Das Bildungsbürgertum gefährdet unsere Zukunft

Nico —  15.02.2013 — 31 Comments

Ich werde den Eindruck nicht los, dass wir gerade in interessanten Zeiten leben. Man kann geradezu spüren, wie das Alte immer weniger relevant ist und wie die vielfältigsten Reaktanzen entstehen, um noch zu retten, was zu retten ist. Die Zyklen der Veränderung sind immer schneller und die Auswirkungen weitreichender, das spüren wir an allen Ecken und Enden. Das deutsche Bildungssystem aber bleibt fest in seinen Traditionen aus der Bismarck-Zeit stecken.

extrabreitschulebrennthurraZwar wird immer mehr erkannt, dass Kinder und Jugendliche anders lernen sollten und andere Inhalte benötigen, aber wir sorgen nachwievor dafür, dass wir passende Absolventen für die Herausforderungen der Vergangenheit heranzüchten. Daran hat das deutsche Bildungsbürgertum Schuld, denn hier wird weiterhin auf das Gute, Wahre, Schöne vergangener Zeiten beharrt. Hier sperrt man sich, zeigt seine Abneigung gegenüber populärer Kultur und lässt dies direkt ins Schulssystem fliessen. Beispielsweise gibt es in Hamburg seit dem Aufstand der gutbürgerlichen Kreise gegen eine Schulreform den sog. Schulfrieden – es muß kriegsähnliche Auseinandersetungen vorher gegeben haben, so stark waren die Beharrungskräfte.

Der britische Erziehungswissenschaftler Sir Ken Robinson hat vor einigen Jahren in einem Interview mit dem Guardian gesagt:

All children start their school careers with sparkling imaginations, fertile minds, and a willingness to take risks with what they think. […] Most students never get to explore the full range of their abilities and interests … Education is the system that’s supposed to develop our natural abilities and enable us to make our way in the world. Instead, it is stifling the individual talents and abilities of too many students and killing their motivation to learn.

Da ist viel dran. Hinzu kommt, dass wir immer noch einen Fächerkanon haben, der hilft, Herausforderungen vergangener Zeiten bewältigen zu können.

Das Ausbrechen aus einem starren System mit einem Fokus auf die Herausforderungen der Zukunft macht mehr Sinn als die ewige Beschäftigung mit der Rückbetrachtung. In einem lesenswerten Blogbeitrag für die Washington Post skizziert ein 15-jähriger Schüler seine Ansprüche an ein modernes Schulsystem:

A key element of middle school is initial exposure to career fields that students can choose to explore further in high school. Teachers can give students a broad understanding of career fields as it relates to the classes they are teaching. Students will be encouraged to self-direct their learning and develop a passion. This system is not anti-disciplinary; it’s simply more flexible. If schools are doing their job, students will no longer be asking, “When am I ever going to use this?” and will instead ask, “How can I learn more?”

Ich habe mich in meiner Schulzeit mehr als nur einmal gefragt, wofür ich das Erlernte jemals brauchen würde. Auch ich habe viel auswendig lernen oder abmalen müssen, ohne wenig Sinn und Verstand – aber immer in bester Tradition des deutschen Bildungsbürgertums habe ich Faust gelesen, Vektoren berechnet und Caesar übersetzt. Ich hatte nur ein Praktikum, und das habe ich ausgerechnet bei Thies Rabe beim Elbe Wochenblatt in Bergedorf gemacht, konnte ich ja nicht wissen, dass er später mal Bildungssenator werden konnte. Zwar kann es in der Schule nicht darum gehen, die Schülerinnen und Schüler für die Wirtschaft auszubilden, aber etwas mehr Realitätsnähe würde der Schule sehr gut tun, aber das ist ein strukturelles und inhaltliches Problem.

Wenn wir so weiter machen, dann können wir uns vielleicht noch auf das Land der Dichter und Denker berufen, spielen nur im 21. Jahrhundert keine Rolle mehr. Wollen wir das? Wie bekommen wir diesen Knoten durchschlagen, wie finden wir Antworten auf die Herausforderungen der Zukunft und wie sorgen wir dafür, dass unsere Schulen die Kinder und Jugendlichen sich wirklich ändern? Ich glaube, dass die Forderung nach einer Programmiersprache als zweite Fremdsprache ziemlich genau klarmacht, was sich ändern muß. Javascript ist den Schülern näher als Latein, ob die Lehrer es wahrhaben wollen oder nicht.

31 responses to Das Bildungsbürgertum gefährdet unsere Zukunft

  1. Da gibt es ja leider nichts zu diskutieren – weil es stimmt.

    Erschreckend finde ich immer wieder das vorhandene Wissen über Lernen, Lernprozesse, Motivation usw. und die absolute Ignoranz dem gegenüber in der Gestaltung von Schule.

    Die, die heute die Bildungspolitik bestimmen, die, die Inhalte und Methoden des schulischen Lernens gestalten sind tief verwurzelt im “Alten” und kommen aus ihrer Haut nicht raus.
    Ich finde die Schüler sollte ihr Lernen, sowohl inhaltlich als auch methodisch, gestalten – doch allein, es fehlt der Mut und das Zutrauen in die Schüler. Ich meine, das hat uns doch damals auch keiner entgegen gebracht – woher sollten wir/die den Mut und das Vertrauen dazu nehmen.

    Beste Grüße. Tanja Ries

    Und noch ein Link auf ein Projekt das anderes praktiziert http://www.gangway.de/gangway.asp?cat1id=2&cat2id=6054&cat3id=&DocID=6610&client=gangway

  2. Ich stimme in jeder Hinsicht zu. Einer der vielen Gründe für das Problem ist wohl die Lehrerausbildung. Ich erlebe es allzu oft, dass Lehrer mit Mitte 30 anfangen, fachlich auf der Stelle zu treten, obwohl sie noch ein drittel Jahrhundert Job vor sich haben. Man stelle sich einmal vor, ein Ingenieur würde das tun!

    • Aus den Gesprächen mit einigen Lehrern wage ich mal als Fazit zu behaupten, dass die nicht wirklich das Problem sind. Ich nehme Eltern aus dem sogenannten Bildungsbürgertum als den Bremsklotz überhaupt wahr. Man muss sich doch einfach mal überlegen welche Konsequenz in der Aufgabe eines klar gezeichneten Schulweges liegen würde, nämlich große Unsicherheit der nur mit Vertrauen begegnet werden kann. Vertrauen darin, dass mein Kind seiner Neugier, Wissbegierde und Ehrgeiz folgt um seinen Weg zu verfolgen.
      Alles viel zu unsicher.
      Ich prophezeie mal, dass es noch ganz ganz harte Kämpfe rund um die Bestandswahrung geben wird. Der nette Anwalt aus Hamburg hat doch damals gezeigt wie laut das Bürgertum werden kann, wenn Unsicherheit ins System zu kommen droht.

  3. Schule beschäftigt sich viel zu sehr mit der Vergangenheit. Wir brauchen mehr Zukunftsforscher…. Lerninhalte lassen sich heute überall abrufen. Bin Musiker, arbeite viel mit Schülern. Der Spaß an der Sache sollte im Vordergrund stehn. Die Aufmerksamkeit erhalte ich immer wenn wir eine Aufnahme ( Audio, Video ) erstellen.
    https://vimeo.com/40784357

  4. Ach. Ich als Lehrer stecke in diesem System drin und kann dir nur voll und ganz zustimmen. Die Lehrer können das System von innen heraus aber nur sehr schwer und nur in sehr kleinen Dosen ändern. Zu schmal sind die Spielräume zwischen Lehrplan, Prüfungsvorbereitung und Kultusministerium.

    Ein kleines Beispiel: Das Video von aloisbrinkmann ist absolut toll. Man sieht, wie viel Spaß die Schülerinnen am Singen haben. Dann wird das Ganze noch aufgenommen und ins Netz gestellt, damit man das dann stolz den Eltern zeigen kann.

    In Bayern jedenfalls ist sowas gar nicht möglich: Handys sind in der Schule verboten. Schon das Einschalten (nicht das Benutzen!) zieht einen Verweis (schulrechtliche Ordnungsmaßnahme) nach sich. Außerdem müsste man bei jedem Kind die Erlaubnis der Eltern einholen, ob das Video im Netz veröffentlicht werden darf.

    Jetzt kann man sich als Lehrer entscheiden: Geht man den offiziellen, vom Kultusministerium besiegelten Weg oder weicht man vom Pfad ab und geht — ein klein wenig — da entlang, wo der Spaß, die Motivation und die Zukunft ist. Die Konsequenzen des Abweichens muss man selber tragen und verantworten. Sowohl dem “Dienstherren” gegenüber, als auch den Kollegen gegenüber. Denn den vorgetrampelten Weg zu gehen ist Konsens. Meistens.

    Ich unterrichte Mathematik und Datenverarbeitung (eigentlich noch Physik). Auch da gibt es verbindliche Lehrpläne. Die muss ich einhalten. Der Spielraum ist gering. Ich versuche trotzdem den Schülern/den Schülerinnen zu vermitteln, um was es eigentlich geht. Nicht um quadratische Ergänzungen oder Vektoren. Es geht ums Lernen. Es geht darum Zusammenhänge zu erkennen, zu probieren, nachzudenken. Leider wird dann in den Prüfungen verlangt, die Formeln auswendig zu können.

    Ergo: Es muss sich in der gesamten Gesellschaft herumsprechen, dass unsere Schulen und das System alt ist. Es muss ein Druck entstehen, dass zu ändern. Von den Lehrern und den Bildungsverantwortlichen wird nichts kommen. Deshalb finde ich es auch sehr gut, dass du etwas dazu schreibst.

    • Das waren für mich sehr erhellende Kommentare. Insbesondere der von Ivo ging mir an die Nieren: Ich bin zwar kein Lehrer, aber ich war Universitätsdozent (Informatik). Mir wird gerade klar, dass es Uni-Dozenten leichter haben als Schullehrer: Wenn sie eine gute stoffliche oder didaktische Idee haben, dürfen sie die auch lehren und abprüfen. In der Tat spüre ich gerade zunehmend Mitleid mit hochmotivierten Schullehrern, die eigentlich wollen aber nicht so richtig dürfen. Die Unis scheinen hinsichtlich der Lehre innovativer zu sein als die Schulen. Und das, obwohl die Schule wegen ihrer größeren Verbreitung und der Formbarkeit der Schüler wichtiger ist als die Universität.

  5. Die Diskussion um die Frage, ob nicht mehr “aktuelle Inhalte” in die Schulen gehörten, wird seit Jahrzehnten geführt und hat uns einen nicht unwesentlichen Teil der aktuellen Probleme beschert. Ein komplette inhaltliche Überfrachtung der Schulen und übrigens auch der Hochschulen.
    Kinder müssen Methoden lernen. Lesen, Schreiben, Rechnen, Denken. Mathematik, Sozialwissenschaften, Sprachen. Sie müssen lernen zu lernen. Und wir müssen ihnen einen Bezugsrahmen schaffen. Caesar – besser wohl Cicero – zu lesen und Goethe auswendig zu lernen sind ein Teil davon.
    Kurzlebige Inhalte, wie die Funktionweise einer Bosch-Einspritzpumpe oder einer Programmiersprache, dies übermorgen schon nicht mehr geben wird, haben in der Schule nichts verloren.
    Das Bildungsbürgertum ist dennoch das Problem: Weil es nämlich nicht über Methoden nachdenken will. Rechtschreibung lernt man mit möglichst vielen Diktaten. Englisch lernt man am besten mit Vokabeltest. Abitur macht man am Gymnasium. Tief eingeschliffene falsche Wahrheiten. Und weil es an Goethe festhält und dennoch ständig neue Inhalte fordert. Und Schule damit überfordert.

  6. Nennt mich eine spießige Bildungsbürgerin, aber ich bin immer noch der Meinung, dass Schüler lernen sollten, was Goethe geschrieben, wie Rubens gemalt hat und warum Brechts Theater ein Revolution war. Auswendiglernen nein, kennenlernen ja. Zu einer umfassenden Bildung gehört beides: Fertigkeiten erlernen, die uns helfen, die Herausforderungen der heutigen Zeit zu meistern, und zu wissen, welche Wurzeln zu unserer heutigen Kultur und Gesellschaft gehören. Beides zu tun und Schüler dabei nicht zu überfrachten, das ist das Kunststück. Lehrpläne müssen gehörig ausgemistet werden, aber nicht mit dem eisernen Besen.

    • marktzyniker 24.02.2013 at 15:21

      Hier liegt das Problem: Schüler lernen die Malerei von Ruben, die Gedichte von Goethe und Brechts Theater zu verstehen und sich mit den Texten und Geälden kritisch auseinanderzusetzen und im besten Falle die Aussagen abstrahieren und dann anwenden können, aber dies wird nicht geschehen:

      Man stelle sich das Entsetzen des Bildungsbürgertums vor, wenn jeder Hauptschüler, wüßte was es bedeutet, wenn es heißt:

      “Erst kommt das Fressen, dann die Moral” :-)

      Bildung ist nichts, Verstehen ist Alles!

  7. Ist es denn „DAS Bildungsbürgertum“, das die Elbphilharmonie vom Steuerzahler finanziert bekommen möchte? Und ist es “DAS Bildungsbürgertum”, das die Bauspielplätze und andere Institutionen und Projekte der offenen Kinder- u Jugendarbeit nicht finanzieren möchte und die Inklusive Bildung zu unmöglichen neoliberalen Sparbedingungen haben will und die Lehrer mit einem faktorisierten Arbeitszeitmodell arbeiten lässt, das für komplexe Systeme und intellektuelle Arbeit nachweislich völlig ungeeignet ist?
    Ich wünsche unseren Politikern mehr Bildung: Mehr Wissen über die Bedingungen des Lernens, über die tatsächlich wirksamen Strukturen, Strategien und die tatsächlich benötigten Ressourcen dafür. Und vor allem: Mehr Respekt und Wertschätzung der Stimmen der Akteure vor Ort. Ob sie dadurch zu Bildungsbürgern würden oder wieder ehemalige Partei der ehemaligen Arbeiterklasse werden oder eine der Parteien der Pfeffersäcke bleiben, ist mir sch… wurscht egal. Hauptsache, sie machten etwas fundamental Wichtiges richtig!

    Ich glaube, die eigentli

  8. Nicht, dass man mich hier falsch versteht: Ich bin auch für klassische Bildung. Ich habe meinen Sohn auf den steinigen Weg des bayerischen Gymnasiums geschickt, damit er Bildung bekommt. Keine berufliche Vorausbildung. Wie Susanne meinte: Man darf das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Klassik zum Beispiel gehört dazu. Aber nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel, um Zusammenhänge zu verstehen und Geschehnisse einordnen zu können.

    Die Themen sind das Eine, die Methoden das andere. Ich strapaziere hier mal das “Lernen lernen”. Aber auch die Freude am Lernen, das Entdecken, das “für *sich* Freude am Lernen haben” sollten in die Schulen Einzug halten. Sowas braucht aber Zeit. Und zwei Seiten A4 auswendig lernen lassen geht halt schneller und die Anforderungen des Lehrplans sind erfüllt.

    Ich hadere oft mit meinem Beruf, weil meistens die Zeit fehlt, die Dinge so zu machen, wie ich es für richtig finden würde. Sowas schlaucht und man landet zu oft bei Unterrichten, die man lieber nicht gegeben hätte.

    • Das gibt doch zu denken! Hier muss ein Lehrer mal wieder klipp und klar sagen, dass er anders unterrichten muss als er könnte und wollte! Es liegt nicht am fehlenden guten Willen oder an der “Haltung”. Es liegt woanders. Z.B. hier: Erneuter Brandbrief einer Stadtteilschule in Hamburg an den Senator: http://www.ndr.de/info/audio148385.html

  9. Wolfgang Walk 15.02.2013 at 12:55

    Gerade Goethe hätte (nach wie vor) viel Aktuelles zu dieser Problematik zu sagen…

    Es ist doch interessant, dass heutige Kids, keinerlei Probleme haben, sich kochkomplexe Systeme wie in Pokémon, World of Warcraft oder anderen Spielen in kurzer Zeit vollständig und tief verstanden anzueignen – und parallel an einfacher Rechtschreibung scheitern.
    Offenkundig liegen keinerlei Intelligenzprobleme oder Tendenzen zur Wissensverflachung vor. Mit einem System von der Tiefe und Komplexität Pokémons wurde kein normales Kind vor den 90er Jahren auch nur konfrontiert.

    Wenn wir also das große Vorbild und offenkundig auch das Wissen besitzen, wie man die Kids dazu bringt, sich wirklich intensiv mit komplexen Systemen zu beschäftigen, warum nutzen wir dieses Wissen dann nicht, um sie mit diesen Systemen ein wenig zielgenauer auf ihr Leben vorzubereiten?

    Das Spielen und Lernen zwie verschiedene Dinge sind: Dieser Aberglauben muss ausgerottet werden. Dazu gehört aber auch eine Erkenntnis: In einem Spiel darf ich 1000 mal scheitern. Wenn der 1001. Versuch sitzt, dann hat das Spiel sein Ziel erreicht. Welche Schule gibt ihren Schülern so viele Versuche. Welche Schule ermutigt ihre Schüler, es immer weiter zu versuchen?

    Wer es nach drei Versuchen nicht begriffen hat, der fällt durch. Wie soll so die Komplexität zukünftiger Ansprüche erfahren werden? Wie soll so Frustrationstoleranz gelehrt werden?

    Mit diesem Methodik hätte selbst Mesut Özil nie den Übersteiger erlernt.

  10. Das “Bildungsbürgertum” ist längst ein Begriff, der selbst obsolet ist, eine reine chimärische Reminiszenz an kulturell bessere Zeiten. Eine verschwindend schmale Randgruppe der Gesellschaft weiß z.B. mit Hyperions Schicksalslied was anzufangen und lebt dennoch in bürgerlichen Verhältnissen. Die Regel ist: Entweder hast du Bildung, dann verdienst du nichts, oder du “fokussierst” dich auf Beruf, Karriere und Geld, dann hast du längst keinen Goethe, Hölderlin oder Wieland mehr im Wohnzimmer stehen , sondern nur noch einen TV-Schirm mit 150cm Bilddiagonale, daneben den Entertainment-Server für Musik- und Bildmüll, um das Triste deiner Existenz zu vergessen.
    Das Bürgertum (Familien-Einkommen über 60.000 pa.) würde zu schätzungsweise 95% Satz für Satz unterschreiben, was du schreibst. Das ist doch common sense. mehr Relevanz für die Zukunft, für Berufschancen, fürs künftige Einkommen! Programmieren lernen! Klassik raus, Zukunft rein. Lernen muss sich wieder lohnen. Als ob wir wüssten, welche Zukunft wir bekommen werden. Es könnte bspw. in ein paar Jahren so sein, dass wir weniger berufliche Qualifikationen benötigen als je zuvor, weil der ganze gesellschaftliche Reproduktionsprozess sich wie von Zauberhand allein erledigt. Wie werden “wir” damit fertig? Dueck sagt es ja immer wieder: Da ist noch Platz für ein paar echte Profis (was eine Einstellungssache ist), der Rest an halbfertigen Menschen mit vielen Kompetenzen, aber einer zunehmenden Unfähigkeit, die Kompetenzen auch tatsächlich auf die Straße zu bekommen, kann sehen, wo er bleibt. Die schmale Gruppe der Leute, die imstande sind, die Abenteuer des Geistes zu durchmessen und zu erleben (und das sind _nicht_ die Erwerbs- und Besitzbürger), dürften damit jedenfalls besser klar kommen. Ich sage das, damit bei all der aktuellen “Kompetenzenschulung” das gute alte Reflexionsvermögen nicht zu kurz kommt. Das erste, was dafür nötig ist, ist Abstand. Zu den vorgefertigten Phrasen der Saison, zu den Superlativen, die einem immer mehr um die Ohren gehauen werden, zu diesem ganzen Dünkel der Jetztzeit, eine besonders “interessante” Zeit zu sein.
    Es ist hochgradig unklar, was die Schlüsselqualifikationen für ein gelungenes Leben 2040 sind. Wenn es so klar wäre, könnte man es vermutlich sogar der Kultusbürokratie klar machen. Im übrigen ist es ja auch nicht so, als wären die Schulen bei 1960 stehen geblieben. Die Bedeutung der Naturwissenschaften und der Mathematik ist stetig gewachsen, Latein wurde bereits drastisch zurückgeschraubt, Altgriechisch ist so gut wie am Ende, stattdessen wird weit häufiger Spanisch, Chinesisch oder Russisch gelernt. Da sollte man jetzt, meinetweggen, noch einen Karton Informatik draufpacken, ob angegliedert an Mathe oder als selbständiges Fach. Der Witz ist nur der, dass die Informatik und JavaScript nur sinnvoll sind, wenn die Blagen in der Schule auch lernen, was es heißt, ein Mensch zu werden. Sonst könnten wir ja ab Klasse 6 die Kinder gleich komplett an die Berufsschulen und Fachoberschulen weiterreichen. However, genug kontra gerantet, die Gegenthese ist: In Zukunft werden diejenigen am besten klar kommen mit ihrem Leben, die dafür die breitesten Bildungsvoraussetzungen mitbringen – Schmalspur-Bildung wird sich dagegen im Laufe weniger Jahre als sicherer Unglücksbringer herausstellen.

    • Dein Beitrag rückt das Ganze ein wenig zurecht. Nicht alles, was neu ist, ist (dauerhaft) gut. Ob von Javascript auch nur in 10 Jahren noch jemand spricht, wissen wir nicht. Kanonische Bildung (und daran versucht sich Schule ja nach wie vor) hat eben Vor- und Nachteile: Beharrungsvermögen und Unbeweglichkeit. Aber: wir bewegen uns.

  11. Das System hat aber auch für dich als Lehrer viele Vorteile. Richtest du dich nach den Vorgaben und die Schüler haben schlechte Leistungen, dann liegt das an den Schülern. Machst du etwas Neues und es geht etwas in die Hose, dann hast du einen Rechtfertigungsdruck.

    Viele Lehrer kommen zu uns an die Schule mit guten Ideen. Nach einiger Zeit holt aber auch die der Alltag ein und sie verteilen A4-Blätter, wie es alle tun.

    • Vorteile? Wenn du es einen Vorteil nennst, deine Professionalität und deine Menschlichkeit am Schuleingang abzulegen und zum Zyniker zu werden …
      Ich für meinen Teil habe lieber die Konflikte mit Kollegen und Vorgesetzten und kann dafür morgens im Spiegel mein Gesicht sehen ohne es anspucken zu müssen.
      Hier haben jedenfalls viele Kollegen die Grenze erreicht. Die Hamburger Elbinselschulen haben (alle Schulleiter und Kollegien) Überlastungsanzeige eingereicht und erklärt, dass sie so unter diesen Bedingungen ihren Bildungsauftrag nicht erfüllen können – von einer versprochenen “Bildungsoffensive Elbinseln” ganz zu schweigen …

  12. Ich bin mir durchaus der Gefahr bewusst, zum Zyniker zu werden. Es war auch überspitzt dargestellt. Ich wollte eigentlich nur den Konflikt darstellen, den ein Lehrer jeden Tag zu erdulden hat. Und unter den Lehrern sind nicht nur Kämpfer. Außerdem ist das zu kurz gedacht: Den Lehrern sollten Situationen geschaffen werden, die es ihnen erlaubt einen guten Unterricht zu machen und nicht nur Wissen auszuteilen.

  13. Jens Hoffmann 15.02.2013 at 17:32

    Schickst Du eigentlich Dein K1 auf das traditionelle Gymnasium wie Johanneum oder Hegeschule, oder auf die Winterhuder Reformschule? Auf der letzteren wird das umgesetzt, was Du gerne hättest.

  14. Unsere Tochter hat sich das Gymnasium Eppendorf ausgesucht, natürlich auch der Freunde wegen. Ich weiss, dass Du die Reformschule toll findest, aber es gibt eben auch den Kinderwillen. :) Abgesehen davon glaube ich, dass die Hegepenne schon ganz gut sein wird, im Rahmen der Möglichkeiten. :)

  15. Sven Scharioth 15.02.2013 at 21:22

    (Bildungs)bürgerlicher Aufstand hin oder her – politische Verantwortung trägt doch immer noch die Politik. Bildung ist Ländersache; in Hamburg gibt es zum Beispiel aktuell einen SPD-Senat (ohne Koalitionspartner), der jeglicher Anhängigkeit vom bösen Bildungsbürgertum unverdächtig sein dürfte. Wenn also jemand die Zukunft der Hamburger Schüler verspielt, müsste das nicht der Senat sein? Bzw. die früheren Senate und der aktuelle Senat? Für mich sind das Ausreden feiger, bequemer oder intellektuell beschränkter Politiker.

    Ansonsten stimme ich dem Artikel gerne grundsätzlich zu. Wobei mich noch zweierlei ganz allgemein stört:

    1. Wieso gilt man als ungebildet, wenn man Faust nicht kennt, aber gleichzeitig ist es völlig ok, wenn man nicht weiß, was ein Lichtjahr ist oder wer Newton war? Diese Geringschätzung von Naturwissenschaften und Technik ist dumm und gefährlich.

    2. Selbst bei der Vermittlung ureigener bildungsbürgerlicher Inhalte versagen viele Schulen. Schüler werden beispielsweise mit Goethes Werk und anderen Klassikern bekannt gemacht (sehr gut), weil das wichtige, einflussreiche, vorbildliche Menschen waren / gewesen sein sollen. Sie erfahren aber häufig nicht, was das wirklich für Menschen waren, ganz anders als die hehren Ideale. Gerade über Goethe gäbe es da einiges zu sagen: 2 Liter Wein pro Tag, gnadenloses Selbstmarketing und -beweihräucherung, heiratet aus Bequemlichkeit seine Küchenhilfe und geht nach deren Tod nicht mal auf ihre Beerdigung …

  16. Ja – Motivation ist alles! Ich erinnere mich an meine Studentenjahre in denen ich Nachhilfe gegeben habe – unter anderem in Chemie. Ich hatte mal eine Schülerin – 11. Jahrgangsstufe – die hatte in Chemie ganz schlechte Noten. Nach einem halben Jahr Nachhilfe wurden die Noten etwas besser, aber etwas viel Wichtigeres hatte sich bei ihr geändert: sie spielte mit dem Gedanken, Chemie als Leistungskurs zu belegen. Sie hatte nun Spaß an diesem Fach und das Chemiemonster war verschwunden.

    Egal ob Goethe oder Programmiersprache, die Schüler müssen immer motiviert werden – nur so geht lernen.

  17. Stephan Mahlow 17.02.2013 at 9:18

    Volle Zustimmung! Wir brauchen dringend ein Hauptfach Medienkompetenz, spätestens ab Klasse 5. Nur: Würde es eingeführt, gäbe es kaum ausreichend Lehrer, die zum Beispiel kenntnisreich und vorurteilsfrei eine Unterrichtseinheit über die Chancen und Risiken von Facebook geben könnten. Bei den Lehrern muss man zuerst ansetzen.
    Nach meiner persönlichen Beobachtung sind zum Glück viele junge Lehrer durchaus bereit, sich zu öffnen und sich regelmäßig weiterzubilden. Aber der aktuelle Wissensstand ist bei den meisten (auch meine persönliche Beobachtung) ziemlich dürftig.
    Und was die EDV-Ausstattung unserer staatlichen Gymnasien angeht (bei mir: Rheinland-Pfalz): Das spottet jeder Beschreibung!
    Schließlich noch der Lehrermangel: Am Gymnasium meiner Kinder liegt das Verhältnis der Lehrerwochenstunden Ist zum Soll bei 93%. Bei meinem Sohn sah es letztes Jahr in der 7. Klasse konkret so aus: Statt 30 Wochenstunden hatte er nur 26. Im 1. Halbjahr gab es keine Geschichte und keinen Sport, im 2. Halbjahr entfielen zugunsten dieser beiden Fächer wiederum Ethik und das in Klasse 7 gerade neu eingeführte Fach Physik. Ein halbes Jahr Physik, dann wieder kein Physikunterricht – das ist kein Witz, das ist bittere Realität. Hinzu kamen permanente Unterrichtsausfälle, so dass faktisch nur zwischen 20 und 22 Stunden gegeben wurden.
    So bilden wir in Rheinland-Pfalz aktuell unsere Kinder aus.

    • @Stephan Marlow “Medienkompetenz als Schulfach” – danke für die Bemerkung – ich glaube , das ist ein ganz wichtiger Punkt.

      • Ein Schulfach Medienkomptenz? Als Hauptfach? Super Idee. Warum nicht gleich Lebenskompetenz? Da hapert es auch.

        • @50hz Ich bin mir nicht ganz sicher, ob der Kommentar ernst oder zynisch gemeint ist. Und ich war/bin ja auch nur in der Erwachsenenbildung tätig und gestalte und verfolge Online-Vorlesungung, deswegen fehlt mir bei den Schulen das Detailwissen. Aber ich weiß eines: Ein Großteil meiner Schulfreunde sind Schullehrer geworden. Sie sind jetzt wie ich Anfang Vierzig. Und ich kann gerade live dabei zusehen, wie viele von ihnen den Anschluß an die medialen Lebenswelt der Schüler schrittweise verlieren. Insbesondere können sie die Schüler nicht mehr kompetent in Online-Fragen beraten. Das ist nicht gut.

          Aber um Missverständnisse zu vermeiden: Die schulischen Missstände hinsichtlich Budget, Ausstattung, und Personaldecke (von denen ich durch meine armen geplagten Freunde auch weiß) sind sicher *noch* schlimmer. Ohne Geld und Zeit kann man auch nichts verbessern, da dürften wir uns wohl alle einig sein.

          • Ernst gemeint. Medienkompetenz ist eine Kompetenz. Und kein Fach. Sie gehört in den schulischen Alltag und nicht in eine Nische. Ich glaube aber, wir sind einander nicht fern. Es ist letztlich nur eine Strukturfrage.

    • Medienkompetenz wäre – neben einer Programmiersprache – schon das zweite Fach, das zum Fächerkanon hinzutreten soll. Momentan ist Medienkompetenz integrativer Bestandteil verschiedener Lehrpläne, und das ist konzeptionell auch der viel bessere Weg.

      Lehrkräfte sind es gewohnt, sich immer wieder auf neue Inhalte einzulassen und sich in diese einzuarbeiten. Wo siehst Du die besondere Schwierigkeit im Hinblick auf Soziale Netzwerke?

      Die Kritik an Unterrichts- und Ausstattungsbedingungen trifft den Kern. Schuletats müssten deutlich erhöht werden, um auch nur einigermaßen die Forderungen der Lehrpläne einhalten zu können. Im Zuge von Haushaltsberatungen ist zumindest in meinem Bundesland das Gegenteil der Fall.

  18. Nur mal so, ein kleines Erlebnis vom Elternabend Grundschule.
    erste Lehrerin zu den Eltern: lassen Sie Ihr Kind keinesfalls an den PC, das ist super gefährlich, ganz schlimm und macht Ihre KInder dumm und abhängig.
    zweite Lehrerin gleich hinterher: üben Sie mir Ihren Kindern am PC, sprechen Sie über seine Möglichkeiten, trainieren Sie Programm wie Word etc, informieren Sie über Suchmaschinen etc. Das brauchen Ihre Kinder spätestens aber de 5. Klasse.
    Tja, von wegen Medienkompetenz, so lange es so unterschiedliche Appelle und Aussagen gibt, müsen wir erst mal ganz am Anfang anfangen, was Lehrpläne und Lehrerkompetenzen angeht,. Da liegt die Programmiersprache noch in ganz weiter ferne. Aber wozu lernen, ist doch eh alles Teufelszeug.

  19. Stephan Mahlow 17.02.2013 at 17:45

    Persönlichkeitsbildung ist sehr wichtig, ganz klar.
    Nicht umsonst bezeichnet man das Abitur ja auch als Reifeprüfung.
    Aber kann man das in Lehrpläne fassen?
    Dass die Schule mithelfen sollte, aus Kindern aufgeklärte, verantwortungsbewusste Menschen zu machen, die auf eigenen Füßen stehen und einen Wertekanon als Rüstzeug mitbekommen haben, hat dann doch auch etwas von einer Binsenweisheit.
    Ich sehe das übrigens zunächst einmal als ureigenste Aufgabe von uns Eltern an.

    Die Lehrpläne selbst sind aber in der Tat reichlich verstaubt und weltfremd. Das waren sie schon, als ich vor 27 Jahren Abitur gemacht habe. Wenn ich nur daran denke, wie wir im Deutsch-Leistungskurs monatelang Goethes Faust „analysiert“ haben – bis zum letzten Gedankenstrich. Ein Wunder eigentlich, dass mir der Unterricht die Freude an diesem Text nicht komplett verleidet hat. Wobei zwei Stunden eigentlich genügt hätten, um die Faszination Faust begreiflich zu machen. Genauer gesagt: 128 Minuten. So lange dauert die Gründgens-Verfilmung von 1960, die wir uns zum Abschluss der Unterrichtseinheit im Kino angesehen haben. War das eine Offenbarung! Als ein paar Jahre später der Film endlich auf VHS zu kaufen war, bin ich vor Freude schier geplatzt. Meine Frau und damalige Freundin rollt noch heute die Augen bei dem Thema ;-)

    Man müsste die Lehrpläne jedenfalls dringend entrümpeln. Zu meiner Zeit hieß die Oberstufe in Rheinland-Pfalz „Mainzer Studien-Stufe“ (MSS). So heißt sie tatsächlich noch heute. Und am System selbst hat sich auch fast nichts verändert, wie ich zuletzt im Gespräch mit einem Abiturienten feststellen konnte. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass sich Rheinland-Pfalz dem G8-Abitur erfolgreich verweigert. Und das ist dann aus meiner Sicht tatsächlich mal ein positiver Aspekt unseres problematischen Bildungsföderalismus.

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  1. Neues aus dem Abfall, 18. Februar 2013 | Hendryk Schäfer - 18.02.2013

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