Disjunct Messaging

Nico —  28.02.2012

Die Älteren unter den Lesern werden sich noch an die Wunderwelt des Unified Messaging erinnern, dieses wunderbare Werbeversprechen vergangener Tage. Was wurde den Konsumenten da nicht alles angepriesen: Email. Fax. Voicemail. SMS. Telefonie. Einfach irre. Entdecke die Möglichkeiten. Mal abgesehen davon, daß ich die Fax-Funktionen meines damaligen Mobiltelefons nie genutzt habe, waren alle diese Unified Messaging Angebote irgendwie umständlich, teuer, überflüssig oder alles zusammen. Aber immerhin hatte man damals noch den Anspruch, oder wenigstens die Hoffnung, daß man dieses neumodische Internet irgendwie kanalisieren würden können, damit es eben nicht so kompliziert ist und man alles bequem mit einem Gerät oder einem Account lösen kann.

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich habe mir mittlerweile die Nutzung einer Handvoll Dienste angewöhnt. Alle diese Dienste erlauben irgendeine Art von Kommunikation und nach alter Väter Sitte wird dafür gerne eine Email an den Nutzer geschickt, oftmals nur mit einem Click-Anreiz versehen, damit man sich wieder beim Dienst einloggt und einen Blick auf den dort vorliegende Kommunikationsstrang wirft. Mittlerweile habe ich nahezu alle Email-Notifications abgestellt, weil ich sonst einfach zu viele sinnlose Emails bekommen würde und außerdem davon ausgehe, daß ich gut auf Dienste verzichten kann, die ich nur nutze, weil ich einen Email-Alert bekommen habe.

Aber das Grundproblem bleibt: es gibt multiple Inboxen und dazu noch Kommentare und Notifications, und das überall. Ich möchte mal anhand einiger Beispiele illustrieren, wie absurd das mittlerweile ist. Ich lasse mir von XING eine Email zuschicken, wenn mir jemand auf XING eine Nachricht zukommen lässt. Mittlerweile kann man den Inhalt der Nachricht bereits in der Email lesen, ein immenser Usability-Fortschrit, zumal ich zahlender Nutzer bin und sowieso den Dienst nutze. Ich kann auch direkt in der Email auf einen Reply-Link clicken und dann eine Antwort schreiben. Nein, ich kann nicht einfach die Email beantworten und damit einen automatischen Reply innerhalb von XING auslösen, das wäre zu einfach. Außerdem sind alle Nachrichten, die ich per Mail lese, innerhalb von XING als ungelesen markiert, sicherheitshalber auch die, auf die ich schon geantwortet habe. Was für ein Irrsinn. Twitter ist ähnlich stumpf, wenn es um das Message-Handling geht. Ich nutze Twitter auf dem iPhone, dem iPad und dem Web, jeweils mit dem nativen Client von Twitter. Jede einzelne Direct Message wird mir an jedem Client als ungelesen angezeigt. Lange Zeit gab es nur beim iPad-Client die Möglichkeit, alle Direct Messages als gelesen zu markieren, jetzt hat Twitter dieses Feature voller Stolz auf dem iPhone nachgezogen. Hallo? Wie wäre es damit, daß alle gelesenen Direct Messages einfach auch als gelesen markiert sind? Ach nee, das wäre ja nützlich. Genau dasselbe gilt übrigens für Erwähnungen und Favs, auch die werden überall wieder frisch angezeigt, egal wie alt sie sind und wie oft ich sie schon gesehen habe. Facebook übrigens macht es nur im Ansatz besser, dort zeigen die mobile Clients immer fröhlich irgendwelche neuen Notifications an, die dann nach einem Reload erst zu sehen sind und doch schon gelesen wurden. Na gut, in der Hälfte der Fälle crasht vorher die Facebook App auf dem iPhone, aber auch dann wird alles fröhlich als ungelesen angezeigt. Wenn ich den neuen OS X Messenger nutze, werden mir die Jabber-Nachrichten innerhalb von Gmail im Popup-Fenster als ungelesen markiert. Ich könnte endlos so weiter machen, ich glaube, ihr versteht worauf ich hinauswill: das ist alles total unpraktisch.

Es gibt natürlich irgendwelche Tools wie Engag.io, die versuchen, alle Kommentare von Facebook, Twitter und Google+ zusammenzuführen, damit man diese an einer Stelle lesen und darauf antworten kann. Aber das löst das Problem mit den direkten Nachrichten noch nicht, vor allem auch nicht bei einer mobilen Nutzung.

Wie kommen wir heraus aus diesem Messaging-Dilemma? Alles abstellen ist keine Lösung und nur einen Dienst zu benutzen auch nicht. Eigentlich muß das alles in den Nachrichten-Fluß hereinpassen. Gibt es da ein Gmail-Mashup, von dem ich nichts weiß? Irgendeine tolle mobile Lösung, die alles andere überflüssig macht? Nun kommt mir bitte nicht mit dem Kontext, der flöten geht, wenn ich Messages nicht auf der Plattform lese, das ist mir erst einmal ziemlich egal, ich habe nur das Gefühl, das man das irgendwie smarter handhaben könnte.

5 responses to Disjunct Messaging

  1. agree – kenne die Probleme vor allem von Twitter und Xing genau wie beschrieben. Hier sind die Anbieter gefragt und die Kanäle nicht als Silo, sondern als die viel erwähnte Plattform zu verstehen. Möglich ist es ja – siehe zb. facebook.

  2. Projektierer 28.02.2012 at 11:37

    Ich stimme ambajorat zu…. wenn man eine Mail als Notification anbietet, sollte man auch auf die Mail antworten können. Dass das geht, sieht man ja bei anderen Marktanbietern. Generell sollte man sich immer Gedanken machen, was man bekommen will und was nicht. Viel der „Greymails“ kann man auch vermeiden.
     
    lG
    Stephan

  3. Die Frage ist doch, ist das von den unterschiedlichen überhaupt gewünscht. Es ist doch häufig eher das Ziel, den Nutzer noch mal über die Startseite zu ziehen. Visits generieren und hochwertige Werbeeinblendungen erzielen. Gerade an der Usability-Schraube wird doch sehr häufig gedreht um mehr PIs und AIs zu erzielen – und wenn es nur im Low-TKP-Bereich ist. Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist.

  4. Also zumindest Google Talk finde ich, was deine Kritik angeht sehr vorbildlich. Über eingehende Chats werde ich im Gmail-Webinterface, auf dem Android-Handy und in Pidgin informiert. Sobald ich von einem der Clients antworte wird nur noch an diesen zugestellt. Wenn ich nicht vom Handy antworte, verschwindet auch die Google Talk Notification und im Gmail-Webinterface ist eine Nachricht nach der Antwort von beliebiger Stelle auch als gelesen markiert. Der Facebook-Chat funktioniert ja ähnlich gut, auch wenn hier die Benachrichtigungen unter Android nicht verschwinden und die Zustellung nicht ganz so zuverlässig ist.
     
    Insgesamt aber hast du recht und das nervt alles bloß fürchterlich.

  5. Langsam nervt’s wirklich immens – das Problem mit den unterschiedlichen Lösungsansätzen, wie Friendfeed, engag.io etc. pp ist aber leider nicht nur, dass immer irgendetwas fehlt, sondern auch, dass laufend APIs geändert werden, neue Dienste hinzukommen etc.
    Selbst ganz simple Tasks, wie Gmail-Filter, können zu einer echten Sisyphus-Aufgabe werden, wenn Anbieter (wie Twitter) ständig das Format des E-Mail-Absenders verändern…
    Von Anbieterseite sollte man in jedem Fall berücksichtigen, dass umständliches Handling oder „Notification-Spam“ sich durchaus entscheidend auf die Motivation auswirken, Dienste weiterhin zu benutzen (mein persönlicher Friedhof ist zumindest hübsch gewachsen über die Jahre…).
    Was Lösungsansätze angeht: wenn es auch noch nichts ist, was ich als brauchbare Lösung bezeichnen würde, geht „ifttt“ schon mal in eine sehr gute Richtung: http://j.mp/mumQiN aber damit wird z.B. das „marked-as-read-on-all-devices/clients“-Problem auch nicht gelöst – das muss schon auf Anbieterseite gewollt werden…