Ist Datensparsamkeit eigentlich noch zeitgemäß?

Nico —  25.09.2011

„Datensparsamkeit ist eigentlich das Beste“ meinte Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner mit Blick auf die Neuerungen bei Facebook, also die Kombination aus Facebook Open Graph und Facebook Timeline.

Also ich meine schon, dass dieser Schritt jetzt mit dem Timeline ein weiterer Sprung ist, der vielleicht auch wachrüttelt. Nun muss sich jeder mal vergegenwärtigen, das ganze Leben so im Internet zu präsentieren, und jeder soll sich überlegen, ob er diese Daten jedem auch geben will. Es wird auf Ewigkeiten im Netz stehen, und ich bin mir nicht sicher, ob hier die Einstellungen so sind, dass jeder den Überblick behält, wie im Beitrag auch angeführt, was wo wer jetzt im Moment einsehen kann und ob er das auch dementsprechend zurücknehmen kann.

Die Automatismen sind relativ einfach und relativ gut eingestellt, und deshalb, glaube ich, gibt es hier jetzt schon starke Vorbehalte auf die Kommentare – auf den einschlägigen Websites sind sie ja auch schon deutlich zu erkennen. Das ist das, was ich immer gesagt habe: Die Menschen müssen Acht geben, es sollte nicht das Ende der Privatheit sein, ganz im Gegenteil, man soll seine Daten schützen, Datensparsamkeit ist eigentlich das Beste, und die Bequemlichkeit, sich im Netz zu bewegen, heißt immer auch Daten preiszugeben möglichst vielen Menschen. Und das kann nicht im Interesse des Einzelnen sein. Dem Staat würde man diese Daten mit Sicherheit nicht geben.

Ich praktiziere seit 1995 keine Datensparsamkeit im Internet. Warum auch? Es ist doch genug Platz da für meine Daten. Sicherlich, es ist nicht sinnvoll, totale Transparenz zu praktizieren, daher sollte man sich überlegen, wem man welche Inhalte zeigt. Aber als soziales Wesen wollen wir unsere Erlebnisse mit unseren Freunden teilen, oder? Wenn nun also eine Firma sagt: „ladet die Fotos mal schön bei uns hoch, wir kümmern uns dann darum, wer die Fotos sehen darf“ und das auch für Meinungsäußerungen, Befindlichkeitsmitteilungen, Spiele, Musik, und vieles anderes mehr tut – ist das dann schlimm? Man könnte jetzt auch sagen: „Danke, das Internet ist toll, aber doch recht komplex, jetzt hat da mal jemand Ordnung reingebracht.“ – oder? Auf Dauer ist das Rumfummeln an der .htaccess nicht wirklich praktikabel, oder?

Gibt es Datensparsamkeit eigentlich wirklich noch? Es gibt so viele Unternehmen, die so viel über meinen finanziellen Status wissen, ist es da schlimm, wenn Fotos von meinem Döner im Netz zu finden sind? Wenn dieses angeblich überall praktizierte, privatsphären-verletzende, unheimliche und mega-fiese Profiling wirklich schon Normalität ist, warum bekomme ich dann überall Werbung, die mich nicht interessiert? Wollen die mich alle in Sicherheit wiegen, damit ich noch ein Foto von meinem Eis poste?

Wir stehen am Anfang des 21. Jahrhunderts vor einer Mammutaufgabe. Früher war der einzig öffentliche Eintrag im Telefonbuch zu finden, heutzutage publizieren Nutzer ihre Daten an vielen Stellen des Webs. Sie sorgen in aller Regel selber dafür, daß sie gefunden werden. Es gibt wenig Zwangsmaßnahmen, die dazu führen, daß mehr Daten über eine Person im Netz auftauchen, das machen die Nutzer alles munter selber. Der Nutzer steht im Mittelpunkt, der Nutzer wird in die Lage versetzt, Dinge zu tun, für die sie oder er früher Zugriff zu einer Druckmaschine oder einem Fernsehsender gehabt haben müsste. Datensparsamkeit ist eher unpassend als Richtschnur, sondern Medienkompetenz oder besser ausgedrückt, Digital Literacy, sollte im Fokus stehen. Die Nutzer sollten im Idealfall selber am Besten darüber Bescheid wissen, wieviel Daten sie wo ins Web stellen wollen. Oder?

7 responses to Ist Datensparsamkeit eigentlich noch zeitgemäß?

  1. OliverGassner 25.09.2011 at 9:46

    Hi Nico,

    nun, grundsätzlich sind wir uns wahrscheinlich einig und manchmal denk ich, dass ich eher mehr ins Netz stelle als du ;) (Mit der Einschränkung, dass meine Frau nicht twittert ;) )

    Drei kleine Einschränkungen zu dem, was du sagst:

    1) …. denken wir eventuell beide gelegentlich drüber nach, wie viel wir über unsere Kids online stellen oder wie viel wir die ‚Papa nachmachen‘ lassen. Und in welchem Alter.

    2) Ist es sehr wahrscheinlich, dass der einzelne gar nicht mehr übersehen kann, was aus seinen aggregrierten Daten (da ist sicher Schlaueres möglich als 123people…) generiert werden kann, d.h. Inhaltskontrolle per se (Was publiziere ich?) würde wohl nicht reichen, etwas Strukturkontrollkompetenz o.ä. (Was können und dürfen Dritte daraus machen?) müsste denn auch sein.

    3) Ein Argument, das ich selbst von 5 oder 10 Jahren doof fand, bei dem ich mir aber nicht ganz sicher bin: Wenn Sammelstrukturen, seien es private oder staatliche, mal aufgebaut sind, dann können sie spätestens dann missbraucht werden, wenn ein demokratischer Staat zu einem autoritären wird, (Die Lochkarten-Daten der Volkszählung aus den 30ern jedenfalls waren sehr praktsich für die KZ-Logostik…) Dass Staaten da wandelbar sind, wissen wir auch.

    Machen wir mal ein Gedankenexperiment:

    Was würde passieren, wenn von heute bis zur Bundestagswahl wöchentlich ein islamistisch motivierter Anschlag passieren würde, sagen wir mit im Schnitt „nur“ 5 Todesopfern per Anschlag.Was müsste die Partei, die die Wahl gewinnen würde/wollte, versprechen?

    Eben.

    Und nein, wir sind hier nicht in Norwegen.

    Man könnte obiges auch pointieren: Wer gegen Vorratsdatenspeicherung ist -muss auch für Datensparsamkeit sein.

  2. SaschaWalk 25.09.2011 at 10:26

    Ich sehe das Probelem genau im Punkt Medienkompetenz. Der Normaluser , der sich nicht tagtäglich mit sozialen Netzen beschäftigt und vielleicht gerade mal in der Lage ist seinen Browser zu öffnen, ohne zu wissen das es Browser ist, hat nur geringe Chancen dies zu Überblicken. Das sieht man ja an vielen viralen Postings mit dem Thema Facebook Einstellungen. Diese werden verteilt obwohl nur Blödsinn drin steht und Angst gemacht wird.

    Auch in unserem Land sollte es wie in Großbritannien ein Fach Medienkompetenz in der Schule geben. Gibt es eigentlich eine Partei in unserem Land die sich das auf die Fahnen geschrieben hat?

    Genau diese fehlende Kompetenz in Verbindung mit den neuen Möglichkeiten bei Facebook wird wieder einen Aufschrei durch die Welt der User jagen. Facebook hat jetzt so viele Möglichkeiten das die meisten User Probleme damit bekommen werden. Oder ganz anders ausgedrückt Facebook macht jetzt Arbeit.

    Ich persönlich finde die Änderungen auch nicht problematisch und die Chronik sehr schick. Aber mein Leben im Internet muss ich verwalten und bewusst entscheiden was ich wo, an wen poste.

  3. OliverGassner 25.09.2011 at 10:32

    @SaschaWalk Dieses Fach gibt es, es heißt Deutsch und mit Einschränkung Gemeinschaftskunde/Politik. Allerdings ist man dort leider immer mehr mit Grundlagendingen beschäftigt wie: „Wie baut man einen verständlichen Satz wenn man nie ein Buch in der Hand hatte?“ Oder: „Was ist ein Parlament? Und wo kann man es downloaden?“

    Die Schulen brauchen alles mögliche, nur nicht noch mehr Fächer. (Hab al nen Vortrag von Konservativen gehört, dei ein fach Jura wollten, damit die Kids lernen, dass man bei der Demo keine Scheiben einschmeißt. Damit wollten Sie einem „1968 Teil II“ vorbeugen.)

    Zudem. Ich hab ‚Computern‘ 1982/1983 an Commodore PET gelernt, das Knowhow war veraltet, bevor ich im 2. Semester war. alles was eine Schule an *ZU* konkreten wissen mit Computern vermittelt ist Zeitverschwendung.

  4. FriedrichB 25.09.2011 at 11:44

    In dem Zusammenhang: Wir fordern opendata von den öffentlichen Institutionen. Mittlerweile kann jeder kostenlos bei der Schufa und ähnlichen Institutionen seine Daten und sein scoring einsehen. Wie wäre es eigentlich, wenn wir ebenfalls eine opendata Politik bei den privaten Institutionen , sprich Unternehmen fordern.

    Oder anders herum gibt es bereits Möglichkeiten dieses einzufordern?

  5. SaschaWalk 25.09.2011 at 12:52

    Es geht mir nicht um den Umgang mit dem PC, sondern um Medienkompetenz.

    Um das verstehen wie moderne Medien funktioninieren und welche Möglichkeiten aber auch Risiken diese bieten. Es geht auch nicht nur um das Internet, auch bei anderen Medien müssen auch die Schüler schon verstehen wie Informationen zustande kommen. Das muss in dieser Welt Teil der Allgemeinbildung werden.

    Ein Fach wie Deutsch oder Gemeinschaftskunde/Politik reicht da nicht aus, es geht darum die zusammenhänge und konsequenzen zu verstehen.

  6. Der Haken an der Sache ist unter anderem, dass der User eben *nicht* bestimmen kann, wer was sieht. Der muss zuerst einmal *alles* für Facebook zugäglich machen und kann erst dann entscheiden, was davon welchem Personenkreis zugänglich gemacht wird. Für ein eher unerwünschts Szenario brauchen wir da noch nicht mal einen totalitären Staat, der sich Zugriff auf die Server bekommt, da reicht ein blöder Bug bei Facebook.

    Es hilft auch nicht, sich bei Facebook auszuloggen, damit etwa die besuchten Webseiten nicht unbedingt im Speicher landen, das übernehmen die ziemlich zähen Facebook-Cookies auch ganz allein.

    http://nikcub.appspot.com/logging-out-of-facebook-is-not-enough

    Anders gesagt: Die „totale Transparenz“ ist für Facebook über kurz oder lang kein Problem mehr – und die Vorratsdatenspeicherung gegen den Facebook-Ansatz ein schwacher Scherz.

    Vielleicht bin ich ja einfach zu altmodisch, aber unter „Bescheid wissen, wieviel Daten man wo ins Web“ stellen will verstsehe ich doch etwas anderes, als einem Unternehmen freimütig mehr oder weniger alles anzuvertrauen, was ich im Netz so treibe.

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