Alles nur eine Frage der Technik

Nico —  23.08.2012

Es wird ja oft behauptet, dass die deutsche Verlagsbranche das mit dem Internet immer noch nicht so richtig verstanden hat und immer noch etwas verwirrt agiert, weil das Interweb immer noch nicht wieder weg ist und dann irgendwie auch beharrlich nicht wie Print funktionieren will.

Aber, diese Behauptung trifft natürlich nicht zu. Denn die deutsche Verlagsbranche hat Protagonisten wie Sven Gösmann, den Chefredakteur der Rheinischen Post, der im Fachportal für extrem störende Werbemittel kürzlich folgende Weisheit verlautbaren durfte:

 „Was Immoscout, Foursquare oder Google Street View können, können wir auch. Das ist letztlich nur eine Frage der Technik“.

Technik ist alles.

Ach so. Na dann ist das ja einfach. Warum ist da eigentlich bisher niemand drauf gekommen. Technik, da war doch was. Ja, das könnte klappen. Ha, und die Amis dachten immer, die wären uns irgendwie was voraus. Aber, jetzt kommt Gösmann und nun geht es rund. Wir können alles. Ist ja nur Technik.

Nun mache ich mir keine Sorgen mehr über die deutsche Verlagsbranche. Die reden jetzt mal mit der IT und schwupps sind die Nutzer da, die Inhalte auch und die Monetarisierung rollt. Irre. Es ist denn doch so einfach, wer hätte das gedacht. Technik. Was für ein revolutionäre Konzept. Danke, Sven Gösmann, jetzt wird es rundgehen in bundesdeutschen Verlagsstuben, die Leser werden es Ihnen danken.

8 responses to Alles nur eine Frage der Technik

  1. Ich habe über die Jahre festgestellt, dass ab einem gewissen Einkommens- und Verantwortungsniveau Realitätsverleugnung an der Tagesordnung ist. Das sieht man aktuell exemplarisch an den unrealistischen Vorgaben für den Berliner Flughafen oder der Fehlinvestitionen am Nürburgring.

    Herr Gösmann hat im Zweifel keine Ahnung, aber eine Vision. Sowas ist immer gut. Und dann sieht man bei starker Verengung der Perspektive, dass das alles an der Technik hängt. Erstmal 2000 Server und ein unverschämt teures, veraltetes und sinnloses CMS einkaufen, ein paar Entwickler und der Rest macht sich von selber.

    Sowas ist fast täglich Realität in deutschen Agenturen. Die verkaufen ihren Kunden auch gerne, dass sie alles können, auch wenn das nicht der Fall ist oder die Verkäufer das gar nicht beurteilen können. Später muss man dann hier und da Zugeständnisse machen bzw. einfordern. :-)

  2. „Das lass uns das mal mit der IT-Abteilung besprechen.“ – „Wo sitzen die Kollegen überhaupt?“ – „Im Keller.“

  3. Diese Technikgläubigkeit ist aber auch irgendwie rührend. Ich habe gelegentlich auch solche Herzchen als Kunden. Die glauben dann, die störende Lampe im Vordergrund braucht man im Photoshop nur wegzupinseln und dann sieht man „natürlich“ die dahinterliegende Tapete o.ä.. Und ja, es scheint eine gewisse Korrelation zwischen Einkommens- bzw. Verantwortungsniveau und, nennen wir es höflichkeitshalber „positive Einstellung zur technischen Machbarkeit von Dingen“ zu herrschen, ganz wie Jens sagt.
    Oder wie ich es i.d.R. zusammenfasse: #allebekloppt.

  4. Alles nur eine Frage der Technik. Stimmt. War schon immer so. Hätte ich damals die „richtigen“ Schuhe zum Fussball gehabt, wäre ich jetzt auch professioneller Ballsportler.

  5. Ja die Verlage … ich hab die ja ein wenige von Innen gesehen. Zwei Dinge muss man dabei ganz, ganz eindeutig festhalten.

    1. Verlage, die versuchen den großen Internethype um ihre sichtbaren Marken mitzumachen, verlieren, weil das traditionelle verlegerische Geschäft nun einmal nichts mit Software-Entwicklung zu tun hat, Verleger und Journalisten keine Ahnung von Software-Entwicklung haben und auch nicht haben wollen und Techik tatsächlich nur als Erfüllungsgehilfin gesehen wird. Sogar in den Verlagen, die sich Mühe geben, amerikansichen Vorbildern zu folgen.

    2. Die Verlage die den Hype verlassen und „richtige“ IT machen, haben damit auch Erfolg, namentlich Bertelsmanns Tochter Arvato: 5 mal soviel Mitarbeiter wie die Axel Springer AG, fast doppelt soviel Umsatz. Für die allermeisten allerdings völlig unsichtbar, weil dort eben kein hicer shice in Form von Endanwender-Software wie Facebook und Twitter gebaut wird, sondern plain boring B2B-IT oder, was noch krasser ist, B2Staat-IT. Ich hab das selber auch nicht mehr soo genau verfolgt, aber nach dem, was sich so erzählt wird, sind inzwischen gute Teile gerade kommunaler IT in der Hand von Arvato, tendenz steigend.

    Alles in der Hand eines kleinen Familienverlags aus Gütersloh. Alles eine Frage der Technik.

  6. Die IT-Kollegen von Herrn Gösmann sitzen übrigens definitiv nicht im Keller!

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  1. Was zum Lesen, zum Selbermachen und zum Lachen – Codecandies - 23.08.2012

    […] die hat den heiligen Gral bereits entdeckt und in einem Zug geleert, meint Nico Lumma: Alles nur eine Frage der Technik. Prima, das bin ja ich (im Sinne von: wir sind IT, resistance is […]