Der Meteoriteneinschlag erreicht SimCity beim Launch

Meteor
Derzeit kann man sich angucken, wie Electronic Arts, ein Unternehmen mit 3 Milliarden Dollar Jahresumsatz den Launch eines der lang und heißest ersehnten Spieletitel völlig in den Sand setzt. Die EA Tochter Maxis hat am 7. März nach einer längeren Ankündigungsphase und sogar einer Periode, in der Beta-Tester das Spiel testen konnten, endlich SimCity veröffentlicht. Die Vorfreude war riesig, auch bei mir, aber ich musste schon bald erfahren, dass die Mac-Version zwar noch im Frühjahr erscheinen soll, aber eben nicht jetzt. Das ist schade, aber verständlich. Bei anderen Spielern war die Vorfreude ebenfalls riesig, aber dann passierte der Mega-Gau, quasi der Meteroriteneinschlag bei der gerade wundervoll wachsenden Stadt: die Server waren überlastet und die Spieler konnten SimCity nicht spielen. SimCity war bislang bekannt als Spiel für einen Spieler, das ohne Online-Verbindung gespielt werden konnte, weil sich der einzelne Spieler nur auf die Geschicke seiner Stadt konzentrierte.

SimCity Limited EditionSimCity wurde nämlich in der neuen Version mit etwas versehen, was aus Sicht des Spiele-Publishers sehr sinnvoll erscheint: Online-DRM. Die Kunden werden gezwungen, online zu spielen und sich an Servern anzumelden, damit verhindert wird, dass das Spiel millionenfach kopiert und kostenlos im Internet verteilt wird. Aus Sicht der Spieler bedeutet dies eine ziemliche Einschränkung, denn man kann nur spielen, wenn eine Online-Verbindung besteht. Was natürlich vor allem deshalb eher absurd ist aus Sicht der Nutzer, weil SimCity eigentlich keine permanente Online-Verbindung vorraussetzen müsste, da Spieler ja alleine ihre Stadt aufbauen. EA und Maxis haben daher einen kleinen Trick angewendet und die Städte zu Regionen zusammengefasst, so daß nun auch andere Städte Auswirkungen auf die eigene Stadt haben können. Früher wurde dafür einfach die KI genutzt und einfach simuliert, wie die Nachbarstädte sich verhalten würden, heute will der Spiele-Publisher dies als Begründung für das Online-Gameplay anführen. Der eigentliche Grund ist allerdings das Digital Rights Management, das ein Online-Gameplay zwingend vorraussetzt.

Auch wenn ich diese strategische Entscheidung nicht gut finde, so kann ich die Sicht des Publishers nachvollziehen. Was ich nicht nachvollziehen kann, ist die Tatsache, dass EA/Maxis nicht in der Lage waren, den Ansturm auf Sim City auch nur ansatzweise zu antizipieren. Sim City war für die meisten Spieler in den letzten Tagen nicht spielbar, weil zu wenig Server verfügbar waren und ohne das Anmelden an einen Server das Spiel wegen Online-DRM nicht funktionierte. Erstaunlich ist in Zeiten der Cloud, dass EA etliche Tage benötigte, um endlich genügend Server-Kapazitäten bereitzustellen und immer noch nicht alles funktioniert. Eine der Verantwortlichen bei Maxis bloggte dazu gestern:

I had hoped to issue an “All-Clear” tonight, but there are still some elements coming together. Tonight and tomorrow we’ll be monitoring each server and gameplay metrics to ensure that the service remains strong and game is playing great. We need a few more days of data before we can assure you that the problem is completely solved and the game is running at 100 percent.

Dieser komplett mißratene Start von SimCity sorgte zwischenzeitlich nicht nur für schlechte Reviews eines Spiels, das in der Beta-Phase noch von vielen Spielern gefeiert wurde, sondern führte auch dazu, dass beispielsweise Amazon die Download-Version von SimCity nicht mehr zur Verfügung stellte. Sicherlich ist das Entwickeln und Veröffentlichen eines Spiels wie SimCity eine große Herausforderung für einen Spiele-Entwickler, aber EA bzw. Maxis sind jetzt auch keine Hinterhofklitschen mehr, die nicht wissen, was sie da eigentlich tun.

Ein Mitarbeiter von EA, der bislang anonym blieb, hat einen sehr zornigen öffentlichen Brief an seinen Arbeitgeber geschrieben, der zeigt, wie frustrierend die Launch-Phase auch für die Angestellten bei EA ist:

I am deeply embarrassed by the troubled launch of Sim City and I hope you are too. When I walk around our campus and look at the kind of talent we’ve collected, the amenities we have access to and the opportunities working at such a big company affords us, I can’t imagine how for release after release, EA continues to make the same embarrassing, anti-consumer mistakes. We should be better than this. You should not be failing us so badly.

Online-DRM mag eine gute Idee sein aus Sicht des Spiele-Publishers, aber wenn die Spieler nicht online gehen können, weil nicht genügend Server-Kapazitäten bereitstehen, dann sind die Fans frustriert und die positive Presse wendet sich schnell. Ich jedenfalls hatte mich bereits auf Bahnfahrten eingestellt, bei denen ich städtebaulich aktiv werden könnte, daraus wird nun wohl nichts werden, es sei denn, EA/Maxis besinnen sich noch mal und bieten auch eine Offline-Spielvariante an. EA/Maxis haben zum Start von SimCity Millionen von Kunden enttäuscht, die sehnlichst auf die neue Version von SimCity gewartet haben, weil sie es nicht geschafft haben, aus Perspektive der Kunden an die Konzeption dieses Spiels heranzugehen. Nach dem Buzz der vergangenen Monate ist es umso frustrierender, wenn dann SimCity für viele Kunden unspielbar bleibt in den ersten Tagen.

Es bleibt abzuwarten, wie schnell EA/Maxis bei SimCity den Meteoriteneinschlag bewältigt bekommen und ihre Kunden wieder zu Fans werden lassen.

Die Sache mit dem Pioniertum

Zum Ende des Quartals werde ich als Vorstand bei Digital Pioneers ausscheiden. Ich habe dort letztes Jahr einen Inkubator aufgebaut, der einen starken Fokus auf mobile Produkte und Technologie hat. Digital Pioneers wird sich künftig auf das bestehende Portfolio konzentrieren, was für mich nicht mehr so reizvoll ist, da ich neue Ideen entwickeln und umsetzen will.

In meiner Zeit als COO habe ich u.a. die Gründung und Entwicklung von Stuffle vorangetrieben, ein Investment in Arzttermine.de vorgenommen und das Startup Roombeats von den ersten Gedanken bis zur Gründung und einem Investment seitens Digital Pioneers begleitet. Die drei Firmen haben alle Folgefinanzierungen bekommen und entwickeln sich gerade prächtig. Ich hatte das große Glück, ein tolles Team aufbauen und ein wenig führen zu können, das hat auf allen Ebenen sehr viel Spaß gebracht und zu tollen Ergebnissen geführt. Dem Team möchte ich an dieser Stelle noch einmal für die tolle Zeit danken, genauso wie ich Heiko Hubertz danken möchte für die vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Aktuell führe ich einige Gespräche, bei denen es um die Tagcloud Mobile, Innovation, Web, Hamburg, Social Media, Accelerator, Zukunft, Tablet, Berlin, Inkubator, Kreativität, Disruption, Internet, Agentur, Digital geht. Ich bin mir sicher, die Zukunft wird spannend werden, da die Innovationszyklen immer schneller sind und die disruptive Kraft der Digitalisierung die unterschiedlichsten Lebensbereiche erfassen wird. Diesen Weg werde ich auch künftig aktiv begleiten, allerdings weiss ich aktuell noch nicht, in welcher Rolle.

Mehr über mich findet sich bei about.me/Lumma, xing.com/profile/Nico_Lumma und natürlich auch bei de.linkedin.com/in/lumma/, erreichbar bin ich über nico@lumma.de.

Papierlos und so mit Doxie Go

Neulich las ich How I Went Completely Paperless in Two Days und dachte mir, dass ich vielleicht auf meine alten Tage doch noch mal das Thema Ablage angehen könnte. Jedenfalls habe ich den Artikel gelesen und war fasziniert, dass es mittlerweile Scanner gibt, die man direkt mit Evernote verknüpfen kann. Nachdem ich den Artikel getwittert hatte und mit Christiane Link einen kleinen Austausch über den im Artikel erwähnten Scanner von Doxie geführt hatte, bot mir Doxie an, mir einen Doxie Go zu schicken.

Wir haben so eine Drucker/Scanner/Kopierer/Wagenheber/Sonstwaskombi-Lösung von HP rumstehen, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass das Scannen immer dazu führt, dass ich irgendeinen Treiber neu installieren muss, damit die Scans auch wirklich am Rechner ankommen. Dazu kommt, dass der Scanner einen Lärm macht, der davon zeugt, dass wirklich harte Arbeit verrichtet wird, um ein Dokument zu digitalisieren. Natürlich nutze ich den Scanner nur unter Protest, ich bin einfach zu bequem.

Doxie GoDer Doxie Go ist da anders. Anschalten, Papier durchschieben, auf dem Rechner angucken oder direkt an Evernote, Dropbox, Google Drive oder sonstwo abspeichern. Man kann sogar direkt die Dokumente twittern, so weit bin ich aber noch nicht mit meinen Transparenz-Absichten. Da Google Drive OCR kann, landen die Scans nun so bei Google Drive, dass ich theoretisch alles wiederfinde. Der Doxie Go ist eher so die minimal fuzz Variante eines Scanners. Es gibt nur einen An- und Ausschaltknopf und das war es dann. Papier durchschieben und fertig. Ich werde das Setup noch um eine Eye-Fi Karte mit WLAN ergänzen, damit ich nicht extra den Doxie Go Scanner über USB mit meinem Laptop verbinden muss.

Was jetzt noch fehlt: ich müsste wirklich mal anfangen, die gesamte eingehende Post zu scannen. Die Tools sind jetzt da, nun geht es lediglich darum, die Abläufe zu verändern. Aber Change Management Prozesse im Haushalt können ja auch so ihre Tücken haben.

Ego und ich

Ego von Frank SchirrmacherAllein schon weil das Buch Ego: Das Spiel des Lebens von Frank Schirrmacher von der Kritik noch vor Erscheinen verrissen wurde, wollte ich es lesen und mir mein eigenes Bild davon versuchen zu bilden. Ich hatte Payback bereits nicht gelesen, aber des Öfteren gehört, dass Schirrmacher sich sehr mit den Auswirkungen von digitaler Technologie auf Wirtschaft und Gesellschaft auseinandersetzt.

Ich habe Ego gerne gelesen, vor allem, weil es mich leicht verwirrt zurücklässt und mich zum Nachdenken angeregt hat.

Verwirrt hat das Buch mich vor allem, weil so eine arg weit ausholende Verschwörungstheorie entwickelt wird, die mich nicht so überzeugt hat. Beim Lesen hatte ich oftmals den Gedanken “ist fefe jetzt unter die Ghostwriter gegangen?” im Kopf, denn Schirrmacher zeichnet eine breit angelegte Verschwörung des militärisch-wissenschaftlichen Komplexes zusammen mit der Finanzbranche, die uns alle zu purem Fleisch degradieren wollen, oder es schon lange getan haben, damit wir willenlos in diesem Spiel unseren Part übernehmen. Matrix lässt grüßen, aber auch der Science-Fiction Roman Interface von Stephen Bury, ein Pseudonym für Neal Stephenson und George Jewsbury, zeichnete ein ähnlich düsteres Bild der Zukunft. Bei Interface geht es um einen amerikanischen Präsidentschaftskandidaten, dem ein Biochip eingepflanzt wird und der dann quasi von einem Konglomerat des Bösen ferngesteuert wird. Ich hatte bei der Lektüre von Ego ganz oft die Hoffnung, dass auf der nächsten Seite endlich die Auflösung kommt, wer denn der Hauptverantwortliche bei dieser internationalen, aber vor allem amerikanischen, Verschwörung des bösesten Kapitalismus sein könnte. Ich habe eigentlich immer ein Bild von einem dicken Typ mit Glatze und Katze auf dem Schoß erwartet, aber vielleicht habe ich einfach auch zu viele James Bond Filme geguckt.

Andererseits hat mir Schirrmacher doch sehr oft den Spiegel vorgehalten und hat bei einigen Themen durchaus Zweifel geweckt oder bestärkt. Ich laufe gerne sehr frohen Mutes durch die Gegend und glaube fest daran, daß das Internet und die digitale Gesellschaft ein enormes Potential mit sich bringen, das wir unbedingt heben sollten. Aber ab und zu lohnt es sich, mal innezuhalten und zu hinterfragen, ob wirklich alles das, was gerade möglich ist, auch sinnvoll ist oder ob wir nur ansatzweise abschätzen können, was dies für Auswirkungen mit sich bringen würde. Schon nach einigen Seiten des Buches kam mir dann der Gedanke “ich würde gerne mal eine Diskussion zwischen Kevin Kelly und Frank Schirrmacher moderieren, das dürfte spannend werden” und schwupps, nur einige hundert weitere Clicks auf dem Kindle wurde Kelly und die kalifornische Ideologie ebenfalls von Schirrmacher thematisiert, natürlich mit dem Ausgangspunkt des Free Speech Movements in Berkeley in den frühen Sechzigern. Da ich ebenfalls in Berkeley studiert habe, wenn auch 30 Jahre später, habe ich durchaus in meiner Denke Parallelen zu den von Schirrmacher kritisierten Herangehensweisen gesehen, die in der Bay Area sehr präsent sind.

Schirrmacher drückt dies so aus:

Wenn heute Kritik an technologischen Innovationen mit “Maschinenstürmerei” abgetan wird, ist das von atemberaubender Naivität. Kritik an Technologien ist immer eine an den sozialen und kognitiven Zwängen, die sie produzieren, indem sie von der Ökonomie als Erklärungsmodell gebraucht und missbraucht werden.

Zack, das saß, zumal ich gerne Leute als Ludditen bezeichne und mich heimlich daran erfreue, wenn der Begriff nicht bekannt ist.

Nach der Lektüre von Ego: Das Spiel des Lebens bin ich mehr als je zuvor sicher, dass wir als Gesellschaft größere Anstrengungen unternehmen müssen, zu verstehen, was die digitale Gesellschaft wirklich an Herausforderungen mit sich bringt. Um im Schirrmacherschen Duktus zu bleiben: wir müssen lernen, wie das Monster programmiert wurde. Oder um es mit Douglas Rushkoff auszudrücken: Program or be programmed. Oder mit Lumma: Eine Programmiersprache als zweite Fremdsprache! – wir haben in der Tat etwas geschaffen, was so komplex geworden ist, dass wir Schwierigkeiten bekommen, die Abläufe zu begreifen. Allerdings hat die Menschheit schon des Öfteren Komplexitätssprünge bewältigt, warum sollten wir das nicht wieder schaffen? Schirrmacher hat jetzt kein Buch geschrieben, bei dem ich permanent “Recht hat er, guter Mann!” in meinen nicht vorhandenen Bart murmeln muss, aber er gibt wie zu erwarten wichtige Impulse für eine längst überfällige Debatte in Deutschland.