Schwindet das Vertrauen in die digitale Gesellschaft?

Wir sind gerade an einer Schwelle angelangt, an der sich das Vertrauen in der digitalen Gesellschaft grundlegend verändern wird. Ich weiss allerdings nicht, wie reversibel dies sein wird.

Ich mache das an drei Punkten fest: dem Vertrauen in andere Nutzer, dem Vertrauen in Anbieter und dem Vertrauen in den Staat.

Alle diejenigen, die bereits seit Mitte der 90er Jahre online sind, erinnern noch die stark ausgeprägte nichtkommerzielle Seite des Netzes. Es gab vergleichsweise wenig Nutzer, man nutzte eher ein Pseudonym, aber man vertraute vielen Nutzern, die ähnliche Interessen hatten. Anbieter gab es wenige, aber vor allem die nichtkommerziellen Anbieter genossen großes Vertrauen.

Über die Zeit sind mehr Nutzer und mehr Anbieter hinzugekommen und seltsamerweise sind die Nutzer zwar mehr geworden, aber immer weniger verstecken sie sich hinter Pseudonymen, sondern treten mit Klarnamen auf. Gleichzeitig wird großen Anbietern wenig vertraut, aber der Convienence-Faktor wiegt dies auf. Aufgrund der Winner-takes-all Beschaffenheit des Marktes haben immer mehr Nutzer das Gefühl, dass sie keine andere Wahl haben und nehmen somit Praktiken in Kauf, die ihnen eigentlich widerstreben. Hinzu kommt, dass zwar immer mehr Nutzer im Netz sind, aber dadurch prozentual immer weniger Nutzer überhaupt ein Interesse haben, zu verstehen, was im Netz wie warum passiert, es wird einfach so akzeptiert, wie es ist. Aber allen ist klar, dass sich das Machtgefüge deutlich zu Ungunsten der Nutzer verschoben hat und das drückt auf das Vertrauen der Nutzer in die Anbieter und damit in das Netz allgemein.

Jetzt wäre also der Zeitpunkt gekommen, an dem sich der Staat einmischen müsste, um das Vertrauen der Nutzer in die Anbieter zu stärken, indem ein besserer regulatorischer Rahmen entwickelt wird, der die Rechte der Nutzer gegenüber den Anbietern stärkt. Wenn den Anbietern nicht vertraut wird, dann doch dem Staat, jedenfalls war dies traditionell so. Allerdings erfahren wir dieser Tage, dass aus Sicht der Staaten das Internet vor allem etwas ist, was überwacht werden muss. Überwachung und Vertrauen passen nicht so gut zusammen. Dadurch kommt jetzt der Staat als Korrektiv nicht mehr wirklich in Frage und wir stehen vor der Herausforderung, dass die Digitalisierung der Gesellschaft immer weiter voranschreitet, aber das Vertrauen gleichzeitig abnehmen wird. Der Staat und die Anbieter sind allerdings aufgrund ihrer Beschaffenheit nicht in der Lage, etwas zu ändern. Bleiben die Nutzer selber, sie können Anbietern das Vertrauen entziehen, was aber aufgrund mangelnder Alternativen ausbleibt. Dennoch sind die Nutzer immer noch diejenigen, die ihre Daten preisgeben und Vertrauen in Anbieter und Staat haben sollten.

Wie kann das Vertrauen in Anbieter und den Staat wieder gestärkt werden?

8 Antworten auf „Schwindet das Vertrauen in die digitale Gesellschaft?“

  1. Lautet die Frage statt »Wie kann das Vertrauen in Anbieter und den Staat wieder gestärkt werden?« nicht eher »Wie kann wieder eine Grundlage für Vertrauen geschaffen werden?«

    Das geht tiefer. Es beginnt bei ethisch agierenden Konzernen und endet noch lange nicht bei ethisch agierenden Regierungen und Oppositionen. Leider ist das Kanzlerinnenlieblingswort »alternativlos« speziell im politischen Lager bittere Realität.

  2. „Alle diejenigen, die bereits seit Mitte der 90er Jahre online sind, erinnern noch die stark ausgeprägte nichtkommerzielle Seite des Netzes.“

    Spätestens hier bin ich in einem wohligen Gemütszustand weggedrifted. :)
    Das war herrlich!

  3. Nicht jedenfalls, indem Kanzler_in PRISM als gegeben hin nimmt, ihr Innenminister Antiamerikanismus kritisiert und die staatlichen Organisation Stillschweigen darüber bewahren, wie viel Zugriff sie auf die Datenbestände des Systems haben. Der Fisch, der Kopf und das Stinken, hätte nicht gedacht das eine ehemalige FDJ-Funktionärin, eine Ostdeutsche, die eigenem Bekenntnis zu folge in dem System das seine Mitmenschen so systematisch überwacht hat gern „low Profile“ gelebt hat, so ein System jetzt über ganz Deutschland bringt und kaum einer sich rührt.

  4. Interessanter Artikel. Mit der Fragestellung habe ich so meine Probleme. Ich denke ein Vertrauen hat es nie wirklich gegeben und man hat auch nicht viel dafuer getan. Es waren „early adopters“ die Vertrauen hatten und die schon vor dem WWW mit Compuserve & Co. durch die weiten des Netzes schwirrten. Die breite Masse sieht im web doch eher die bewegliche Werbe – und Entertainmentflaeche, in der man selbst anwesend sein kein, weil es halt in ist. Vertrauen ist was anderes, dazu gehoert Authenzitaet, Emphatie und Integritaet und ein gewollter Dialog auf Augenhoehe. Frau Merkel, die sich gerade durch die Pressekonferenz mit Obama, sorry, stammelte, sagte: „Das Internet sei ja noch neu fuer uns und wir muesseten da noch viel lernen“. Da kann man sich nur noch an den Kopf fassen und fragen wo hat die Frau in den letzten 20 Jahren gelebt. Um Vertrauen zu entwickeln muss man Bruecken bauen und die sehen bis heute eher aus wie wackelige Einbhanstege.

  5. Gefühlt würde ich auch behaupten, dass das Vertrauen im Netz gesunken ist. Dies liegt meiner Meinung nach an der großen Masse. Gab es früher nur ein paar Leute im Netz, so ist jetzt fast jeder unterwegs und das sorgt natürlich für Spannungen. Ältere Leute mit geringem Verständnis müssen anders behandelt werden, als internetaffine Leute. Doch das Internet behandelt uns alle gleich.

    Das der Staat hier nicht eingreift, sehe ich aber noch als positiv an. Allein wenn ich an das LSR denke, wird mir klar, warum der Staat hier nicht wirklich was zu melden haben sollte. Es gibt aber auch andere Bereiche, wo ich mir einen Eingriff wünschen würde. Z. B. was Abofallen & Co. angeht.

    1. Ältere Leute mit geringem Verständnis müssen anders behandelt werden, als internetaffine Leute. Doch das Internet behandelt uns alle gleich. Da muss ich widersprechen: Das Netz wie auch anständige Betriebssysteme behandelt nicht nur Endgeräte sondern auch Endkunden unterschiedlich, je nach Anforderungern, was ungenügend ist, ist die Umsetzung der Standards, das muss ich zugeben, aber das liegt nie an Geräten und Software, jedenfalls wenn man Windows und den Internet Explorer mal betrachtet. Es liegt daran das die Teilhabe für manche nicht bedacht wird. Wenn der SPD Parteitag stattfindet, gibt es einen Gebärdendolmetscher, wenn der der FDP stattfindet gibt es gratis blau-gelbe Zahnbürsten, da liegt der Unterschied analog im politischen.

  6. Das Vertrauen in den Staat könnte durch eine bessere Implementierung von Open Government gestärkt werden. Vor allem was Vertrauen und Transparenz angeht. Das haben nicht wenige Studien belegt. Das Problem ist nur, dass sich auch hier die Nutzer von der Tendenz her eher sträuben. Historisch bedingt wohl.

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