Archiv für November 2011

18. November 2011

Das Spannungsfeld von Activist Media, Journalismus und Corporate Media

Activist Media ist ein tolles neues Wort, das mir bis dato nicht geläufig war. Es ist quasi eine Form des User Generated Content, publiziert und distribuiert von Leuten, die eine Agenda haben und daher wollen, daß ihr Thema Aufmerksamkeit bekommt. Diese Activist Media findet statt in einem Umfeld, in dem viele Geschäftsmodelle durch das Internet bedroht sind und daher immer mehr Kostendruck entsteht, was dazu führt, daß sich der Journalismus verändert und beispielsweise weniger Zeit für Recherche oder Reportage zur Verfügung steht.

Das ist gut für Activist Media, weil oftmals Beiträge einfach von den traditionellen Medien übernommen werden und damit mehr Reichweite bekommen, insbesondere bei Fotos und Videos ist dies zu beobachten. Der Umwälzungsprozeß der Branche führt aber natürlich auch vermehrt dazu, daß Unternehmen und Marken ihre eigenen Publikationen erschaffen und von ihrer Seite aus den traditionellen Journalismus angreifen.

Der amerikanische Journalist Tom Forenski hat dies in seinem Artikel The continuing rise of activist media and the demise of the Fourth Estate so zusammengefasst:

Some might cheer the diminishment of the “gate keepers” but professional journalists are essential to a healthy democracy. They are used to dealing with special interests and their agendas, and they strive to produce media that is fair, balanced, accurate, and trustworthy — most people don’t have the same training to see what’s what.

This struggle between establishment media and corporate interests has been going on for a long time. The media used to be referred to as the Fourth Estate, one of the four pillars of society.

What’s changed is that the Fourth Estate is shrinking rapidly because its business model is under attack. This means that its ability to act as a check and balance against the agendas of rich and powerful special interests is also under attack.

It means that important issues will increasingly be presented through media that is polluted by bias, and designed to serve the interests of corporate agendas rather than a common good.

While it is true that activist media of the Occupy Wall Street kind also gets a boost from a weaker establishment media, corporate media has money and that means access to mass media distribution channels — these are far more effective than relying on social networks.

Interessanter Aspekt, daß der klassische Gatekeeper benötigt werden soll, um die Interessen auszutarieren. Regelt sich das nicht durch die vielgepriesene Schwarm-Intelligenz oder wenigstens durch immer smarter werdende Tools, die interessante Inhalte nach oben spülen? Ich finde durchaus, daß dieses Thema interessante demokratie-theoretische Implikationen haben wird, da kann man mal durchaus drüber nachdenken.

17. November 2011

Google+ ist doch nicht so tot wie alle gerne schreiben


Na, das sind doch mal Neuigkeiten, die Hitwise nach einer Analyse der Daten für die Nutzung von Google+ in den USA vermelden kann. Experian Hitwise – Google+ records 3rd biggest week since launch:

Last week Google+ recorded its 3rd largest week in terms of total US visits for the week ending Nov. 12, 2011 receiving more than 6.8 million total US visits. The growth represents a 5% increase versus the previous week and a 25% increase compared to a month ago. The recent growth could possibly be attributed to several new announcements that have come out recently.


Es ist nachvollziehbar, daß immer mehr Nutzer ihren Weg zu Google+ finden, da Google eben mehr und mehr Google+ mit seinen Kern-Diensten verknüpft. Interessant ist daher nicht die Fragestellung, wie viele neue Nutzer generiert werden, sondern ob diese auch regelmässig wiederkommen. Dies scheint der Fall zu sein. Unklar ist allerdings, wie die Ausprägung von Google+ sein wird, also welche Art der Nutzung wird im Vordergrund stehen?

Ich stelle für mich fest:
1. Distribution und Aggregation von Inhalten findet statt.
2. Diskussionen sind von der Tendenz besser als bei Facebook.
3. Persönliche Themen passen irgendwie besser zu Facebook.
4. Twitter ist auch noch da.
5. Google+ ist irgendwie Tumblr ohne Themes.

Martin Weigert schrieb kürzlich darüber, daß Drei einer zu viel sei. Ich bin mir da nicht mehr so sicher, das hängt stark von den Nutzungs-Szenarien ab. Noch weiß man bei Google+ nicht so genau, was es sein soll, das sollten aber Google und die Nutzer demnächst herausfinden dürfen.

Nutzt ihr Google+? Und wenn ja, wie?

16. November 2011

Die Berliner Amigo-Piraten

Eine junge Abgeordnete im Berliner Landesparlament stellt ihren Freund als Mitarbeiter ein. Kurz nachdem dies an die Öffentlichkeit kommt, wird zurückgerudert und dem Freund gekündigt. So geschehen bei den Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus.

Wie bewerten wir den Fall? Ist das eh gängige Praxis und daher irgendwie okay, aber doof, daß es aufgefallen ist? Gibt es unzählige Beispiele bei SPD, CDU, Grünen und der FDP, was viel, viel schlimmer ist, als wenn es bei den Piraten passiert? War es nur ein Anfängerfehler politisch unerfahrener Menschen, der entschuldbar ist? Darf man nichts Negatives über die Piraten sagen, weil die gerade so toll en Vogue sind mit Liquid Democracy, Latzhosen und Dienstfahrrädern?

Ich finde den Vorgang bezeichnend für die Piraten und ich finde es eine Frechheit, derartig zu verfahren. Es wird mit einer Vehemenz seit Monaten postuliert, wie anders, wie transparent und wie toll die Piraten einen neuen Politikstil pflegen. Jeder pups-unwichtige kleine Fehler, der einem Politiker der etablierten Parteien unterläuft wird auf Twitter breit getreten mit den üblichen Hinweisen a la “Facepalm! Fail! Geht Sterben!”, da klopfen sich alle kollektiv auf die Schenkel und reiten darauf rum, wie hohl alle anderen doch seien und wie sehr die Piraten das Licht gesehen hätten. Stets wird darauf hingewiesen, wie sehr die Piraten für offene und transparente Prozesse seien, ganz im Gegensatz zur kritisierten vermeintlichen Hinterzimmerpolitik der etablierten Parteien.

Noch sind die Schnittchen von der Jubelfeier der Berliner Piraten nicht ganz verdaut, da kommt es in der kleinen Truppe von 15 Abgeordneten in Berlin zu einem intransparenten Verfahren, bei dem allerfeinste Vetternwirtschaft betrieben wird. Das kann doch nicht angehen! Wo ist denn da der Anspruch der Piraten geblieben? Noch gar nicht richtig im Parlament angekommen und schon ist der Lack ab bei den Berliner Piraten? Ist es der Politikbetrieb, der so korrumpiert, oder wie konnte das passieren? Ist dies nur ein Einzelfall, oder gängige Piratenpraxis?

Was werden die Piraten tun, um eine derartige Vetternwirtschaft künftig zu vermeiden? Brauchen wir künftig ein Piratenwatchblog, das die Verquickungen unter den Piraten durchleuchtet?

Wenn man den Anspruch hat, alles anders und besser zu machen, dann sollte man auch alles daran setzen, diesen Anspruch in die Tat umzusetzen.

16. November 2011

Was wollen wir eigentlich?

Ich denke mal laut. Ich sitze im ICE und habe nichts zu lesen mit, bin daher mehr oder weniger offline zwischen Hamburg und Berlin.

Es gibt eine immer größer werdende Gruppe von Menschen, die das Netz aktiv nutzt, bzw. schon gar nicht mehr darüber nachdenkt, daß sie es nutzt, weil es so selbstverständlich geworden ist. Unter diesen Menschen gibt es immer mehr, die das Gefühl haben, daß die Politik an sich keine ädequate Auseinandersetzung mit der politischen Gestaltungsmöglichkeit rund um das Thema Internet führt. Viele der sog. Netzaktivisten weisen schon seit vielen Jahren immer wieder darauf hin, daß sich die Politik des Internet annehmen müsse. Wenn die Politik dies dann tut, ist das Geschrei groß. Ja, ich generalisiere gerade ein klein wenig.

Ich gehöre auch zu denen, die seit Mitte der 90er jedem Politiker, der nicht bei 3 auf dem Baum ist, versucht zu erklären, warum das Internet so wichtig ist und warum die Politik sich darum kümmern sollte. Geholfen hat das nur punktuell.

Das Interessante am Internet ist, daß es mittlerweile banal einfach zu nutzen ist, aber eben dennoch brachiale Auswirkungen auf viele Branchen hat und haben wird. Es ist ein klassisches Querschnitt-Thema, das eben sehr viele Bereiche unseres Lebens tangiert. Das macht es leicht für die Politik, sich nur auf einen Bereich des Internets zu beschränken und zu sagen “klar, bin dabei, ist doch logisch!”, auch wenn damit eigentlich nur das Lesen von Emails oder das Bestellen bei Amazon gemeint ist, nicht aber der Blick auf die anstehenden Umwälzungen in einer Branche. Gerne wird das Internet auch einfach nur als Technologie-Thema gesehen und wenn man einen anderen Schwerpunkt hat, dann sollen sich eben die Fachpolitiker darum kümmern. Oder eben die Medien-Politiker. Oder manchmal die Bildungs-Experten. So richtig zuständig will niemand sein und ein Internetministerium mutet auch anachronistisch an, da es an “Bin ich schon drin?” erinnert.

Wir haben also auf der einen Seite totalen Unmut, weil die Politik die wahre Bedeutung des Internets zu verkennen scheint, auf der anderen Seite sind wir aber gerne genervt, wenn die Politik sich einmischt und auf die Idee kommt, das Internet in ein bestehendes Raster pressen zu wollen, anstatt mal eben alles über den Haufen zu werfen. Konsens und alle mitnehmen zu wollen verträgt sich oftmals nicht mit Disruptionen – das ist das Kernproblem, wenn die Politik sich mit dem Internet auseinandersetzen will.

Aber, was wollen wir eigentlich? Und jetzt meine ich nicht die Technokraten-Ebene und Diskussionen um Cookie-Laufzeiten, Vorratsdatenspeicherungsunterparagraphen oder oder oder, sondern um Themen, die allgemeinverständlich sind und die angstfrei von größeren Teilen der Gesellschaft diskutiert werden können. Wir manövrieren uns mit diesen ewigen sehr technischen Diskussionen in eine Ecke, aus der man schlecht wieder herauskommt. Ja, ich weiß, es geht immer um Details und um Technologie sowieso, aber dennoch würde es helfen, wenn man eine andere Diskurs-Ebene finden würde, um die Relevanz des Themas für mehr Menschen deutlich machen zu können.

Mein Lieblingsbeispiel ist da der Chef vom Einzelhandelsverband. Immer, wenn die Politik irgendwas macht, was den Bereich Einzelhandel irgendwie zu tangieren scheint, tritt er vor die Kamera und sagt: “Das kostet 100.000 Arbeitsplätze!” – danach fängt eine Debatte an und alle bewegen sich ein Stück. Wenn die Politik irgendetwas macht, was das Netz betrifft, dann erklingen Tausende diffuser Stimmen und es wird wahrgenommen als “die Computerfreaks sind dagegen, niemanden sonst interessiert es”. Wenn ich mit Internet-Unternehmern spreche über ihre Herausforderungen und ihre möglichen Forderungen an die Politik, dann höre ich als Antwort meistens, daß Mitarbeiter gesucht würden, die nicht zu finden seien, daß Wohnraum fehle und daß ein ansprechendes kulturelles Umfeld wichtig sei. Das ist alles immer schön weich und schwammig und läßt mich mit dem Gefühl zurück, daß es eigentlich kaum noch Erwartungen an die Politik gibt im Bereich Internet, da die politischen Entwicklungen zu sehr hinterherhinken und kaum in der Lage sind, einen sinnvollen politischen Rahmen zu bieten. Es wird seitens der Politik immer noch von “neuen Kommunikationsformen” gesprochen, obwohl bereits seit 15 Jahren das Internet in Deutschland einem immer größer werdenden Teil der Bevölkerung zur Verfügung steht. Dennoch sollte man Ansprüche an die Politik haben, sonst werden wir auch künftig der Entwicklung hinterher hinken und die Potentiale des Internets weitgehend ungenutzt lassen.

Das bringt mich zurück zu meiner Eingangsfrage: Was wollen wir eigentlich?

Wollen wir, daß die Politik das Internet wieder in Ruhe lässt?

Wollen wir, daß die Rahmenbedingungen verändert werden? Wenn ja, welche?

Wollen wir politische Initiativen? Wenn ja wo und weshalb?

Was ist eigentlich Netzpolitik?

Wir müssen mal konkreter werden und verständlicher.

15. November 2011

ExtendNY – New York City Extended

ExtendNY

200 Jahre nachdem das Manhattan Grid vorgestellt wurde, geht ExtendNY jetzt einen etwas weiteren Weg und stülpt das Grid System über die ganze Welt, quasi als Weiterführung der Entwicklung des Grids in Manhattan.

Sehr schöne Idee von Harold Cooper.