum Verkauf des HP touchpads bei und gerade einmal bei Stephan Noller ….

    Dann müssen wir uns eines Tages nicht wundern, wenn das Netz den Bach heruntergeht.

    Aber die Diskussion ob nun 129€ oder 99€ ist ja viel spannender… :-) :-)

    Es wäre einmal interessant eine Auswerung zu machen, welche Blogbeiträge von Nico die meisten Kommentare erhalten haben?

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