Der nugg.ad Inkubator und ich

logo_gelb_nuggadLetzten Herbst stellte die Firma nugg.ad auf ihrer Konferenz Data Days einen eigenen Inkubator vor, der etwas anders ist, alles die bestehenden Inkubatoren. nugg.ad investiert in Firmen, die eine Anbindung an die nugg.ad API ermöglichen, um damit eine gegenseitige Anreicherung der Daten vornehmen zu können. Die Herangehensweise fand ich damals schon spannend, weil sie den Firmen einen konkreten Nutzwert bietet und gerade im frühen Stadium eines Startups den entscheidenen Schub bringen kann.

Damals dachte ich “na toll, dafür hätten die mich ruhig mal fragen können!” und nun leite ich den nugg.ad Inkubator. Dabei schliesst sich für mich quasi ein Kreis, denn vor vielen Jahren war mir eine sehr, sehr junge Firma aufgefallen, die mit predictive behavioral Targeting den Online-Werbemarkt aufmischen wollte. Ich fand das Thema spannend und wenig später hat sich mein damaliger Arbeitgeber Media Ventures an nugg.ad im Rahmen einer Frühphasen-Finanzierung beteiligt. Mittlerweile ist nugg.ad ein europäisch agierendes Unternehmen und aus der Online-Marketingbranche nicht mehr wegzudenken. Um so mehr freue ich mich, dass ich jetzt einen Beitrag dazu leisten kann, dass das nugg.ad Ökosystem weiter gestärkt wird durch interessante Investments in junge Firmen.

Ich werde jetzt also wieder mehr in Berlin sein, weswegen die Bahn netterweise die ICE-Strecke Hamburg-Berlin mit WLAN ausstatten will – ein Schritt, den ich ausdrücklich begrüße. Neben nugg.ad werde ich weiterhin als Berater und Autor tätig sein, Vorträge halten und Workshops machen, das Wort predigen, was man eben so macht, wenn man dieses Internet in den Köpfen und Herzen der Menschen verankern will.

Unentspannt im Urlaub dank Roaming

Wir waren gerade im Urlaub. Ja, es war sehr schön, aber das real existierende Roaming in der Europäischen Union nervt. Ich habe irgendeinen Superduperadvanceddeluxe T-Mobile Tarif, der mich innerhalb von Deutschland, bis auf die Bahnlinie Hamburg – Berlin natürlich, in die Lage versetzt, mobile Daten zu nutzen. Ich telefoniere immer seltener, von Telefonkonferenzen einmal abgesehen, sondern erledige sehr viel auf meinem Smartphone. Ich nutze mein Smartphone natürlich auch zur Orientierung, aber auch für Musik, Lektüre, Spiele und Entertainment.

Kaum aber überschreitet man eine kaum mehr merkbare EU-Grenze, schon ist es aus mit der Herrlichkeit. Die Telekom bietet mir einen Weekpass mit 150 Megabyte an. Nicht pro Tag, sondern pro Woche.

Wenn ich diese SMS bekomme, dann ist meine Urlaubs-Entspannung schon dahin. Ich fühle mich dann zurückversetzt in die Zeit, als man sich per Modem einwählen musste und jede Minute der Online-Verbindung gekostet hat. Ich bin mittlerweile Flatrates gewohnt und dementsprechend nutze ich auch meine Devices. Gerade aber im Urlaub will ich aus irgendwelchen, für Andere kaum nachvollziehbare, liebgewonnene Alltäglichkeiten nicht missen, vielleicht vergleichbar mit dem BILD-Leser am Pool.

150 Megabyte sind ein Furz. Damit wird mein iPhone zu einer unhandlichen Uhr mit Telefonfunktion degradiert. Was soll sowas? Ich will mich im Urlaub entspannen und nicht Megabyte zählen! Im Urlaub habe ich dann trotz allergrößter Sparsamkeit 4 Weekpässe verballert, wobei ich einen von der Telekom als Gratis-Goodie geschenkt bekommen habe. Und natürlich hatten wir am Urlaubsort WLAN. Und waren nur 2 Wochen weg.

Jetzt sehe ich schon wieder, wie einige Leser denken: “Alter, dann schalt doch mal ab, ist doch Urlaub!” – klar, das mache ich gerne, am Besten funktioniert das aber, wenn ich nicht gedrosselt werde und fünf Versuche benötige, ein Foto bei Instagram hochzuladen oder ewig warte, bis die Karte bei Google Maps endlich aufgebaut wird. Das macht mich verdammt unentspannt.

Die EU-Kommissarin Neelie Kroes brüstet sich damit, dass auch diesen Sommer die Roaming-Gebühren wieder gesenkt wurden. Aber mal ganz ehrlich, dass kann doch nicht wahr sein, dass wir innerhalb der EU immer noch Roaming-Kosten haben, die derartig prohibitiv sind. Und ja, ich kann mir eine seperate SIM-Card zulegen, das weiss ich alles. Will ich aber nicht, ich will entspannt das Netz nutzen können, so wie es mir im Urlaub passt.

Die digitale Gesellschaft findet im Urlaub nur eingeschränkt statt, und das liegt nicht nur an der Sonneneinstrahlung auf dem Display, sondern der fortwährenden Roaming-Idiotie in Europa.

Überwachung überall.

Ich weiss gar nicht, wie und wo ich anfangen soll. Ich sitze hier an der Cote d’Azur, geniesse die Sonne und den Urlaub, aber komme dann doch nicht vom iPhone los, auf dem ich die Meldungen über PRISM, die NSA, die Überwachung von EU-Einrichtungen und vor allem die Überwachung der Kommunikation der Bundesbürger durch unser Partnerland USA lese. Alles, was derzeit technisch machbar ist, wird eingesetzt, um die Kommunikation der Menschen zu überwachen. Obwohl ich es immer geahnt habe, bin ich zutiefst schockiert.

Allerdings sehe ich in dieser Entwicklung eine generelle schleichende Erosion der Bürgerrechte und das ist nicht erst seit 9/11 der Fall. Und es lohnt auch gar nicht, mit dem Zeigefinger auf die USA zu zeigen, sondern das Kind ist auch in Deutschland in den Brunnen gefallen, und zwar schon vor vielen Jahren. Der sog. Große Lauschangriff und die Otto-Kataloge des unsäglichen Otto Schily (SPD, hrmpf) haben konsequent den Weg bereitet für die Vorratsdatenspeicherung und die Bestandsdatenauskunft in Deutschland. Diese Entwicklung ist Teil einer globalen Entwicklung, die immer wieder dazu führt, dass die Bürgerrechte mit Füßen getreten werden, weil sich alles dem internationalen Kampf gegen den Terror unterzuordnen hat.

Wir opfern also unsere Freiheit, um gegen die Feinde unserer Freiheit besser vorgehen zu können. Interessantes Konzept.

Überwachung führt zu einem Klima der Angst. Alle sind verdächtig, niemandem kann man mehr trauen, die Algorithmen können Daten so rekonstruieren, dass man schuldig ist. Kafka lässt grüssen.

Ich weiss nicht, wie es Euch geht, aber wenn ich vermehrt Polizeiwagen Patrouille fahren sehe, fühle ich mich nicht sicherer, sondern unsicher. Ich halte die Demokratien westlicher Prägung für unbedingt schützenswert und bin ein Verfechter der wehrhaften Demokratie, aber alles hat seine Grenzen. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem die Innenpolitiker endlich mal innehalten und realisieren sollten, was ihre gesammelten Forderungen in den letzten zwanzig Jahren bewirkt haben. Die persönlichen Freiheiten sind nichts mehr Wert und die Rasterfahndung der 70er Jahre wirkt mittlerweile stümperhaft drollig.

Und ja, ich schmeisse alles in einen Topf, weil ich finde, dass man PRISM und Vorratsdatenspeicherung nicht trennen kann, es steckt derselbe Geist der Überwachung dahinter. Ich möchte, dass ich dem Staat vertrauen kann, genauso wie er mir vertrauen kann. Nur dann haben wir hier eine gemeinsame Basis.

Ich möchte nicht in einem Überwachungsstaat leben, in dem die Geheimdienste das Sagen haben und die Regierungen dies abnicken. In den USA gab es die legendäre Amtszeit des FBI-Chefs J. Edgar Hoover, die fast 50 Jahre andauerte, was daran lag, dass Hoover über alle Politiker der damaligen Zeit Akten hatte und damit unantastbar war. Wollen wir so etwas? Wollen wir, dass Geheimdienste und Bundesbehörden einen Staat im Staat aufmachen, unantastbar sind und das alles im Auftrag des Souveräns, der allerdings gar nicht genau weiss, was da alles ablaufen soll, um eine Bedrohung zu entschärfen, bevor sie sichtbar wird?

Als Argument für die Vorratsdatenspeicherung in Deutschland gilt immer, dass die Sauerland-Attentäter ohne Vorratsdaten nicht gestoppt worden wären und somit Menschenleben geschützt wurden. Es fällt schwer, dies zu widerlegen, zumal man nichts genaueres weiss. Bei PRISM heisst es nun auch, dass 50 Anschläge so gestoppt werden könnten. Welche das gewesen wären, wird nicht gesagt, ist ja alles geheim. Kafkaesk.

Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem die Ottoschilysierung der Innenpolitik nur noch dazu führt, dass über jeden einzelnen Bürger Unmengen von Daten gesammelt werden. Das können wir als Demokratie nicht wollen. Es ist mir völlig egal, welche Arten von Daten wie lange wie vorgehalten werden, wir sehen doch gerade, wie dies alles pervertiert wird. Das Pendel hat jetzt viel zu lange in die falsche Richtung ausgeschlagen, jetzt sollten wir PRISM zum Anlass nehmen, auch die Praxis in Deutschland genauestens zu überdenken. Welche Vorteile haben wir wirklich vom Grossen Lauschangriff oder von der Vorratsdatenspeicherung oder der Bestandsdatenauskunft? Ich würde mal tippen, dass sie kaum messbar sind. Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem immer wieder neue Bedrohungsszenarien formuliert werden, um persönliche Freiheiten zu beschneiden, natürlich immer im Einsatz für die Freiheit.

Ich fand früher Innenminister Friedrich Zimmermann von der CSU fürchterlich und es war mir eine große Freude, als er mit dem Mofa durch die Rabatten gefahren ist und sich dabei lächerlich machte, aber ich hatte echt Angst, dass er die Bundesrepublik in einen Überwachungsstaat verwandelt. Zimmermann war aber nur ein Innenpolitiker von vielen, die in den letzten Jahrzehnten unsere persönlichen Freiheiten ausgehölt haben, der Schlimmste allerdings war Otto Schily von der SPD, der irgendwas überkompensieren musste. Als es noch die liberale Partei FDP gab, wirkte diese stets als Korrektiv, nun gibt es nur noch Sabine Leutheuser-Schnarrenberger als Feigenblatt und die sog. Innenpolitiker haben freie Bahn.

Die digitale Gesellschaft ist kurz davor, zu einem Albtraum für die persönlichen Freiheiten zu werden! Wir als Souverän müssen deutlich machen, dass eine derart umfangreiche Überwachung, wie wir sie aktuell haben, keinen Platz in unserem Rechtsstaat hat! Und wir müssen auch deutlich machen, dass unsere amerikanischen Freunde nicht mehr alle Tassen im Schrank haben, wenn sie meinen, sie müssten 500 Millionen Verbindungen in Deutschland im Monat überwachen! Das hat mit einem Rechtsstaat nichts mehr zu tun, das ist Willkürherrschaft der Geheimdienste und mit einem souveränen deutschen Staat nicht machbar!

Uns geht es so verdammt gut in diesem Staat, dass wir über die Jahre immer mehr zugelassen haben, dass unsere Grundrechte beschnitten werden. Wir ahnen gar nicht mehr, was für einen Wert die Freiheit an sich hat. Das muss sich dringend ändern.