Ach, FTD – musste es wirklich Papier sein?

Nico —  7.12.2012 — 6 Comments

die letzte FTDHeute habe ich mir das erste und letzte Mal die Financial Times Deutschland gekauft. Und war schockiert. Das Blatt kostet € 2,20! Nun bin ich mir sicher, dass die FTD eine ganz tolle Zeitung war, aber wer gibt denn eigentlich so viel Geld aus für so viel Inhalte, die man doch gar nicht alle lesen kann?

Gibt es das noch? Chefs, die sich die Wirtschaftszeitung nehmen und morgens als allererstes durcharbeiten, um dann zu wissen, was der Tag so bringen wird? Dann Artikel mit Textmarker markieren und brüllen “Schulze, gucken Sie sich das mal an! Wir müssen handeln! Fräulein Koslowski, bitte zum Diktat!” – wenn ja, würden diese Leute die FTD in Print lesen und wären das genügend Abonnenten?

Ich lese verdammt viel, glaube ich. Aber eine ganze Zeitung am Tag schaffe ich beim besten Willen nicht. Na gut, wenn ich mir mal das Hamburger Abendblatt kaufe, dann lese ich das auch komplett durch, die 5 Minuten habe ich immer, frage mich dann aber, wieso das schnelle Erlebnis € 1,20 oder so kosten soll. Vor allem stelle ich immer fest, dass die Erkenntnisse, die ich aus einer Zeitung aus Papier ziehe, nur sehr schwer in meinen Workflow einzubetten sind. Klar, ich kann Textpassagen abfotografieren und bei Evernote speichern, aber das ist nicht so elegant wie das Ablegen eines Textes für spätere Lektüre bei Instapaper oder das direkte Verlinken auf einen Artikel in einer Mail an die Kollegen.

Ich glaube, wir müssen uns davon lösen, dass eine Tageszeitung auf Papier das Nonplusultra eines journalistischen Angebots ist, sondern wir müssen eher sehen, dass sich die Arbeitsweisen der Menschen verändern und damit auch die Aufmerksamkeitsökonomie eine andere ist. Eine Publikation, die sich dem Filtern und Kuratieren dadurch entzieht, dass sie in nicht-digitaler Form vorhanden ist, wird es künftig immer schwerer haben, überhaupt als relevant zu gelten. Leider hat FTD.de niemals die Stellenwert erreicht, den es hätte haben können, denn es war dann doch nur die digitale Version eines Printerzeugnisses.

Auf Mashable ist vorgestern ein Artikel erschienen, der die Herausforderungen des Journalismus der Zukunft ganz exzellent provokativ zusammenfasst und auch ein paar Hinweise gibt, wie es weitergehen könnte: 4 Things Media Companies Must Do … or Die

Die Ausgangslage:

We fear change. We’re still pushing the same stuff that worked for us a decade ago.

We fear technology. We say we don’t, but if you really look at us, we do.

We fear product development. We’ve outsourced product engineering and innovation to tech companies, and it’s killing us.

Die Vorschläge von Mashable:

Step 1: Think Social First, Then Search
Step 2: Embrace Mobile, Before it Runs You Over
Step 3: Redefine Advertising
Step 4: Become Product-Driven

Jupp, das wird nicht leicht, aber nun sind ja gerade ganz viele schlaue Menschen mit jeder Menge Berufserfahrung und, wie man hört, einer ordentlichen Abfindung auf den Markt gespült worden, vielleicht finden sich ja ein paar davon zusammen und versuchen eine Wirtschaftspublikation auf die Beine zu stellen, die künftig relevant sein wird.

Ich glaube, dass der Kardinalfehler der FTD war, dass sie als Print-Produkt auf den Markt geworfen wurde, anstatt die etablierten Blätter auf einem anderen Terrain anzugreifen. Das wäre mutig gewesen und hätte auch viel Geld gekostet, aber dann hätte man nicht 12 Jahre lang in ein Printprodukt investiert, sondern in ein Produkt, dass sich an den Veränderungen des Marktes orientiert. Ja, ich habe gut reden, ich bin ja auch kein Verlagsmanager, aber wenn man schon mal ein Zeichen setzen will, dann doch bitte richtig! Es fehlte wohl leider von Anfang an der Mut, etwas wirklich Neues zu wagen.

6 responses to Ach, FTD – musste es wirklich Papier sein?

  1. Hast Du für das Nutzen von ftd.de jemals einen Cent bezahlt? Ok, Du empfindest 2,20 Euro als viel. Aber wo kommt wohl das Geld für die vielen Journalisten her, die den Inhalt der Print- und Online-Version erarbeiten?

    • nee, natürlich habe ich für ftd.de keinen cent bezahlt, das ist ja ein werbe-finanziertes angebot. das geschäftsmodell der ftd ist nicht aufgegangen, auch mit print nicht. da hätte man sich lieber überlegen sollen, wie ein angebot aussieht, dass wirtschaftsjournalismus bietet und für nutzer attraktiv ist, dabei auch noch geld verdient. dafür muss man allerdings radikaler denken, als g+j es konnte.

  2. Also so revolutionär wäre es auch nicht gewesen, online only zu machen. Wenn man im Markt der Wirtschaftsmedien mal z. B. wsj.de anguckt – da hat man von Anfang an auf Online gesetzt. Und was Print angeht: Das Handelsblatt kriegt es wunderbar hin, zu existieren. Also Print den Untergang herbeizuschreiben ist etwas zu blauäugig. Es fehlte halt einfach an einem profitablen Geschäftsmodell.

  3. Leider sind fast alle Printmedien in einer prekären Situation, was die Abozahlen, Werbung und damit die Einnahmen betrifft. Wohl nur das Handelsblatt ist hier eine Ausnahme. Dilemma ist einfach das immer weniger Leute bereit sind 2+ Euro täglich zu zahlen, um Imformationen zu bekommen, die zum Teil schon am Vortag im Internet nachzulesen waren.
    Meine Lösung für die ich bereit bin zu zahlen wäre eine inhaltlich ausführliche Tablet-Ausgabe. Leider gibt es das meines Wissens noch nicht. Am iPad habe ich mal einen Monat “die Welt” Ausgabe abonniert, die jedoch inhaltlich absolut uninteressant ist. Gekürzte Artikel, keine Hintergrundinfos usw.

  4. V. Schmoller 12.12.2012 at 16:14

    Es ist interessant, dass an Printprodukten immer wieder bemängelt wird, dass die darin verbreiteten Nachrichten ja bereits vorher “im Internet” zu lesen waren. Mal sehen, wie weit das Argument in Zeiten nahender Paywalls noch ziehen wird. Gerne wird diese Kritik damit verbunden, zu belegen, dass Printprodukte letztlich nichts mehr wert seien. Dies ist eine sehr gehaltvolle Argumentation. Ich kann sie noch ergänzen: Für 2.20 Euro hat der Autor dieses Blogs sich ja nicht nur FTD-Inhalt gekauft, den er gar nicht komplett lesen konnte, sondern auch eine Menge Papier, das er auch noch entsprechend entsorgen muss. Mit anderen Worte: man handelt sich mit dem Erwerb eines Printproduktes jede Menge Probleme ein. Wie gut also, dass es online offenbar eine Stelle in der Welt geben muss, wo die Nachrichten entstehen; wahrscheinlich unentgeltlich, weil online ist ja gratis. Also 1:0 für Online! Und überhaupt: Hat schon mal jemand das Internet deshalb verdammt, weil er oder sie nicht alles darin hat lesen können? Na, also: 2:0 für Online! Eine Bekannte von mir hat vor langer Zeit ihr Zeitungsabo gekündigt, weil sie es einfach nicht geschafft hat, die Zeitung täglich komplett durchzulesen. Es wird das Printgewerbe nicht retten, aber ich möchte mir hier einen vielleicht wertvollen Hinweis erlauben, für alle die, die eine ebensolche Haltung quält: Eine Zeitung ist kein Arbeitsauftrag. Man kann, ohne Strafe zu befürchten, sich herauspicken, was einen interessiert. Und wenn sich dabei letzlich nur ein oder zwei Texte finden, die einen Erkenntnisgewinn liefern oder einen Moment der ‘Unterhaltung': reicht das nicht? Es soll ja noch andere Dinge im Leben geben, denen man seine Zeit widmen kann. Und damit meine ich nicht, am Computer zu sitzen.

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