Mit analogen Analogien wird die digitale Zukunft nicht gestaltet

Nico —  25.07.2013

Ein immer wieder beliebtes Thema unter deutschen Politikern jeglicher Coleur ist das Internet deutscher Prägung. Schon länger führt bei vielen Protagonisten die Erkenntnis, dass Deutschland es im internationalen Vergleich eher schwer hat und das Silicon Valley oftmals den Ton angibt, zu einer merkwürdigen Diskussion. Unter der munteren Prämisse „nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich“ werden Ideen in die Diskussion gebracht, die man bestenfalls als völlig undurchdacht oder naive Träumerei auslegen könnte, um nicht zu sagen, dass diese Ideen komplett bescheuert sind. Durch den Überwachungsskandal und das Nichtstun der Bundesregierung werden jetzt die Ideen nahezu im Tagesrhythmus lanciert, eine bekloppter als die nächste.

Die Kanzlerin fordert eine gemeinsame europäische Initiative, um amerikanischen Internet-Konzernen Paroli zu bieten. Sie führt dabei Airbus als Beispiel an, was als Gegenpol zu Boeing ja ganz gut funktioniert habe. Gerne wird bei der Diskussion auch angeführt, es sei Zeit für ein deutsches Microsoft. Da will dann ein Überwachungsfanatiker wie Dieter Wiefelspütz (SPD) eine europäische Alternative zu amerikanischen sozialen Netzwerken und sein Pendant von der CSU, Hans-Peter Uhl, will einen dreistelligen Millionenbetrag in IT-Sicherheit Made in Germany investieren. Niedlich. Und herrlich weltfremd. Erinnert sich noch jemand an das Projekt THESEUS, mit dem vor 5 Jahren versucht werden sollte, eine Antwort auf Google zu finden? Hat toll geklappt und nur ein paar Hundert Millionen Euro gekostet.

Daraus könnte man lernen, oder einfach den nächsten Blödsinn fordern, wie jüngst SPD Chef Sigmar Gabriel. Gabriel will Verschlüsselung per Gesetz durchsetzen und dann Datenschutz zum deutschen Export-Schlager machen. Da werden Milliarden versickern bei der Telekom, Bertelsmann, SAP und Siemens, um dann einen zentralen Nachschlüssel zu besitzen, mit dem der Staat dann doch Zugriff auf die Daten haben kann. Schöne neue Welt.

Liebe Politiker, und auch liebe Politikerinnen, bitte notiert Euch mal etwas: Digital ist anders. Digitale Wirtschaft sowieso. Und die Nutzer, die nutzen das Netz auch anders als ihr denkt und als ihr es wollt. Es ist ein Irrwitz, dass nun immer öfter die Rufe nach einem deutschen Internet lauter werden, denn Kleinstaaterei wird nur dazu führen, dass sich das Internet ohne deutsche Beteiligung weiterentwickelt. Nur, um es mal ganz deutlich zu machen, die Fördermilliarden für das Projekt „Am deutschen Internetwesen soll die Welt genesen“ werden ohne Ereignis verpuffen. Die Nutzer entscheiden und nicht die Politiker. Für die Nutzer ist Convenience genauso wichtig wie Usability und natürlich eine gewisse, in der Popkultur verankerte Anziehungskraft der Produkte. So etwas kann man nicht staatlich sanktionieren. Ebenso wenig kann sich ein freies Land mit einer großen vaterländischen Firewall vom Rest der Welt abschotten. Das Internet ist global und man kann nicht erwarten, dass ein verhältnismässig kleines Land wie Deutschland eine ähnliche Entwicklung wie China oder Russland forcieren kann. Dort gibt es die Pendants zu großen amerikanischen Firmen, die Politiker hierzulande gerne fordern. Aber dort sind auch genügend Nutzer, die eine finanzielle Ausstattung der Firmen ermöglichen, die dafür sorgen kann, dass die Plattformen technologisch halbwegs in einer Liga mit den Anbietern aus den USA mitspielen können.

Ich finde es richtig, zu wollen, dass Deutschland in der digitalen Welt eine größere Rolle spielt. Ich finde es auch richtig, dass Datenschutz dabei eine wichtige Rolle einnimmt. Aber das kann und wird nicht per Verordnung und Fördermilliarden passieren, sondern es bedarf mehr Anstrengungen, um so etwas zu erreichen. So lange wir immer noch darüber diskutieren müssen, dass Schulen Whiteboards bekommen sollten, oder dass Tablets in die Schulranzen gehören, oder dass digitale Lernmittelfreiheit dazu gehört, oder dass das Erlernen einer Programmiersprache dabei hilft, die zukünftige Entwicklung der Gesellschaft zu verstehen, oder dass freie WLAN ohne Störerhaftung zu nutzen sind, oder dass Breitband wirklich flächendeckend verfügbar ist, oder dass Open Data die Grundeinstellung für Inhalte von Behörden sein sollte, oder dass die Kreativwirtschaft das Zukunftsfeld für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes darstellt, oder dass wir schneller werden müssen, dass wir wieder mehr Neugierde haben müssen, um das Neue zu begreifen, das durch die Digitalisierung tagtäglich entsteht, so lange können die Politikerinnen und Politiker aller Parteien fröhlich irgendetwas postulieren, Fördermilliarden an deutsche Großkonzerne verteilen, Milliönchen an Startups unter Wahrung hoher bürokratischer Hürden mit spitzen Fingern rüberreichen und ansonsten auf einen latenten Anti-Amerikanismus in der Gesellschaft hoffen. Aber es wird nicht helfen, den technologischen Vorsprung der Anbieter aus den USA aufzuholen und es wird nicht dazu beitragen, eine europäischere Vorstellung von Datenschutz und Verbraucherschutz in der digitalen Gesellschaft durchzusetzen.

An den digitalfremden Forderungen vieler Politikerinnen und Politiker sieht man deutlich, wie bislang die bundesdeutschen Eliten bei der Digitalisierung der Gesellschaft versagt haben. Eigentlich können alle über 50 einpacken und gehen, denn sie haben dazu beigetragen, dass diesen Land nun in einer Rolle ist, aus der es ohne weiteres nicht wieder herauskommt. Die Spielregeln in der digitalisierten Welt werden von Anderen definiert, Deutschland ist da eher Zaungast. Viel zu lange wurde das Netz belächelt, viel zu lange wurde von einer Datenautobahn gefaselt, viel zu spät wurde endlich einmal erkannt, was für eine Sprengkraft hinter der Digitalisierung steckt. Viel zu lange wird sich geweigert, alte Zöpfe abzuschneiden und überkommende Denkmodelle über Bord zu werfen. Es geht schon lange nicht mehr nur eine veränderte Medienlandschaft oder ein neues Konsumverhalten, sondern die Digitalisierung erfasst alle Lebensbereiche und immer weniger besitzt die deutsche Politik einen Gestaltungsspielraum, weil sie sich 20 Jahre zu spät mit dem Thema auseinandersetzt und noch dazu immer noch mit Rezepten aus der analogen Welt agiert. Die digitale Wirtschaft kann ein grandioser Jobmotor in Deutschland werden, aber gleichzeitig werden so viele Jobs in anderen Bereichen vernichtet werden, dass in Retrospektive die Rationalisierungswellen der 80er und 90er Jahre wie ein Kindergeburtstag aussehen. Das können wir nicht dauerhaft durch Fördermilliarden auffangen, sondern müssen dafür sorgen, dass jetzt schon die Perspektiven für die Menschen entstehen.

Investiert wirklich mal in Bildung, in Infrastruktur, in Verwaltung, denkt digitaler und nutzt die Chancen, anstatt einfach plump Milliarden in digitale Kleinstaaterei zu pumpen. Definiert eine Vision für das digitale Deutschland in 10 Jahren und macht dieses Thema zu einer breit angelegten Herzensangelegenheit für alle in diesem Land. Findet die richtigen Symbole, sorgt für den digitalen Ruck und blickt auf 2013 zurück als das Jahr, in dem Deutschland damit angefangen hat, sich selber zu erfinden. Ein alternativloses „weiter so“ kann es bei der Digitalisierung der Gesellschaft nicht geben.

26 responses to Mit analogen Analogien wird die digitale Zukunft nicht gestaltet

  1. Kurz: Sehr gut!

  2. Sehe ich genauso: das Problem wird sich nur durch Weiterreichen der Verantwortlichkeiten an die nächste(n) Generation(en) lösen.

  3. Noch ein Projekt, noch grösser als die Energiewende? Die kriegen wir ja schon nicht hin. Whaahahaha…. Eher tritt der Papst aus der katholischen Kirche aus. Und vor allem muessten dazu erst einmal CDU, CSU, FDP, SPD, GRUENE und Die LINKE an Vergreisung sterben. Oder wenigstens die Piraten mit mehr als 30% in den naechsten Bundestag einziehen.

  4. Sehr gut, vor allem da, wo die Oderdichte am größten ist.

  5. Also Nico, ich bin Ü50 ;) Ich unterschreibe die gemachten Anregungen gerne mit ….

  6. Wow, 1101 Zeichen/146 Worte in einem einzigen Satz. Wenn du willst, dass eine breite Masse beginnt zu begreifen, wirst du Informationen für diese konsumierbar aufbereiten müssen. Die digitale Boheme hats lange begriffen, aber Lieschen Müller denkt immer noch, dass sie nichts zu verbergen hat und Friedrich, Uhl & Co nur ihr Bestes wollen. Wir sind die Nerds, wir sind die Sonderlinge. Die Masse denkt, Internet sei das blaue „e“ auf dem Desktop. Für die existiert schlicht kein Problem. Für die ist das Politiker-Gefasel ausreichend.

  7. Dem kann ich voll und ganz zustimmen. Wichtig wäre noch in dem letzten, aufforderndem Abschnitt die „German-Nagst“ (siehe Street-View Debatte, Internet ist böse, Facebook klaut nur Daten usw etc) zu erwähnen. Deutschland MUSS diese Angst vor jeglichem digitalem Neuen endlich ablegen und Politiker müssen endlich aufhören diese zu schüren oder zu verbreiten.

  8. Ob wohl du viele wichtige Dinge ansprichst finde ich den Beitrag aus 2 Gründen unerträglich:

    1. „Eigentlich können alle über 50 einpacken und gehen, denn sie haben dazu beigetragen, dass diesen Land nun in einer Rolle ist, aus der es ohne weiteres nicht wieder herauskommt.“ – Ich finde diese Aussage respektlos! Wir haben aktuell eine extrem hohe Lebensqualität und dafür sollte man den vorherigen Generationen dankbar sein und ihnen Respekt zollen. Um diese Lebensqualität zu halten oder zu verbessern werden wir auch die Generationen 50+ brauchen, denn mittlerweile sind über 50% aller Erwachsenen 50+ und der Anteil wird sich in naher Zukunft eher noch erhöhen.

    2. Dieses „kleiner Machen als wir sind“ und „wir können nichts bewirken“ ist schlicht weg falsch! Zum einen sind wir im B2B Bereich in Deutschland und Europa in der Internetbranche sehr gut aufgestellt und auch im OpenSource-Bereich sind deutsche Entwickler häufig die treibende Feder. Zum anderen ist Deutschland die 4. größte Wirtschaftsnation der Welt (doppelt so stark wie Russland) und kann durchaus Trends und Standards setzen. Wenn man die EU als ganzes betrachtet ist diese Wirtschaftlich doppelt so stark wie China und auch stärker als die USA! Wir haben die Möglichkeiten und die Macht unsere Vorstellung von Menschenrechten in unseren Staatsgebieten durchzusetzen. Es mag einigen nicht gefallen aber das Internet und die Gesellschaft durchdringen einander immer mehr und das wird auch dazu führen das Gesellschaftliche Strukturen wie zum Beispiel Staatsgrenzen im Internet Einzug halten werden. Natürlich wird es weiterhin weltweite Kommunikation geben aber es wird sicherlich Unterschiede geben zwischen Inter-Europäischer-Kommunikation und weltweiter Kommunikation (z.B. beim Routing).

    Ich würde mir wünschen das jetzt eine Diskussion über Menschenrechte (Völkerrecht und Genfer Konventionen) geführt wird und wir am Ende in Europa und Deutschland im speziellen wieder mehr für deren Einhaltung eintreten. Denn alle 3 wurden in den letzten Jahren zunehmend ignoriert.

  9. Ich kann dir da nur zustimmen. Ich habe gestern selbst zu einem ähnlichen Thema Ähnliches gebloggt (falls du keinen Link zu anderen Posts willst, dann einfach löschen): http://prgoessocial.blogspot.de/2013/07/endlich-facebook-und-twitter-verbieten_24.html

  10. Kann dem nur Zustimmen, was Du schreibst. Doch auch Christian Austs Einwand sollte man bedenken – wir denken in einer Filterblase und der Rest der Bevölkerung hat diese „German Angst“ und versteht auch nicht, wovon wir hier reden.
    Unsere Aufgabe lautet daher auch: Aufklären im Analogen.
    Aufgabe der Regierung: Ländergrenzen in einem globalisierten Digitalen abzubauen.

  11. Du ziehst über diverse Politiker in SPD und CSU her. Wird der Lunch übernächste Woche mit Gesche Joost erhellend, was die SPD in diesem Bereich vorhat? Wenn ja, dann freue ich mich um so mehr darauf!

  12. Heißt also Piraten wählen, oder?

  13. grüße aus österreich, same story, aber Ihr habt schon eine Plattform, die die richtigen Ansätze formuliert hat: http://www.generationenmanifest.de/

  14. Danke – teilenswerter Artikel.

  15. Wir brauchen kein deutsches Facebook, Google oder Mircosoft.
    Was wir brauchen sind EU-weite Standards, gerne aus Deutschland „exportiert“, die auch für US Unternehmen verbindlich sind.
    Können diese nicht eingehalten werden, dann haben diese Unternehmen hier nichts mehr zu suchen. Man wird sich wundern, wie schnell sich Google und Co plötzlich drehen werden, denn kein Kapitalist wird freiwilig auf den europäischen Markt verzichten.

  16. Ich möchte mal daran erinnnern das StudiVZ und Wer-kennt-wen ,seit dem start der deutschen Facebook-Version plötzlich nicht mehr gut genug waren,dadurch wirkt das dezeitige geschrei etwas heuchlerisch.

  17. Danke, besonders für den letzten Absatz.

    Die pauschale Verurteilung (so kommt’s an) der 50+ finde ich aber unangebracht, die Begründung lieferte Max Bauer schon (http://lumma.de/2013/07/25/mit-analogen-analogien-wird-die-digitale-zukunft-nicht-gestaltet/#li-comment-93542)

  18. Der Vergleich mit Ländern wie China passt nicht, denn würde Deutschland in gleichem Umfang US-Internetdienste aussperren, könnten entsprechende deutsche Dienste natürlich sehr viel besser gedeihen. Nicht, dass ich das vorschlage…

    Auf EU-Ebene ließe sich – bei entsprechender Einigkeit – einiges durchsetzen. Gemeinsam können die Europäer die Internetzukunft maßgeblich mitbestimmen.

    Deutsche Standards werden sich schon auf europäischer Ebene nicht durchsetzen lassen, auf internationaler Ebene erst recht nicht. Für verbindliche internationale Regeln wäre es daher erforderlich, sich mit beispielsweise mit einem geringeren Niveau beim Datenschutz anzufreunden.

    Eine Vision – wie wäre es stattdessen mit einer Agenda?

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