Die Sache mit dem Hund

Nico —  6.10.2013

JulieWir haben jetzt einen Hund. Die zweite Katze war gestorben und nach einer Schamfrist von 5 Minuten fragte ein Kind, wann wir denn eine neue Katze haben würden. Nach 13 Jahren mit Katzen legte ich spontan so etwas wie ein Veto ein und wies auf die Vorzüge eines Hundes hin.

Zu meinem Erstaunen wurde mir tatsächlich erlaubt, meinen Willen durchzusetzten. Wir haben jetzt einen Hund. Ich stehe jeden Morgen um 5 Uhr auf und gehe mit dem Hund zum Grünstreifen vorm Haus. Dabei geniesse ich die morgendliche Ruhe und schaue dem Hund dabei zu, wie sie nix macht. Dann gehen wir wieder hoch, der Hund bekommt Frühstück und ich Kaffee, und dann gehen wir wieder runter, der Hund macht doch etwas und ich fummele fünf Minuten lang im schummrigen Morgenlicht am Schietbüdel rum, bis ich den endlich aufbekomme und eine riechende Hinterlassenschaft aufsammeln darf. Danach gehen wir wieder in die Wohnung, der Hund dreht eine Runde, freut sich und pinkelt irgendwo hin. Das Verhältnis von Runtergehen und nichts machen zu einfach so in die Wohnung pinkeln ist gerade eher ausgeglichen, was ich mal als altersadäquat einstufen würde. Insgeheim bilde ich mir ein, dass durch das viele punktuelle Wischen unsere Dielen insgesamt viel sauberer als sonst sein werden.

Überhaupt, das Gassi gehen. Wir haben drei Kinder, ich bin also einiges gewohnt, was die Anteilnahme der Bevölkerung angeht, aber mit einem 10 Wochen alten Hund vorm Haus zu stehen, das ist noch eine ziemliche Steigerung. Ich habe mich mittlerweile schon fast daran gewöhnt, dass das gehauchte „oh, ist der süüüß“ nicht mir gilt, aber es kann kaum eine Frau an mir und dem Hund vorbei gehen, ohne ein Gespräch anzufangen. Mir ist dieses Verhalten durchaus bekannt. Wir hatten früher mal einen Australian Shepherd, den hatte ich oft in Göttingen bei mir im Wohnheim, als ich noch studierte, und der Hund war voll der Chick Magnet, meine Frau kann das bestätigen… Allerdings bleibt es nicht beim Hauchen von „oh, ist der süüüß“, der Hund muss auch sofort gelockt, gestreichelt und am liebsten noch auf den Arm genommen werden. Das ist quasi das Pendant zum ungefragt in den Kinderwagen reinkriechen und „butschibutschibutschi“ machen. Warum verlieren Menschen jegliche Distanz, wenn sie Babys oder Welpen sehen? Schlimmer sind allerdings die anderen Hundebesitzer, die mir dann immer noch gleich Fachgespräche aufnötigen wollen, von den Vorzügen der einen Hunderasse im Vergleich zu einer anderen, über die Gassigehfrequenz bishin zu Erziehungstipps. Ich bin da immer eher nicht so in Plauderlaune, weil mich die Töle des Gegenüber eher null interessiert, nur weiss ich immer nicht, wie ich das ausdrücken soll. Auf „der ist aber süß!“ mit „Ihr Köter ist aber hässlich, passt zu Ihnen!“ würde sicherlich kein längeres Smalltalkgeplänkel nach sich ziehen, wirkt aber vielleicht doch einen Tick zu direkt für die meisten Mitbürger.

Wir haben jetzt einen Hund. Ich habe Schlafentzug wie in der Grundausbildung und bei neugeborenen Babys. Dafür habe ich jetzt allerdings auch einen Grund, in Trainingshose vorm Haus rumzustehen, das hat man auch nicht alle Tage. Einen Hund zu erziehen, bietet noch einmal die Gelegenheit, viel falsch zu machen, und es ist anstrengend, total konsequent zu bleiben, das hat schon bei den Kindern nicht oft genug funktioniert. Eine Passantin erläuterte mir kürzlich, wie wichtig die Erziehung eines Hundes ist, und das sie über viele Jahre viele Hunde hatte, und das das anstrengend sei. Sie liess mich nach ihrem emotionalen Impulsvortrag in der Abenddämmerung mit den Worten „Ihnen alles erdenklich Gute“ mit dem Hund am Baum stehen und ich dachte kurz daran, ihr mit „Morituri te salutant!“ zu antworten, wie wir alten Lateiner so schön sagen, aber dann machte der Hund endlich hin und ich sprach stattdessen viel überschwengliches Lob aus.

Wir haben jetzt einen Hund. Und wenn Leute mir erzählen, dass das anstrengend sei, dann verweise ich darauf, dass wir bereits drei Kinder haben und dann werde ich angeguckt, als ob ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe. Das mag sein, aber man bekommt so viel zurück, auch wenn man einiges an Zeit, Geld und Schlaf opfert. Ein Hund ist wahrscheinlich für mich auch das ideale Entschleunigungsprogramm und ich freue mich wahnsinnig auf Spaziergänge am Elbstrand und Ballspiele im Stadtpark. Unser Hund heisst Julie, ist ein Mini-Aussie und ja, sie ist sehr süß.

12 responses to Die Sache mit dem Hund

  1. Meine ehemalige Mitbewohnerin heißt auch Julie! (Und sie ist auch sehr toll.)
    Ihnen alles erdenklich Gute!

    (Aber das mit dem ,,Schietbüdel“ ist bei Katzen nun einmal praktischer.)

  2. Erstaunlich viele Parallelen zu mir (3 Kinder, 1 Hund – auch ein Aussi :-), Pinkelverhalten, Hundebesitzer-Smalltalk). Sind wohl statistisch gesehen keine Randgruppe.

  3. Kenn ich. :) Ziemlich genau so. Schöner Text, Nico. Amüsant. Das gefällt.

  4. Kann ich auch so bestätigen. Hund ist toll, für mich pure Lebensfreude. Kleiner Tipp am Rande: Mini-Aussie oder besser Hütehunde-Welpen können ihre Blase in den ersten Monaten nicht so steuern, wie die/der Besitzer es gerne hätte/n. Liegt in der Natur der Hundeart, dass dann Pfützen nach dem Gassigang in den Wohnräumen zu finden sind. Abhilfe schafft man in 2 Tagen. Hauptfutteranteil des Tages zuführen, unmittelbar nachdem der Vierbeiner sein Geschäft dort gemacht hat wo der Besitzer es auch gerne hätte. Also Portion Trockenfutter beim Gassigang mit sich führen. Bei mir hat es perfekt funktioniert.

    • Warum sollte das „Pipi-Proplem“ vermehrt bei Hütehunden auftreten? Haben die ne andere Anatomie/Physiologie? Vom Kopf her sind sie anders, das unterschreibe ich sofort ;-)

  5. Gern gesehene Antwort auf “oh, ist der süüüß” ist: „der Hund aber auch, oder!?“… ;)

  6. Ist schon erstaunlich, wie ein Hund deutlich mehr Aufmerksamkeit erzeugt, als 1-N Kinder – habe gleiche Erfahrung, aber ist das nicht ein (Armuts)zeugnis dieser Republik?
    Vielleicht bekommen die Hunde bald früher den Mindestlohn, werden mit 60 schon in Rente gehen dürfen und müssen ihr Abitur nicht mit einem Overheadprojektor aus den 70igern ertragen – alles wir hund em. gut!

  7. :) die Aussie Gemeinde wächst. Alles gute zum treuen Gefährten und wirklich schön geschriebener Text. Freue mich über weitere.

  8. Glückwunsch. Viel Spass mit Julie.
    Wir haben es anders herum gemacht – erst drei Hunde und dann ein Kind. Angeschaut werden wir genauso entsetzt.

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