7 Antworten zum Datenschutz: Dr. Thilo Weichert

Nico —  8.09.2011 — 1 Comment

Dr. Thilo WeichertZum Abschluß meiner Interview-Serie 7 Fragen zum Datenschutz antwortet heute Dr. Thilo Weichert, Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz in Kiel (ULD), der mit seiner Forderung ULD an Webseitenbetreiber: “Facebook-Reichweitenanalyse abschalten” eine neue Runde in der Diskussion um den zeitgemäßen Datenschutz eingeläutet hat.

Was ist problematisch an Widgets, Tracking-Pixeln und eingebundenen Werbeplätzen?

Gegen Werbung im Netz ist genau so viel und genau so wenig einzuwenden wie gegen Werbung in der analogen Welt. In jedem Fall müssen dabei die rechtlichen Regelungen beachtet werden, damit die Verbraucherinnen und Verbraucher nicht in ihren Persönlichkeitsrechten beeinträchtigt, unzulässig manipuliert, übervorteilt oder diskriminiert werden.

Was ist so schlimm am Like-Button?

Der Button tut nicht körperlich weh. Das Anclicken des Buttons löst aber Datenverarbeitungen aus, die für die Nutzenden weder transparent noch selbstbestimmt sind. Es geht um das Setzen eines Cookies, um die Profilierung mit Hilfe des Cookies bei Facebook/USA und die kommerzielle oder sonstige Nutzung dieser Profile, worüber Facebook nicht ansatzweise Informationen herausgibt. Das verstößt gegen das deutsche Telemediengesetz und gegen die europäische E-Privacy-Directive. In diesen Verstößen liegen unzweifelhaft Verletzungen des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung der Betroffenen.

Was passiert, wenn Unternehmen tracken können, was ich als Nutzer online mache?

Die Unternehmen erstellen Profile, aus denen erkennbar sein kann, für was wir uns interessieren, mit wem wir kommunizieren, wo wir uns aufhalten, für was wir Geld ausgeben… Die am weistesten verbreitete Nutzung dieser Profile ist das zielgerichtete Schalten von Werbung. Es ist aber auch anderes möglich, etwa die Durchführung von Scoring zur Bewertung der Kreditwürdigkeit. Ober die Daten werden von staatlichen Behörden ausgewertet, etwa von der US-Einwanderungsbehörde, was zu einer Einreiseverweigerung führen kann.

Warum tracken Unternehmen eigentlich, was die Nutzer im Web alles machen?

Nutzungs- und Sozialprofildaten sind die Währung, mit der im Netz bezahlt wird. Angebote können nur deshalb ohne Entgelt bereit gestellt werden, weil genug mit der Werbung auf der Basis dieser Profildaten verdient wird. Dass das eine ganze Menge ist, zeigen die gewaltigen Milliarden-Umsatzzahlen z.B. bei Google oder Facebook.

Haben die jetzt wirklich meinen Namen, Adresse, Bankverbindung, Hobbies, Freunde und Anzahl plus Namen der Haustiere? Und wie machen die Unternehmen damit jetzt Geld?

Internet-Nutzungsdaten sind Anbieterfirmen wie z.B. Facebook oder Google leicht zu bekommen. Von vielen Mitgliedern Sozialer Netzwerke ist es auch äußerst einfach, an Name, Adresse, Hobbies, Freunde usw. zu kommen. Mit Bank- und Finanzdaten sind wir i.d.R. vorsichtiger. Derartige Daten werden aber leider auch massenhaft, oft illegal, im Netz beschafft. Das größte Geschäft im Netz wird mit Werbung gemacht. Es gibt aber auch andere, und leider auch viele kriminelle Geschäftsmodelle: Die Internetabzocke ist schon längst an die Seite der Telefonabzocke getreten. Da erfolgen Identitätsdiebstähle, das Plündern von Konten oder das Verkaufen von sicherheitsrelevanten Daten, etwa von WLAN- oder Kreditkartendaten.

Es gibt doch das Safe-Harbour-Abkommen mit den USA, also ist doch
alles halb so wild, oder?

Das Safe-Harbor-Abkommen ist nicht das Papier wert, auf dem es steht, weil sich dahinter eine reine Selbstzertifzierung verbirgt, die weder Transparenz noch Qualität, geschweige denn Kontrolle und Gesetzeskonformität gewährleistet. Deshalb haben die Datenschutzaufsichtsbehörden auch klargstellt, dass Safe Harbor heute jedenfalls schon lange kein sicherer Hafen mehr ist. Die EU muss dieses Abkommen aufkündigen, damit die USA endlich veranlasst wird, effektiv etwas für den Datenschutz zu machen, statt wie bisher nur heiße Luft zu verbreiten.

Was sollte passieren, um Datenschutz zu gewährleisten, ohne den Unternehmen die Möglichkeit zu nehmen, die Nutzerdaten zu monetarisieren? Die wollen ja auch irgendwie Geld verdienen mit kostenlosen Diensten, oder?

Gegen Geldverdienen mit Nutzerdaten ist nichts einzuwenden. Voraussetzung ist nur, dass die Betoffenen hinreichend informiert werden und dass sie Wahlmöglichkeiten eingeräumt bekommen, z.B. durch datenschutzfreundliche Default-Einstellungen. Anwendungen können auch so gestrickt werden, dass die erstellten Profile keine individuellen Rückschlüsse mehr eröffnen. Es gibt also auch datenschutzfreundliche Werbung im Netz. Dass sich diese durchsetzt, setzt Druck von Verbraucherseite voraus. Datenschutzfreundliche Lösungen können unter Umständen auf dem Markt sogar dadurch einen Marktvorteil erlangen, dass sie von unabhängigen Stellen in einem transparenten Verfahren zertifiziert werden und mit dem Zertifikat dann gegenüber den Nutzenden
geworben wird.

Vielen Dank!

Nach den von mir gestellten 7 Fragen zum Datenschutz sind bislang außerdem 7 Antworten zum Datenschutz: Christoph Kappes, 7 Antworten zum Datenschutz: fukami, 7 Antworten zum Datenschutz: Martina Pickhardt, 7 Antworten zum Datenschutz: Uli Hegge, 7 Antworten zum Datenschutz: Christian Bennefeld, 7 Antworten zum Datenschutz: Christian Sauer, 7 Antworten zum Datenschutz: Stephan Noller und 7 Antworten zum Datenschutz: Marco Ripanti in der kleinen Interview-Reihe erschienen. Das Interview mit Dr. Thilo Weichert bildet den Schlußpunkt der Interview-Serie, die hoffentlich einige Einblicke in die Thematik und Problemstellung des zeitgemäßen Datenschutz gebracht hat.

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  1. Neue Facebook Privacy Option für Schleswig-Holsteiner - 20.10.2011

    [...] das Internet anders zu funktionieren hat als es gängige Praxis ist.Ich hatte vor ein paar Wochen Thilo Weichert gefragt, was denn so schlimm am Like-Button sei:Der Button tut nicht körperlich weh. Das Anclicken des [...]

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