Was erlauben Brigitte?

Nico —  29.04.2013

Ich hätte nie gedacht, dass die Platzfrage bei einem Strafprozess mal dafür sorgen würde, dass viele Leute einfach ihrem inneren Chauvi freien Lauf lassen. Der NSU-Prozess hat im Vorfeld zu vielen Diskussionen geführt und nun ist beim Losverfahren, das nach journalistischen Gattungen gewichtet wurde, eben herausgekommen, dass die BRIGITTE vom NSU-Prozess direkt berichten können wird.

Was passiert daraufhin? Spott und Häme.

Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, wieso die BRIGITTE diese Reaktionen hervorruft. Natürlich ist es schade, dass nicht alle Journalistinnen und Journalisten, die vom NSU-Prozess berichten wollen, auch die Gelegenheit dazu bekommen werden. Aber bei über 40 zugelassenen Journalisten bekomme ich nicht das Gefühl, zu wenig über den NSU-Prozess erfahren zu können.

Also, was ist jetzt das Problem, wenn die BRIGITTE vom NSU-Prozess berichten wird? Sicherlich, die BRIGITTE ist eine Frauenzeitschrift, aber das bedeutet nicht, dass die BRIGITTE nicht in der Lage sein wird, tiefgründig zu berichten. Warum lassen wir uns nicht einfach mal darauf ein, dass die digitale Transformation auch dafür sorgt, dass die herkömmliche Einteilung in Tageszeitung, Wochenzeitung und Zeitschrift durcheinander gewirbelt wird. Ich bin mit der BRIGITTE groß geworden und habe gerne die Dossiers gelesen, daher gehe ich davon aus, dass die BRIGITTE den NSU-Prozess anders begleiten wird als die üblichen Verdächtigen, aber das sorgt doch eher für Abwechslung für den Leser oder die Leserin.

Die Losvergabe beim NSU-Prozess ist sicherlich nicht glücklich für alle Beteiligten verlaufen, aber die BRIGITTE sehe ich als einen möglichen Gewinn für die Berichterstattung an.

26 responses to Was erlauben Brigitte?

  1. Das kann ich nur unterschreiben: Bei der Brigitte arbeiten genauso vollwertige Redakteurinnen und Redakteure wie bei allen anderen seriösen Blättern, Sendern oder Onlineausgaben auch. Die Zeitschrift ist nicht auf Mode, Kosmetik, Wohnungsdeko und Rezepte beschränkt. Warum also diese Häme? Angenommen, der Playboy hätte einen Platz im NSU-Prozess erlost, wären die Kommentare dann auch so oder ähnlich ausgefallen? Interessante Frage, die sich leider nicht beantworten lässt.

    • Ich will der Redaktion der »Brigitte« nicht zu nahe treten, aber die endlosen PR-Strecken für Mode und Kosmetik sind kein Zeichen für guten Journalismus. Und die Diäten auch nicht.

      Aber ich unterstelle Lernfähigkeit: In der gedruckten Zeitschrift und (wie Nico Lumma sagt) in der Online-Ausgabe sind in der Tat Überraschungen möglich. Ja, ich denke, dass man das Thema aus der Sicht von Leserinnen behandeln kann. Es wäre einen Test wert. Wenn die ersten Artikel über den Prozess erscheinen, werde ich meine Frau anstiften, eine Brigitte-Ausgabe zu kaufen ;-)

  2. Jakob Augstein hat in einem Facebook-Kommentar 3 Sätze dazu geschrieben und mehr muss nicht gesagt werden
    Zitat „Dieser Prozess ist kein Bundesligaspiel, wo man sich um
    die Karten kloppt. Es geht um die Opfer, ihre Angehoerigen und den Rechtsfrieden. Die Auflage von tz und Welt ist nicht Sache des Gerichts. Unabhaengige Berichterstattung ist gesichert. Die Klage verlaengert nur das Leid der Angehoerigen – aus rein Profitinteresse.“ -Zitatende

  3. Einerseits finde ich es ja originell, dass es immer Männer sind, die ganz genau wissen, was in Frauenzeitschriften steht. Andererseits finde ich es wirklich traurig, dass sie in diesem Fall recht behalten haben: https://www.brigitte.de/frauen/gesellschaft/anja-sturm-1161557/

    • Na so schlecht war der Artikel doch nicht… Die „bunte“ Beschreibung war jetzt schon Leserinnen-orientiert. Na, und. Andere Artikel und Beiträge (Rundfunk, TV) schaffen auch immer „Atmo“. Ich mag auch kein Musikantenstadl…
      Aber auch mal über die Verteidigerin zu berichten war durchaus interessant – wenn auch nicht tiefgründig…

  4. Tatsächlich ist verwunderlich, dass ein Prozess dieses Ausmaßes nicht zumindest für die Medienvertreter übertragen wird. Dass die Plätze nicht ausreichen würden, war vorn herein klar, und dass das Los-Verfahren unbefriedigend bleiben würde, auch.

    Nico, es ist doch nicht ernsthaft vorstellbar, dass vom nächsten Parteitag der Sozialdemokraten die „Für Sie“ und die „Bunte“ berichten statt Tagesschau und FAZ, nur weil dort ebenfalls Journalisten arbeiten. ;)

    Prinzipiell ist es natürlich richtig, dass die Brigitte in diesem so angelegten Auswahlverfahren das gleiche Recht wie alle anderen Medien hatte, sich um einen Platz zu bewerben. Nun hat diese Zeitung aber ein Marketing-Konzept und eine Zielgruppe, die Features wie das von Esmeralda verlinkte auch in Zukunft wahrscheinlich erscheinen lassen. Ob das dem Ernst der Lage gerecht wird, wenn Medien wie „die Zeit“ qua Lospech nicht aus erster Hand werden analysieren und berichten können? Wird das unserem demokratischen Selbstverständnis, unserem Informationsbedürfnis, unserer Pflicht und unserer Ernsthaftigkeit auch gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen gerecht?

    Ich befürchte, dass das letzte Richter-Wort hier noch nicht gesprochen ist; was auf verschiedenen Ebenen ausgesprochen schlimm wäre, wenn es dadurch erneut zu Verzögerungen käme.

    • Ich finde eben nicht, dass die BRIGITTE auf einem Niveau mit Für Sie oder Bunte ist, aber selbst diese Zeitschriften haben einen großen LeserInnenkreis, warum sollten die nicht von einem relevanten Prozess berichten?

      Online sind Formate möglich, die aus dem bisherigen Rahmen ausbrechen, aber dennoch eine Berichterstattung zulassen, die für die Zielgruppe interessant ist.

  5. Die Brigitte ist sicherlich nicht das richtige Forum um über diesen Prozess zu berichten. Aber das ganze drumherum macht den Prozess heute schon völlig lächerlich. Dahinter steckt natürlich die Absicht, den Nazis möglichst viel freien Raum zu geben um von den eigentlichen Taten abzulenken.

    Man darf nie vergessen, dass dieser Prozess ja extra deshalb in Bayern stattfindet, damit die Nazis besser abschneiden.

    • @Jochen_Hoff: Was für ein Unsinn! Das Theater in den Medien wird aufgeführt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Und das um jeden Preis. Inhalt ist nebensächlich.

  6. Im Ernst, in der Brigitte steht dann wahrscheinlich, wer welche Schuhe zur Robe trägt und ob ein Fransenpony dem Ernst der Lage angemessen ist. (Man achte nur auf den weiter oben verlinkten Artikel, bei dem zuerst die optische Aufmachung der Anwältin hervorgehoben wird. WZH und wen kümmert’s?)

    • Ich sehe irgendwie nicht das Problem, wenn in einem drei“seitigen“ Porträt einer Person in einem Satz Aussehen und Kleidungsstil erwähnt wird. Natürlich passiert so was gern am Anfang. Mal abgesehen davon, dass man davon ausgehen kann, dass das gewählte Optische zu einer Person dazugehört. Ich sehe da auch keine Wertung der Brigitte, keine Nennung der Designermarke, kein Stylinghinweis oder ähnliches. Man kann natürlich überall alberne Kritikpunkte finden, wenn man es denn drauf anlegt.

      Sicher braucht man das nicht zwingend, aber was dringend nötig ist, und was als Ausgestaltungsmittel zu einem gut lesbaren Bericht gehört, bleibt dann wohl doch den Journalisten überlassen.

      • Ich hatte die Kolumne von Elke Heidenreich früher auch gerne gelesen (immer im Urlaub, wenn Mutter mal ’ne Brigitte gekauft hatte) und die Kinderseite auch. Aber politische Analyse geht einfach anders. Dazu braucht es geschulte Journalisten, die die Geschehnisse jenseits von Schuh-Moden einzuordnen in der Lage sind.

        Nichts dagegen, wenn auch die Brigitte für ihre Zielgruppe berichtet: Dass ihretwegen aber politische Redaktionen, deren täglich Brot das ist, ausgeschlossen sind, ist schlicht ein Ding der Unmöglichkeit.

        Deswegen wird es eine erneute Klage geben: Mit Blick auf die Opfer und ihre Angehörigen ein Desaster, ist dieses schlimme Gezerre, verursacht durch das vorherige Verbot der Übertragung (zumindest an Medienvertreter), aus meiner Perspektive leider unumgänglich.

  7. Schöner Wohnen ist auch dabei?

  8. „Sicherlich, die BRIGITTE ist eine Frauenzeitschrift, aber das bedeutet nicht, dass die BRIGITTE nicht in der Lage sein wird, tiefgründig zu berichten. “

    Ich habe zuletzt vor 5 oder 6 Monaten beim Arzt eine BRIGITTE in der Hand gehabt. Ich konnte in dieser Zeitung absolut nichts tiefgründiges finden. Von daher verstehe ich nicht, wie man eine solche Erwartungshaltung aufbauen kann.

    Genau so wenig würde ich übrigens von Men’s Health, GQ oder anderen Männer-Magazinen eine tiefgründige Berichterstattung zu diesem Fall erwarten.

    Es geht also weniger darum, dass BRIGITTE eine Frauen-Zeitschrift ist, sondern ganz einfach darum, dass es eine Lari-Fari-Die-Welt-Ist-Schön-Aber-Wir-Müssen-Ein-Bisschen-Abnehmen-Zeitschrift ist.

    • @Gilly: Das mag sein. Ich habe traditionell einmal im Jahr eine Stichprobe, wenn sich meine Frau auf der Fahrt in den Urlaub diese Zeitschrift kauft. Was die Mode- und Kosmetik-PR betrifft, haben Sie recht.

      Aber wenn man optimistisch ist, kann man Lernfähigkeit unterstellen. Lernfähigkeit bei den Journalistinnen und bei den Leserinnen. Die »Brigitte« steht jetzt so sehr im Licht der Öffentlichkeit, dass sie gut berichten /muss/.

  9. Uwe Große 30.04.2013 at 10:45

    Für den Satz
    „Aber bei über 40 zugelassenen Journalisten bekomme ich nicht das Gefühl, zu wenig über den NSU-Prozess erfahren zu können.“

    sei Ihnen mein besonderer Dank ausgesprochen!
    Es ist nicht die Aufgabe des Gerichtes Qualität und Qualifikation der Losgewinner zu beurteilen und zu gewichten. Und das ist in unserem Land auch aus gutem Grund so.

  10. Nico, du findest „BRIGITTE ist eine Frauenzeitschrift“. Wie bist du zu diesem Urteil gekommen?

  11. Der erste Fehler beim Vergabeverfahren war schon schlimm. Aber gut. Kann passieren. Jetzt wird das ganze allerdings zur Farce. Brigitte ist ja nicht mal das schlimmste Ergebnis dieses unwürdigen Verfahrens. Ansonsten zählen noch zu den Gewinnern:
    Radio Lora (ein Münchner Hobby/Bürger-Radio-Sender, der nicht mal in München überall empfangbar ist)
    Radio Lotte Weimar (kenn ich nicht, der Name spricht aber schon Bände)
    Pforzheimer Zeitung (dito)
    Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung (Puh. Die kenne ich. Hart)

    Zufällig weiß ich, dass die Stimmung beim Oberlandesgericht sehr, sehr schlecht ist. Der einzige Grund, warum der Huber Charly nicht öffentlich tobt, ist, dass er das als Präsident einfach nicht machen kann und jetzt hofft, dass sie da irgendwie durchkommen.
    Natürlich war die Vergabe „vollkommen korrekt“. Er weiß aber selber, dass sich „vollkommen korrekt“ und „maximal ungeschickt“ nicht ausschließen. Das kann er halt nur nicht sagen.

    Übrigens mag das für manche Kommentatoren überraschend sein, aber es gibt einen Grund, warum manche Journalisten bei der Brigitte arbeiten, andere bei der FAZ. Und das hat nichts mit dem Status „vollwertige Redakteurinnen und Redakteur“ zu tun, sondern mit der Qualität der Arbeit.

    Trotzdem hoffe ich, dass jetzt nicht erneut Klage eingereicht wird und der Prozess einigermassen würdig über die Bühne geht. Wenn das so weiter geht, wäre das ganz, ganz schlecht.

  12. Das Problem ist, dass Deutschland halt a) ein Land voller Chauvies ist und b) Twitter für nicht mehr als Sponti-Sprüche 2.0 ist. Nimmt man beides Zusamme ist das Ergebnis halt berechenbar (und einer der Gründe, aus denen ich Twitter halt meide).

  13. Die „digitale Transformation“ macht aus der BRIGITTE nunmal kein Nachrichtenmagazin. Was ist daran nicht zu verstehen?

    Ich hab allerdings nichts dagegen, dass die Brigitte berichten darf. Viel mehr wundert es mich, warum man nicht genug Plätze für alle wichtigen Player zustande bekommt!

    Jeweils 1 Platz für die 20 reichweitenstärksten Medien – dass muss doch zu schaffen sein!

  14. Herr Lumma, es gibt Zeitungen und Magazine, die sind für die öffentliche Meinungsbildung wichtig. Dazu gehört – mit Verlaub – „Brigitte“ nicht. Es geht auch gar nicht darum, ob die Kolleginnen und Kollegen in der „Brigitte“-Redaktion ihr Handwerk verstehen oder nicht (das werden sie wohl, sonst wäre die älteste Frauenzeitschrift auf dem deutschen Markt längst eingestellt), sondern es geht darum, dass sich „Brigitte“ in der Vergangenheit nicht unbedingt durch Prozessberichterstattung einen Namen gemacht hat. Ich denke, bei allem Respekt: Das können die Kollegen anderer Titel einfach besser. Ähnlich wie beim Chirurg: Wer immer nur Wurmfortsätze entfernt, wird sich mit einer Herz-OP schwer tun.

    Auch hat das rein gar nichts mit Print oder Online zu tun. Es geht hier nicht um Formate, Herr Lumma, sondern um Handwerkliches, nämlich die Berichterstattung über einen Prozess mit allem Drumherum: Hintergründe, Analayse usw.

    Man kann eben nicht „Hallo München“, Radio Lotte und „Brigitte“ mit FAZ, SZ, Welt und taz in einen Topf werfen. Wer das tut, hat leider von der deutschen Medienlandschaft keine Ahnung.

  15. AAAAAAARGH, was ist das jetzt für eine Diskussion? Nehmen wir ganz kurz an die Brigitte wird nur aus Frauensicht (was auch immer dies bedeuten mag) über den Prozess berichten, dann würden mir als Chefredakteurin spontan 20 Themen einfallen die nichts mit Chauvinismus zu tun hätten. Da ich ein Kerl bin, und ich glaube bei der Brigitte arbeiten Journalistinnen, gehe ich davon aus, dass denen noch viel mehr dazu einfällt.

    Darf ich mal fragen was die Herrschaften von den anderen Medien erwarten? Haben wir nicht alle schon eine klare Vorstellung davon wie welches Medium berichten wird? Also macht Euch mal nicht ins Hemd und überlegt kurz worum es bei dem Prozess geht.

  16. sabinasabina 30.04.2013 at 14:18

    Ich lese auf jeden Fall die Brigitte, immer schon. Und natürlich käme ich nie auf die Idee, unseriöse oder schlechte Berichterstattung von der Brigitte zu erwarten. Ganz im Gegenteil. Nur ist die Brigitte ein Monatsmagazin, keine Tageszeitung. Und eine Tageszeitung kann in D ja lokal oder regional oder, überregional erscheinen. Und auch, wenn jetzt einige erstaunt sein mögen, aber darüber in der OF Post,( sehr geschätzte Kollegen), zu lesen ist ein Unterschied zu dem, was Die Zeit, Süddeutsche oder FAS daraus machen würden. Und solange die Meinung vorherrscht, dass jeder, der Buchstaben ins Internet tippen kann gleichzusetzen ist mit einem Journalisten, der hat leider nicht verstanden, was journalistische Arbeit ausmacht und warum die Pressefreiheit ein verfassungsrechtlich geschütztes Gut ist und damit auch Informationsrechte und Zugangsrechte einhergehen. Huch, so was gibts?

  17. Hanna Nühm 1.05.2013 at 16:51

    Also, um mal vorweg den Autor @Nico zu dissen: Früher hätte man seinen Post als Flamebait bezeichnet. Heute: Linkbait.

    Ein Chauvi, wer lieber erstmal die überregionale Tagespresse statt einer monatlichen Frauenzeitschrift bedacht wüsste? Eine, deren erste Amtshandlung es ist, in der Rubrik „Frauen“ über die „knallroten Lippen“ von Zschäpes Anwältin Atmo zu verströmen? Wenn das mal kein UnSeriositätsbeweis-cum-Knieschuss ist! Sehen übrigens viele LeserInnen des Artikel genauso, man beachte den Partisanenkrieg in den Diskussionen.

    Fazit: Das ganze ist eine Peinlichkeit auf höchstem internationalen Niveau. Wäre der Hintergrund nicht so ernst, könnte man wenigstens das Lübke-Gedächtnis-Gelächter anstimmen.

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