Ein unnötiger Abschied

Gestern hat Yasmina einen Schritt vollzogen, den ich gut verstehen und nachvollziehen kann, trotzdem aber grundfalsch finde:

Ich trete heute aus der SPD aus. Das Parteibuch ist abgeschickt in einem kleinen, braunen Briefumschlag, auf dem Weg ins Willy-Brandt-Haus.

Nein, es ist nicht wegen der VDS. Auch wenn das ein guter Grund wäre. Nein, es ist nicht wegen des desaströsen Wahlkampfs und des immer noch ausstehenden und wohl nie kommenden kritischen Auseinandersetzen damit. Auch wenn das ein guter Grund wäre. Nein, es ist nicht wegen der Großen Koalition und dem Postengeschacher, dass der Parteivorstand unbedingt durchsetzen will. Auch wenn das ein guter Grund wäre. Nein, ich konnte nicht bis zur Abstimmung zur GroKo warten. Ja, es ist definitiv.

Der Artikel von Yasmina ist lesenswert und sollte durchaus reflektiert werden. Ich kann die Enttäuschung von Yasmina einerseits gut nachvollziehen, aber andererseits glaube ich, dass Yasmina ihre Einflussnahme auf die Partei gleichzeitig unterschätzt, aber auch überschätzt.

Die SPD wurde mal als Supertanker bezeichnet, der ewig lange benötigt, um Kurswechsel hinzubekommen. Ich glaube, der Präfix Super wird heutzutage seltener benutzt, aber dennoch sind inhaltliche Veränderungen oftmals quälend langsam. Das kann man anprangern, denn es nervt. Und man kann auch attestieren, dass dies ein Defizit an innerparteilicher Demokratie darstellen mag. Aber man muss, wohl oder übel, akzeptieren, dass die SPD sich eine DNA geschaffen hat, die auf einem System von Delegierten, Mandats- und Funktionsträgern besteht. Wenn man in der SPD etwas bewegen will, und das ist übrigens in anderen Parteien, aber auch in Unternehmen nicht anders, dann muss man sich Mehrheiten organisieren. Das bedeutet meistens auch, dass man sich aufreibt, Erfolge feiert und auch Niederlagen einstecken muss. Es ist äußerst selten, dass man ob der eigenen Genialität erkannt wird und sofort alle sagen „na, warum nicht gleich so, das setzen wir sofort um, Tschakka!“ – sondern man muss verdammt hart arbeiten, um Einfluss nehmen zu können auf die Politik. Man kann den Weg über die Mitglieder einschlagen, so wie Yasmina und Dennis, aber man sollte sich darüber klar sein, dass die Kaste der Delegierten, Mandats- und Funktionssträger dies nicht besonders witzig finden. Denn es schwächt ihre Positionenn. Gleichzeitig sorgt das Verfahren über Delegierte, Mandats- und Funktionsträger dafür, dass Themen im Idealfall herausgefiltert werden, die in der Partei keine Mehrheit finden. Für eine Struktur wie sie die SPD hat, stellt jede Veränderung eine potentielle Schwächung derer dar, die aktuell in Amt und Würden sind. Das nennt sich Besitzstandswahrung und ist weit verbreitet, nicht nur in der SPD, sondern in anderen Parteien, in Unternehmen, Vereinen und Verbänden ebenso. Besitzstandswahrung ist menschlich nachvollziehbar, auch wenn es nervt. Aber wer einmal etwas erreicht hat, will es verfestigen und nicht opfern müssen, weil irgendjemand anders Ansprüche erhebt.

Und Du, liebe Yasmina, hast fett Ansprüche erhoben. Da bricht kein Jubel aus. Noch dazu wenn Du mit einem Thema wie Vorratsdatenspeicherung kommst, für das Mehrheiten längst organisiert sind. Das hat auch eher wenig mit „junge Frau trifft auf alte Männer mit dicken Bäuchen“ zu tun, sondern generell mit der anmassenden Haltung, dass jemand versucht, eine Thema anders zu verankern, als es üblich ist. Es ist nicht so, dass alle in der Partei darauf warten, dass endlich jemand von der Seitenlinie tolle Ideen reinflankt. Die schmoren alle ganz gerne in ihrem eigenen Saft und haben damit auch genug zu tun, denn sie verteidigen errungene Positionen. Wenn Du wirklich etwas verändern willst in der SPD, dann musst Du Dich aufstellen und wählen lassen, dann musst Du für Deine Positionen werben, einflussreiche Unterstützerinnen und Unterstützer finden, und somit dafür sorgen, dass Deine Positionen von anderen aufgegriffen werden. Ja, das klingt nach einer mühseligen Ochsentour. Ist auch so. Ich warte auch seit Jahren darauf, dass endlich mal jemand Wichtiges aus der SPD sagt: „wow, der Lumma schreibt immer geniale Artikel über wichtige Themen, das setzen wir morgen gleich mal alles um.“ – aber das passiert so nicht, Politik ist da irgendwie eigensinnig.

Ich glaube aber, dass Du, Yasmina, Deine Einflussnahme auf die SPD brutal unterschätzt, weswegen ich es superschade finde, dass Du ausgetreten bist. Wenn jemand wie Du, die ohne Amt in der SPD ist, den direkten Zugang zum Parteivorsitzenden und zur Generalsekretärin hat, dann ist das weit mehr, als 99% der Parteimitglieder jemals von sich behaupten können. Noch nicht einmal alle in der Kaste der Delegierten, Mandats- und Funktionsträger haben diesen Zugang. Zugang alleine bedeutet aber noch lange nicht, dass die auch sofort machen, was sinnvoll ist oder was man sich wünscht. Aber der Zugang ermöglicht einen Diskurs, der dazu führen kann, dass sich Dinge ändern. Du bist im Landesrat für digitale Entwicklung und Kultur in Rheinand-Pfalz, und ich durfte sogar neben Dir sitzen. Auch das ist mehr als die meisten Parteimitglieder jemals erreichen: Du bist in einem Gremium, über das Du direkten Zugang zu der Ministerpräsidentin eines Landes hast. Es ist also nicht so, dass Du nichts ausrichten kannst, es dauert nur länger, als wir uns wünschen. Aber wenn Du wolltest, dann könntest Du Dir für Deine Themen Zuhörer organisieren und dann für Mehrheiten sorgen, da bin ich mir sehr sicher.

Aber das dauert und ist nicht immer der gradlinigste Weg. Ich rede mir auch schon lange den Mund fusselig bei meinen Themen und konnte mich bislang nicht dazu durchringen, mich in der real existierenden SPD und ihren Gliederungen zu engagieren, werde das jetzt aber machen, um dazu beizutragen, dass meine Themen breiter in der Partei platziert werden. Gleichzeitig versuche ich, über mein Netzwerk und über D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt e.V. Einfluss auf vielen Ebenen der Partei zu nehmen. Auch das passiert leider nicht über Nacht. Denn nicht nur wir beide haben tolle Ideen, was die SPD alles tun und was sie lassen sollte, sondern viele andere Menschen versuchen auch, ihre tollen Ideen zu platzieren. Dabei haben einige Menschen mehr Einfluss und andere weniger, einige Menschen haben tollere Ideen und andere weniger, einige Menschen haben Massen von Menschen hinter sich und andere weniger, aber aus der Gemengelage versuchen die Politikerinnen und Politiker herauszufinden, welche Themen wie relevant gerade jetzt sind. Dabei liegen sie natürlich oftmals grandios falsch, wie man gerade bei netzpolitischen Themen sieht. Aber das ist eigentlich nur eine implizite Aufforderung, beim Organisieren von Mehrheiten und Aufmerksamkeit besser zu werden. Das geht leider nur mit einem dicken Fell und Beharrlichkeit. Es ist schade, Yasmina, dass Du dieses dicke Fell nicht mehr haben willst. Aber ich gehe fest davon aus, dass Du weiterhin versuchen wirst, Einfluss zu nehmen, nur eben anders als bisher. Und das ist gut so.

33 Antworten auf „Ein unnötiger Abschied“

  1. Sorry, aber genau der Eintrag zeigt aber genau auf, warum ich null Motivation hätte, mir das (an Ihrer Stelle nochmal, bei mir generell) anzutun. Was Du beschreibst sind genau die verkrusteten Strukturen und die dicken Männer im Hintergrund, die alles neue plattmachen. Warum sollte ich mich da aufreiben, wenn ich vor die Wand laufe?

    1. die motivation wird bei jedem anders sein. aber glaub mir, in unternehmen ist es auch nicht anders. menschen prallen aufeinander und dabei entstehen interessenskonflikte.

      1. Ich (davednb) arbeite in einem Unternehmen mit 150000 Ma und weiß ob der Strukturen da. Dafür bekomme ich aber Geld. Engagiere ich mich ehrenamtlich oder in einer Partei dann will ich was bewirken und nicht in verkrusteten Strukturen betoniert sein. Das ist der Unterschied für mich. Ein Unternehmen ist per se kein demokratisches System, eine Partei sollte das schon sein und sich durch Abstimmungen nicht bedroht sehen

  2. Die anmaßende Haltung, ein winziges Bisschen Vernunft in diese halbtote Partei zu bekommen, ist dann wohl fehlgeschlagen. Ich habe Respekt vor Yasmina und nicht vpr den faulen Besitzstandswahrern, oder wie ich sie am liebsten nenne: Insolvenzverwaltern der SPD.

  3. Ich glaube nicht, dass sie mehr Einfluss wollte und dass ihre „fett erhobenen“ Vorschläge schnell und vollständig umgesetzt werden. So wie ich das lese, wollte sie einfach nicht auf der „Arschlöcher“-Ebene mit – dazu noch aufgepapptem – Stammtischgehabe wahrgenommen und angespropchen werden. Manchmal geht’s auch einfach darum, wie alte, dicke Männer sich emotional inszenieren. Und das kann schon ziemlich widerlich sein.

  4. Soweit ich den Text von Yasmina verstanden habe, sind es nicht die „Supertankergründe“, die zu ihrem unnötigen Austritt geführt haben, sondern vor allem die Tatsache, dass sie wohl vieles/alles sehr persönlich nimmt. Ansonsten stimme ich mit deiner Aussage überein, dass der Austritt völlig unnötig ist.

  5. Ich bin in keiner Partei aber in meiner Vorstellung ist das ein wesentlicher Teil davon: Durchbeißen, Bündnisse schmieden, „Truppen sammeln“ das alles. Wenn man nicht stark oder clever genug ist, das zumachen und das Spiel zu spielen muss man halt gehen. Oder? Im Nachgang dann noch beleidigt mit Fäkalien zu schmeißen ist peinlich aber was soll’s. Sie ist auch nur ein Mensch. Oder?

    Wirklich blöd allerdings ist dann die Aneignung einer Opferrolle („Ich arme junge Frau, gegen die vielen alten Männer“). Zumindest bei mir funktioniert das nicht mehr. Kann mir auch nicht vorstellen, dass dies gerade in der SPD ein großen Problem sein soll. Schön, dass du das angesprochen hast, Nico.

  6. Ich fand den Artikel von Yasmina bedrückend.

    Ich kann die Argumente nicht erkennen, warum nun für Nico, der lange Parteiarbeit nicht gemacht hat, nun der richtige Augenblick gekommen ist. Trotz?

    Man könnte den Artikel von Yasmina auch zum Anlass nehmen, nachzudenken.

    Seit 12 Jahren hängt die Bundeswehr in Afghanistan herum. 100.000 Zivilisten sind wegen unseres Einsatzes dort ums Leben gekommen. Weil Struck, SPD, halluzinierte. Wir sind zu feige, nach 12 Jahren Sieglosigkeit zu kapitulieren (einzigartig in der deutschen Kriegsgeschichte seit es die SPD gibt). Wir haben gezeigt, dass die Bundeswehr nicht in der Lage ist, militärische Siege zu erringen, aber wir sind zu feige, darüber zu diskutieren, ob wir weiter ohne Bedrohung für uns die Bundeswehr in absurde Kriegseinsätze weltweit schicken sollen. China macht das nicht. Russland auch nicht. Aber Russland kriegt in Syrien was hin, was die USA mit dem CIA-Einsatz in Syrien auf Seiten der Terroristen nicht hin bekommt: Chemiewaffenabrüstung

    Und so ist es auch mit der VDS: wie sind zu feige, offen zu diskutieren, ob sie was bringt. Die SPD hat trotz der Verfassungswidrigkeit des ersten Versuches nun wieder die VDS beschlossen. Sie bringt sie auch in die GroKo-Verhandlungen ein. Sie begibt sich ohne demokratische Diskussion in die Geiselhaft von Geheimdiensten.Sie hat keine Eier, Aufklärung zu fordern und demokratische Zustände herzustellen. Sie nickt wie 1914 mit dem Kriegsanleihen zu Verbrechern, weil sie Angst hat, als vaterlandslose Gesellen verspottet zu werden. Sie stellt sich unreflektiert auf die Seite der Sicherheitsdienste gegen die eigene Bevölkerung.

    Für mich stellt sich eher die Frage ob der mangelhaften demokratischen Beteiligung, ob sich diese Formen der Pseudodemokratie nicht völlig überlebt haben. Bei dem Zugangserschwerungsgesetz, das mit Kinderpornografievorführungen von BKA-Präsident Ziercke, SPD, herbei gelogen werden sollte, hat die SPD mit großer Mehrheit im Bundestag beschlossen, dass jeder Webzugriff jeden Bundesbürgers überwacht werden sollte und mit einer geheim Liste verglichen werden sollte, die nicht von Richtern aufgestellt werden sollte, sondern durch die Polizei: das BKA, das mit geheimen Listen unter Abschaffung der Gewaltenteilung bei der Totalüberwachung des Webs: das war die SPD-Politik von Zypries, die jetzt ohne weitere Reflektion die GroKo-Verhandlungen mit führt. Erst die Petition von 140.000 Bürgern außerhalb des Parlaments hat den Bundestag zur Vernunft gebracht. Die gleichen Leute haben dann das genau Gegenteil beschlossen. Wie die Opportunisten bei der CDU in der Atompolitik, bei denen man im Wochenrythmus nicht weiß, was die wollen.

    Vielleicht sind wir an dem Punkt, an dem die Parteien durch konsequente Arbeit gegen die Demokratie (wie wir auch beim Geheimdienstskandal gerade sehen) die bisherige Formen der Demokratie abschaffen. Wenn Demokratie so viel Scheisse wie in Afghanistan, CIA-Einsätze mit Terroristen in Syrien, Zerstörung Lybiens, Massenüberwachung in den Westlichen Ländern durch demokratisch nicht kontrollierbare Geheimdienste, dann ist sie krank. Dann ist ein „Weiter so!“ und „Jetzt erst recht!“ kontraproduktiv weil die Erneuerung aufhaltend.

    Die GroKo-Verhandlungen jetzt jetzt schon seit Wochen das Land lahm, erstes Regierungshandeln fällt schon aus. Da halte ich es für richtig, dass Yasmina nicht mehr bereit ist, durch prekäre Selbstausbeutung ein fettleibiges System zu unterstützen, dass nicht mehr liefert. Johannes Rau hat 1980 seine Regierungserklärung überschrieben mir „Mut zur Zukunft“ und nicht „Schnauze, Siggi braucht einen Job, scheiß auf SPD-Werte!“ ;-)

    P.S.: Ich weiß, dass er bei der Union noch schlimmer ist. Aber da ist gar keine Hoffnung, dass es besser werden kann.

  7. Wenn es nicht so traurig wäre, müsste ich manchmal schon lachen. Es erinnert mich sehr an die Leute, die an einen Flughafen ziehen und sich dann gegen den Lärm engagieren. Sich zu wundern, dass eine Partei Strukturen hat. Die sich auch nicht von alleine abschaffen. Herrlich. Die Quote ist übrigens eine von diesen Strukturen. Ist die eigentlich auch ein Instrument zur Besitzstandswahrung dicker alter Männer?
    Danke Nico, dass mal jemand darauf hingewiesen hat, dass jedes Spiel Regeln hat.

  8. Deine Antwort ist sehr gut, angemessen und führt die Diskussion auf ein höheres Niveau. Aber Du bringst diese auch in eine Richtung, in die Du vielleicht gar nicht abzielst. In Deinem Text deckst Du noch viel mehr auf als Yasmina, warum Beteiligung so schnell als vergebliche Option erscheint. Politik muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass man dort eh nicht durchkommt, auch wenn man eine vernünftige Lösung auf eine Sachfrage zu bieten hat. Die aufwändigere Arbeit ist es, sich überhaupt Gehör zu erarbeiten. Der Weg führt dabei dann durch ein Dikicht von beeinflusster Meinungsbildung, strategischen Vorgehensweisen und persönlicher Vorteilsnahme einzelner entscheidender Personen. Dabei kann die Lösung an Qualität verlieren, denn man muss sie für die höheren Ebenen opportun machen. Was in der Kritik steht und Politikverdruss bereitet, ist doch gerade diese Organisationsweise in politischen Verbünden. Das Ganze gipfelt dann in Fraktionszwang, Parteispenden, großen politischen Deals wie gerade bei der Bildung der Großen Koalition, wo Grenzen einwandfreien demokratischen Handelns überschritten scheinen. Du schreibst, das sei halt so, wie auch in Unternehmen usw. Und man muss das Spiel halt mitmachen, weil es anders nicht zu organisieren geht. Du hast bisher recht, leider. Zumindest bis jemand einen anderen Weg gezeigt hat. Interessant wäre eben mal eine Alternative, ein anderer Politikstil, wie man es so gerne nicht ganz so gut ausgedrückt hat in den letzten Jahren. Ein Träumer sei, wer denkt, gerade die SPD könne das. Denn jetzt mal kurz Stammtisch: Eine Partei ist immer so viel wert wie ihre Vorsitzenden. Ich kenne sie ja nicht, aber Yasmina könnte einer dieser Träumerinnen sein.

  9. Wunderbar geschrieben. Ich kann das sehr nachvollziehen, ich wäre auch schreiend und fluchend geflohen. Das was du schreibst, Niko, liest sich wie: Werd ein Rad im system, werde glattgeschmirgelt und verändere ein bisschen was, behalte dabei deine Ideale auch wenn fast alles was du machst diesen widerspricht.

    Niemals kann ich das verstehen, niemals konnte mir einer der SPD Bundestagsabgeordneten sinnvoll erklären wieso man gegen seine Prinzipien abstimmt. Nicht der Austritt war falsch, der Eintritt war das Problem.

    150 Jahre, man hofft das das Ende kommt bevor alle guten Erinnerungen dahin sind.

  10. Ich muss dir und Yasmina danken. Nach der Wahl hatte ich die Piraten schon abgeschrieben. Unsere Parteitage und Meinugsfindungsprozesse sind unausgereift, es gibt ständig Streit auf Mailinglisten und Twitter. Dank der Introspektive hier wird mir aber klar, dass wir etwas wichtiges tun. Die SPD ist verkrustet, alt und von innen ausgehöhlt. Idealisten werden zu Zynikern gemacht, es reicht nicht eine tolle Idee zu haben, wenn man nicht die richtigen Leute kennt und sich auf dieses Kastensystem einlässt. Im Berufsleben erfolgreicher Menschen oder familiär stark eingebundene Menschen haben damit keine Chance Einfluss zu nehmen. Auf moralisch integere Menschen wirkt es abstossend. Übrigen managen grosse unternehmen gute Ideen ihrer Mitarbeiter weitaus besser, aber was wissen Bonzen wie Steinbrück und Gabriel schon vom Leben…

  11. @nils
    „150 Jahre, man hofft das das Ende kommt bevor alle guten Erinnerungen dahin sind.“

    und was dann? die absolute mehrheit für die fundichristen?
    dann doch lieber die linke. von dort kann man wenigstens oppositionsarbeit erwarten.

  12. Ich finde den Blogpost nicht fair. Was unnötig ist oder nicht, entscheidet jeder Mensch für sich alleine. Menschen treffen Entscheidungen aus ihren persönlichen Umständen und auf Grundlage ihres aktuellen Erkenntnisstandes. Das sollte man respektieren. Wenn man auch selber die Entscheidung nicht gut findet, dann sollte man dies nicht in eine persönliche Kritik verpacken, sondern sich vielleicht fragen, warum man darauf so ablehnend reagiert und was das über einen selber sagt.

    1. na klar entscheidet das jeder Mensch für sich alleine, dennoch lasse ich mir den Vorwurf nicht gefallen, dass dieser Blogpost nicht fair sei. Yasmina hat das Thema auf ihrem Blog diskutiert und ich habe das Thema aufgegriffen, sie dabei aber in keinster Weise angegriffen oder diskreditiert.

      1. Trotzdem lässt du die Kommentare hier unkommentiert stehen, die schreiben, ich würde mich in einer Opferrolle sehen, mir wäre nicht klar dass „ein Spiel Regeln“ hat, dass nicht der Austritt sondern der Eintritt das Problem gewesen wäre, usw.

        Abgesehen davon könnte man ja fairerweise erwähnen, dass ich große Teile deiner Analyse hier schon seit etwa zwei Jahren immer wieder anbrachte und anführte (sogar peer-reviewt in einem Wissenschaftsmagazin), diese dann aber immer als „Nörgelei“ abgetan wurde. Könnte man. Man könnte die auch verlinken. Aber dann könnte man sich ja nicht so gut abgrenzen.

        Ob der Text fair oder nicht ist lass ich mal so stehen, ich sag nur mal so: von jemandem, mit dem ich neulich erst zusammen saß und der in vielen Dingen meiner Meinung war was die Partei angeht, teils sogar noch drastischer, hätte ich mir einen Text gewünscht, der sich nicht so an meiner Person aufhängt.

        1. Yasmina, ich kommentiere selten jeden einzelnen Kommentare, sondern tue dies meistens gesammelt. Und was unsere Analyse der Partei angeht: ja, da sind wir viel und oft einer Meinung. Nur glaube ich, dass wir keinen schnellen Weg aus dem Dilemma finden werden, sondern an allen Ecken und Enden nerven müssen. Und daher finde ich es schade, dass Du ausgetreten bist.

        2. Liebe Yasmina,

          ich bin durch Zufall auf diese Diskussion gestossen und bin – gelinde gesagt – entsetzt. Ich war 25 Jahre lang in dieser Partei. Habe über Demokratisierung und Transparenz politischer Entscheidungen schon in den 80er Jahren mit den „alten Säcken“ gestritten. Und obwohl wir immer wieder was auf die Nase bei den Kungeleien bekommen haben, sind wir am Ball geblieben. Ich bis zur Hartz-IV-Gesetzgebung. Mein Austrittsgrund. Da hat sich die Sozialdemokrate endgültig von ihrer Klientel verabschiedet. Und ich mich von der SPD. Und dann kommst Du. Trittst vor zwei Jahren in die SPD ein, die sich längst selbst vom Godesberger Programm verabschiedet hat und die neoliberale Poltik erst ermöglicht hat. Schon allein deswegen werde ich mißtrauisch. Und weil es ja en vogue ist zuviel Testosteron für das eigene politische Scheitern verantwortlich zu machen, produzierst Dich nun als Opfer von „männlich geprägten“ Herrschaftsstrukturen und verfällst in narzisstischem Mitleid ( „Fünf Monate meines Lebens habe ich geopfert ….“ ). Dabei kommt mir die Galle hoch. Das erinnert mich an diesen jungen Mann, der vor Jahren in die SPD eingetreten ist, nur um ein Buch zu schreiben, damit er mit großen Trommelwirbel wieder austreten kann. Politik ist kein Ponyhof, darüber muß man sich im Klaren sein, wenn man in eine Partei eintritt. Politik ist ein Kampf, bei dem man Positionen erobern muß. Auch und vor allem an der Basis. Das wirst Du nicht schaffen mit Begrifflichkeiten wie „peer-reviewt“ ( By the way: Das klingt übrigens so ähnlich bei DSDS, wenn die Jury von „performen“ spricht ). Das ist aber die alte Ochsentour. Wenn man aber glaubt – weil man in der Nähe von Gabriel und Nahles ist – ernstgenommen zu werden und etwas bewegen zu können, gerät am Ende in die gleiche Gefahr der Abgehobenheit, die schlichtweg auch als Arroganz gegenüber der Basis bezeichnet werden kann.

          Liebe Grüße
          Karsten Heyde

        3. „Abgesehen davon könnte man ja fairerweise erwähnen, dass ich große Teile deiner Analyse hier schon seit etwa zwei Jahren immer wieder anbrachte und anführte (sogar peer-reviewt in einem Wissenschaftsmagazin), diese dann aber immer als “Nörgelei” abgetan wurde. Könnte man. Man könnte die auch verlinken. Aber dann könnte man sich ja nicht so gut abgrenzen.“

          Das ist nicht das einzige Deja Vu welches ich hier gerade durchlaufe. Es ist so sensationell

  13. Ein spannender Blog-Artikel! Ich kann mich nicht beherrschen und muss meinen Senf dazugeben, da die angesprochene Thematik meinen momentanen politischen Nerv sehr schmerzhaft reflektiert. Aus einem sozialdemokratischen Elternhaus kommend habe ich in meinem mittlerweile ziemlich langen Leben sehr oft, aber nicht immer SPD gewählt. Ich bin überzeugt, dass ich innerhalb einer Partei und innerhalb deren Strukturen ähnlich wie Yasmina Banaszczuk in absehbarer Zeit Bauchschmerzen bekommen würde. Ich möchte mich „rund“ fühlen können und alles, was eckig/antagonistisch daherkommt, würde mich der Illusion berauben, dass wesentliche Teile meiner politischen Grundüberzeugungen die Chance auf Umsetzbarkeit haben.

    Als junger Mensch war ich als nebenberuflicher Statist in einem Musiktheater für kurze Zeit Mitglied in der damals neu gegründeten IG Medien – die erste Versammlung dieser fusionierten Arbeitnehmerorganisation in meiner Stadt war für mich ein Lehrstück der strukturellen Qual. Rede und Gegenrede, Hand heben, aus Zeitmangel glattgebügelte Kontroversen und das Gefühl, dass Regeln und Ablaufschemata ein von den Inhalten losgelöstes Eigenleben entwickelten, hatten eine entfremdende oder gar abschreckende Wirkung auf mich. Am Ende führte der Eindruck, dass meine Mitgliedschaft als Trittbrett ge- oder missbraucht wurde, um der übermächtigen DAG im Theater Paroli zu bieten, zu meinem Austritt.

    Bei jeder Landtags- und Bundestagswahl überlege ich mir aufs Neue, was ich überhaupt noch wählen kann und entscheide mich für das gefühlte geringste Übel. Ich ahne, dass bei einer Parteimitgliedschaft meine Erwartungen und Wünsche an eine gerechte und ökologisch nachhaltige Politik zwischen zwei Fronten zurechtgestutzt würden: auf der einen Seite die Mischung aus strukturell/informell/habituellen Machtstrukturen innerhalb einer Partei und andererseits die schlichte Wahrheit, dass die Mehrheit unserer Bevölkerung nun mal nicht links tickt und dies vor dem Verglühen unseres Planeten auch nicht tun wird. Wozu soll ich mich dann noch engagieren? Dann lieber den Kopf in den Sand stecken, das Kreuz auf dem Zettel machen, sich hinterher ärgern und die in Wellen verlaufende Politikverdrossenheit pflegen.

    Soweit ich den Blogbeitrag von Yasmina Banaszczuk als Parteiloser überhaupt beurteilen kann, meine ich vor allem Eines entdecken zu können: hier bietet jemand alle erdenklichen seelischen Ressourcen auf, um die für richtig gehaltenen Projekte und Ideen zu Gehör zu bringen und vielleicht auch durchsetzen zu können. Da wir alle nicht willens und in der Lage sind, mit uns selber halbgare Kompromisse zu schließen oder vorauseilende innere große Koalitionen zu bilden, ist jede authentisch vorgetragene Überzeugung prinzipienfest und damit auf dem Prüfstand der Konsensfähigkeit. Was Yasmina Banaszczuk allerdings und offensichtlich erlebt, ist nicht die Konfrontation mit „Schön, dass Du das sagst, aber da bin ich anderer Meinung.“ Was zumindest in meinen Augen das eigentliche Thema ihres Artikels ist, dass ihr großes und nachhaltiges Engagement nicht wertgeschätzt, teilweise vollständig ignoriert oder sogar nassforsch bis unflätig herabgewürdigt wird. So kann sich Selbsteffizienz nicht entwickeln, sondern wird im Gegenteil erstickt und am Ende bleibt nur der Rückzug als eine letzte Form der Selbstachtung.

    Ich werde meine Schnapsidee, den Tipp der heute-show zu beherzigen (in die SPD eintreten, gegen die groko stimmen und wieder austreten) nochmal überdenken müssen.

  14. Yasmina nimmt grundsätzlich immer alles persönlich und muss laufend betonen, aus was für schwierigen Verhältnissen sie sich ganz tapfer hochgearbeitet hat. Nee, ganz ehrlich: dieses Selbstmitleid zieht sich durch Ihre Äußerungen der letzten Jahre wie ein roter Faden.

    Leicht reizbar, dünnes Nervenkostüm und immer sind die Umstände Schuld, gegen die sie kämpft.

  15. Auch ich bin mehr bei Yasmina…. äh, nein falsch: Ich bin voll und ganz bei Yasmina. Die „Sozialdemokraten“ demontieren sich seit Jahren selbst und was Yasmina erlebt hat, ist ein Symptom davon. Auch ich habe sie mal gewählt und bin maßlos enttäuscht. Solange diese Partei ihre unsäglichen „Schrödereien“ nicht ablegt (Hartz IV usw), hat sie meine Stimme verloren. Wenn es sein muss, für immer. Und bei dem, was Yasmina beschreibt, war ihr Austritt nicht unnötig, sondern überfällig.
    Und noch was: Diese große Koalition ist ein großer Fehler. Aber immerhin: Vielleicht schrumpft die SPD in den kommenden vier Jahren dann auf ein Maß zusammen, dass die soziale Vernunft wieder einzieht im Willy-Brand-Haus.

  16. Huch, jetzt ist Minas Blogartikel sogar auf „Zeit Online“ veröffentlicht. Das lässt mich zwar ein wenig an der „Zeit“ zweifeln, unterstreicht aber auf jeden Fall Nicos Einschätzung, dass ihre Einflussmöglichkeiten deutlich grösser sind/waren als die fast aller anderen Parteimitglieder.

  17. Schön relativiert Herr Lumma. Ich habe zuerst Ihren und dann den originalen Artikel gelesen.
    Ich finde das von Ihnen schon sehr allgemein gehalten. Um es mal sehr dezent auszudrücken. Der original Blogpost und insbesondere Ihre Antwort, die mich übrigens noch wütender macht als das der scheidenden Genossin, repräsentiert für mich ein wunderbares Beispiel das mir die Doppel-Rot (Links-Links) Wahl bestätigt.

    Nein Herr Lumma, Sie haben mit diesem Posting nicht angegriffen oder so. Sie haben ihn so undeutlich und schwammig formuliert, dass es problemlos möglich ist, dies alles hinein zu interpretieren was man als Angriff denken könnte. Das ist auf eine Weise unfair, wie ich sie eigentlich nur aus Schlichtungen in Mobbing-Fällen im beruflichen Umfeld kenne.

  18. Treffende Analyse.
    Wir nennen es zwar noch Demokratie, aber taugt der Begriff wirklich noch zur Beschreibung der Realität?
    Durch und durch verkrustete hierarchische (Partei-)Strukturen verhindern echte basisdemokratische Partizipation. Es gibt so viele Menschen, die darauf brennen, etwas zu ändern in dieser Welt, die sich aber letztlich an den vorhandenen Strukturen aufreiben. Echte Demokratie kann wahrscheinlich nur ohne Hierarchien funktionieren, OWS hat vorgemacht wie es geht.

  19. Sorry, aber Yasmina hat wegen ihrer kompletten organisatorischen Unfähigkeit beim Mitgliederentscheid zur VDS das Thema für Monate oder Jahre verbrannt. Statt im Stile einer „Hoppla, hier kommt die Dramaqueen“-Menatiltät an die Sache zu gehen, hätte sie sich mal mit ein paar Leuten verbünden können, die a) etwas von dem Thema und b) was von Funktionsweisen der SPD verstehen. Stattdessen brennt die Dame in kurzer Zeit mit hellen Blitzen wie eine Wunderkerze ab.

  20. Nico Lumma ist ein feiner Kerl, aber überzeugen tut mich die Argumentation diesmal nicht. Es geht ein wenig in die Richtung: „das ist halt so, so sind die Strukturen nun mal, in Unternehmen ist das nicht anders.“
    Das soll überzeugen? Was sind die Vorteile dieser Verfahrensstrukturen gegenüber mehr innerparteilicher Demokratie? Ich glaube, dass uns u.a. diese Strukturen dort hingebracht haben, wo wir jetzt sind – und das mein ich absolut positiv in Anbetracht einer 150-jährigen Geschichte. Aber ich glaube, dass diese Strukturen in Zukunft eher hinderlich statt förderlich seien werden. „Die Zeiten haben sich geändert“ ist nicht nur so ein Spruch, sondern eine Tatsache. Wir müssen nicht den Piraten nacheifern, aber auch die Grünen sind uns einen gehörigen Schritt weiter.
    Wir sind in dieser schnelllebigen Gesellschaft nunmal nicht mehr offen für Parteien und ihre Strukturen und wir können nicht darauf warten, dass sich die Gesellschaft ändert. Bis dahin sind wir in der Senkung verschwunden.

  21. „aber glaub mir, in unternehmen ist es auch nicht anders. menschen prallen aufeinander und dabei entstehen interessenskonflikte.“

    Nico, eine Partei ist kein Unternehmen. Und deshalb sollten da auch keine alten, dicken Männer das Geschehen einer ganzen Partei lenken. Das ist aber bei der SPD so, wie bei fast allen Parteien – und für mich der Grund, warum ich der Partei seit Jahren keine Stimme mehr gebe. Das „Sozial“ in dem SPD ist kein sozial mehr. In Berlin ist das ganz gut an der Stadtentwicklung zu sehen. Die SPD hat dieser Stadt auch nicht gut getan. Und am Ende haben die SPD-Granden Wowereit und Platzeck auch noch Berlin und Brandenburg in ein unfassbares finanzielles Fiasko getrieben – siehe BER. Reue? No way!

    Für mich ist die SPD historisch inzwischen fast immer die Umfallerpartei. Leider.

  22. Es ist genau dieses Ochsentour-Gerede, das eine Mitgliedschaft oder Mitarbeit in Parteien wie der SPD für so viele Menschen, die für Ideen brennen, die etwas bewegen wollen, unmöglich macht.

    Ich hege keinen Zweifel, dass die Zustandsbeschreibung zum Thema „Besitzstandswahrung“ und „Supertanker“ genau so zutrifft. Es ist aber exakt die hier zum Ausdruck gekommene Haltung „das ist halt so, muss man durch, lässt sich nicht ändern, jede noch so marginale Änderung braucht halt nun mal zehn Jahre und wird bis dahin zur Unkenntlichkeit verwässert, so ist der Lauf der Dinge“, welche gerade die SPD auf so abschreckende Weise kennzeichnet und zu großen Teilen für ihren selbstverschuldeten Niedergang verantwortlich ist. Es ist exakt diese Haltung (die ich von meinem in einem SPD-Ortsverein aktiven Stiefvater kenne), die für mich diese Partei schon immer unwählbar gemacht hat. Diese Bereitschaft, unannehmbare und dringend reformbedürftige Dinge hinzunehmen und die Reform auszusitzen, weil man halt lieber „im eigenen Saft schmort“, ist ja auch viel gemütlicher.

    Aber gut, liebe Besitzstandswahrer in der SPD: dann macht mal schön so weiter, grenzt jeden ohne Stallgeruch aus, kriecht Mutti für ein paar wohldotierte Pöstchen in den Allerwertesten und lasst Euch weiter marginalisieren. Spätestens bei der übernächsten Wahl wird die Linke Euch überholt haben, und – falls sie es bis dahin schaffen, sich personell und organisatorisch zu berappeln – auch die Piraten…

  23. Ich spanne den Bogen mal etwas weiter. Dieses Parteiensystem, und die SPD ist wie alle anderen Parteien nur ein Bestandteil davon, ist überlagert. Und du zeigst in deinem Beitrag viele Gründe, warum es so ist. Das System ist kein schwer zu navigierender Supertanker. Es ist vielmehr ein greiser alter Mann, der gern hätte, dass alles so bleibt wie es war, unfähig sich Veränderungen zu stellen und sich anzupassen. Und wenn die Möglichkeiten etwas zu ändern, durch die zunehmende „Besitzstandswahrung“ von Funktionären zu stark behindert werden, ist das ein Zeichen dieser „Überlagerung“. Kein System ist für die Ewigkeit. Auch dieses nicht. Und noch etwas zum Thema „Regeln“. Die sind dazu da, gebrochen zu werden!

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