Die Sache mit dem ungenutzten Potential des Social Web

Nico —  8.01.2014

Vor ein paar Tagen bin ich beim Lesen auf Medium über den Artikel Why no Politics on Facebook? This Needs to Change. gestolpert und dieser Artikel hat mich dann doch nachdenklich gemacht. Ich gehöre sicherlich nicht zu denen, die Social Media in irgendeiner Form zurückhaltend nutzen, sondern ich teile viel mit meiner kleinen Welt und freue mich über Feedback in welcher Form auch immer. Aber es ist schon so, dass ich eher enttäuscht bin, wie wenig wir die Politik beeinflussen mit dem Social Web, das uns mittlerweile zur Verfügung steht. Ich mache das fest am Zusammenspiel von Aufmerksamkeitserzeugung und Diskussionskultur im Netz.

Alleine in Deutschland sind über 20 Millionen Bürger auf Facebook und ich unterstelle einfach mal, dass diese sich nicht nur für Katzenvideos, Bilder vom Essen der Freunde oder witzige Videos, wie jemand vom Fahrrad fällt, interessieren. Nur stelle ich immer wieder fest (und das ist natürlich nur meine persönliche Wahrnehmung und keine repräsentative Studie und kann gut und gerne damit zusammenhängen, dass mir überwiegend seltsame Leute eine wie auch immer geartete Freundschaft oder Follower-Beziehung in den sozialen Netzen angeboten haben, abgesehen natürlich von denen, die diesen Text gerade lesen), dass in den seltensten Fällen politische Themen geliked, geshared oder diskutiert werden. Da muss ich schon mal richtig auf die Kacke hauen, damit Leute sich äußern. Wenn wir allerdings alle in den RTL II Action News Modus verfallen müssen, damit wir Aufmerksamkeiten herstellen können, dann wird es schwer werden mit der politischen Meinungsbildung in den sozialen Medien.

Internet-Romantiker wie ich denken gerne an die gute alte Zeit zurück, in der man noch davon ausging, dass sich im Netz eine völlig neue Diskussionskultur entwickeln würde, die sich nicht an Herkunft oder Status der Diskussionsteilnehmer orientiert, sondern sich auf das geschriebene Wort fokussiert und dadurch mehr Offenheit in der Auseinandersetzung, aber auch mehr Konzentration auf die inhaltlichen Themen ermöglicht. Ein Blick in die Kommentarspalten von SpOn, Welt.de sowie anderen populären Blogs zeigt allerdings, dass davon wenig übrig geblieben ist. Bei nahezu jedem politischen Thema wird ein Diskussionsstil geführt, den wir von Angesicht zu Angesicht nicht ertragen würden, es wird so munter beleidigt, diffamiert, gelogen, gemotzt und gepöbelt, dass Franz Josef Strauß selig im Rückblick plötzlich wie ein schüchterner kleiner Junge wirkt.

Ich hatte mal gehofft, dass sich durch die Verbreitung von Facebook und der damit verbundenen häufigeren Nutzung des Klarnamens eine Verbesserung der Diskussionskultur einstellen würde, da ich davon ausgegangen bin, dass viele Menschen sich hinter ihren Pseudonymen verstecken, bzw. nicht realiseren, dass hinter einem anderen Pseudonym auch ein Mensch steckt. Leider kann ich nicht behaupten, dass die Diskussionskultur durch die Nutzung von Klarnamen und die Verknüpfung mit dem eigenen Freundeskreis und der damit verbundenen sozialen Kontrolle innerhalb der eigenen Peergroup irgendwie besser geworden ist.

Wir haben einen Grad der Vernetzung erreicht, der uns als Nutzern eine ziemliche Kraft verleiht, da wir unsere eigenen Distributionskanäle für Inhalte gefunden haben und täglich neue hinzukommen. Wir haben die Möglichkeit, das Netz für lokale Inhalte genauso zu nutzen wie für globale Themen, wir können Nischen finden und uns dort thematisch austoben, wir können mittlerweile mit einem einfachen Click ausdrücken, was uns gefällt und was nicht, aber vor allem können wir unseren Freunden, Verwandten und Bekannten in sekundenschnelle mitteilen, was wir gerade wichtig finden. Früher benötigte man für so etwas Schaukästen im Dorfzentrum, schwarze Bretter auf dem Campus oder ausgeschnittene Zeitungsartikel, die kopiert und per Post verschickt wurden.

Aber wir klicken auf Katzenvideos, immer wieder. Wir lullen uns ein und machen konsequent da weiter, womit in Deuschland spätestens mit der Einführung des Privatfernsehens angefangen wurde: der apolitischen Mediennutzung durch große Teile der Bevölkerung. Obwohl wir es alle besser wissen, obwohl wir uns über das politische Personal beklagen, über tendenziöse Berichterstattungen, über offensichtliche Idiotien auf Kosten der Allgemeinheit, nutzen wir die Kraft des Netzes nicht, weder im Kleinen noch im Großen. Es gibt sicherlich den vereinzelten Lichtblick wie den Kampf gegen ACTA oder die Netzsperren, aber wenn wir ehrlich sind, setzen wir dem politischen Diktum der Alternativlosigkeit nichts entgegen. Gar nichts. Obwohl wir 20 Millionen Bürger auf Facebook haben, die alternative Denkanstösse liefern können, obwohl wir Experten zu jedem erdenklichen Thema haben, obwohl sich viele im Netz zu politischen Themen äußern, bleiben wir weit hinter unseren Möglichkeiten zurück. Wir schaffen es zwar, punktuell Aufmerksamkeit erzeugen, was dann als „die Netzgemeinde fordert“ in den Medien erwähnt wird, aber daraus entsteht dann nicht mehr, sondern es verpufft und wird von dem nächstbesten aufmerksamkeitsstarken Thema sofort überlagert. 20 Millionen Bürger auf Facebook sind allerdings nicht die Netzgemeinde, sondern ein Viertel der Bevölkerung und zwar quer durch alle Altersgruppen und soziale Schichten.

Ich habe nicht die Erwartungshaltung, dass durch die Möglichkeiten, die das Netz bietet, sofort jeder Bürger dieses Landes in politische Debatten einsteigt, das wäre illusorisch. Aber ich glaube, dass die etablierte Diskussionskultur im Netz, und sicherlich auch die Unbrauchbarkeit vieler Werkzeuge, dazu führen, dass viele Bürger lieber die Finger von politischen Themen lassen. Debatten werden oftmals so geführt, dass derjenige, der am ausdauerndsten seine Argumente immer wieder wiederholt, sich am Ende als Sieger wähnt, während andere Teilnehmer sich bereits entnervt abgewendet haben. Unterstellungen und persönliche Angriffe sorgen darüber hinaus schnell dafür, dass viele Diskussionsteilnehmer sich die Frage stellen, ob es wirklich Wert war, sich zu einem Thema zu äußern. Der Furor, mit dem lapidare Äußerungen sofort retourniert werden, sorgt dafür, dass man entweder entnervt die Diskussion verlässt, oder zu viel Zeit für das Feilen der Argumente aufbringen muss, als einem eigentlich lieb ist. Da hapert es eben auch an unserem Verständnis von der Verschriftlichung eigentlicher verbaler Kommunikation. Wir sehen in aller Regel nicht die andere Person, während sie mit uns argumentiert, dadurch spüren nicht alle die Ironie, sondern wähnen sich eher provoziert.

Wer sich also politisch äußert im Netz, muss damit rechnen, dass eine Diskussion anfängt, ob er das nun bezwecken wollte oder auch nicht. Wenn man nicht will, dass die Diskussion in die falsche Richtung führt, dann muss man sich einmischen. Dazu hat man nicht immer Zeit und Lust, man kommt aber nicht drumherum, wenn man nicht will, dass die Diskussion entgleitet. Aus einem kurzen Klick auf den Like- oder +1-Button oder einem einfachen Sharen eines Inhalts kann so schnell eine abendfüllende Beschäftigung werden. Will man das? Ist es sozial akzeptiert zu sagen: „Bitte in Stillarbeit lesen und eigene Gedanken machen, hier aber nicht diskutieren, ich habe keine Zeit, mich an der Diskussion zu beteiligen!“ Die Asynchronität des Netzes ist in diesem Fall Fluch und Segen zugleich. Wir müssen nicht an einem Ort sein, um mit einander zu diskutieren, aber die zeitliche Begrenzung eines Treffens oder eines Telefonates fehlt eben, um eine Diskussion im Rahmen zu halten. Eine Diskussion im Netz kann schnell zu einer Überforderung des Einzelnen führen, nicht nur zeitlich, sondern auch kognitiv, weil einfach zu viele Diskussionsstränge existieren können, die man nicht mehr überblicken kann. Man muss sich nur einmal überlegen, was passieren kann, wenn zwanzig Freunde einen Artikel weiterleiten und dadurch jeweils eigene Diskussionen mit deren Freundeskreisen entstehen. Wir müssen also lernen, ignoranter zu sein, während ich eigentlich argumentiere, dass wir weniger ignorant sind. Und wir müssen lernen, diese Ignoranz nicht als Desinteresse zu werden, sondern quasi als Selbstschutz vor einer kognitiven Überforderung durch zu viele Diskussionsstränge, die man alle initiiert hat und für die man sich wenigstens ein Stück weit auch verantwortlich fühlt. Zumal ja ein Grundproblem bleibt: man kann nicht immer Recht haben und man kann nicht alles ausdiskutieren bis alle zufrieden sind. Nur haben Diskussionsteilnehmer andere Wahrnehmungen von dem Zeitpunkt, an dem diese Erkenntis in einer Diskussion gereift ist. Da ist es natürlich von Vorteil, wenn man viel Zeit und Aufwand mit einer Diskussion betreiben kann im Vergleich zu jemandem, dessen Zeitbudget oder Interesse nur wenig Diskussionsintensität zulassen.

Die Herausforderung ist es allerdings für jeden einzelnen Nutzer, dass man nicht nur politisch Stellung bezieht und damit auch Gegenwind aushalten muss, sondern dass man mit fröhlichen Likes für Entertainment konkurriert, die nur einen Klick entfernt Verheissung und Lobpreisungen versprechen und keinerlei Anstrengung nach sich ziehen.

Der Autor des Artikels Why no Politics on Facebook? bringt dann aber noch einen anderen Aspekt in die Diskussion, den ich nicht unwichtig finde:

Here’s the thing. The NSA are watching this and Washington and Whitehall are watching it too. I don’t mean neccesarily me, of course, but rather this behavior, this phenomenon. They’re watching Facebook and they’re measuring sentiment most likely on a moment-by-momentg basis and we’re giving them a very clear message which is: we don’t care. And from that they deduce that they can do anything.

Selbst für wenig paranoid veranlagte Menschen dürfte mittlerweile klar sein, dass messbar ist, welche Art von Aufmerksamkeit bei Themen in den sozialen Netzwerken entstehen. Das gilt für Katzenfutter genauso wie für den Euro-Rettungsschirm oder den Bau eines Bahnhofs. So lange wenig politisches Interesse artikuliert wird, kann man nicht davon ausgehen, dass man irgendetwas beeinflussen wird.

Wir sollten das Potential des Social Web besser nutzen, schliesslich liegt es an uns, die Welt täglich ein wenig besser zu machen. Um mal mit etwas Pathos zu enden.

17 responses to Die Sache mit dem ungenutzten Potential des Social Web

  1. Spontan fallen mir folgende Aspekte dazu ein:

    1) Wenn irgendwo ein politisches oder sonst wie geartetes Thema diskutiert wird, stehe ich als neu Hinzukommende*r erstmal da und gucke, was die anderen bisher so gepostet haben. Wenn dann bereits der allg. Duktus der Diskussion komplett auf Krawall gebürstet ist, werde ich mich kaum in die Diskussion begeben, weil ich, noch bevor ich mir eine Meinung gebildet habe, befürchten muss, gleich angeschrien zu werden.

    2) Followerzahlen und Freunde sind neue Statussymbole geworden, was zur Folge hat, dass viele eher die vermeintliche Aufwertung des eigenen Internet-Ichs betreiben statt sich wirklich mit einem Thema auseinanderzusetzen. Ich brülle, ich werde gehört, retweetet und meine KPIs (Followerzahlen) verbessern sich. Das Interesse an der Eigenvermarktung im Gegensatz zur Diskussion mit dem Ziel, ein Thema zu analysieren ist m. E. ein Grund dafür.

    3) Im Sinne von Punkt 2) erlauben sich meiner Wahrnehmung nach nur wenige, zu einem Thema erstmal keine feste Meinung zu haben, sondern erstmal diverse Aspekte zu sammeln. Ich finde, wir(tm) sollten uns erstens dessen bewusst sein, dass wir, bevor wir eine Meinung haben, diese erst aufbauen müssen und zweitens während dieser Phase ganz viel und ganz häufig sagen, dass wir noch nicht fertig sind mit unserer Meinungsbildung. Ich finde, das Internet ™ ist eine großartige Ansammlung vieler einzelner Aspekte, die jede*r in ihrem/seinem Kopf zu einer Meinung zusammenfügen muss. Das, finde ich, ist eine der großen Stärken des Internets. Irgendwo habe ich mal gesagt, dass meine Meinung die Status (u-Deklination, daher im Plural auch Status) „krakeelfertig“, „diskussionssicher“ und „haltungsbestimmend“ haben kann. Ich glaube, dass sich viele zu schnell im Status „diskussionssicher“ wähnen, obwohl sie sich noch am unteren Ende von „krakeelfertig“ befinden.

    • krakeelfertig finde ich toll. aber es stimmt schon, es wird gerne alles als unumstößliche wahrheit verkündet und nicht als ein ausschnitt eines denkprozesses.

    • Dem kann ich mich anschließen. In den meisten Fällen habe ich gar keine Lust mehr mit zu diskutieren weil da so viele krawallschachteln posten die mit ihrer festgefahrenen meinung nur auf missionierung aus sind… vor allem bei spon. Das ist kein spiegel sondern bild niveau. Nicht nur die Kommentatoren sondern die ganze Seite.

  2. Eine interessante Zustandsbeschreibung. Dass sich die viel zitierte Politikverdrossenheit auch im Netz bemerkbar macht, war zu erwarten. Immerhin gehört sie zu den Merkmalen der Postdemokratie.

    Ich sehe einen Zusammenhang zwischen Defiziten an Partizipation und Repräsentation. Welcher Einzelne repräsentiert denn mit hoher medialer Strahlkraft die durchschnittliche Bevölkerung? Einem Kohl oder einem Wehner hat man wahrscheinlich zunächst abgenommen, sich in die Masse aufgrund der eigenen bescheidenen Herkunft einfühlen zu können.

    Wer ist da heute? Dieter Bohlen?

    Ist der ein Sinn- und Vorbild an politischer Partizipation?

    http://existenzmaximum.de/der-einzelne-und-die-defekte-demokratie/

    • hmm, ich finde Merkel ziemlich durchschnittlich, nicht nur in ihren politischen Leistungen, sondern eher in ihrer Art und auch in der Art und Weise, wie sie in die Politik gekommen ist.

      • Ich denke eine der Herausforderungen besteht aber auch einfach darin, dass wir heute, aufgrund der vernetzten Welt an jeder Ecke diskutieren könnten.

        Wenn man sich einfach mal anschaut, wie viele Beiträge, Blogartikel und und und es mittlerweiel jeden Tag gibt, so muss doch auch die Aufmerksamkeitsspanne sinken.

        Ich vermeide ehrlich gesagt offene Diskussionen über Facebook, weil sie in der Regel nicht zu einem Ende finden.

        In einer „realen Diskussion“ kann ich Menschen aktiv einbinden, kann sie zu ihrer Meinung befragen. Im Netz schreiben doch meistens eh genau diejenigen, die gern laut und auffallend agieren wollen.

        Ich glaube, dass wir im Netz nicht fähig sind wirkliche Lösungen zu entwickeln.

        Für mich ist hier Ägypten ein gutes Beispiel. Natürlich haben die sozialen Netzwerke dabei geholfen, die alte Regierung zu stürzen. Das war populär, das war so ohne weiteres möglich.

        Aber die Entwicklung einer Idee, wie es danach eigentlich weitergehen soll wurde nicht geführt.

        Solange wir der Meinung sind, dass wir mit einem Klick, also zum Beispiel einer Online-Petition die Welt verändern können, sehe ich noch nicht, dass wir wirklich bereit sind, die vernetzte Service-Welt für wirkliche Lösungen und Veränderungen zu nutzen.

        Auch hier wieder ein Beispiel:

        Wie viele tausende Kommentare hat es zur NSA und zum GCHQ gegeben? Viele haben sich geäußert, nicht immer sachlich, aber sie haben es. Wie viele davon glauben wir, haben irgend etwas an ihrem Verhalten geänder? Die wenigsten.

        Es ist also einfacher einer Petition anzuklicken oder zu unterschreiben als Dinge wirklich, mit aller Konsequenz ändern zu wollen.

  3. Sekundiere René. Es mag wünschenswert sein, dass mehr Politisches auf Facebook mit Klarnamen und in Echtsprache aber ohne Beleidigungen stattfindet. Aber einiges spricht eben auch dagegen. Facebook hat seine eigene Struktur, die manches einfacher oder schwerer macht. Medium und Message und so.
    Im Kern: das Paradox zwischen Flüchtigkeit und Dauerhaftigkeit.
    Selbst aufmerksamkeitsstarke Facebook-Posts haben eine Halbwertzeit von 1 Stunde. Nach 4 Stunden tropft es nur noch. Warum sollte man sich dafür verausgaben?
    Gleichzeitig findet man den gleichen Post auf ewig in der Timeline. Wenn man will. Oder der Arbeitgeber. Auf einen bestimmten längeren Post hin schrieb mir gestern ein Freund, wie toll er das finde, dass ich mich politisch auf Facebook äußere. Und dass er das nicht mehr machen würde, weil ihm seine Unterstützung einer politischen Vereinigung in sozialen Medien schon eine wichtige Business-Verhandlung versaut hatte. Kann ich nachvollziehen.
    Heißt nicht, dass es genau des Gegenteils bedarf. Aber das perfekte Forum für politische Diskussion ist Facebook eben auch nicht.

  4. Warum engagieren sich sowenig Leute mit so weniger Durchschlagskraft im Netz (oder konkreter: bei Facebook)? IMHO aus folgenden Gründen:

    1. Denkfaulheit
    Politisches Engagagement erfordert Nachdenken, ja Durchdenken einer Sache. Im Finale sogar das Standhalten in einer persönlich-politischen Überzeugung. Diese Anforderung an den Einzelnen ist eine Konstante der demokratischen Kultur und wird durch das Netz nicht verändert (auch wenn manche Netzapologeten das anders haben wollen). Vulgo: Ich muss denken, um mich politisch zu engagieren. Manchen ist das schlicht zu anstrengend.

    2. Brot und Spiele
    Es ist immer noch ein Irrtum, zu glauben, „das Internet“ sei an sich etwas kommunikativ Revolutionäres, ein Medium, das das Denken, Sprechen und Diskutieren der Menschen verändern, ja verbessern würde. Der Mensch ist auch in der Ära von Twitter genauso entertainment-süchtig, launisch und ablenkbar wie vor 2000 Jahren im alten Rom. Ob ich im Circus Maximus sitze oder vor der Facebook-Maske, macht da keinen Unterschied. Vulgo: Internet ist eine Technik, keine Menchheitsverbesserungsmaschine.

    3. Weder Ziel noch Grenzen
    Konstrutive Diskussion jeder Art haben immer eine konstituierende Grenze in Zeit und Raum: zum Beispiel Delegiertenversammlungen von Parteien. Das Internet sprengt diese Grenzen. Man kann endlos weiterdiskutieren, von jedem Ort der Welt aus. Das könnte ein Vorteil sein, ist es aber nicht. Der fehlende Zielhorizont, das „Sich-einigen-müssen“ fällt weg und verursacht Undisziplin, Verrohung der kommunikativen Sitten bis hin zum „digitalen Hass“ (Sascha Lobo) und endlose Debatten. Vulgo: Im Netz werden auch diskussionswürdige Themen meist schnell totgequatscht.

  5. Die meisten Instrumente sind auch technisch für vertiefte Diskussionen völlig ungeeignet. Ein Facebook-kommentarstrang wird ab ca. 50 Einträgen für mich unlesbar, die Antworten-Funktion gibt es nur selektiv und dann auch nur mit tiefe 1. Twitter hat natürlich seine zeichenbegrenzung und ist, so mein Eindruck, nach wo vor nicht besonders gut darin, längere diskussionsverläufe mit mehreren Teilnehmern abzubilden. Wir haben längst noch nicht die besten Tools für solche anwendungsszenarien. Persönlich finde ich wikiarguments ganz nett, aber da passiert natürlich kaum etwas. Ist halt nicht Facebook.

  6. Beim Lesen deines Textes ist mir wieder einmal klar geworden, das schriftliche Diskussionen nicht sehr viel bringen. Eher weniger. Es hat nichts (oder sehr wenig) mit Pseudonymen zu tun, wenn Menschen bei Facebook, SPON, … sich beleidigen. Es liegt daran, dass sie eine Barriere zwischen sich haben.

    Vielleicht würde es tatsächlich mehr bringen, wenn Menschen in Bild und/oder Ton einander Argumente um die Ohren werfen, um den Stil zu lockern. Statt einer schriftlichen Nachricht mal etwas kurz aufgenommenes.

    Dass diese Daten dann dezentral gelagert werden müssten und nicht bei Facebook liegen dürfen, ist der miese Nebeneffekt. Warum da nicht, dürfte klar sein. Zumindest für Gegner von Post-Privacy.

  7. Also ich finde, dass auf facebook schon über politische Themen diskutiert wird (zumindest in meiner Timelime). Natürlich kann man die Anzahl der politischen Beiträge nicht mit denen vergleichen, die nur zur Unterhaltung beitragen sollen, aber oft erfahre ich etwas schneller aus fb als aus den Nachrichten im TV. Einfach weil irgendejmand einen Artikel geteilt oder geliked hat. Ich muss dir aber in dem Punkt Recht geben, dass politische Diskussionen schnell ausarten und man dann einfach keine Lust hat sich zu beteiligen, weil man zB gerade keine Zeit hat die anderen Kommentare zu lesen oder sich vor anderen Leute zu rechtfertigen. Schriftlich zu diskutieren ist eben oft anstrengend und deswegen lässt man es eben oft gleich.
    Da finde es auf Twitter oft einfacher, da kann man zwar auch kommentieren, retweeten und liken, aber ich habe das gefühl, dass es dort nicht so ausartet, da man auf Twitter auch keine super langen Texte schreiben kann, sondern eben nur 140 Zeichen zur Verfügung hat.
    Deinen Artikel fand ich aber sehr interessant, hat auf jedenfall zum nachdenken angeregt!

  8. Ich kann das Unverständnis über die geringe politische Partizipation und die gering ausgeprägte Diskussionskultur in sozialen Medien gut nachvollziehen, denn so habe ich auch mal gedacht. Dann kam der Arabische Frühling und es wurde verkündet, dass das so eine Art Facebook und Twitter Revolution sei. Ich fand das wiederum überzogen und bin dann zum Schluss gekommen, dass Soziale Medien immer nur als Katalysator des bestehenden politischen Klimas und der Kultur funktionieren.

    Soziale Medien spiegeln daher die Alltagskultur und daher finden sich nun in FB und Twitter Katzenbilder etc und nicht mehr nur wie früher auf dem Schulhof oder Marktplatz. Daher glaube ich auch nicht, dass Appelle wie „Wir sollten die Potentiale der Sozialen Medien besser nutzen“ funktionieren, da die zugrundeliegende Kultur ein anderes Verständnis von politischen Partizipation und sozialem Zusammenleben festschreibt. Das ist ein Irrglaube, dass durch Technologie etwas besser wird. Es ist vielmehr ein Wechselspiel zwischen sozialer Praxis, gelebter Kultur und technologischer Innovation, bzw. ein Spannungsverhältnis, das sich gegenseitig bedingt und das wir immer im Blick haben müssen.

  9. Und trotzdem bilden Diskussionen in Social Networks Meinungen, beeinflussen und verändern Bewußtsein – auch wenn daraus nicht direkt konkrete Aktionen erfolgen. Das ist nicht zu unterschätzen. Es fehlen vielleicht noch die Instrumente für den nächsten Schritt. Es wäre ja auch langweilig, wenn schon alles da wäre…

  10. „Internet-Romantiker wie ich denken gerne an die gute alte Zeit zurück, in der man noch davon ausging, dass sich im Netz eine völlig neue Diskussionskultur entwickeln würde, die sich nicht an Herkunft oder Status der Diskussionsteilnehmer orientiert, sondern sich auf das geschriebene Wort fokussiert und dadurch mehr Offenheit in der Auseinandersetzung, aber auch mehr Konzentration auf die inhaltlichen Themen ermöglicht.“
    Die gute alte Zeit? Der war gut. Vor 30 Jahren gab es im Internet die volle Bandbreite von ernsten kleinen Diskussionskreisen bis hin zu bullshittigen Flamewars in weltweiter Großepik. In der guten alten Zeit, als niemand das Internet dazu nutzte, sich für den Seeheimer Kreis zu bewerben (und die SPD-mit dem virtuellen Ortsverein haderte, den die Konservativen auch erfolgreich abgewehrt haben), hat man sich nicht permanent angemaßt, den Diskussionsstil anderer Leute moralisch zu kategorisieren.

    Die Althippies, die gegen den Überwachungsstaat, der damals natürlich auch schon mithörte, eine offene Kommunikation ermöglichten, waren relaxter als die Seeheimer-Kandidaten. Wenn jemand einen Flamerwar voller Hass startete, wiesen freundliche andere Menschen darauf hin, dass man den Asbest-Anzug anziehen solle wegen der Flammen (in der guten alten Zeit haben übrigens linke Körnerfresser in den USA dafür gesorgt, dass Hitlers Mein Kampf natürlich im Internet verfügbar war. Denn das Gut der Meinungsfreiheit war ihnen immer mehr wert als ein möglicher, behaupteter Schaden, den deutsche Politiker immer behaupteten udn das Werk zensierte, damit sich keiner ein Bild machen konnte, mit welcher Scheisse sich Strauss udn Schmdit in den kreig gelockt haben lassen, um 20 Mio Russen zu töten).

    Wer nicht die Nerven für eine offene Diskussion hatte, ging in eine moderierte USENET-Newsgruppe in der guten alten Zeit oder in was ganz geschlossenes. Bei offener Diskussion ist seit hunderten von Jahren kein Limit gesetzt worden. In der guten alten Zeit haute man sich die Birne zu und nach 22 Uhr war man so besoffen, dass man am anderen Morgen eh nicht mehr wusste, was man erzählt und politisch diskutiert hatte. Für den politschen Diskurs kamen dann noch Kirchweih und Bierzelte dazu. Die CSU konnte dieses Klavier perfekt bedienen und soff meist mit.

    Die meisten Menschen, die an diesen prolligen Alkoholexzessen nicht teilnahmen, wo der harte Männerkern seinen politischen Diskurs pflegte, bekam davon nichts mit. Das ist das einzig andere heute: die Reichweite von Stuss ist heute größer und jeder kann den Müll sehen. Daraus aber ein moralisches Recht abzuleiten, anderen Vorschriften machen zu wollen, zeugt von Realitätsferne. Kriminologen sprechen gerne von Dunkel- und Hellfeldern. Wenn heute das Hellfeld des Diskurses größer ist, hat sich nicht zwingend am Diskurs was geändert.

    Wer das nicht glaubt, kann ja ein Experiment machen und nach um 24 Uhr nach St.Pauli in eine Kneipe gehen und eine poltische Diskussion anfangen. Vorraussetzung ist allerdings, dass man keine Angst vor den Noske-Truppen der SPD hat, die dort vermummt mit Schlagstöcken herumhängen und Wasserwerfer dabei haben, um politische Meinungsäußerungen in SPD-Richtung zu uzwingen. Die Filme von dem Polizeieinsatz unter der Brücke waren beeindruckend, wie sich die Hambruger SPD das Ausüben von Grundrechten vorstellt. Traditionell, da der Hamburger Kessel schon in der guten alten Zeit die Runde machte.

    Das einzige, wo ich zustimmen kann, ist die Erkenntniss, dass im Land der Gestapo und Stasi die menschen natürlich zurückhaltender werden, wenn sie hören, dass die Geheimdienste alles im Internet mitprokoliieren udn auswerten. Mein Großonkel war im KZ, weil er als katholische Geistlicher frei seine Meinung gegen die Nazis geäussert hat und ihn jemandn denunziert hat. Arbeitskollegen von mir waren entsetzt, als sie in ihren Stasiakten gesehen haben, wer sie denunziert hat. Die gute alte Zeit ist in Deutschland geprägt von Gestapo, Noske-Polizei, Stasi, Guantanamo, Berufsverboten durch Willy Brandt, Prügelorgien in Brokdorf, wenn die Berliner Polizei da war, oder Augenausschiessen mit dem Wasserwerfer in Stuttgart. Oder den Demonstranten Benno Ohnsorg im Hinterhof durch einen West-Polizisten ermorden lassen, der auf der Stasi-Payroll war.

    Mit unserer Meinunsgfreiheit ist es besser geworden und wir werden es auch ertragen, wenn jemand Müll erzählt. Für Romantik gibt es wenig Anlass.

  11. Vielen Dank für diesen kritischen Artikel. „We don’t care“ ist genau die Botschaft, die Hunderttausende täglich in die Welt senden, denn sonst könnten einige Leute auf diesem Planeten nicht tun, was sie gerade tun: die Ressourcen ausbeuten, ein Wirtschaftssystem der maximalen Gewinnausbeute praktizieren, Menschenrechte mit Füßen treten etc.

    Bei jeder politischen Äußerung muss tatsächlich mit mindestens einem Troll aus dem eigenen Netzwerk gerechnet werden und schon landet man bei einer Diskussions-Un-Kultur, die nichts Kreatives mehr hat noch zu mehr Solidarisierung führt bzw. Leute inspiriert, sich zu engagieren. Als routinierter Web’ler ist mir das schon zu anstrengend – was will man von nicht so web-affinen Menschen erwarten?

    Wobei ich grundsätzlich denke, dass Deutschland aufgrund kulturhistorischer Aspekte ohnehin nicht gerade zu den Ländern gehört, in denen der Mut zur politischen Beteiligung besonders stark ausgeprägt ist. Das hat an sich eher wenig mit dem Web zu tun als mit einer über Generationen vererbten Geisteshaltung der „Nicht-Einmischung“.

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