Absolute Mehrheit – muss das so langweilig sein?

Nico —  12.11.2012 — 5 Comments

Gestern abend um 22:45 war es endlich so weit, die neue Politik-Sendung Absolute Mehrheit von Stefan Raab und Pro7 ging endlich an den Start. Im Vorfeld wurde ordentlich getrommelt und verkündet, dass jetzt der Politik-Talk neu interpretiert wird:

absolute_mehrheit_03Der erste Politik-Talk mit einem echten Ergebnis – das ist das Konzept von “Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen”! Fünf Gäste diskutieren über drei Themen und die Zuschauer entscheiden, wer die besten Argumente hat. Schafft es ein Talkgast die absolute Mehrheit hinter sich zu versammeln, gewinnt er 100.000 Euro!

Ich habe diese Sendung mit Freude erwartet, nicht weil ich glaube, dass Pro7 der angestammte Sender für eine politische Sendung ist, sondern weil ich die üblichen politischen Talkshows von Illner, Will, Maischberger, Plasberg, Jauch und anderen schon lange nicht mehr mit ansehen kann. Die Formate haben sich überlebt, aber derzeit weiss niemand, wie man es besser machen kann. Insgeheim sehnt man sich nach den ersten Ausgaben von Talk im Turm zurück und ist genervt von den Debatten nach dem immerselben Muster mit austauschbaren Themen und Köpfen, aber dennoch einer grassierenden Gleichförmigkeit.

Stefan Raab hat gestern nun also versucht, der politischen Talk-Show in Deutschland wieder neues Leben einzuhauchen. Er ist dabei kläglich gescheitert. Es wurde ein Format gewählt, dessen Regelwerk ähnlich wie bei Tutti-Frutti niemand wirklich verstanden hat, nur dass am Ende niemand nackt war. Warum fällt jemand aus der Wertung, soll aber weiter diskutieren? Wozu war Peter Limbourg da, außer als Statistik-Vorleser? Wieso wird ein Auto verlost? Was soll das mit den 100.000 €, wenn die doch niemand bekommt, weil es extrem schwer sein wird, bei 5 Diskutanten so extrem gut zu sein, dass eine absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen auf eine Person entfallen? Klar, das mit den 100.000€ klingt super, zieht auch bestimmt Aufmerksamkeit, aber dennoch hilft es dem Format null. Das erinnerte alles irgendwie an den guten alten TED und hinterlässt einen fahlen Beigeschmack, wenn Zuschauer kostenpflichtig abstimmen sollen.

Die Diskussionen selber waren geprägt von der Flapsigkeit des Moderators, der dadurch versucht hat, die Diskutanten aus der Reserve zu locken, was ihm nur das ein oder andere Mal wirklich gelungen ist. Ein Erkenntnisgewinn war allerdings beim Zusehen nicht erkennbar und ich hätte mich sehr darüber gefreut, wenn anstatt eines dusseligen Votings die Zuschauer sich über Facebook oder Twitter so total Second Screen mässig hätten miteinbringen können. So war der Zuschauer Clickvieh und Raab hat versucht mit Lockerheit die grassierende Langeweile zu verdrängen. Bei mir ist der Funke zu keiner Phase übergesprungen, ich habe nach dem Ausscheiden von Michael Fuchs (CDU) direkt ausgeschaltet, denn mehr musste ich mir von dieser Sendung zu der Uhrzeit auch nicht antun.

Ich glaube, wir benötigen dringend neue Formate bei der Vermittlung von politischen Inhalten, wollen wir zukünftig noch Menschen erreichen, aber dieser Versuch von Stefan Raab und Pro7 hat nicht dazu geführt, dass die Zuschauer einen Erkenntnisgewinn verzeichnen konnten. Ich bin ja sehr dafür, etwas mehr Lockerheit in die oftmals langweiligen Runden zu bringen, aber dann bitte nicht so, und nicht so zotig wie Raab es versucht hat. Das Votig würde ich erst zum Ende der Sendung machen und dann per Twitter und Facebook, dazu elegante Apps für iPhone und Android, die die Kernaussagen der Diskutanten gegenüberstellen und das Voting damit erleichtern, aber auch zum Teilen der Aussagen einladen. Damit kommt dann gleich eine Verbreitung über die sozialen Kanäle hinzu, um den besten Diskutanten zu unterstützen.

So war die Absolute Mehrheit eher die absolute Langeweile, noch dazu viel zu spät am Abend und damit sicherlich keine Alternative zu den anderen politischen Talkshows. Gelohnt hat sich die Sendung für mich überhaupt nicht.

5 responses to Absolute Mehrheit – muss das so langweilig sein?

  1. Mir ging es ganz ähnlich, allerdings habe ich schon nach 10 Minuten abgeschaltet.

    Die Sendung heißt ” Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen!” So titelte Pro7 zumindest bisher. Bereits vorab fragte ich mich, wie das alles zusammenpassen soll, Politiker bekommen 100K, wenn sie gewinnen. Zuschauer sollen per SMS voten, wer gewinnt. Und Raab schmeißt die Show in seiner gewohnt flapsigen Art. Man kann Raab mögen oder nicht, aber Talken kann er einfach nicht.

    Zurück zum Slogan der Sendung. Pro7 hat ordentlich Aufmerksamkeit in den vergangenen Tagen generiert. Kommt Altmeier oder nicht, wer will, dass wer nicht kommt – großes Kino in der Presse. Die Aufmerksamkeit schafft Quote (siehe Meedia-Artikel) in der richtigen Zielgruppe. Die gleiche Zielgruppe votet auch wie verrückt bei anderen “Casting-Shows”, also wird das hier auch klappen. Und genau hier wird ein Schuh draus. Die Sendung haut nur 100K an einen Politiker raus, wenn dieser die absolute Mehrheit erreicht. Gevotet wird dennoch, und per SMS kommt bei Votings eben noch gutes Geld rein. Apps wären sicher schöner, bringen aber schwerlich Kohle.

    Ich halte das für eine Nummer, die langfristig nicht funktionieren wird.

  2. Letztlich könnte man auch mal die Vermutung anstellen, Polit-Talk funktioniert in dieser Konstellation als “Debatte” mit allen Parteien nicht. Raab, Jauch, Strunz, Will, Beckmann/ Kerner, Plasberg produzieren alle wenig Unterhaltungswert und Erkenntnisgewinn, obwohl es unterschiedliche Typen und Formate sind.

    Was hingegen recht viel Spaß macht, sind jeweils Pelzig und Thadeusz im Dialog mit unseren Polit-Sternchen. Zur Meinungsbildung und dem Vergleich mit anderen Parteien muss man sich dann allerdings etwas umfassender mit den Themen beschäftigen. Auch nicht der schlechteste Weg…

  3. Ich fand es für das erste Mal nicht schlecht. Ja, es gibt konzeptionelle und Ablaufschwächen. Und an dem schnellen Austausch von Argumenten merkt man, wie sehr wir schon an die Langatmigkeit des öffentlichrechtlichen Talkmusters gewöhnt sind. Da sind unsere Rezeptoren verklebt. Das Potenzial zeigt die Quote: junge Menschen schauen zu. Und das ist Teil der Mission von Limbourg und Raab seit den Wahlkampfsendungen 2005 und 2009. Politische Themen erkennbar machen.

    Fehler aller ausser der FDP: rhetorisch ungewiefte Sprecher zu setzen. Das war unklug.

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  1. Absolute Mehrheit nicht erreicht | Analoges und digitales Leben. - 12.11.2012

    […] Nico brilliert mit einem weiteren Griff in die TV-Geschichtsbücher: “Es wurde ein Format gewählt, dessen Regelwerk ähnlich wie bei Tutti-Frutti niemand wirklich verstanden hat, nur dass am Ende niemand nackt war.” Naja, das niemand nackt war, lag nicht am Thema Politik, sondern vermutlich daran, dass die Redaktion nur eine Frau aufs Sofa bringen konnte. In der Mediathek von ProSieben irrlichtete kurzzeitig auch Galileos “Speedwissen Sex” als “ähnliches Video” herum. […]

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