Was ist eigentlich aus Breitband geworden?

Nico —  13.11.2012 — 15 Comments

Heute tagt der IT-Gipfel und es werden wieder viele Binsenweisheiten zum Besten geben – irgendwas mit Innovation, Zukunftsfähigkeit, Standort Deutschland, Bildung, Investition, Nachhaltigkeit und Globalisierung wird dabei herauskommen. Aber wenn ich mir Deutschland 2012 so angucke und mir überlege, was das Thema der 90er war, dann muss ich doch leider feststellen, dass wir massiv auf der Stelle treten.

Euphorie und Ernüchterung auf der DatenautobahnErinnert ihr Euch noch an das Thema Bandbreite? Schneller, höher, weiter, das war in den 90ern das Thema, von 14.4er Modems zu 28.8ern, 56k Modems, dann ISDN, schliesslich ADSL und irgendwann dann VDSL, da waren Phantasien vorhanden, ständig ging es aufwärts, das Internet wurde immer schneller, die Rechner auch, alles wurde besser. Glasfaser fürs Zuhause war eine Phantasie, die in großen Städten Wirklichkeit werden sollte.

Und dann guckt man sich das Jahr 2012 an und nimmt beispielsweise die Durchschnittsbandbreite in Deutschland, wie sie von Akamai gemessen wird und stellt fest: wir sind irgendwo bei 5 Mbit/s im Durchschnitt.

Ich hatte 1997 100 mbit/s in einem Wohnheimzimmer in Göttingen und muss mich jetzt mit VDSL und der Hälfte der Bandbreite zufriedengeben? In den 90ern wurde noch die Metapher von der Datenautobahn bemüht, aber ehrlich gesagt sind wir seitdem kollektiv eher bei der Landstraße stehen geblieben. LTE wird gerne als Placebo angepriesen, kann aber mit Glasfaser und Bandbreiten von 1 Gbit/s nicht mithalten, sorgt aber für jede Menge Ablenkung in der Diskussion.

Wie kann es eigentlich sein, dass ein Land, dass so dermaßen stolz ist auf seine Infrastruktur, den Netzausbau so dermaßen verpennt wie Deutschland? Wir sind im internationalen Vergleich hinter Rumänien und müssten eigentlich den Anspruch haben, Südkorea und Japan den Rang abzulaufen. Mir ist auch klar, dass die Investitionskosten immens sind, aber es geht doch darum, dauerhaft dieses Land zukunftsfähig zu machen, da muß man irgendwann mal den Sprung von Kupfer auf Glas machen und jede Menge Geld verbuddeln. Die digitale Gesellschaft ist vom Breitband abhängig und die Anforderungen an Bandbreite werden in den nächsten Jahrzehnten eher noch zunehmen, daher ist es mir unverständlich, daß hier nicht mehr Infrastrukturmaßnahmen vorgenommen werden. Der Ausbau der Netz-Infrastruktur wird immens teuer sein, aber es ist unerlässlich, dass die Bundesregierung hier die richtigen Impulse setzt und die Industrie incentiviert, die richtigen Schritte zu tun. Zugang zu Breitband bedeutet Zugang zu Bildung, Jobs, Kultur, ermöglicht Partizipation, aber auch Entertainment – da reichen 5 mbit/s im Durschnitt nicht aus.

Ich glaube nachwievor, dass es im Sinne von Staat und Gesellschaft wäre, die Netze zu verstaatlichen und dann den Ausbau zu garantieren, denn nur so können wir weiterhin Anschluß halten und den kommenden Breitbandbedarf decken. Stattdessen eiern wir jetzt mit LTE rum und tun so, als ob das ein vollwertiger Ersatz für einen Breitbandanschluß ist. Wir werden in Deutschland nicht umhinkommen, in den nächsten 10 Jahren massiv Glasfaser zu verbuddeln, wenn wir dieses Land zukunftsfähiger machen wollen.

15 responses to Was ist eigentlich aus Breitband geworden?

  1. Na so ganz stimmt das ja nicht. Die Telekom baut aktuell in vielen Städten Glasfasernetze und zwar genau dort wo es noch kein VDSL gibt. Die leisten dann 100 MBit/s bzw. 200 MBit/s. Geplant sind bestimmt noch mehr.

    Auch andere Anbieter wie z.B. EWETel hier im Norden setzen auf Glasfaser. Ja und das das nicht so schnell geht ist der Preis für die hoch gepriesene Privatisierung des Netzes….

    • bei “viele” vor “Städte” würde ich gerne widersprechen. “Ein Paar” triffts eher. Und VDSL wird in den Startregionen leider kaum mehr ausgebaut. Hier im Ort hat sich seit 5 Jahren diesbzgl. nichts getan. Der Ortskern bei 13k Einwohnern hat VDSL, alle außerhalb mit Mühe und Not 16kDSL.

  2. Recht Du hast, junger Padawan!

  3. Wort! Bis auf die Verstaatlichung. Geht auch ohne, man muss nur wollen.

    • Naja, die Wirtschaft muss nicht wollen, für die Wirtschaft muss es sich nur lohnen. Der Staat hätte die Kohle einfach auf den Tisch hauen können und gut ist. Gerne auch nach einem Modell wie der Ausbau der A1 zwischen Hamburg und Bremen. Hauptsache der Ausbau ist nicht an Gewinnen gebündelt.

  4. Eine Verstaatlichung der Netze, so wie auch die Straßen durch Steuern finanziert werden und von allen genutzt werden können? In Deutschland?

  5. Haben nicht schon diverse Anbieter um die Jahrtausendwende das eine oder andere Glasfaserchen unter die Erde gebracht und ist auf den Investitionen sitzengeblieben? Müssten wir nicht eigentlich schon an einigen Ecken und Enden Dark Fiber haben? Ich meine mich da an diverse Projekte zu erinnern, kann aber nicht mehr sagen, was daraus geworden ist.

    Aber klar: Infrastruktur als hoheitliche Aufgabe macht in meinen Augen bei den Stromnetzen Sinn, bei der Eisenbahn Sinn und auch bei der Telko-Infrastruktur. Aber das ist halt politisch nicht opportun.

  6. zum thema passt ganz prima: “Google Fiber is live in Kansas City, real-world speeds at 700 Mbps” – http://arstechnica.com/business/2012/11/google-fiber-is-live-in-kansas-city-real-world-speeds-at-700-mbps/

  7. Deutschland ist hier wirklich peinlich rückständig. Wobei mich weniger stört, dass in Ballungszentren bei 100 MBit/s Schluss ist. Ich kenne Dörfer, da ist das Maximum 128k – per ISDN-Kanalbündelung. Minutengenau abgerechnet! Telefon dann besetzt! Zustände wie Mitte der 90er. Dass dies ein echtes Problem ist für die Bürger, insbesondere die ansässigen Firmen, scheint sich erst sehr langsam in Gemeinderäten widerzuspiegeln.
    LTE und UMTS sind kein echter Ersatz, Problem sind hier neben Verfügbarkeit die Volumenbegrenzung sowie die fehlende Möglichkeit für Serverdienste. An ein über Mobilfunk angebundenes Netzwerk kommt man von außen nicht ran.
    Dies behindert die Wirtschaft täglich seit Jahren. Wo man für den Download eines Service Packs 6 Stunden braucht und dadurch die telefonische Erreichbarkeit eingeschränkt wird, lässt sich kein halbwegs ambitionierter Betrieb nieder. Aber die älteren Herren mit bäuerlich-katholischem Hintergrund an den entscheidenden Stellen kapieren es nicht.
    Es ist peinlich. Ich fühle mich langsam so, als würde ich in einem Land leben, über das man eigentlich hämisch lachen müsste. So wie früher über den Ostblock oder so. Wenn es so weitergeht, wird aus dem Gelächter anderer irgendwann Mitleid.

  8. Die Situation in D ist z. Zt. so: Die einzigen, die derzeit aktiv Breitbandausbau betreiben sind die Telekom und die Städte und Gemeinden selbst. Die Städte bauen teilweise komplett in Eigenregie selbst (Beispiel: Wilhelm.Tel in Norderstedt), teilweise in Zusammenarbeit im anderen Städten (Beispiel: Tel.Quick in Quickborn in Partnerschaft mit Norderstedt), teilweise mittelbar durch kommunale Stromversorger (Beispiel: EWE TEL), teilweise mittelbar durch kommunale Abwasserzweckverbände (Beispiel: AZV Südholstein). Hier gibt es bestimmt noch viel mehr Beispiele. Auch wenn manchmal private Partner im Spiel sind, sind es die Kommunen die das Thema planerisch und finanziell voranbringen. Da facto entsteht hier schon eine “staatliche” Infrastruktur.

    Die Telekom baut nur in Gebieten aus, in denen es sich für sie rechnet. Wenn die entsprechende Anzahl an Vorverträgen abgeschlossen wird, wird gebaut (wie in Kiel) oder auch nicht (wie in Münster). Ein Bremsklotz für die DTAG ist immer noch die Regulierung, da noch nicht abschließend geklärt ist, ob die Glasfaser-Netze dem Wettbewerb zur Verfügung gestellt werden muss.

  9. Ne, mit Geduld ist da keinem mehr geholfen! Mittlerweile haben viele Kommunen erkannt, dass ein vorhandendes Breitband-Angebot für potentielle Häuslekäufer oder neue Gewerbesteuerzahler so wichtig ist wie Strom oder Gas. Tesa zieht (nicht nur aber unter anderem) von Hamburg nach Norderstedt wegen des dort verfügbaren Glasfasernetzes!

    Man kann zwei Entscheidungen fällen:

    1.) Breitband ist eine staatliche Aufgabe und die Gebietskörperschaften haben das selbst in der Verantwortung (die berühmte Hallig oder das Bergdorf bekommen halt Zuschüsse) und dann wird das auch dort gemacht (und wenn nicht, sind die Verantwortlichen für den Missstand klar erkennbar)

    2.) Man sagt der Telekom, dass die Wettbewerbe nicht auf den Glasfaser lassen müssen! Dann hätte man wieder ein privates Monopol, aber die Telekom ist im D im Moment die einzige Firma, die überhaupt großflächig Glasfaser machen würde. Und privatrechtliche Kooperationen aller Art wären ja weiter möglich…

    Aber Nico hat Recht, auch in meinem Ortsverein erkennen die älteren Herrschaften noch nicht das Problem… :-(

  10. Noch viel Schlimmer ist die Situation ja beim Uplink. Wo mag da die Durchschnittsgeschwindigkeit in Deutschland liegen? So bei 768kbit/s?

    So wird das nie was mit Cloud statt Festplatte und ähnlichen Ideen.

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  1. zeugs am mittwoch « blubberfisch - 14.11.2012

    […] [text] da schau her, diesen seltsamen it-gipfel gibts immernoch. wozu? digitale gesellschaft, heise. lesenswert ist in diesem zusammenhang auch dieser gedankengang von nico lumma. […]

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