Das Mysterium der nächtlichen Dauerwahlsendung

Nico —  7.11.2012 — 2 Comments

Sonntag, Wahlabend, die erste Hochrechnung ist durch, die Euphorie hat sich gelegt, die ARD schaltet pünktlich zur Lindenstrasse, das ZDF sendet kurz danach Pilcher. Das ist völlig normal, egal wie spannend die Wahl ist und wie viel Interpretationsmöglichkeiten es gibt. Natürlich haben wir auch in Deutschland eine mediale Inszenierung, aber die Berichterstattung hat auch ihre Grenzen und vor allem ihre Rituale wie die Live-Schalte während der Tagesschau mit dem jubelnden Gewinner und seinen Anhängern. Aber dann spätestens ist Schluß, nur auf Phoenix wird unter Ausschluß der Öffentlichkeit weiter so langweilig wie möglich gesendet, bis auch der letzte Zuschauer endlich eingeschlafen ist.

Das Z-TeamKaum wird aber in der USA ein Präsident gewählt, drehen die beiden öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten komplett durch und senden die ganze Nacht über eine Dauerwahlsendung. Laut DWDL haben rund 530.000 Zuschauer diese Sendung bis 3 Uhr geguckt. Herzlichen Glückwunsch, wurde auch jeder Zuschauer namentlich während der Sendung angesprochen? Zeit genug wäre ja gewesen.

Überhaupt, wer denkt sich eigentlich ein Format aus, bei dem Lanz einen aggressiven Anwalt, einen ehemaligen Kanzlerkandidatenberater, eine ehemalige bekannte Journalistin, einen ehemaligen Botschafter und noch irgendwen zur Wahl in den USA befragt? Da kann man schon vorher davon ausgehen, dass der Erkenntnisgewinn ziemlich maßvoll ausfallen wird. Danach geht es dann munter weiter mit einer Pseudoberichterstattung im Stil von “NBC sagt, CBS sagt, ABC sagt, CNN meint” und dann werden wieder alte Experten und euphorische junge Leute befragt. Zwischendurch werden hektisch aktuelle Hochrechnungen gezeigt und noch mehr Experten zu Rate gezogen, so daß einem ganz schwindelig wird vor lauter Experten zur US-Politik. Natürlich wird das alles eingebettet in eine “riesige Wahlparty” und ganz viel Stars and Stripes, damit man die Nacht durchfeiern und mitfiebern kann. Ich war auch eingeladen. Danke dafür.

Warum das alles? Warum macht man eine Liveshow in der ARD, eine Liveshow im ZDF, warum fährt man Experten auf und lässt aus dem Twitterstream vorlesen wegen einer Wahl in den USA? Klar, der Präsident ist wichtig, aber das mit dem mächtigsten Mann der Welt glaubt man nach den Jahrzehnten des Gridlock und dem ewigen Hickhack um die immerselben Themen doch sowieso nicht mehr, oder? Ich freue mich ja auch für Obama und denke, dass diese Entscheidung gut für die USA ist, aber letztlich würde uns außenpolitisch nicht so viel Neues bei einem anderen Amtsinhaber erwarten. Warum sollte man sich so eine Sendung angucken, wo doch die Statistiken an jeder Ecke im Internet aktuellst zu finden sind, wo auf Twitter in Echtzeit die neuesten Themen reinlaufen und wo man vor allem nicht irgendwelche Dolmetscher oder Experten quasseln hört.

Die Dauerwahlsendung zur US-Wahl bleibt ein Mysterium für mich. Ich würde es toll finden, wenn mit so einem Aufwand, mit so viel Korrespondenten vor Ort, von mir aus auch mit irgendwelchen Experten, mal eine lange, unterhaltsame und informative Sendung zur Wahl in Deutschland gemacht wird. Von mir aus auch mit Emotionen und Meinung, aber immer noch besser als die ewigen Elefantenrunden und Spitzenkandidatenlaberwirhabengewonnenobwohlwirverlorenhabenstatements, da werden Lindenstraße und Pilcher in der Tat zur Alternative. Aber das haben die Sendeanstalten in der Hand, sie beugen sich mit den Formaten den Parteien und verschenken die Chance, auch Wahlen in Deutschland wirklich ausführlich zu begleiten. Vermutlich würden sogar mehr als 500.000 Zuschauer den Abend bei einer derartigen Wahlsendung verbringen.

2 responses to Das Mysterium der nächtlichen Dauerwahlsendung

  1. Zwei Gründe könnten den Unterschied erklären. Die US-Wahlen versprechen wegen der Zeitverschiebung eine Spannungsbogen bis weit über Mitternacht hinaus. Wenn hier gewählt wird, ist meist um 18.10 Uhr klar, wer Bundeskanzlerin bleibt. Und: Die Bedeutung der Präsidentschaft in den USA wird in D massiv überschätzt. Die deutsche Regierung ist hingegen eher ein lästiges Übel.

  2. Vielleicht wird das hier geforderte Format für die nächste Bundestagswahl ja von Stefan Raab durchgeführt. Wenn er mit seiner neuen Talkshow halbwegs erfolgreich sein sollte wird er das Thema Politik doch sicherlich weiter ausschlachten wollen.
    Und was man auch von ihm halten mag, vermutlich ist er der einzige aktuell in Deutschland, der die Power hat die hier angesprochene verkrustete Berichterstattung von den deutschen Wahlen aufzubrechen.

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