Twitter erkennt globale Zwänge an

Nico —  27.01.2012

„Zensur!“ schreien die Einen, „wirtschaftlich notwendig!“ die Anderen – und doch haben beide irgendwie Recht. Twitter hat gerade angekündigt, daß künftig Maßnahmen ergriffen werden können, um Tweets in bestimmten Ländern blocken zu können.

As we continue to grow internationally, we will enter countries that have different ideas about the contours of freedom of expression. Some differ so much from our ideas that we will not be able to exist there. Others are similar but, for historical or cultural reasons, restrict certain types of content, such as France or Germany, which ban pro-Nazi content.

Until now, the only way we could take account of those countries’ limits was to remove content globally. Starting today, we give ourselves the ability to reactively withhold content from users in a specific country — while keeping it available in the rest of the world. We have also built in a way to communicate transparently to users when content is withheld, and why.

Auf der einen Seite amüsiert es mich geradezu, wieviel Relevanz Authoritäten in Ländern den 140 Zeichen einzelner Nutzer zuschreiben, wo doch in diesem unseren Land der Dichter und Denker Twitter noch nicht einmal von der Masse der Leute ignoriert wird, aber auf der anderen Seite sieht Twitter natürlich seine globale Wachstums-Strategie bedroht und muß daher handeln. Es gibt nicht die globale Kommunikationskultur, es gibt noch dazu vielfältige rechtliche Rahmenbedingungen, die sich zwar alle mehr oder weniger auf die freie Meinungsäußerung berufen, aber doch irgendwie anders sind. Und es gibt natürlich viele Länder, die für die Expansion von Twitter interessant zu sein zu scheint, in denen die freie Meinungsäußerung kein Thema ist.

Fast schon flehentlich wirbt das Unternehmen daher im letzten Absatz um das Vertrauen der Nutzer:

One of our core values as a company is to defend and respect each user’s voice. We try to keep content up wherever and whenever we can, and we will be transparent with users when we can’t. The Tweets must continue to flow.

Für die vielen besorgten Nutzer in Deutschland wird sich nichts ändern, außer daß eklige Nazi-Tweets geblockt werden könnten. Für Demokratie-Bewegungen in Ländern mit autoritären Regimen ist diese Policy ein herber Schlag, da Twitter das jeweilige geltende Recht des Landes aktzeptiert. Twitter spielt auf einem globalen wirtschaftlichem Spielfeld und muß eine ordentliche Wachstumsgeschichte präsentieren, daher ist es aus Sicht des Unternehmens nachvollziehbar, daß für Staaten wie China jetzt entsprechende Vorkehrungen getroffen werden. Allerdings hat eine globale Infrastruktur nicht nur das Thema Meinungsäußerung zu berücksichtigen, sondern auch das Thema Urheberrecht. Auf chillingeffects.org/twitter wird man künftig sehen können, welche Twitter-Nutzer betroffen sind von den neuen Regelungen. Bislang findet man dort vor allem Tweets, die aufgrund der Beschwerden von Rechte-Inhabern gelöscht wurden.

Ich bin gespannt, auf das Twitter-Lösch-GoogleMaps-Mashup, das dann aufzeigt, wann wo welche Tweets gelöscht bzw. geblockt wurden und weshalb. Meine Prognose: 5% Zensur, 95% Urheberrechtsverletzungen.

13 responses to Twitter erkennt globale Zwänge an

  1. @Nico „erkennt globale Zwänge an“ ist das neue „Wachstum um jeden Preis“.

  2. OliverGassner 27.01.2012 at 9:30

    Jetzt moment. Ich kann also einen Nazitweet absetzen, der überall auf der Welt gesehen wird, nur nicht in D? Man könnte man das Wort von Zurückhalten/Vernichten von Beweismitteln hier einwerfen. Und durch proxies dürfte das dann eh umgehbar sein?

    Zudem haben wir ja sicher auch noch nicht das Flickr-problem vergessen. D.h. Twitter könnte auf dei IDee kommen, jegliches zeigen von ’nackter Haut‘ bei Twitter für D einzuschränken.

    Willkommen in den Vereinigen Germanischen Emiraten. (Tschuldigung.)

  3. @plpppr Ditto. :/

  4. laut pr und support von twitter ist der filter durch einfache umstellung des landes in den settings umgehbar …

  5. OliverGassner 27.01.2012 at 11:18

    Hab die TwitterSettings/Country auf ‚Worldwide‘ gesetzt (oder heißt das dann, dass jetzt ALLE Filter für mich aktiv sind ;) ) #danke kosmar

  6. @OliverGassner kosmar ging workdwide bei dir, bei mir gings nicht und mehrere bestätigten das. welchen isp hast du?

  7. ich habe das auch gelesen, aber das werden länder anders durchgesetzt haben wollen.

  8. @NicoLumma klaro, bleibt immernoch dns und proxies. verstecken ist halt nie effectiv. außerdem verstehe ich das so, dass sie wirklich die tweets nicht einfach verstecken, sondern explizit als inhaltsunterdrückt darstellen wollen. das klingt ziemlich kontraproduktiv im politischen kontext.

  9. OliverGassner 27.01.2012 at 12:42

    kosmar Nun, ich würd eher sagen: es explizit als unterdrückt darzustellen ist subversiv von Twitter ;) Wenn das Land dann noch sagt: „Sie dürfen aber nicht sagen, dass das verboten ist“, hat es sich final geoutet.

  10. OliverGassner 27.01.2012 at 12:45

    kosmar Nun, ich würd eher sagen: es explizit als unterdrückt darzustellen ist subversiv von Twitter ;) Wenn das Land dann noch sagt: „Sie dürfen aber nicht sagen, dass das verboten ist“, hat es sich final geoutet.

Trackbacks and Pingbacks:

  1. “Dieser Tweet ist in deinem Land nicht verfügbar” – Twitter führt offenbar länderspezifische Zensur ein | lemontreepresse - 27.01.2012

    […] der Liste stehen bisher nur durch Urheberrechtsverletzung gesperrte Tweets. Nico Lumma glaubt, dass das auch in Zukunft in 95% der Fälle zutreffen wird. Wir werden sehen. read […]

  2. Landesspezifischer Inhaltsfilter bei Twitter | kosmar - 27.01.2012

    […] hängt dies alles mit Expansionplänen von Twitter zusammen. [Nico Lumma dazu] Auf einem gestrigen Event in Berlin wurde, so hörte ich, ein Twitter-Büro in Berlin […]

  3. Das ist Ökosystemisierung #2: Killer Kindle « the business web - 1.02.2012

    […] Entscheidung von Twitter, hinkünftig länderspezifisch bestimmte Tweets zu zensieren (vgl. „Twitter erkennt globale Zwänge an“), fällt in die  Kategorie Comeback von Ländergrenzen im […]