Springer digitalisiert brutalstmöglich konsequent

Nico —  26.07.2013 — 13 Comments

BILD ist schlimmer Schund und auch die WELT fasse ich nur mit spitzen Fingern unter dem Motto “lesen, was der Feind liest” an. Das ist meine Haltung zu den beiden journalistischen Flaggschiffen des Springer-Konzerns. Dennoch finde ich es bemerkenswert, mit welcher Konsequenz Springer den Umbau des Verlages vorantreibt. Ich hätte niemals gedacht, dass der Digitalisierung des Hauses die beiden Titel Hörzu und Hamburger Abendblatt zum Opfer fallen würden, aber Springer hat gestern angekündigt, sich von diesen Titeln und weiteren Zeitungen und Zeitschriften zu trennen.

axel_springer_erfindet_sich_in_einer_garage_im_silicon_valley_neu_evo_580x326Nach den milliardenschweren Zukäufen der letzten Jahre und der Lehrmonate im Silicon Valley für einige leitende Angestellte und der damit verbundenen Inszenierung als Garagenfirma (wunderbar umgesetzt von meinen Ex-Kollegen von Scholz & Friends) ist mit dem Verkauf von Hörzu, Abendblatt & Co. jetzt sehr deutlich gemacht worden, wie bereit Springer ist, Tradition über Bord zu werfen und alte Zöpfe abzuschneiden. Die Radikalität hat natürlich auch einen Vorteil: der Käufer, die Funke-Gruppe aus Essen, hat jetzt einen sterbenden Klotz am Bein und darf sich überlegen, über welchen Zeitraum sie den Niedergang von Print mit diesen Titeln noch weiter begleiten mag. Die Einsparungs- und Entlassungswelle überlässt Springer generös anderen und kassiert dafür auch noch 920 Millionen EURO, das ist schon sehr clever. Umgekehrt frage ich mich natürlich auch, was die Funke-Gruppe geritten hat, diese Übernahme zu tätigen. Natürlich ist Print noch nicht so tot, wie alle meinen und es gibt in einer überalterten Gesellschaft immer noch genügend Leserinnen und Leser für einige Print-Erzeugnisse und auch lokale Zeitungsangebote werden noch länger ihre besondere Rolle auf dem lokalen Markt nutzen können, aber dennoch halte ich dieses Investment in der Höhe und in dem Umfang, noch dazu mit einem 260 Millionen EURO Kredit von Springer selber, für extrem gewagt.

Zurück zu Springer. Trotz aller Vorbehalte fasziniert mich der Laden schon. Vor einigen Jahren habe ich, quasi als persönliches “Wandel durch Annäherung”-Projekt, an einem CTO-Roundtable der Springer AG als Referent teilgenommen. Die Professionalität und Fokussierung war beeindruckend. Und das deckt sich mit dem, was ich immer wieder höre: Springer drückt auf die Tube bei der Digitalisierung und macht dies sehr strukturiert und mit ordentlichen finanziellen Ressourcen. Insofern habe ich großen Respekt vor einem Konzern, der die Digitalisierung anpackt und nicht nur bei Festreden davon erzählt. Beeindruckend ist auch, dass ein Deal mit einer derartigen Größenordnung, und der daraus resultierenden Tragweite für die beteiligten Unternehmen und die gesamte Branche, nicht im Vorfeld durchgesickert ist. Das zeigt deutlich, wie professionell das Management von Springer agiert.

Natürlich hat die konsequente Umsetzung der Digitalisierungsstrategie Auswirkungen auf den Journalismus und die Journalisten. Es werden tradierte Formate eingestellt, damit verschwinden auch entsprechende Job-Anforderungen und neue entstehen. Das ist nichts Neues oder gar Ungewöhnliches, aber jetzt sollte auch dem letzten Print-Journalisten klar geworden sein, dass es allerhöchste Zeit ist, sich mal mit Journalismus digitaler Prägung auseinanderzusetzen. Springer hat die Zukunft des Unternehmens und die Shareholder-Value im Blick, nicht die Arbeitsplatzsicherheit einer Vielzahl der Mitarbeiter – das dürfte auch allen klar sein. Andererseits sucht Kai Diekmann gerade digitale Medien-Revoluzzer für die journalistische Zukunft der BILD, auch das passt wieder ins Bild eines Unternehmens, dass alte Zöpfe abschneidet und sich neu erfinden will.

Im Vergleich zu den vielen halbherzigen Digitalisierungsstrategien, die große deutsche Unternehmen in der Medienbranche in den letzten 20 Jahren verkündet oder umgesetzt haben, geht Springer am radikalsten vor. Die Fokussierung des Unternehmens auf digitale Geschäftsmodelle ist allerdings die einzig richtige, insofern habe ich großen Respekt vor dieser unternehmerischen Entscheidung, zum jetzigen Zeitpunkt aus Sicht der Digitalisierungsstrategie Ballast abzuwerfen.

13 responses to Springer digitalisiert brutalstmöglich konsequent

  1. Vergessen wird im großen Chor um die verkauften Print-Titel, dass es Hamburgs (okay HARburgs) einzige redaktionell sich vom Hamburger Einheitsbrei abhebende Zeitung schon vor Monaten “erwischt” hat.
    Die Harburger Anzeigen und Nachrichten (HAN) werden zum Ende des Monats August ersatzlos eingestellt. Die Zeitung hat den Sprung von Print zu Digital gar nicht geschafft, wäre aber für den Landkreis Harburg und die älteren Leser wichtig, insbesondere durch den ausgeprägten Lokalteil. Nach dem Verkauf der Print-Erzeugnisse des Springer-Verlages ergibt die Aufgabe der Firma Lühmann-Druck ein ganz anderes Bild, warum hier ein Team von tollen Journalisten hier Job verliert. Springer hält 25% an der HAN. Ein Anteil, der ab dem 1. September 0 € wert sein dürfte.

  2. ich schätze, das 260 mio darlehen hat springer insgeheim schon abgeschrieben ;-)

  3. @kpfrahm: So viel kostet es, wenn man andere die Drecksarbeit der harten Sanierung machen lässt. Grundsötzlich ein knallharter aber extrem guter Schritt, wenn man die unromantischen Seiten des Deals versucht zu verdrängen.

  4. Ex-Kölner 26.07.2013 at 17:09

    Daß Springer andere die Drecksarbeit machen lässt, war auch mein Gedanke. Aber warum? Ich habe Verständnis dafür, wenn man sich fragt, ob Programmzeitschriften noch längere Zeit ein tragfähiges Produkt sind. Aber die Inhalte der anderen Blätter sind noch so gefragt, daß sie gutes Geld erwirtschaften. Herr D. hätte sich nur etwas anstrengen müssen, um sie fürs Internet fit zu machen und dort mit ihnen Geld zu verdienen – das roch nach Arbeit. Verkaufen ist da natürlich bequemer und spült kurzfristig Geld in die Kasse.

    Nur: Das, was Herr D. gemacht hat, ist keine “Digitalisierung” – der haut den Laden kurz und klein und verkauft das Tafelsilber. Es ist eine Sache, neue Geschäftsfelder zu erschließen – wenn sich mit Preissuchmaschinen Geld verdienen lässt: bitte sehr! Solange er profitabel ist – und das ist er – ist es aber doch schon sehr verwegen (um nicht justitiable Begriffe zu verwenden), den Kern eines Unternehmens den Geiern zum Fraß vorzuwerfen.

  5. Nico, seh ich komplett auch so. Ich frag mich nur, was der grosse, alte Mann der US-Finanz Warren Buffet mit all den Print-Titeln so vorhat. Der Mann ist frei von Medien-Nostalgie und nur getrieben von Profit. Ist da irgendwas, was wir (noch) nicht sehen…http://www.kplu.org/post/warren-buffett-investing-newspapers-should-you

  6. Das Ganze ist schon ein Hammer. Auch ich habe großen Respekt vor der Entschlossenheit, mit der Springer seine Strategie verfolgt. Als Angestellter der Medienbranche frage ich mich allerdings, was das für die (meine) Zukunft bedeutet. Love it, change it or leave it.

  7. bleibt zu hoffen, dass springers schuss nach hinten los geht und dieser konzern endlich untergeht.

  8. Deine Einschätzung zu BILD und WELT teile ich – aus journalistischer Sicht, denn politisch fällt es mir schwer, mich so klar zu verorten, wie Du es tust.

    Aber zum Thema: Während BILD sicher (noch) hochprofitabel ist, würde ich das bei der WELT in Zweifel ziehen. Daher kann man sich durchaus fragen, warum die zu Axel Springers Lebzeiten jahrzehntelang quersubventionierte WELT nicht auch Teil des Pakets war.

    Natürlich wollten die Funkes eine möglicherweise defizitäre WELT wohl auch nicht übernehmen. Andererseits stand sie vermutlich auch gar nicht zum Verkauf. Denn den politischen Einfluss der WELT sollte man nicht unterschätzen. Und den wird Mathias Döpfner nicht aufgeben wollen. In dieser Hinsicht bleibt Axel Springer allen gegensätzlichen Kommentaren zum Trotz natürlich auch noch ein Medienkonzern.

    Ein Medienkonzern mit einer klaren politischen Ausrichtung, der sich augenscheinlich fast alle für den Konzern tätigen Journalisten unterordnen. Das wurde zuletzt sehr schön deutlich anhand der Berichterstattung zu den Themen Leistungsschutzrecht oder Rundfunkbeitrag. Diesen vorauseilenden Gehorsam zu beobachten tut weh, zumal, wenn sich ehemals geschätzte Kollegen daran beteiligen. Kluge Köpfe – eigentlich.

    Es wurde mit dem Vorvertrag (der ja noch genehmigt werden muss) aber erneut eines deutlich: Mathias Döpfner, der ja aus dem Journalismus kommt, hat längst kein Herzblut mehr für selbigen.

  9. Franziska Knuppe 29.07.2013 at 12:34

    Vielen Dank für deine Ausführungen. Ich denke, dass Springer ziemlich gut weiß was sie dort gerade verbrechen… Die Frage ist halt nur wie weit sie evtl. vom geplanten Ziel entfernt landen werden.

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