Das Ehemaligentreffen: Sneak Peak in das Leben der Anderen

Weihnachten ist voll von Ritualen, einige mag man mehr, andere weniger, viele werden einem aufgezwungen und man kann sich irgendwie nicht wehren. Für mich gibt es seit über 20 Jahren ein seltsames Ritual, das anfing, als ich in der Oberstufe war. An der Lauenburgischen Gelehrtenschule zu Ratzeburg, Gymnasium für Jungen und Mädchen, wobei ich mir immer vorstelle, wie gequält der Zusatz „und Mädchen“ in den Anfangsjahren geklungen haben muß, galt doch die LG Ratzeburg lange, lange Zeit als das traditionelle Vorzeige-Gymnasium Schleswig-Holsteins, das auch noch bis tief in die 80er Jahre stolz auf die Einhaltung der 6-Tage-Woche war, findet alle zwei Jahre das Ehemaligentreffen statt, das traditionell von den Oberstufen-Jahrgängen unter Mitwirkung der Lehrer und des Ehemaligenvereins ausgerichtet wird. Vor 20 Jahren war das Ehemaligentreffen echt spannend, da traf man ehemalige Mitschüler, die berichteten, wie es denn so im Studium, beim Bund oder beim Zivildienst abläuft. Als ich dann selber Ehemaliger war, war ich erst einmal froh, viele Leute nicht mehr täglich sehen zu müssen, habe mich dann aber doch gefreut, viele der Mitschüler für einen Abend wieder zu treffen. Damals habe ich mich gewundert, was das wohl für Leute sein müssen, die augenscheinlich schon sehr lange aus der Schule raus sein müssen, sich dennoch zwischen vielen, vielen Schülern und Studenten um die 20 mischen, um beim Ehemaligentreffen wieder einmal in Ratzeburg zu sein.

Zwischenzeitlich wurde die alte Lauenburgische Gelehrtenschule abgerissen, die in den 60ern gebaut und mehrfach angebaut wurde, nicht schön, aber irgendwie meine Schule war, mit pekigen Ecken, mit 80er-Jahre alternativen Versuchen der Auffrischung des Ambientes, mit von mir eingeritzten „The Who“, „Sex Pistols“, „The Clash“ oder „Skate or Die!“ in irgendwelchen Tischreihen in den Bio- und Chemieräumen, mit den Heizungsrohren im sogenannten Papptrakt, gegen die man schön treten konnte in den Freistunden, damit in den Klassenräumen nur noch ein lautes Geboller zu vernehmen war, der Redaktionsraum des Insulaners, in dem ich viel Zeit verbracht hatte und nach einigen Ausgaben als VisdP den Entschluß fasste, Journalist werden zu wollen, all dies fehlt jetzt und wurde ersetzt durch eine neue Schule, die an ein modernes Krankenhaus oder Seniorenwohnheim erinnert in seiner Sterilität. Ich hatte keinen Edding dabei, auch das wäre früher unvorstellbar gewesen.

Mittlerweile gehöre ich selber zu diesen alten Säcken, über die ich mir früher gewundert habe, wieso die immer noch zum Ehemaligentreffen kommen. Ich durfte mich auf einer Liste eintragen der Abi-Jahrgänge 1990-2000, als ob ich irgendwas mit den Jahrgängen zu tun gehabt hätte, aber nun ist man auf einmal in derselben Alterskohorte. Viele ehemalige Mitschüler, mit denen ich reden wollte, habe ich dann doch nicht getroffen, das hat sich zu früher schon verändert, wahrscheinlich weil immer weniger über Weihnachten die Eltern besuchen fahren. Ich habe auch etliche Leute gesehen, mit denen ich nicht reden wollte. Und auch einige getroffen, denen ich nichts zu sagen hatte. Und natürlich auch mit einigen Leuten geredet, von denen ich nicht den blassesten Schimmer einer Ahnung habe, wer das war, aber ich bin ja Stehparty-gestählt und kann das gekonnt überspielen. Ich habe vor allem festgestellt, daß ich nicht die dickste Plauze habe, im Gegensatz zu vielen meines Alters noch sehr volles Haar habe, ganz ohne merkliches grau, und daß ich niemals so alt werden kann wie einige bereits jetzt schon aussehen. Der verarmte Landadel wirkt weiterhin genauso kollektiv spießig-spackig, daß man auf eine lange inszestiöse Tradition schließen könnte, so sehr wird die Gleichförmigkeit weitervererbt. Haben sich Leute verändert? Irgendwie nicht, glaube ich. Einige sind raus in die weite Welt, andere im Lauenburgischen verwurzelt. Die Leute aus meinem Jahrgang sahen auch noch aus wie früher, da hat sich nichts verändert. Mir wurde erst später bewußt, daß ich zwar seit 15 Jahren endlich mal wieder ein kariertes Flannelhemd trug, aber damit genau so rumgelaufen bin wie früher in der Oberstufe.

Ich habe gestern sehr wenig „mein Auto, mein Haus, meine Yacht“ gespielt, das war direkt nach dem Abitur irgendwie exzessiver, jetzt wurde nur noch die Zahl der Kinder aktualisiert. Ich habe auch darüber nachgedacht, ob ich alte Lehrer von mir ansprechen sollte, aber die hatten nahezu alle diesen „den Typen kenne ich noch von irgendwoher, was bin ich froh, daß ich diesen Knilch nicht mehr unterrichten muß!“-Blick aufgesetzt, daß ich irgendwie nicht davon ausging, daß ein kleiner Plausch über daß, was sich bei mir in den letzten 20 Jahren verändert hat (alles.) vs. was sich beim Lehrer verändert hat (eher wenig, immer noch Lehrer) irgendwie nicht so spannend werden würde. Ich glaube, ich war einfach sehr froh, als ich endlich das Abitur hatte, obwohl ich sehr viel Spaß in der Schule hatte. Es war sehr schön, mal wieder an der alten Schule zu sein, aber ich war auch sehr froh, als es wieder nach Hause ging. Das Motto der Schule, DOCTRINAE, SAPIENTIAE, PIETATI, habe ich übrigens trotz meines kleinen Latinums nie übersetzt bekommen, es hat aber irgendwie auch so geklappt. Ich glaube, ich habe mich ganz gut gehalten.

6 Antworten auf „Das Ehemaligentreffen: Sneak Peak in das Leben der Anderen“

  1. @Nico hmm, das war ja nur ein sneak peek in dein leben. wie lebt denn der rest des jahrgangs so „normal“?

  2. @Nico hmm, das war ja nur ein sneak peek in dein leben. wie lebt denn der rest des jahrgangs so „normal“?

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