7 Tage… im Bundestag und nun offline

Nico —  9.09.2013

Nach einer Umfrage vom Sommer 2012 ist das Ansehen der Politiker in der Bevölkerung nicht sehr hoch. Nur 24% der Befragten erklärten, sie hätten ein Vertrauen in die Politik. Mehr noch, die Befragten haben auch ein schlechtes Bild von dem, was Abgeordnete eigentlich tun:

Generell sind viele Bundesbürger an der politischen Auseinandersetzung interessiert: 40 Prozent von ihnen sagen, dass sie sich hin und wieder Debatten des Bundestages im Fernsehen anschauten. Verärgert sind die Bürger jedoch, wenn im Hohen Haus viele Reihen leer sind: Drei von vier Deutschen (75 Prozent) wünschen, dass bei Sitzungen das Plenum gut besetzt ist. Lediglich 21 Prozent haben Verständnis für die Terminnöte der Abgeordneten.

Das ist schlecht, richtig schlecht für unsere Demokratie und das sieht man natürlich auch an der Politik- und Politikerverdrossenheit, aber auch an der Wahlbeteiligung. Daher ist es meiner Meinung nach wichtig, gerade Jungwähler darüber zu informieren, was ein Bundestagsabgeordneter eigentlich alles so tut. Die meisten Abgeordneten übertreffen die 38,5 Stunden Woche deutlich, auch wenn sie nicht im Parlament sitzen.

7_Tage_im_Bundestag_-_YouTube

Der NDR hat vor einer Weile meinen Freund Lars Klingbeil, MdB (SPD), begleitet, um zu dokumentieren, wie sein Tagensablauf aussieht:

Für die Dokureihe „7 Tage“ wurden die NDR Autoren Tobias Lickes und Felix Meschede eine Sitzungswoche lang Teil der Maschinerie Bundestag. Warum gehen Menschen in die Politik? Glauben sie daran, die Welt verändern zu können? Reizt sie die Aussicht auf Macht? Wie verändert Politik Menschen? Und: Was macht ein Abgeordneter eigentlich, wenn er sich nicht von Kameras beobachtet fühlt?

Die Ausstrahlung erfolgte am 1. September, danach war der Beitrag in der Mediathek und auf Youtube zu finden. Doch nur kurz. Der Programmdirektor des NDR, Frank Beckmann, entschied, den Beitrag nach vier Tagen wieder entfernen zu lassen, da er die Wahl beeinflussen könne.

Das finde ich eine absolute Frechheit und totale Willkür! Mir ist das sog. Depublizieren sowieso ein Dorn im Auge, da Inhalte vernichtet werden, die aus den GEZ-Gebühren der Bürger bezahlt wurden, aber wenn dies auch noch willkürlich passiert, weil ein Programmdirektor so entscheidet, dann ist dies ein Skandal! Wenn der Beitrag wirklich so unausgewogen und wahlbeeinflussend ist, dann sollte man ihn vor der Wahl gar nicht erst senden. Was aber gesendet wurde, das gehört in die Mediathek!

Übrigens, der Beitrag zeigt ziemlich deutlich, mit wieviel Engagement ein Politiker und sein Team ihrer Arbeit nachgehen. Mir kam das fast schon vor wie ein Startup, auch da ist immer die Sorge, dass der Job endlich ist, auch da kämpft man gegen Strukturen und hat grundsätzlich zu wenige Ressourcen. Lars Klingbeil kann man allerdings gut als pars pro toto nehmen, denn ich glaube nicht, dass die Arbeitsweise und das Engagement bei anderen Politikern in seinem Alter grundsätzlich anders ist. Ob die Doku besser geworden wäre, wenn 5 Politikerinnen und Politiker begleitet worden wären, wage ich zu bezweifeln.

Die Doku 7 Tage… im Bundestag bringt gerade jungen Wählern die Politik näher, daher ist es eine Schande, dass der NDR so einen Beitrag mit einer fadenscheinigen Begründung aus der Mediathek entfernt. Der Verantwortliche, Programmdirektor Frank Beckmann, sollte allerdings wissen, wie das so ist, mit Inhalten, die mal online waren und dann gelöscht wurden. Natürlich findet man das Video, wenn man danach sucht. Und natürlich wird man erst richtig neugierig auf Inhalte, die jemand verstecken will. Die einzige Wahlbeeinflussung, die ich in dem Beitrag sehe, ist die Möglichkeit, dass mehr junge Menschen zur Wahl gehen, weil sie sehen, was für einen anstrengenden Job Politiker haben.

Update: Stefan Niggemeier hat beim NDR nachgefragt und herausbekommen, dass der CDU-Politiker Reinhard Grindel beim NDR durchgesetzt hat, dass der Beitrag über seinen Gegenkandidaten im Wahlkreis im Netz gelöscht wird: NDR löscht nach Protest von CDU-Politiker Dokumentation über SPD-Politiker.

9 responses to 7 Tage… im Bundestag und nun offline

  1. Du darfst das gern immer noch doof finden, dass der Film off ist und über Depublikation kann man sich eh immer aufregen.

    Ich störe mich nur an der „Willkür“, die Du dem NDR vorwirfst. Willkür heisst „ohne sachlichen Grund“, der wurde aber geliefert (s.o.).

    Ich habe mich eh gewundert, dass die Kollegen nur einen Abgeordneten begleitet haben, Ausgewogenheitsprinzip und so. Recht ungewöhnlich für die ÖR _einem_ Politiker soviel Raum zu geben in einer Reihe wie „7 Tage“.

    Anyway, trotzdem Danke für den Rant. So werden vlt mal mehr Leute auf die Reihe aufmerksam ^_^

    • den „sachlichen Grund“ kann ich nicht nachvollziehen. Es wird zwar ein Abgeordneter der SPD begleitet, aber es geht um den Beruf, nicht die Partei.

      • Ja, das stimmt formal. Aber Du weisst doch, dass das in dem Beruf nicht so einfach zu machen ist. Also eigentlich fast untrennbar. Andersrum gefragt: Hättest Du Dich auch über Willkür beschwert, wenn es ein CSU-Abgeordneter gewesen wäre, der im Film die Hauptrolle spielt? Ganz ehrlich? Oder Dich eher geärgert, dass ein „Schwarzer“ so viel Raum bekommt?

        • Ich hätte mich sicherlich geärgert, dass ein Schwarzer so viel Raum bekommt, allerdings hätte ich mich dennoch gefreut, dass ein Beitrag über den Alltag eines Bundestagsabgeordneten erscheint, der aufzeigt, was so ein Mensch alles leistet.

          Eigentlich müsste es einen zweiten Teil der Doku geben, bei der jemand in der sitzungsfreien Woche begleitet wird, um zu zeigen, was da alles von einem Abgeordneten verlangt wird.

          Woran ich mich störe, ist das Löschen eines informativen Beitrags mit dem Hinweis, dass man die Wahl nicht beeinflussen wolle. Ich glaube, dass mit diesem Beitrag keine parteipolitische Beeinflussung stattfindet, sondern vielmehr eine Lanze für die Abgeordneten und ihre Arbeit gebrochen wird. Das finde ich angesichts der zu erwartenden Wahlbeteiligung äußerst wichtig!

  2. Da hat beim NDR aber nun wirklich jemand die Buxe voll….nun wurde der Beitrag auch auf youtube gelöscht: “ This video is no longer available due to a copyright claim by ARD. http://www.youtube.com/watch?v=8m5LkAHwZBo
    PS: guter Arikel, Nico!

  3. Darüber hinaus bekommt der Herr Innenminister eine separate Plattform bei Günter Jauch am Sonntagabend.

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