Arbeitsfrei – wohin geht unsere Gesellschaft?

Nico —  5.11.2013

Schon länger treibt mich die Frage um, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt haben wird. Zwar bin ich in der glücklichen Lage, von dem neu entstehenden Arbeitsmarkt in der digitalen Wirtschaft zu profitieren, aber mich beschleicht schon länger das ungute Gefühl, dass durch die Digitalisierung der Arbeitsmarkt noch einmal einschneidend verändert wird. Und obwohl ich eigentlich dafür bekannt bin, dass ich die Digitalisierung eher euphorisch begleite, beschleicht mich seit dem Aufkommen der 3D-Drucker ein eher dystopisches Gefühl, wenn ich über die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeit nachdenke. Meine Befürchtung ist, dass durch die Digitalisierung viele wenig und mittel qualifizierte Jobs wegfallen werden, die kaum durch neue Jobs in der digitalen Wirtschaft oder den demographischen Wandel aufgefangen werden können und insgesamt die Rationalisierungswellen der 70er und 80er Jahre wie eine zaghafte Episode auf dem Arbeitsmarkt erscheinen lassen. Das bedeutet also aus meiner Sicht, dass wir verstärkt darüber nachdenken müssen, wie wir als Gesellschaft damit umgehen wollen, dass immer mehr Arbeit wegfällt und damit die Perspektive für immer größere Teile der Gesellschaft nicht unbedingt von gesellschaftlichem Aufstieg geprägt sein wird, sondern eher von Armut.

ArbeitsfreiAutomatisierung von Arbeit ist nun nicht wirklich ein neues Phänomen, aber die Art und Weise, wie die Digitalisierung die Arbeit verändert, hat schon eine neue Qualität. Die beiden Autoren Constanze Kurz und Frank Rieger nehmen die Leser in ihrem Buch Arbeitsfrei mit auf eine Reise zu Produktionsstätten und zeigen am Beispiel der Herstellung von Brot auf, wie sich die Arbeit in den unterschiedlichsten Bereichen verändert hat und welche Rolle der Mensch (noch) spielt. Ich habe ja mal die Geschichte der Arbeiterbewegung studiert und mich oft dabei gefragt, wie die Menschen diese Arbeitsbedingungen überhaupt aushalten konnten und war immer sehr berührt von den einzelnen Schicksalen oder den Schicksalen von Gruppen von Arbeitern. Kurz und Rieger zeigen nun allerdings einen Wandel der Arbeit auf, bei dem der Mensch eigentlich nur noch Robotern zuarbeitet oder deren Arbeit überwacht. Gleichzeitig übernehmen Algorithmen oftmals Arbeit, die bislang noch viele Menschen in Büros beschäftigt hat.

Ich empfehle wirklich, dieses Buch zu lesen, um einen Eindruck zu bekommen, wie stark die Veränderungen sein werden. Mein Opa war Landarbeiter, diesen Job gibt es quasi nicht mehr, und ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich nicht seinem Rat gefolgt bin und eine Bank-Ausbildung gemacht habe. Ja, lacht nur, bei der Vorstellung, mich in einer Bank zu sehen, aber ich glaube, da sähen meine Zukunftsaussichten jetzt zunehmend düster aus. Natürlich stellt sich jetzt die Frage, wie die Politik damit umgehen wird, dass ein erneuter Umbruch auf dem Arbeitsmarkt erfolgen wird. Ich glaube, dass wir über die Diskussion eines wie auch immer gearteten Grundeinkommens künftig nicht mehr herumkommen werden, weil sich die Erwerbsbiographien von einer immer größer werdenden Zahl von Menschen sehr schnell verändern wird.

16 responses to Arbeitsfrei – wohin geht unsere Gesellschaft?

  1. Das ist dir wohl nur durchgerutscht, aber warum setzt du „ohne Arbeit“ mit Armut gleich?

    Ich sehe diesen Wandel nicht so dystopisch (schönes Wort) wie du. Genau wie dein Großvater das, was wir heute Arbeit nennen, nicht als Arbeit interpretieren würde, werden wir die Arbeit unserer Enkel nicht als solche bezeichnen.

    Denk alleine mal an die Bedeutung gebräunter Haut …

    • naja, Arbeit dient dem Geldverdienen und ohne Geld rutscht man schnell in die Armut ab, es sei denn, soziale Sicherungssysteme sorgen dafür, dass dies nicht passiert. Wenn allerdings die Gesellschaft immer älter wird und immer mehr Leute ohne Jobs da stehen, dann dürfte das eng werden. Daher die verknappte Gleichsetzung von „dauerhaft keine Arbeit = Armut“. Mir wäre es lieber, wenn das nicht passiert.

  2. Johannes Dultz 5.11.2013 at 22:09

    Für „Commodity“ Arbeitsplätze wird’s eng. Wenn du es nicht bereits gelesen hast, empfehle ich dir hierzu „Professionelle Intelligenz – Warum wir eine Exzellenzgesellschaft werden müssen.“ Von Gunter Dueck. Grüße aus Freiburg

  3. Spannendes Thema – ich sehe die Entwicklung in zwei Schritten:

    1.) Zahlreiche Bürojobs werden in Billiglohnländer verlegt, da durch die Kommunikationsinfrastruktur die Arbeit nicht mehr im Heimatland erledigt werden muss. Ich arbeite in der Buchhaltung eines großes Unternehmens und bekomme mit, wie die anderen Firmen die Buchhaltung immer mehr auslagern. Rückfragen wegen unklarer Zahlungsverläufe kläre ich häufiger mit rumänischen oder indischen Mitarbeitern als aus Zentraleuropa. Und deutschsprachige Callcenter in der Türkei und in Ägypten regen keinen mehr auf. Dieser Schritt wird sich übrigens durch einen flächendeckenden Mindestlohn in D noch verstärken. Die ganzen Callcenter in Ostdeutschland werden nicht die 8,50 Euro zahlen, sondern einfach schließen.

    2.) Viele Bürojobs werden immer häufiger durch den Computer ersetzt. Sachen wie analoge Postbearbeitung werden durch den digitalen Rechnungseingang abgelöst, die Algorithmen werden auch immer besser, so dass viele Dinge automatisiert ablaufen. Das wird noch Jahrzehnte dauern, aber meine Kinder (ich bin 40) werden klassische Bürojobs in Banken, Versicherungen oder in der Plüschetage großer Konzerne nicht mehr kennenlernen

  4. Ok, Nico, du kannst ja schon mal „nachdenken“. ^^

  5. Ich werde mir das Buch gerne mal reinziehen, denn an einem sehr alltäglichen Beispiel „Brot“ so etwas aufzuzeigen, das scheint mir interessant.

    Viele Menschen realisieren anscheinend noch nicht ansatzweise, was da gerade explosionsartig um uns passiert. alles was da passiert wird auch immer „zum 1. Mal passieren“. Darin liegt die Problematik, denn weder Unternehmen, also Wirtschaft oder auch die Politik können uns hier Hilfen anbieten. Sie müssen aber entscheidend Wege weisen müssen. Vieles wird in die Hose gehen, dies muss man ihnen zugestehen!

    Es gilt, das ist meine persönliche Meinung, welche selbstverständlich auch meinem eigenen Leben und Biz, meinem gesammelten Knowhow geschuldet ist, sich einen Teil des neu zu vergebenden Kuchens zu sichern.

    Die analoge Welt, wie wir sie kennen, wird wegen der minimierten Fehlerquote und den – ausser Updates und Inspektionen – wegfallenden Krankheitsrisiken, Schwangerschaftsausfällen … alles Mögliche unternehmen, immer digitaler und automatisierter zu Produzieren.

    Der Faktor Mensch ist einfach der weichste Faktor und wird deshalb in evolutionärer Anpassung nicht hinterher kommen können.

    Ich bin aufgewachsen in einer Gesellschaft, welche die Leistung als Massstab für die erreichbaren Ziele und die zu verdienenden Einkünfte definierte. Das ändert sich seit geraumer Zeit mit zunehmender Geschwindigkeit.
    Eben wegen meiner Erziehung tat ich mich immer schwer damit, ein „bedingungsloses Einkommen“ zu garantieren. Ich „fühle“ immer noch, dass da was nicht ganz passt, aber wir werden zukünftig nicht mehr so viele Menschen zur Bedienung der Automationen benötigen!

    Wohin also mit der Menschen-Masse, für die es „keine“ Verwendung gibt, wegen unterqualifizierter Herkunft und Ausbildung? Das sind keine Szenarien mehr aus SciFi Filmen. Das ist bereits unsere nähere Zukunft.

    WIR müssen uns Gedanken machen dazu – schleunigst!

    Michael Marheine

    Autor Michael Marheine bloggt auf diversen eigenen Plattformen zu den Themen Social Media und Online-Marketing sowie E-Mail-, Video-, Affiliate- und Mobile Marketing etc., durchlebte alle Stufen vom Angestellten. Startup, Selbständigen, erfolgreichen Unternehmer bis hin zum Unabhängigen (Unternehmer)

  6. „dass ich nicht seinem Rat gefolgt bin und eine Bank-Ausbildung gemacht habe. Ja, lacht nur, bei der Vorstellung, mich in einer Bank zu sehen, aber ich glaube, da sähen meine Zukunftsaussichten jetzt zunehmend düster aus.“

    Wieso glaubst Du das? Banken wird es immer geben. Und da verdient man auch nach wie vor gutes Geld. Auch als SachbearbeiterIn bei der lokalen Sparkasse. Reich wird man damit natürlich nicht, klar.

    • weil ich glaube, dass im bankbereich die algorithmen dominieren werden, was zu einem weiteren arbeitsplatzabbau führen wird.

  7. Hallo Nico, da ich schon lange aus dem Arbeitsleben ausgeschieden bin,mache ich mir persönlich keine Gedanken über das zukünftige Arbeitsleben. Ich denke da mehr an die Aussichten die mein Enkel Student einmal haben wird.

  8. Ich glaube, dass es einfach andere Jobs geben wird.
    Das heißt der Mensch wird sich andere Ziele stecken und darin wird einfach investiert.

    Aber ich kann mich auch irren.

  9. Sehr schöner Buchtip … Habe es mir im Zug als eBook geladen und direkt gelesen … Danke! Bzgl. der Entwicklungen finde ich es persönlich wichtiger, weniger in Sozialleistung zu denken, sondern vor allem darüber, wie sich Arbeit für unsere Gesellschaft überhaupt neu definieren kann. Siehe auch Work-Life-Bullshit von Thomas Vasek …

  10. Zur Zeit testet man ja das selbstfahrende Googleauto. Für mich ist heute schon das Navigationssystem eine große Erleichterung beim finden der Fahrziele. Mit der Einführung dieser neuen Systeme werden einige Taxidriver sich neue Felder suchen müssen.
    Im Bildungsbereich finden wir unsere Lehrer sehr wahrscheinlich zunehmend auf Internetportalen.

  11. Ich bin auch der Meinung dass es andere und neue Jobs geben wird. Dann wird es nur eine Frage sein ob man sich umqualifizieren will.

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