Der Tod und Social Media

Nico —  1.10.2012 — 18 Comments

Gestorben wird immer, aber wenn ein prominenter Mensch stirbt, dann passiert auf Twitter, Facebook, Google+ und den anderen Social Media Kanälen das, was sonst auch passiert, wenn Menschen eine derartige schlechte Nachricht bekommen. Einige sind betroffen, andere nicht, einige trauern, andere machen doofe Witze. Kurz nach der ersten Verbreitung der Nachricht fangen dann Blogger und Medienhäuser an, Bildergalerien und Video-Zusammenschnitte zusammenzustellen, um von dem zu erwartenden Traffic zu profitieren. Jaja, ich diskutiere hier die Meta-Ebene und profitiere auch von der aktuellen Aufmerksamkeit, ihr habt mich erwischt.

Interessanterweise treffen bei Todesfällen im Web Nutzer und Algorithmus aufeinander. Bei Facebook gibt es nur den Like-Button, aber oftmals wird der Like-Button auch genutzt, um zu zeigen, dass man etwas nicht gut findet. Beispielsweise wenn ein Fußballer verletzt oder verunglückt ist, dann drücken die Fans ihre Genesungswünsche über den Like-Button aus, oder wenn eine Person vermisst wird, dann wird der Beitrag auch geliked und geshared, um der Person zu helfen. Das ist seit Jahren Gang und Gäbe, aber natürlich bedeutet eine derartige Nutzung des Like-Buttons auch, dass der Facebook-Algorithmus einem Beitrag eine Relevanz zuweist, bei dem es nicht um wirklichen originären Inhalt eines Anbieters geht. Davon kann der Anbieter natürlich profitieren, sei es durch generelle Likes auf dem Angebot oder viele Shares des Beitrags.

Wenn jetzt allerdings BILD auf Facebook einen Kondolenz-Beitrag für Dirk Bach postet, dann geht eine Woge der Entrüstung durchs Netz.

Dirk Bach tot

BILD und andere Anbieter haben Nutzer, die völlig überrascht sind vom Tod von Dirk Bach. Diese Nutzer wollen sich ausdrücken, wollen ihr Beileid äußern. Sie tun dies, weil BILD ihnen eine Möglichkeit anbietet, über einen einfachen Click auf den Like-Button ihr Beileid auszudrücken. Es ist diesen Menschen ein Anliegen, sich zu äußern. Man kann nun natürlich sagen, dass dies nicht die elaborierteste Art der Beileids-Bekundung darstellt, aber es ist eben eine zeitgemässe Variante des Kondolierens. Ich finde es unerträglich, wenn sich jetzt irgendwelche Social-Media-Experten aufregen, dass BILD diese Möglichkeit anbietet und darüber viele Likes bekommt. Die Nutzer erwarten, dass sie sich bei so einem Ereignis ausdrücken können, sie haben nicht den Algorithmus von Facebook vor Augen, der durch ein Like beeinflusst werden könnte. Natürlich ist man gerne gegen BILD, aber man muß einfach auch verstehen, dass eine Community auch einige Ankerpunkte benötigt und dieses Posting zum Tod von Dirk Bach stellt so einen Ankerpunkt dar. Auch der stern bietet eine Kondolenzmöglichkeit an und wird prompt an den Pranger gestellt.

Über 90.000 Menschen haben bislang auf der Fanpage von BILD ihr Beileid zum Tod von Dirk Bach zum Ausdruck gebracht. Knapp 40.000 Menschen nutzen die Fanpage vom stern, um ihr Beileid auszudrücken. Ich finde, da erübrigt sich jede Kritik am Vorgehen der BILD oder des stern in diesem Fall.

18 responses to Der Tod und Social Media

  1. Schwer, dass ‘Normalsterblichen’ klar zu machen. Nachdem der “Kondolenzbutton’ bereits so selbstverständlich von tausenden Usern als solcher wahrgenommen wird, sind die Reaktionen derer, sie sich unter dem Motor auskennen, gleichermaßen heftig wie verständlich. Man sollte den Button deaktivieren können:
    http://www.shamanifesto.de/2012/10/01/gefallt-mir-nicht/

  2. Paul Paulchen 2.10.2012 at 9:25

    Und nun noch die Frage, wievielen es gefällt, dass Dirk B. nun nicht mehr unter uns weilt…

    • Dem kann ich nur zustimmen, vor allem, wenn man sich den obigen Screenshot mal auf der Zunge zergehen lässt: “Dirk Bach tot! – 90.119 Personen gefällt das”. Warum sollte es gang und gäbe sein, den Like-Button für alles mögliche zu verwenden? Da steht nun mal “Gefällt mir” drauf – wenn man etwas anderes meint oder ausdrücken will, dann sollte man IMHO den Button nicht klicken oder der Betreiber einen anderen Weg einrichten. Ob da nun “Likes” generiert werden oder nicht, finde ich – speziell bei solchen Anlässen – eher nebensächlich.

  3. Nach deiner Logik:

    4 Millionen Menschen lesen jeden Tag die Bild. Da erübrigt sich jede Kritik an der Bild.

    Sorry, die Meinung teile ich nicht. Ein Like als Kondolenzbutton ist Mist. Ein “R.I.P.” oder “Schade” oder “Trauer” oder “:-(” in die Kommentare wäre angebrachter. Und wer dafür zu blöd ist, soll vielleicht einfach mal die Klappe halten.

    Nur meine Meinung. Für mich ist das “Like”-Klicken Klickhurenverhalten.

  4. Alberto Green 2.10.2012 at 13:05

    Naja, man sollte ein wenig abwarten und aufpassen: Wenn BILD/stern nächste Woche damit protzen, in der vorangegangenen Woche über hunderttausend ‘Likes’ bekommen zu haben, wäre Entrüstung schon angemessen.

  5. Kritik am Vorgehen der BILD erübrigt sich nie :-) BILD verdient Geld mit Neuigkeiten. Das ist nicht grundsätzlich verwerflich.

    Dann ist es aber logisch, dass jede Neuigkeit für BILD super ist. Wenn die Piratenpartei 20% holt: Super. Wenn ein Kind aus den Flammen gerettet wird: Super. Wenn Israel angreift: Super. Wenn Dirk Bach tot aufgefunden wird: Super.

    Aus diesem Dilemma kommen BILD und Stern und die anderen nicht raus.

  6. Ich möchte darauf hinweißen, dass google+ einen + button hat, der bedeutet man empfiehlt etwas weiter ohne es zu “liken”.

  7. Wer liest denn bitte BILD?
    Wie war das bei Otto.
    Von der Oder bis zur Neiße, die BILD verbreitet nur sch…

    “Mehr Blumen während des Lebens, denn auf den Gräbern sind sie vergebens.”
    Sollte das Motto sein.

  8. Der Like-Button ist bei Facebook weder als Kondolenz-Button zu verstehen noch als ein Zeichen dafür, dass einem der INHALT eines Beitrages gefällt. Er ist ursprünglich einzig und allein dafür gedacht, mitzuteilen, dass man den Beitrag interessant findet und es MAG, das die Nachricht gepostet wurde. Also quasi ein Ersatz für die Worte “Danke für die Information”. Nicht mehr und nicht weniger. Likes sind für Unternehmen ein wichtiges Instrument, um zu erkennen, ob sie mit ihren Posts die Interessen der “Fans” treffen. Es gibt da spezielle Statistik-Funktionen, die man als Firmenseiten-Betreiber benutzen kann. Mich stört es auch jedes Mal, dass bei schlechten Nachrichten, die jemand “geliked” hat, immer wieder die gleichen Diskussionen anfangen. Eine Umbenennung des Buttons in eine neutralere Form ist in meinen Augen auf Dauer die einzig vernünftige Lösung

  9. Klammerbeutel 4.10.2012 at 22:53

    Das Beileid der Menschen, deren unbedingter Drang sich zu äußern (???) nur noch durch die Unfähigkeit übertroffen wird, der Ausübung dieses Drangs mehr Substanz zu verleihen als den Klick auf einen wie auch immer beschrifteten Button, wäre mir persönlich herzlich egal. Glücklicherweise wird mir das durch meine Unprominentheit wohl auch erspart bleiben.

    Wie Herr Bach dazu stand, weiß ich nicht. Ob der Autor, Bild oder Stern das wissen, weiß ich auch nicht. Was Bild und Stern motiviert hat, diesen absolut unpersönlichen Like-Mechanismus nicht nur in Kauf zu nehmen, sondern auch noch instrumentalisiert einzusetzen, weiß ich ebenfalls nicht. Ob der Autor es weiß, weiß ich schließlich auch nicht. Ob dieses umfassenden Unwissens enthalte ich mich daher einer über meinen persönlichen Horizont hinausgehenden weiteren Einschätzung.

    Was ich aber aus eigener Erfahrung noch beitragen kann: Wenn ein mir lieber Mensch stirbt und ich dazu mein Beileid und meine Trauer ausdrücken möchte, mache ich das direkt am Grab oder auch in einem stillen Zwiegespräch, eventuell auch noch im Gespräch mit anderen. Vielleicht zünde ich irgendwann auch mal eine Kerze an (ich habe es noch nie gemacht, aber es wäre denkbar). All dies lässt sich in entsprechende Online-Mechanismen “übersetzen” – und das Kerze-Anzünden kommt sehr in die Nähe des “*-Button-Anklickens”.

    Mit zwei wesentlichen Unterschieden: Ich würde all dies nie gegenüber einer Zeitung tun, über deren persönliche Betroffenheit ich keinerlei Aussage treffen kann. Und wenn diese Zeitung dann auch noch (für meine Verhältnisse zurück ins reale Leben übersetzt) auf die Idee käme, mir zu sagen, wir haben leider keine Kerzen zum Anzünden, aber drück doch stattdessen auf dieses alte Drucklufthorn, das wir zufällig gerade hier rumliegen hatten – ich wüsste, wem ich dieses Drucklufthorn wohin entleeren würde.

    Was mich zu meiner letzten Äußerung bringt: Den Überbringer schlechter Nachrichten die Konsequenzen der eigenen Stimmung “spüren” zu lassen, muss nicht in allen Fällen schlecht sein. Im aktuellen Fall scheint mir ein Ignorieren angebracht – gibt’s dafür nicht auch einen Button auf Facebook?

  10. Wer sich nicht einmal die Mühe macht, einen Beileidskommentar zu formulieren, der sollte auch nicht das Bedürfnis haben, den “Like” bzw. Kondolenz – Button anzuklicken,

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