eCommerce wird den Einzelhandel auf den Kopf stellen

Nico —  1.02.2013 — 13 Comments

Marc Andreesen wieder einmal, der Entwickler des ersten Browsers und aktuell einer der VC mit einem Midas Touch, geht auf eine der Fragen der Zukunft ein. Andreessen predicts the death of traditional retail. Yes: Absolute death:

Retail guys are going to go out of business and ecommerce will become the place everyone buys. You are not going to have a choice. [...] We’re still pre-death of retail, and we’re already seeing a huge wave of growth. The best in class are going to get better and better. We view this as a long term opportunity. [...] Retail chains are a fundamentally implausible economic structure if there’s a viable alternative. You combine the fixed cost of real estate with inventory, and it puts every retailer in a highly leveraged position. Few can survive a decline of 20 to 30 percent in revenues. It just doesn’t make any sense for all this stuff to sit on shelves. There is fundamentally a better model. [...] Malls are going under, and there’s more to come. These chains are much closer to going under than you think.

Ja, ich weiss, was ihr sagen wollt: “aber die Haptik! aber das Stöbern! das Erlebnis!” – klar, das sind wichtige Aspekte beim Shopping und man sieht ja auch, wie Apple, Abercrombie & Fitch und andere immer wieder für Schlange vor den Läden sorgen, aber wenn man sich die Buchbranche anguckt, dann ist doch klar, dass das dort erlebte Phänomen auch auf andere Bereiche überschwappen wird. BestBuy in den USA ist massiv angeschlagen, das ist ein Schicksal, mit dem sich Saturn und MediaMarkt und all die anderen großen Elektronikketten dringend auseinandersetzen müssen. Walmart versucht gerade, beim Thema eCommerce massiv aufzuholen, weil sie ebenfalls davon ausgehen, dass eCommerce, gerade mit Lieferungen noch am selben Tag, immer effizienter und damit relevanter für die Kunden wird. Man sieht allerdings auch, wie verzweifelt sich einige Ketten gegen den Trend stemmen wollen, Thalia beispielsweise verkauft nicht mehr nur Bücher, sondern massenhaft Nippes und Spielzeug, verliert damit allerdings den Markenkern als traditioneller Buchladen und wird immer unattraktiver, Filialschliessungen sind die Folge. Görtz hat mit Zalando, Mirapodo und den Shoppingclubs zu kämpfen, denn auch hier wurde immer davon ausgegangen, dass sich eCommerce nicht lohnen würde wegen der Rücksendequote.

Lange Zeit wurde wie ein Mantra von den Filialisten vorgetragen “niemand wird jemals XY im Web kaufen, das ist viel zu umständlich, man will doch die Ware anfassen!” – naja, das war eine schöne Fehleinschätzung und da man sein Geschäft nicht selber kannibalisieren wollte, machen das jetzt eben die anderen.

Die Disruption disruptiert mittlerweile die Disruptoren von einst, diese Entwicklung sehen wir mittlerweile in immer mehr Branchen, weil die Zyklen der Entwicklung immer enger werden. Erst verdrängt das Einkaufszentrum vor den Toren der Stadt den Einzelhandel in der Stadt, jetzt sorgt eCommerce dafür, dass das Einkaufszentrum vor den Toren der Stadt immer unattraktiver wird. Früher liessen sich Kunden beim Einzelhandel beraten und kauften bei großen Ketten, die es billiger anbieten konnten. Heute geht man zu einer großen Kette, scannt den Barcode und bestellt im Web, damit man den Karton nicht schleppen muss und nicht stundenlang an der Kasse steht.

Dieser Verdrängungsprozess wird Arbeitsplätze kosten, und das nicht zu knapp. Diese Entwicklung hat die Fraktion der sog. LINKE in Hamburg zum Anlaß genommen, mal eine Große Anfrage an den Senat zum Thema “eCommerce – ist der klassische und traditionelle Einzelhandel der große Verlierer?” zu stellen. Bei der Großen Anfrage geht es vor allem darum herauszufinden, was der Senat tun kann, um diese Entwicklung aufzuhalten und natürlich geht es darum, zu unterstellen, dass der Senat nicht genug tue.

Ich bin zwar nicht gefragt, aber ich antworte gerne. Was der Senat tun kann, ist in Bildung zu investieren. Massiv. Und zwar so, dass die jungen Leute fit gemacht werden für die Zukunft und nicht für den Jobmarkt der 80er Jahre. Der Senat sollte auch weiterhin dafür sorgen, dass sich neue eCommerce Firmen in Hamburg ansiedeln, um so Arbeitsplätze von Morgen zu schaffen. Die Innenstadt wird weiter attraktiv bleiben und genügend Einzelhandel haben, an den Rändern wird das Angebot aber sukzessive dünner werden. Ähnlich wie beim Bergbau oder der Umwälzung des Büroalltags durch die Einführung der EDV kann man allerdings davon ausgehen, dass diese Entwicklung nicht mehr aufgehalten werden kann, egal wieviele Milliarden man jetzt in die Stützung des Einzelhandels stecken würde. Ich würde das Geld lieber ausgeben, um jungen Leuten Alternativen aufzuzeigen, damit sie nicht auf eine Karriere im Einzelhandel setzen, die in 10 Jahren zu Ende ist. Die Disruption durch den eCommerce ist so tief und wird so nachhaltig sein, dass wir unsere Einkaufsgewohnheiten so ändern werden, dass es vergleichbar sein wird mit dem Niedergang der Tante Emma Läden und dem Aufkommen der Supermärkte. Das passiert nicht über Nacht, aber die Anzeichen sind klar und die Entwicklung wird sich nicht aufhalten lassen. Warum? Weil die Konsumenten abstimmen und denen geht es primär um das beste Angebot und nicht um die Sicherung von Arbeitsplätzen im Niedrigohnsektor für Menschen mit geringem Bildungsstand. Das mag man beklagen, aber auch das wird man nicht ändern können.

Wir müssen uns als Gesellschaft wohl oder übel darauf einstellen, dass die Digitalisierung in immer schnelleren Zyklen nachhaltigere Disruptionen auslösen wird als wir es in den letzten Jahrzehnten gewohnt waren. Das Internet ist die massivste Disruption seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, dagegen ist eine globale Finanzkrise nur ein lauer, sauteurer Furz im Wind. Wir müssen diese Disruption begleiten und die Menschen darauf vorbereiten, dass das einzige Beständige der Wandel sein wird.

13 responses to eCommerce wird den Einzelhandel auf den Kopf stellen

  1. Was Du zu den Umwälzungen und den daraus folgenden Anforderungen schreibst, teile ich.
    Davon mal ab, wird es auch weiterhin stationären Handel geben und ich denke, dass es hier noch viel mehr auf smarte Konzepte ankommen wird. Die Apple-Stores sind außerordentlich erfolgreich, obwohl man alles auch online kaufen kann und bei Hollister in der Europapassage stehen die Kunden an guten ‘ne Stunde an, um überhaupt in den Laden zu kommen.

  2. Brisantes Thema. Für unsere Innenstädte würde das Sterben des stationären Einzelhandels ein großes Problem bedeuten. Ein banale Tipps für den stationären Handel habe ich mal in meinem kleinen Blog veröffentlicht: http://www.socialmedia.peterwilke.de/?p=195

  3. Wer in den Laden geht, will ja nicht nur das abholen, was er sich vorgenommen hat einzukaufen. Viele treffen dort erst ihre Kaufentscheidung – im direkten Vergleich. Den Unterschied macht aber der dritte Grund: die Beratung vor Ort.

    Das Anfassen können die Leute auch zuhause erledigen, ebenso den Vergleich mit anderen Produkten. Da wird dann eben mehr bestellt und der Rest zurückgegeben. Die gleiche Jacke in zwei verschiedenen Größen oder zwei Kopfhörer. Beim Service gelingt das aber nicht ganz so gut.

    Als ich mir vor ein paar Jahren einen Wanderrucksack gekauft habe und nach dem Bezahlen mit einem Dankeschön den Laden verlassen wollte, sagte der Verkäufer: „Moment noch, jetzt kommt das Wichtigste.“ Er nahm die Rückenstreben heraus und passte sie an meinen Rücken an. Mit keinem How-to-Video auf YouTube hätte ich das selbst so gut hinbekommen. Ich hätte es nicht einmal gewusst. Gerade bei hochwertigen bzw. langlebigen Produkten werden die Käufer diese Beratung zu schätzen wissen. Grundsätzlich ist es aber richtig: In zehn Jahren wird nichts mehr so aussehen wie jetzt.

  4. Moin Nico Lumma, sollte die Große Anfrage von der Mehrheit des Parlaments als dienlich angesehen werden, um sich mit dem Thema weiter zu befassen, würde ich mich über vertiefenden Expertenrat freuen.

    • ich vermute, dass die grosse anfrage einfach zu viel allgemeinplätze enthält, als dass sie wirklich dienlich ist.

      Allein das Schema “guter Einzelhandelsjob mit Tariflohn” vs. “schlechter eCommercejob” greift IMHO viel zu kurz und wirkt wie 80er Jahre Diskussion.

  5. Don Quixxote 3.02.2013 at 9:03

    Ich glaube nicht, dass der Detailhandel vom eCommerce vollständig verdrängt werden kann. Wäre auch schaden, denn es gibt neben kanibalistischen Effekten auch bedeutende Synergien bei Unternehmen die momentan zweigleisig fahren, wie z.B. Media Markt. Kunden kaufen online und holen es im Laden ab. Oder sie lassen sich vor Ort beraten und bestellen dann, wenn sie ihre Kaufentscheidung getroffen haben, im Internet. Auch die Tatsache, dass man bei Reklamationen jemanden vor Ort hat, den man darauf ansprechen kann, wird auch von den Online-Kunden wahrgenommen. Media Markt ist ein Beispiel.
    Es hängt natürlich auch von den Produkten ab.

  6. Früher hat es gereicht, eine mittelmäßige Auswahl zu mittelmäßigen Preisen in mittelmäßiger Aufmachung mit mittelmäßiger Beratung im Zentrum einer Groß- oder Mittelstadt anzubieten. Das ganze nennt sich Kaufhaus. Heute ändert sich das:

    – Definierte Bedarfe wie ich brauch das Buch XY oder eine Wasserpumpenzangen YZ kann man im Internet am besten befriedigen, wenn man 1-2 Tage Zeit hat.

    – Wenn man echten Beratungsbedarf hat, geht man zum Fachhandel, der z. B. schnell ein Buch für ein 10jähriges Mädchen empfehlen kann (Amazon ist da schon nicht schlecht, aber noch nicht wirklich gut)

    – Oder der Handel muss ein Erlebnis bieten. Bestes Beispiel ist Globetrotter, da kann man z. B. die Wanderschuhe an verschiedenen Probebergen probewandern, oder A&F, oder ….

    – Schnäppchen gehen auch immer, und hier funktioniert der Gruppendruck des Wühltisches immer noch besser als tausende blinkende Icons

    – Schaufenster-Läden für das Image der Marke, betrieben vom Hersteller. Ob der Laden an sich Gewinn macht, ist im Zweifel egal, der Laden ist primär Imagepflege

    Fazit: Der Einzelhandel wird nicht aussterben, aber sich verändern. Nur auf großer Fläche viele Waren bereithalten, reicht nicht mehr. Ich sehe eher die großen Ketten verschwinden und die Renaissance der Fachhändler.

  7. Bis vor kurzem habe ich meine Fotoapparate immer online bestellt – weil billiger und schneller. Doch Ende des letzten Jahres mußte ich wegen Lieferschwierigkeiten bei meinem Online-Dealer mal wieder ins Ladengeschäft – und wurde angenehm überrascht – Preis fast auf gleichem Niveau und eine sehr gute Beratung.

    Hier hat der stationäre Handel wohl mächtig seine Hausaufgaben gemacht – nur wie bekommt er die verlorene Kundschaft zurück? Sind seine Kunden erst mal ins Internet abgewandert wird es wohl sehr schwer werden, die zurück ins Geschäft zu holen – denn wie erreiche ich die überhaupt noch?

  8. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Einzelhandel nur wegen fehlender Preisanpassung an eShops seine Kundschaft verloren hat. Bedenkt man, dass der Mensch auf Bequemlichkeit aus ist, wird er auch den bequemsten Weg suchen, seine Bedürfnisse zustillen, also mal schnell von zu Hause aus ins Internet gesurft, passenden ergo billigsten Shop gefundenund fix bestellt, ob er dann enttäuscht wird durch lange Lieferzeiten, Versandkosten, schlechten Service etc. ist dann auch schon wieder ein anderer Punkt, der durchaus die Leute wieder in den Einzelhandel dirigieren wird. Hat alles seine Vor- und Nachteile.

  9. Schöner Eintrag. Natürlich etwas extrem – aber muss es auch sein. Generell stimme ich dir zu. Allerdings hat der stationäre Handel bisher dem eCommerce sehr geholfen. 90% der Geschäfte haben weiterhin kein Profil, keinen Service, nur laue Luft und man ist froh wenn man wieder raus ist. Wenn dann alles in die Grütze geht, wird gejammert, andere sind Schuld und sollen es richten. Siehe Karstadt, Kaufhof, 1000 Töpfe etc. Falls das vom
    EZH verstanden würde, kann es auch noch mal spannend werden. Wobei eCommerce aber in jedem
    Fall weiter wachsen wird….

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  1. “Kauft nicht bei Amazon” – aber wo sonst? | …wie wir hier sagen! - 22.02.2013

    [...] zum Problem des sterbenden Einzelhandels hat @nico erst jüngst erhellendes gebloggt. Ich glaube, dass auch dieses Problem politisch gestaltet werden muss, da sind Anwürfe an [...]

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    [...] bleibt kein Nebenthemenwunsch offen. Ergänzend dazu und aus ganz anderem Blickwinkel dann noch Nico Lumma zum eCommerce, mit einigen Aspekten, die sonst eher nicht in der allgemeinen Diskussion vorkommen. Auch bei Nico [...]

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