Die Partei als tradierte Form der Real Life Gamification

Nico —  6.11.2013

Derzeit gibt es auf Twitter und anderswo eine Diskussion darüber, was eine Partei leisten muss und was Mitglieder von ihr zu erwarten haben, bzw. was ihr Beitrag sein könnte. Irgendwann ist mir der Gedanke gekommen, dass man eine Partei eigentlich ganz einfach anhand von Gamification erklären kann. Gamification, kurz gesagt, soll dafür sorgen, dass wir uns spielerisch mit irgendetwas auseinandersetzen und dafür werden bestimmte Anreize und Belohnungen gesetzt. In der Wikipedia wird Gamification so erklärt:

Als Gamification oder Gamifizierung (seltener auch Spielifizierung) bezeichnet man die Anwendung spieltypischer Elemente und Prozesse in spielfremdem Kontext. Zu diesen spieltypischen Elementen gehören unter anderem Erfahrungspunkte, Highscores, Fortschrittsbalken, Ranglisten, virtuelle Güter oder Auszeichnungen. Durch die Integration dieser spielerischen Elemente soll im Wesentlichen eine Motivationssteigerung der Personen erreicht werden, die ansonsten wenig herausfordernde, als zu monoton empfundene oder zu komplexe Aufgaben erfüllen müssen.

250px-SPD_LogoIch will das Thema Gamification jetzt gar nicht weiter im Detail diskutieren, sondern einfach mal anhand meiner Partei, der SPD, aufzeigen, wie sich in 150 Jahren die Partei zur ultimativen Challenge für jung und alt entwickelt hat. Dabei betrachte ich der Einfachkeit halber die verschiedenen Level und nehme an, dass es erstrebenswert ist, von der Kreis-Ebene auf die Landes-Ebene und schliesslich auf die Bundes-Ebene aufzusteigen, was natürlich engagierte und überzeugte Kommunal- bzw. Landespolitiker vehement verneinen würden. Ähnliches gilt natürlich auch für die anderen Parteien in Deutschland, nur dass dort die Gamification-Elemente andere Bezeichnungen haben.

Tutorial:
Die Jusos in der SPD sind der Tutorial-Level, in dem die Funktionsweisen erklärt und erste Erfahrungspunkte gesammelt werden können. Für angehende Akademiker gibt es das kostenlose Add-On Juso-Hochschulgruppe.

Einsteiger-Level:
Der Ortsverein. Hier gibt es überwiegend Erfahrungspunkte und Badges für langes Dabeisein sowie das jährliche Zahlen des Mitgliedsbeitrags. Die Anzahl der Endgegner ist in diesem Level überschaubar, die Komplexität der zu lösenden Aufgaben allerdings auch. Der Fortschrittsbalken wächst durch das Anwerben von Freunden und Verwandten sowie der Übernahme von Aufgaben wie Protokollführer oder Pressearbeit. Mit Eintritt in das Vorstands-Ranking gerät der nächste Level in Sicht.

Fortgeschrittenen-Level:
Der Kreisverband. Dieser Level wird zusätzlich zum Level Ortsverein gespielt und sorgt für viele Erfahrungspunkte und den ersten sichtbaren Schritt auf dem Fortschrittsbalken. Die ersten virtuellen Güter werden verteilt in Form von Ämtern, aber auch In-Game Currency kommt ins Spiel, die jedoch nur anteilig in echtes Geld konvertiert werden kann, da die Partei im Rahmen der freiwilligen Mandatsabgabe ebenfalls etwas abbekommt. Die Anzahl der Gegner in diesem Level steigt merklich an, sowohl in der Partei als auch in anderen Parteien, aber auch bei Unternehmen und Verbänden sowie der Presse. Zu den hier üblichen Challenges gehören Kreisparteitage, bei denen die Sieger einen weiteren Level spielen können.

Landes-Level:
Zusätzlich zu den beiden bestehenden Level kommt jetzt der Landeslevel hinzu, der das erste Mal über ein wirkliches Ranking verfügt: die Landesliste. Hier kommen die Erfahrungspunkte zum Einsatz, aber auch die bisher gesammelten Badges, zusätzlich kann man virtuelle Güter einsetzen, um wichtige Positionen nach oben zu kommen. Dieses Ranking ist wichtig, um das Add-on Landtagsabgeordneter ebenfalls nutzen zu können, bei dem erstmal richtig In-Game Currency eingesetzt wird. Die Anzahl der möglichen Badges steigert sich hier nochmals.

Bundes-Level:
Wem die Challenges auf dem Landes-Level nicht ausreichen, aber über ein gutes Ranking auf der Landesliste verfügt, oder aber genügend Erfahrungspunkte oder seltene Badges gesammelt hat, der kann auch auf dem Bundes-Level auf die Jagd nach In-Game Currency und Badges gehen. Auch hier gelten Landeslisten, aber andere, dafür hat die Zahl der Gegner merklich zugenommen und alle 4 Jahre ist die Aufmerksamkeit sehr groß beim Kampf mit dem ultimativen Endgegner, genannt Wähler. Auf dem Bundes-Level gibt es viele kleine und große Challenges, wobei die Troika-Challenge sicherlich zu der begehrtesten gehört, da sie viele mögliche Badges und virtuelle Güter freischaltet. Die Troika-Challenge hat, wie so viele Challenges auf Landes- und Bundes-Level allerdings den Nachteil, dass man auf Einsteiger-Level zurückgestuft werden kann, wenn man trotz Erfahrungspunkten und weit fortgeschrittenen Fortschrittsbalken die Endgegner nicht schafft.

Das Spannende an der Gamification innerhalb einer Partei ist, dass für jedes Mitglied etwas dabei ist. Es gibt jedes Jahr die Badges zum Einkleben ins Parteibuch, es gibt jede Menge Challenges, es gibt Rankings, Rangebenen, es gibt Erfahrungspunkte, Fortschrittsbalken und auch schöne virtuelle Güter, die außerhalb der Partei völlig wertlos sind. Bei der SPD funktioniert das System seit 150 Jahren so, allerdings kommen ab und zu neue Challenges wie Mitgliederbefragung oder Level wie Europa-Politik hinzu. Die Gamification einer Partei wie der SPD gerät allerdings ins Stocken, wenn zu viele Mitglieder die Badges langweilig finden, das Gefühl haben, nicht schnell genug in die Ranglisten kommen oder gerne andere virtuelle Güter hätten. Dann steht in aller Regel eine Parteireform an, damit die Gamification in der Partei wieder besser funktioniert.

10 responses to Die Partei als tradierte Form der Real Life Gamification

  1. Du hast die Extra-Lifes, Zusatz-Manas, und Abkürzungen nicht erwähnt, welche mittlerweile Frauen in Anspruch nehmen können. Einfach weil … Vagina!

  2. Hey Nico, nette Idee, Gamification anhand vom Beispiel einer Partei zu erklären. Gamification ist meine Full-time-Beschäftigung und es freut mich immer wenn es die Möglichkeit gibt hier eine Verbindung mit der Politik zu schaffen. :-)

    Im Post schreibst du zum Beispiel: „Hier gibt es überwiegend Erfahrungspunkte und Badges für langes ‚Dabei sein‘ sowie das jährliche Zahlen des Mitgliedsbeitrags.“

    Das wird euch nicht weit bringen (insofern man auf einen langfristigen Erfolg abzielt).
    Spiele sind nicht wegen ihrer Punkte, Orden oder Ranglisten spannend. Dies sind nur visuelle Feedback-tools. Was den Erfolg von Spielen vor allem ausmacht, ist die gegebene Herausforderung für den Spieler und seine Möglichkeit diese durch lernen und tüfteln zu überwinden. Es gibt kein Spiel ohne erlernbares Problem. Und vor allem: Das Problem muss mit den ‚wachsenden‘ Fähigkeiten des Spielers mithalten, also auch schwerer werden.
    Einfach nur lang dabei zu sein oder den Mitgliedsbeitrag zu bezahlen ist keine persönliche Leistung. Natürlich kann man dieses durch Punkte oder Badges auch visuell belegen, dann handelt es sich jedoch um ein Loyalitätsprogramm. Dies kann durchaus erfolgreich sein (wie man zum Beispiel am Miles & More Programm sehen kann) baut jedoch auf andere Motivatoren als Gamification. Während Loyalitätsprogramme auf extrinsiche Belohnungen abzielen, baut Gamification auf intrinsische Motivation. Der Unterschied: Intrinsisch motiviert macht man etwas, weil dieses ‚Machen‘ an für sich spannend und motivierend ist, jedoch nicht weil man danach etwas bekommt.

    Zielt man jedoch darauf ab, ein System aufzubauen, dass ein Parteimitglied seinen eigenen ‚Path to Mastery‘ ermöglicht und somit auch Expertenstatus vermittelt und ähnliches, dann kann Gamification ein geniales Mittel sein, um das Partei-Erlebnis der Mitglieder nachhaltig zu bereichern.

    Freue mich natürlich auch über ‚Gegenreden‘ an dieser Stelle. Gerne aber auch jederzeit auf einen intensiveren Austausch für Einsatzmöglichkeiten.
    Cheers, Roman

    • dieser artikel basiert auf einem simplen gedanken-experiment und nicht auf jahrelanger recherche. natürlich habe ich dinge total vereinfacht dargestellt, viele details ausgelassen, asf, afa, ag 60+ und vieles andere überhaupt nicht berücksichtigt. aber das ist mir herzlich egal, es ging ja nur darum, mal zu gucken, ob so eine partei irgendwie auf gamification zurückgreift. und ja, ich glaube, das tut sie. und dabei ist vieles für mich herzlich wenig motivierend, scheint aber dennoch zu funktionieren.

  3. Zwei Anmerkungen.
    Es gäbe noch den Stadt(bezirks)level zwischen OV und Kreisebene.

    Solange du im OV auf Stadt- oder Bezirksebene bist, kannst du durch tätige Hilfeleistung Bonuspunkte machen, indem du etwa zwischen Bürger und Stadt oder Gemeinde vermittelst. Spätestens ab Landesbezirk ist damit Schluss, da fangen dann die Abzüge für eingeschränkte Handlungsfähigkeit wegen Sachzwängen an.

  4. Politisches Engagement in Volksparteien ist ein Spiel, das in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von Spaß ist und auf das sich seit Jahren immer weniger Leute bereit sind einzulassen.

    Ich räume derjenigen Partei großes Potential ein, die das Spiel zeitgemäß neu erfindet.

  5. Schöne Idee, dieses zutiefst utilitaristische Grundmodell der Badges & Orden mach auch den trostlosen Pragmatismus einer Parteikarriere so richtig deutlich. Leider!

  6. Du hast natürlich vergessen das man von einem Level zum andern nicht durch gute Fähigkeiten kommt sondern das es dringend ratsam ist die premium currency Klüngel zu Kaufen und diese Eifrig mit mitgliedern anderer Verbände zu Tauschen.

    • ja, man kann diese gamification idee noch ne weile weiterspinnen, in die unterschiedlichsten richtung der politischen meinungsbildungsprozesse.

Trackbacks and Pingbacks:

  1. Die Machtsüchtigen · Warum die SPD ihre Führungsspitze loswerden muss | Carta - 6.11.2013

    […] Nico Lumma: Die Partei als tradierte Form der Real Life Gamification […]

  2. Umweltschutz bis Finanzkrise - alles nur ein Spiel? - Social Media Week Hamburg - 7.11.2013

    […] wie Kai von Luck (HAW) es beschrieben hat. Beiratsmitglied Nico Lumma hat letztens einen Blog-Artikel geschrieben, in dem er einen Vergleich zwischen der Funktionsweise von politischen Parteien (konkret, die SPD) […]