Zug um Zug zur Kanzlerkandidatur?

Nico —  24.10.2011

Zug um ZugIn den vergangenen Jahren war es gute Sitte unter Sozialdemokraten, die Bundeskanzler oder Hamburger Bürgermeister werden wollten, sich den öffentlichen Ritterschlag des Privatiers Helmut Schmidt aus Hamburg Langenhorn abzuholen. Das Kalkül war, daß man mit diesem Endorsement, wie es bei amerikanischen Medien und Personen des Zeitgeschehens üblich ist, eine zusätzliche Bestätigung erfahren würde, die sich an der Wahlurne in Stimmen niederschlägt. Wir kennen auch noch aus der Vergangenheit den Eiertanz, daß nicht gesagt wird, wer Kanzlerkandidat werden wird, obwohl es eigentlich schon alle wissen, auch dies ist natürlich Teil der Dramaturgie von Wahlen und Wahlkämpfen.

Zwei Jahre nach der für die SPD desaströsen Bundestagswahl steht die Partei jetzt als Alternative zur chronisch zerrütteten CDU/CSU/FDP-Koalition da und auch die aktuellen Umfragen lassen auf eine Mehrheit für rot-grün hoffen. Die SPD hat bei den letzten Landtagswahlen entweder gut, oder wenigstens nicht so mies wie befürchtet, abgeschlossen und hat daher gerade so etwas wie einen Lauf.

Entgegen aller politischen Gepflogenheiten passiert jetzt etwas Interessantes. Helmut Schmidt nominiert Peer Steinbrück zum Kanzlerkandidaten. Er tut dies, weil er Peer Steinbrück das Amt zutraut. Er tut dies aber auch, weil die beiden ein Buch geschrieben haben und dies in diesen Tagen in den Handel kommt. Er tut dies auch, weil er mit diesem Thema ganz wunderbares Agenda-Setting betreiben kann, denn er ist Quotengarant für Talkshows und hat in der Vergangenheit durch seine Auftritte Zeichen setzen können. Spiegel und Zeit sekundieren dann natürlich höflich, weil auch sie sich Aufmerksamkeit und Auflage versprechen.

Die SPD hat nun also das seltsame Luxusproblem, daß zwar niemand mehr der Kanzlerin eine Wiederwahl mit ihrer zerstrittenen schwarz-gelben Koalition zutraut, aber eben auch drei mögliche Kanzlerkandidaten zur Verfügung stehen und die Diskussion darüber für die Partei viel zu früh kommt.

Ich bin mir nicht sicher, was das Kalkül hinter dieser Festlegung für Peer Steinbrück durch Helmut Schmidt ist. Er definiert dadurch eine Debatte, er verknüpft die Kritik am Krisenmanagement der Kanzlerin mit dem Hinweis, daß die SPD mit Peer Steinbrück es besser machen könnte, aber dadurch wird Steinbrück auch ein Jahr zu früh ins Rennen geschickt. Die initiale Debatte um das Buch und die Kanzlerkandidatur wird mit der Weihnachtszeit vorbei sein, was sollen dann die nächsten Stufen 2012 sein? Es muß Schmidt/Steinbrück bewußt sein, daß sie als Zweimann-Team nicht bis zur Krönungsmesse durchhalten können werden, zumal sie mit diesem Vorpreschen der Partei gegenüber signalisieren, daß auf Funktionäre und Parteitage nicht so viel Wert gelegt werden. Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß Steinbrück jetzt losläuft, damit er die Regierung Merkel als One-Man-Army sturmreif schießt, um dann zu Gunsten eines anderen Kandidaten vorzeitig abzudanken.

Also bleibt nur die Feststellung, daß die Festlegung auf Peer Steinbrück als Kanzlerkandidaten durch Helmut Schmidt ein PR-Schachzug, passend zum Titel des Buches: Zug um Zug.

8 responses to Zug um Zug zur Kanzlerkandidatur?

  1. therealstief 24.10.2011 at 15:54

    @Nico Wer sind die beiden anderen SPD-KKandidaten? Steinmeier, die graue Wanderdüne, der immer merkeligere Wowereit – gar Siggi Pop? #frust

  2. Also afaik sind die anderen Steinmeier und Gabriel. Ehrlich gesagt finde ich eine solche Debatte jetzt zu früh, aber Steinbrück ist der Richtige, ganz sicher. Nicht so sprunghaft wie Siggi…

  3. Also die Angriffe auf Merkel und die Koalition stimmen natürlich hinten und vorne nicht, aber mit Deiner Einschätzung zu Schmidt und Steinbrück muss ich Dir uneingeschränkt recht geben.

  4. @hildwin welche Angriffe? habe mich doch total zurückgehalten. :)

  5. es ist total simpel hier zu kommentieren! #ausgründen

  6. Vielleicht spekuliert man auch auf ein frühzeitiges Ende der Koalition und würde dann perfekt bei Neuwahlen positioniert sein.

  7. FriedrichB 25.10.2011 at 9:28

    Das eine ist der Kanzlerkandidat, wobei es lobenswert ist dass sich der Saulus Steinbrück zum Paulus Steinbrück verändert hat. Allerdings ob die Genossen so schnell den Deregulierer Steinbrück vergessen haben :-)

    Das andere auch mit einem guten Kanzlerkandidaten ist die SPD noch lange nicht an der Regierung, siehe Aufschwung der Piraten…

    oder es gibt analog Berlin eine rot/schwarze Koalition :-)

    Und bei dem Hauptthema Griechenland zu bleiben:

    panta rhei …….. auch in der SPD

  8. FriedrichB 25.10.2011 at 9:32

    @Nico

    Angesichts der drei potentiellen Kanzlerkandidaten, wäre es doch auch einmal überlegenswert eine Primary wahl wie bei der PS in Frankreich durchzuführen.

    Aber da scheint Tante SPD wohl noch Bedenkenträger zu spielen??