Was wollt ihr eigentlich alle?

Nico —  7.01.2013 — 35 Comments

PigSeit Jahrzehnten wird die grassierende Politik- und Politikerverdrossenheit in diesem Land beklagt. Es wird sehnsüchtig auf den amerikanischen Wahlkampf geguckt, weil es dort die Zuspitzung auf zwei charismatische Führungspersonen gibt, während bemängelt wird, dass hierzulande seit dem Abtreten der Politiker der Nachkriegsgeneration nur noch Berufspolitiker als Technokraten ihr Dasein fristen. In Talkshows werden Jahr ein, Jahr aus dieselben Themen von den immerselben Köpfen diskutiert, ab und zu wird mal eine neue Sau durchs Dorf getrieben, bis sie als kleiner Stern am Himmel verglüht. Ansonsten gilt die allgegenwärtige Alternativlosigkeit als allgemein akzeptiert, auch die Medien als 4. Gewalt beugen sich dem Diktum aus dem Kanzleramt.

Gerne werden unsere Politiker als wenig charismatisch charaktisiert, vielleicht noch als versierte Fachpolitiker dargestellt, und die Trauer ist groß, wenn jemand mit Ecken und Kanten wie Peter Struck plötzlich stirbt. Deutsche Politikerkarrieren verlaufen zu gleichförmig, Politik als Beruf hat nicht nur Vorteile, das bekommen wir überall zu lesen. Politiker hängen an ihrem Mandat, da es für sie eine Absicherung und vor allem auch eine berufliche Perspektive darstellt, auch das wird als verwerflich angesehen.

Das ist grob zusammengefasst die Lage der Nation. Wir sind alle kollektiv unzufrieden mit allem, früher war alles besser und anderswo ist es das auch.

Ich bin grundtief genervt von der aktuellen Medienkampagne gegen Peer Steinbrück. Nicht, dass es mich überrascht hätte, aber der Stil ist wirklich unter aller Sau aktuell und nicht förderlich für unser Land. Man muss Peer Steinbrück nicht mögen, man muß auch die SPD nicht mögen oder gar wählen, auch wenn dann vieles besser wäre in diesem Land, aber die Art und Weise, wie derzeit jedes nicht gesetzte Komma in einer Rede ausgewertet wird, ist kaum noch an Absurdität zu überbieten, immer frei nach dem guten alten Motto “irgendwas wird schon hängen bleiben!” – wir erleben gerade Kampagnenjournalismus par Excellence und das, bevor der Wahlkampf richtg begonnen hat.

Peer Steinbrück hat nach einer langen Karriere in der Politik seine Bekanntheit genutzt, um Geld zu verdienen, während er als Abgeordneter im Bundestag sitzt. Ja, und? Journalisten verdienen sich Geld mit dem Schreiben von Reden für andere Leute, mit der Moderation von Firmen-Events oder mit Fernsehwerbung. TV-Moderatoren haben oftmals ihre eigene Produktionsfirma und verdienen fröhlich am öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit. Ich habe auch schon von Journalisten gehört, die ihre Bekanntheit genutzt haben, um ein Buch zu schreiben, dass dann von vielen Leuten gekauft wurde.

Wenn ein Politiker, noch dazu von der SPD, die ja nicht mit Geld umgehen können, glaubt man dem Diktum von Otto Graf Lambsdorff, seine Bekanntheit nutzt, um mit dem Verkünden seiner Ansichten Geld zu verdienen, dann ist das verwerflichst und wird von dem Berufskommentatoren dieser Republik ungefähr auf eine Stufe mit dem Verkaufen des Erstgeborenen in die Sklaverei gestellt.

Ihr habt sie doch nicht mehr alle! Jeder Einzelne von Euch würde nach einer langen Karriere die Gelegenheit nutzen, mit dem Halten von Vorträgen und dem Schreiben von Büchern noch einen großen Schluck aus der Pulle zu nehmen! Diese Heuchelei geht mir sowas von auf den Sack, das glaubt ihr gar nicht!

Man kann überall lesen, dass sich die Menschen in diesem Lande, da draußen, wie es immer so schön heisst, sich nach Typen sehnen, die unabhängig sind, die eine eigene Meinung vertreten, die nicht führungstreue Parteisoldaten sind. Allerdings erleben wir auch immer wieder, dass die unabhängigen Köpfe entweder irgendwann eingenordet werden und sich strikt der Parteilinie unterordnen, oder aus der aktiven Politik verabschieden. Peer Steinbrück beharrt auf seiner Beinfreiheit, was wiederum zu Kritik führt, denn eine derartige Unabhängigkeit wirkt irgendwie suspekt. Ja, was denn nun?

Ich dachte immer, Ironie funktioniert nur im Internet nicht, aber Peer Steinbrück erfährt gerade, dass seine ironische Art, die er sicherlich nicht erst seit ein paar Wochen pflegt, auf einmal massiv gegen ihn ausgelegt wird. Sich über Stromlinienförmigkeit zu beschweren und gleichzeitig jegliche Ironieresistenz an den Tag zu legen, hilft uns auch nicht weiter! Warum ist es so schwer zu akzeptieren, dass Peer Steinbrück nicht nur Politikerfloskeln von sich gibt, sondern seinen eigenen ironischen Humor hat?

Die Art und Weise, wie SPON das Interview von Peer Steinbrück in der FAS interpretiert hat und daraus Meldungen im Stil von “Steinbrück will als Kanzler mehr Geld” generiert hat, wird später in Lehrbüchern für politische Meinungsmache von Medien aufgeführt werden. Die Art und Weise, wie die restlichen Publikationen dem vermeintlichen Leitmedium gefolgt sind, ohne vorher mal das Interview zu lesen, allerdings auch. Es wird permanent versucht, Peer Steinbrück irgendetwas anzuhängen, es wird auf seine Person gezielt, um seine Integrität zu schädigen, genauso wie er übrigens vorher von genau denselben Medien gefeiert wurde – da ist er wieder, der Fahrstuhl, mit dem man rauf und runter fährt.

Peer Steinbrück ist der Kanzlerkandidat der SPD und damit verbunden sind bestimmte Inhalte. Über die Inhalte, die eine Alternative zur jetzigen planlosen und zerstrittenen schwarz-gelben Koalition darstellen, wird nicht geschrieben. Das wäre ja auch anstrengend, dann müsste man sich mit Sachthemen auseinandersetzen und könnte nicht irgendeinen Schwachsinn in Äußerungen reininterpretieren, was wiederum tolle Schlagzeilen generieren würde und mehr Leser bringt als die Diskussion um die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns, um nur ein Beispiel zu nennen.

Mir geht diese Pseudo-Skandalisierung der Medien auf die Nerven, lasst uns über Inhalte und Alternativen reden!

p.s. Der Autor dieser Zeilen steht der SPD nicht nur nahe, sondern ist seit fast 25 Jahren Mitglied in der SPD und hat Peer Steinbrück vor Jahren einmal auf der DLD getroffen, hält aber auch gelegentlich Vorträge.

35 responses to Was wollt ihr eigentlich alle?

  1. Wie jetzt? Der Lumma hält neben her auch noch Vorträge??!! Leute, das müssen wir jetzt umgehend anprangern, ausschlachten und gegen ihn verwenden!*

    So ja nu nicht!

    *das war ironisch gemeint

    • Thomas Elias 7.01.2013 at 21:53

      Was mich stört, ist nicht, dass Steinbrück Geld verdient.
      Er wird vom Volk dafür bezahlt, sein Mandat wahrzunehmen und das allein ist mehr, als eine 40 Stundenwoche so hergibt.
      Da wird keine Zeit für 80 bezahltr Vorträge bleiben, zumal er dafür noch anreisen muss!

      Dann entscheidet PS scheinbar selbstherrlich, welche niedrig dotierten Vorträge in Diensteigenschaft quasi gratis – und welche Vorträge hoch dotiert, in seiner “Freizeit und somit privat” gehalten werden und welche Erträge in seine Taschen fließen.

      Ich habe schon bei F.Merz gemosert, der lieber für seine Kanzlei, anstatt für sein Mandat arbeitete.

      PS ist da keinen Deut besser.

      Außerdem braucht die SPD einen Kandidaten, der such rot-rot-grün realisiert und nicht Merkel III. ermöglicht. Ohne die Linken reichts nie und nimmer. Das wisst Ihr schon heut, aber Ihr tut nix. Und damit hat sich die SPD endgültig für 23% qualifiziert

  2. Was mich am meisten daran ärgert: es lenkt und ab von den wirklich wichtigen Dingen, über die es sich tatsächlich lohnt zu streiten. Den Begriff “Medienkampagne” würde ich gar nicht einmal so benutzen, es ist eher das Mediensystem, dass eben glaubt, die Menschen interessierten sich mehr für den Geldbeutel von Peer Steinbrück als ihren eigenen Geldbeutel: http://www.danielflorian.de/2013/01/06/steinbrueck-augstein-und-die-medienmaschine/

  3. Ich bin da ganz einfach gestrickt. Ich möchte bei Politikern das Gefühl haben, dass sie nicht Wasser predigen und Wein trinken. Ich möchte, dass sie ein bisschen Demut empfinden, wenn sie ein gut dotiertes Amt vom Volk anvertraut bekommen. Ich möchte, dass sie nicht das eigene Ego oder den Wahlkampf im Auge haben, sondern sich bewusst sind, dass sie das sind, wo sie sind, um eine Funktion zu erfüllen.

    Bei Peer Steinbrück habe ich, sorry, dieses Gefühl nicht. Ich bin der altmodischen Meinung, dass man, wenn man Abgeordnetenbezüge bezieht, gefälligst zu den Sitzungen geht. Und dass der Abgeordneten-Job der Schwerpunkt des eigenen Berufslebens sein sollte. Und dass man sich nicht allzu weit vom Volk entfernen sollte, wenn man dessen Belange vertreten will. Ein Millioneneinkommen ist nicht verwerflich, hilft aber auch nicht, die Nöte der Leute zu verstehen, die Straßenbahn fahren.

    • Warum darf jeder einen Nebenjob haben aber politiker nicht? Außerdem wer ist denn das Volk? Gehören die Politiker nicht auch dazu? Redest von Wasser predigen und Wein trinken, schaust aber selber nicht über den Tellerrand. Deine Realität ist nicht die einzige.

      • Interessante Argumentation.

        Ob ich (da geht’s mir wie den meisten Arbeitnehmern) einen Nebenjob haben darf, hängt maßgeblich vom Umfang ab — geht das über ein bestimmtes Maß hinaus, kann der Arbeitgeber die Zustimmung verweigern. Die Bundesrepublik ist so freundlich, ihren Abgeordneten Nebentätigkeiten zu erlauben, allerdings mit den handelsüblichen Einschränkungen:

        “Das Abgeordnetengesetz bestimmt, dass die Ausübung des Mandats im Mittelpunkt der Tätigkeit eines Mitglieds des Bundestages steht und Tätigkeiten beruflicher oder anderer Art neben dem Mandat grundsätzlich zulässig sind. Das Abgeordnetengesetz sieht auch vor, dass Tätigkeiten und Einkünfte neben dem Mandat, die auf mögliche Interessenverknüpfungen hinweisen können, anzuzeigen und zu veröffentlichen sind. ”

        Man darf, aber nicht so, dass man hauptberuflich nebeneinkünftet und nebenberuflich Abgeordneter ist. Wenn man, wie Peer Steinbrück, den weit überwiegenden Teil seines Einkommens außerhalb des Mandats erzielt und zudem die Mehrheit der Abstimmungen schwänzt, liegt der Schluss nahe, dass da jemand andere Prioritäten hat. Das ist sicher nicht das einzige Kriterium nach dem ein Politiker beurteilt werden sollte, aber nach bescheidenen Meinung nach durchaus eine Charakterfrage.

  4. Du machst halt den Fehler, dass du “Spiegel Online” noch als seriöses Medium ansiehst. Die sind ungefähr so glaubwürdig wie der Newsflash auf RTL oder bild.de
    Und das mein ich jetzt wirklich ohne Ironie.

  5. “Peer Steinbrück hat nach einer langen Karriere in der Politik seine Bekanntheit genutzt, um Geld zu verdienen, während er als Abgeordneter im Bundestag sitzt. Ja, und? [...] Ihr habt sie doch nicht mehr alle! Jeder Einzelne von Euch würde nach einer langen Karriere die Gelegenheit nutzen, mit dem Halten von Vorträgen und dem Schreiben von Büchern noch einen großen Schluck aus der Pulle zu nehmen!”

    Ja, “nach” einer langen Karriere sehe ich da auch kein Problem, aber waehrend einer Karriere, die gern noch mit dem Amt des Kanzlers gekroent werden soll, sehe ich das durchaus kritisch. Vorsichtig ausgedrueckt.

    In meinen Augen ist die Gefahr, bei der naechsten Abstimmung im Parlament auch im Hinblick auf bereits empfangene und liebgewonnen Nebeneinkuenfte zu entscheiden einfach zu gross. Ich haette persoenlich kein Problem damit die Gehaelter der Abgeordneten (und drueber) zu verdoppeln, wenn damit die Moeglichkeit der Nebeneinkuenfte komplett wegfaellt. Wer als Politiker dann immer noch meint, zusaetzlich mehrere tausen Euro fuer Vortraege oder aehnliches kassieren zu muessen, sollte sich fragen ob er in der Politik richtig ist. Und das gilt fuer alle Politiker, nicht nur fuer Steinbrueck.

    Zumindest in meiner kleinen, heilen Gedankenwelt wird man Politiker um etwas fuer den Buerger zu tun, etwas zu bewegen und nicht um reich zu werden.

  6. Bernd Barsch 7.01.2013 at 13:18

    naja, der Peer war halt mal Panzeroberst, aber mit Luke zu und durch ist einfach nich mehr. Auch nich mit der Kavallerie gegen andere (souveräne) Staaten. Er hat bis jetzt keine Wahl gewonnen, war bei allen Entscheidungen in der alten Koalition mit dabei und der Versuch das zu tun scheitert wohl (schaun wer mal) am eigenen Wesen (s.o.)
    Es riecht einfach nach Wasser predigen und Wein saufen, das freut einfach keinen Wähler nicht.

  7. Sebastian Bernt 7.01.2013 at 14:40

    Danke!

  8. Sven Kästner 7.01.2013 at 15:02

    Den Kommentar von Nico kann man auch zusammenfassen mit den Worten von Andrea Nahles: “Peer Steinbrück hat alles richtig gemacht.”

    Liebe SPD, Ihr macht es Euch zu leicht. Schuld haben immer die anderen, in diesem Fall halt die Medien. Gehts noch? Als der Spiegel Steinbrück zusammen mit Helmut Schmidt auf den Titel hatte, habt Ihr Euch nicht beschwert. Jetzt soll es plötzlich eine Kampagne sein. Ja, was denn nun?

  9. Manche deiner Behauptungen stimmen einfach nicht.

    “Wir sind alle kollektiv unzufrieden mit allem, früher war alles besser und anderswo ist es das auch.” – Falsch! Viele sind mit vielem zufrieden, einige vielleicht zu zufrieden. Es gibt jedenfalls etliche positive und produktive Diskussionen und Entscheidungen, in der Politik genau so wie in der Wirtschaft. Wer nur Politikverdrossenheit sieht, nimmt sehr selektiv wahr.

    “Jeder Einzelne von Euch würde nach einer langen Karriere die Gelegenheit nutzen, mit dem Halten von Vorträgen und dem Schreiben von Büchern noch einen großen Schluck aus der Pulle zu nehmen!” – Falsch! ICH würde das ganz sicher nicht tun. Na klar gibt es viele ehrgeizige Karrieristen (in jedem Land der Welt). Aber viele einzelne von uns würden bei einem Monatsgehalt von – hm – 5.000 Euro? 7.000 Euro? 10.000 Euro? – sagen: Super, das ist mehr, als ich brauche! Das reicht für mein Leben und meine Altersvorsorge prima aus. Ich werde nicht noch mehr verlangen, nur deshalb, weil ich es kann bzw. jemand anderes bereit ist, mir mehr zu geben.

    Ich hoffe, du kennst nicht nur solche Typen! (Wenn du seit 25 Jahren in der SPD bist, müsstest du eigentlich auch einen anderen Menschenschlag getroffen haben.)

    Die teilweise berechtigte Kritik am Steinbrück-Bashing wird hier vermischt mit völlig einseitigen Unterstellungen, was “normal” ist und wie die meisten Menschen angeblich denken.

  10. Zumal noch hinzukommt, dass Steinbrück einen nicht unerheblichen Mitverantwortung an der gegenwärtigen Finanzkrise hat. Kein guter Mann um der Sozialdemokratischen Partei zum regieren zu verhelfen. Da sind solche “Auswüchse” nur die Spitze auf dem Eisberg.

    Ich hoffe die SPD hat noch andere Menschen mit Ecken und Kanten, aber wenn man sieht wie dort z.b. mit einer Frau Ypsilanti umgegangen wurde, bleibt dfa nicht viel.

  11. Alex Voigt 7.01.2013 at 15:50

    Danke, Genosse!

  12. Was haben wir denn wirklich, was sind denn Dinge, die man als Fakt darstellen kann und was sind Vermutungen? Wir haben einen Politiker, der vermutlich dachte, dass Seine Zeit in der ersten Reihe vorbei sei. Nun geht er hin und hält Vorträge vor einem Publikum, das er im Zweifel sowieso nicht inhaltlich überzeugt. So machen es Präsidenten und auch andere Politiker. Die Veranstalter haben einen guten, witzigen und populären Politiker eingeladen, in dessen Schatten sie sich sonnen können. Sie können zeigen, dass sie einen ehemaligen Minister zu sich holen können. Zu glauben, dass deshalb seine Haltung käuflich sei, ist doch völlig absurd. Er redet über Themen, die man von Ihm kennt, vor Menschen, die sich einen Abend unterhalten lassen wollen. Und das bietet er. Eine gute unterhaltende Rede mit Witz. Das Honorar, was er bekommt, bekommt er teilweise von Banken und ähnlichen Organisationen, die sicherlich nicht statt dessen dieses Geld in soziale Projekte gepumpt hätten, da sie ihren Anlegern verpflichtet sind. (Aber das ist jetzt nur so eine Behauptung) Nun ist Steinbrück in der Vergangenheit jedoch eher durch Kritik an der Finanzwelt hervorgetreten, was also zeigt, dass er keineswegs käuflich ist.

    Dieser Politiker bekommt nun doch wieder die Chance politisch etwas zu bewegen. Da erscheint die Möglichkeit Kanzler zu werden. Er stellt sich der Bevölkerung und der Presse und tritt als Kandidat auf. Zuerst wird er nun aus den anderen Parteien angegriffen, dass er zu viele Nebeneinkünfte habe. Was ja auch logisch ist. Man muss den Politischen Gegner möglichst schnell unschädlich machen.
    Es wird gesagt, dass wer so viele Reden hält, nicht sein Mandat wirklich ausfüllen kann. Nun wäre es aber Aufgabe der Medien Fakten zu schaffen und das einmal zu beleuchten. Dies geschieht jedoch weitestgehend nicht. Statt dessen wird das einfachste gemacht. Es wird das geschrieben, was die Menschen hören wollen. Sie wollen die Komplexität der Politik auf eine Art präsentiert bekommen, die sie verstehen können. Sie reden über den komischen Menschen Steinbrücks.

    Das witzige aber an der Sache ist ja nun, dass als er alles aufdeckt, er die Kritiker aufruft gleiches zu tun, diese auf einmal alle verstummen.

    Nun geht es weiter. Er sagt in einem Satz, dass die Kanzlerin, verglichen mit anderen Führungspositionen in der freien Wirtschaft, deutlich weniger verdiene. Man muss es erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Noch vor dem Wahlkampf, sagt er über den politischen Gegner, dass er zu wenig verdiene für das, was er leistet. Nun sind viele der Meinung, dass er eigentlich recht habe, doch der Moment falsch sei, da ja gerade Wahlkampf sei.
    Die Medien nehmen nicht das Thema auf, sondern schnappen sich wie in einem Reflex sofort das, was sie verwursten können, um Ihrerseits Ihre typischen Inhalte zu verkaufen. Die Macken des Menschen Steinbrücks. Das komische daran ist doch, dass angeblich immer nach Politikern gerufen wird, die nicht aus wahltaktischen Gründen weichgewaschene Floskeln produzieren, sondern ohne Rücksicht einen Standpunkt einnehmen und Themen anstoßen. Eigentlich ist die aktuelle Situation wieder, wie ja Nico auch schreibt, ein super Beispiel dafür, wie alle nur noch reflexhaft so reagieren, wie sie es gewohnt sind, statt mal inne zu halten und darüber nachzudenken.

    Aber eigentlich sind die Dinge, die gerade angesprochen wurden, völlig irrelevant. Wenn der Politiker für Dinge, wie Mindestlohn steht, er gewählt wird und es hinbekommt, dass dieser Mindestlohn kommt, haben zig 100.000 Menschen jeden Monat mehr Geld. Es gibt mehr soziale Gerechtigkeit, die Schere von Reich und Arm wird wieder etwas geschlossen. Es geht um die Inhalte und nicht um den einen Politiker. Wir stellen fortlaufend Ansprüche an Politiker, die die meisten Menschen kaum selber einhalten. Es ist absurd, es wird von ehrlichen Politikern gesprochen, obwohl er doch völlig ehrlich ist. Es wird gesagt, dass man jemanden haben möchte, der so handelt, wie er redet. Tut er doch. Die Sozial-Demokraten sagen doch nicht, dass niemand viel verdienen darf. Sie sagen, dass die die mehr geben können, doch bitte mehr geben sollen. Sie sagen, dass es jedem so gut, wie es irgend möglich ist, gehen soll. Sie sagen aber vor allem, dass es allen gut gehen soll und nicht zuerst einigen. Sie sagen, dass man manchmal zum Wohl aller Grenzen setzen muss. Das wird doch jeder Angestellte unterstreichen müssen. Wer möchte sich seiner Arbeit unsicher sein? Wer möchte wirklich immer weniger verdienen? Wer möchte, dass alles immer offen ist? Wer möchte abhängig von der vermeintlichen Elite sein?

    Man muss natürlich kein Anhänger der SPD sein. Man muss natürlich auch nicht den Steinbrück mögen. Man muss auch nicht die Meinung der SPD vertreten. Was man aber machen sollte, ist einen Politiker nicht päpstlicher als den Papst sehen. Man sollte hinschauen, was ein Partei wirklich für einen erreichen möchte. Was nur Worte und was Ergebnisse sind. Und das sollte man inhaltlich und nicht emotional vertreten.

  13. Ja, “die Medien als 4. Gewalt beugen sich dem Diktum aus dem Kanzleramt” soll sich primär auf die “Alternativlosigkeit” beziehen. Finde es in diesem Zusammenhang dennoch fehl am Platze. Als ob die Regierung den Steinbrück-Diss anordnen würde. Wobei gerade das Gehaltsbeispiel keine kleinliche Kommaauslegung ist, da kann man ruhig mal zugeben, daß die Äußerung dämlich war. Auch im Kontext eines langen Interviews. Als ob Journalisten erst seit gestern Dinge zuspitzen und Sachen aus dem Zusammenhang reißen.

    Dazu kommt – nicht nur SPD-spezifisch, sondern eigentlich für alle Parteien geltend: So oft, wie das Mantra “Geschlossenheit zeigen” wiederholt wird, braucht man sich über die negativ gefärbte Berichterstattung über Pluralismus als Abweichlertum nicht wundern. “Die Geister, die ich rief …”

  14. Das Bild zu Deinem Text erzählt eine andere Geschichte: Die Sau wird nicht getrieben, sie ist ganz offensichtlich aus freien Stücken in diese Schlammpfütze / dieses Fettnäpfchen gegangen.

  15. Wieso kapieren die Steinbrück-Apologeten das eigentlich nicht?

    Es geht nicht darum, dass vereinzelte Vortragsreisen illegitim wären. Es geht darum dass extensive Vortragsreisen stattgefunden haben parallel zu einer “Parlament, wie langweilig”-Attitüde, die sich in entsprechender Anwesenheit niederschlug. Das ist halt Arroganz und Opportunismus, den viele bei Steinbrück riechen.

    Und die Medien jetzt dafür ins Kreuzfeuer zu stellen, weil sie aus Steinbrücks “Im Vgl. zum Sparkassendirektor verdient die Kanzlerin zu wenig” ein “Steinbrück findet, Kanzler verdienen zu wenig” machen, ist doch mumpitz zum Quadrat.

  16. Rita Maidorn 7.01.2013 at 17:57

    Es ist eine Hetzkampagne die gegen Hr. Steinbrück läuft.
    Ich frage mich, was will unser Volk, jemannden der Klartext redet oder lieber eine Kanzlerin die sich ewig um alles herum drückt und in Schweigen hält?
    Herr Gott merkt denn keiner, was die für eine Schiene fährt? Sie duldet niemanden neben sich “Wie Hr. Kohl” jeder der Kritik äußert wird mundtot gemacht! Leute werdet wach!!!!
    Das ist das Gefährlichste was in einer noch Demokratie passieren kann.

  17. Wo kann denn die Krankenschwester am Ende ihrer erfolgreichen Karriere nochmal einen großen Schluck aus der Pulle nehmen?

  18. Ey Mann, Ihr Sozis nervt! Gebt doch einfach mal zu, wenn etwas suboptimal läuft!

    Auf der einen Seite findet Ihr ganz toll, wenn einer wie Steinbrück endlich mal ungeniert die Wahrheit sagt.

    Auf der anderen Seite traut Ihr Euch nicht, die Wahrheit über seine verunglückten Sprüche zu sagen.

    Merkt Ihr eigentlich nicht, dass das nicht zusammenpasst?

  19. Annegret Reich 7.01.2013 at 20:07

    Ich finde diesen Artikel “so was von ” richtig ,dass ich ihn mir morgen noch einmal mit Vergnügen durchlesen werde .

  20. Oh, schon Panik bei den Social-Media-Partei-Soldaten. ;-)

    Es ist klar dass Steinbrücks merkwürdiges Gebaren ein gefundenes Fressen für die Medien ist, die stürzen sich da natürlich genüsslich drauf.

    Aber: Als Spitzenkandidat steht Steinbrück auch als Person auf dem Prüfstand. Und da kann er noch so viel tolle “richtige” Programmatik in seinen Reden ansprechen:

    Der politischen Vita Steinbrücks fehlt jegliche Glaubwürdigkeit als eine Alternative zur real existierenden Merkel-Politik, im Gegenteil, war Steinbrück doch zu Zeiten der GroKo glühender Verfechter eben jener Politik.

    Und nein, Steinbrücks Treiben als bezahlter Wander-Redner war nicht “ganz normal”, ist aber im Grunde nur das Sahnehäubchen auf Steinbrücks gewaltiges politisches Glaubwürdigkeitsdefizit. Es sind Steine in einem Mosaik der Gesamtpersönlichkeit Steinbrück.

    Nimmt man noch bei den Wahlkampfaussagen das SPD-übliche “im Wahlkampf links blinken und dann an der Regierung rechts abbiegen” dazu, so sehe ich ehrlich gesagt ziemlich wenig was für ein Kreuz bei SPD spricht, wenn man ein Interesse an einer anderen Politik als der aktuellen hat.

  21. Mr. Klartext 7.01.2013 at 21:14

    Was soll denn dann bitte Rösler dazu sagen? Immer drauf! Und nochmal! Die FDP kann gar nicht so schlecht sein, wie sie in den Keller geschrieben wird. Mit Objektivität hat die SPD-FDP-Berichterstattung nicht mehr viel zu tun.

  22. ohne dafür oder dagegen zu sein, aber was regt ihr euch alle so dermaßen auf.

    Da will ich Lumma mal recht geben, was wollt ihr eigentlich alle?
    Geht ihn eben nicht wählen, stellt euch vielleicht mal nen Schild auf, schreibt drauf, dass ihr dagegen seid, dass jemand wie der Steinbrück (oder nur der Steinbrück?) nicht auf den Kanzlerthron soll.

    Dann geht ihr vielleicht mal auf die Straße und haltet das Schild mal hoch. Oder ist das dann für euch zu viel des Guten. Weil übers Internet und hoffentlich anonym kann man alles sagen.

    Regt euch doch alle nicht so künstlich auf. Wenn ihr glaubt was zu sagen zu haben, dann sagt das auch. Meine Fresse.

    Also wenn ihr die Möglichkeit habt, mehr oder weniger plötzlich, schnell viel Geld zu machen, in dem ihr ein paar Vorträge haltet und Interviews gebt. Sagt ihr dann nein?
    Wirklich? Ganz wirklich?

    Und wenn du jetzt dreimal ja gesagt hast, dich für etwas ganz ganz großes hältst, dann geh halt in die Politik. Such dir einen Ortsverein, engagiere dich mal und wenn du so ein Gutmensch bist, im Gegensatz zum Steinbrück, dann wirste sicherlich von den Menschen so gut angenommen und stehst in ein paar Jahren auch auf dem Treppchen.

    Ach, das willst du jetzt nicht mehr? Warum? Zu viel Arbeit? Zu wenig Geld? Oder “das ist ja nichts für mich.” Ach. Schau an. Dann hab wenigstens den Arsch in der Hose und geh raus auf die Straße und verkünde da deine Meinung und nicht hier.

    P.S.: Ich bin weder für, noch wider P. Steinbrück. Ich hab was gegen ganz andere Menschen.

    tl;dr : http://imgs.xkcd.com/comics/duty_calls.png

  23. P.Steinbrück wird für mich weder Kanzlerkandidat noch Kanzler sein.

  24. Ohne besondere Sympathien für Herrn Steinbrück zu hegen verstehe ich vor allem nicht wieso “den Leuten/Medien” Steinbrücks Nebeneinkünfte so sauer aufstoßen, sie aber die Einkünfte anderer Politiker anderer Parteien, die teilweise sehr viel dubioser sind, so kalt lassen.
    Am Anfang der Debatte hatte ich noch die Hoffnung die Abgeordneten wären nun langsam durch den öffentlichen Druck gezwungen diese offenzulegen, daraus ist ja aber leider nichts geworden.
    Warum nicht, und wieso ist das kein Thema mehr?

  25. backstein 8.01.2013 at 8:59

    ja, alles richtig was sie schreiben und kritisieren. nur erzeugt das aufrteten von herrn steinbrück, als merkel herausforderer, eine als äußerst unangenehm empfundene antipathie. er wird schlicht als unsympath wahrgenommen. herr steinbrück gilt in der öffentlichkeit auch als bauernopfer der spd, weil beide den anschein erwecken, dass sie weder lust auf kanzlerschaft noch auf regierung haben. und opposition macht die spd ja schon lange nicht mehr. vor dem bild, welches steinbrück und spd abgeben, erscheint steinbrück als chancenlos und so jemanden möchte man auch nicht als kanzler und regierung haben. die müßen sich das ‘s’ im namen erst einmal zurückverdienen.
    gewiss, merkel und ihre grauen betonköpfe sind auch keine alternative.
    dann lieber doch die linke wählen, wenn man auf seinen bauch hört.

  26. Dieser Blogeintrag erklärt die Misere der SPD ziemlich gut. Schuld sind immer die anderen. Eigene Fehler (wie z.B. Steinbrück als Kanzlerkandidaten aufgestellt zu haben) gibt es nicht. Was erwartet die SPD denn? Dass bei einem neoliberalen Unsympathen wie Steinbrück, der mitnimmt was mitzunehmen ist, alle Yeah schreien? Dass sich alle freuen, dass genau derjenige Kanzlerkandidat der SPD wird, der schon bei TyssenKrupp und der HRE gezeigt hat, was er nicht kann. Der genau von der Kanzleien 15.000€! für einen einstündigen Vortrag erhält, der er vorher einen Auftrag über 1,8 Mio zugeschanzt hat?
    Nein. Kein Mensch schaut neidisch nach Amerika. Und Arroganz ist nicht Charisma.

    • Gut getroffen, genau so. Man stelle sich das alles mal bei einem CDU-Mann vor, ui ui, nix mehr mit dem pseudo-kumpelhaftem alles entschuldigenden “hey, was habt ihr, würdet Ihr doch auch machen” wäre es, sondern die Social-Media-Parteibrigade der SPD würde in ihrem Output moralische Monstranzen auftürmen.

  27. Frischen wir mal das Gedächtnis:
    * nahezu vollständige Deregulierung der Banken mit bekanntem Ergebnis
    * Absenkung der Mindest-”Rendite” für die staatliche Rentenversicherung mit bekanntem Ergebnis. Dazu etliche Vorträge vor Versicherungen und Banken, die ja nun Riester und Rürup-Produkte verkaufen.
    * Staatsverschuldung pro Kopf um gut 1.500 Euro gesteigert
    * zwei verfassungswidrige Landeshaushalte NRW durch Schneeball-finanzierte Rücklagen
    * fragliche Nicht-Erfüllung seiner Aufsichtspflichten bei der WestLB
    * “Spendengesuche”-Affäre
    * externe Berater, die sich mit Vortragshonoraren für den Auftrag bedanken

    Peer Steinbrück ist genau der Archetyp der Deutschland-AG, der für Verdruss sorgt.

  28. Man muss nicht viel lesen, wenn man wissen will, was Steinbrück zum Thema Kanzlergehalt gesagt hat. Ich bin mal so frei zu zitieren, was im Interview steht, das auch auf faz.net erschienen ist:
    Frage: Verdient die Kanzlerin zu wenig?
    Antwort: Ein Bundeskanzler oder eine Bundeskanzlerin verdient in Deutschland zu wenig – gemessen an der Leistung, die sie oder er erbringen muss und im Verhältnis zu anderen Tätigkeiten mit weit weniger Verantwortung und viel größerem Gehalt.

    Das ist – mit Verlaub – völliger Blödsinn. Was der Kanzler für das Land leistet, ist mit Geld nicht aufzuwiegen. Und genau deshalb wird es auch nicht getan. Ich war früher durchaus geneigt, mein Kreuz bei der SPD zu machen. Das wird mit Steinbrück aber eher nicht der Fall sein.

  29. backstein 8.01.2013 at 18:59

    es würde mich interessieren zu welchem fazit der autor, beim überwiegenden tenor der kommentare, kommt. über ein paar abschließende zeilen würde ich mich freuen.

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