Die Sache mit dem Schüleraustausch in den USA

Nico —  30.01.2014

51HqSvm0FDLEine der allerbesten Entscheidungen, die ich je getroffen habe, war mein Jahr als Austauschschüler in den USA. Wieso ich darauf komme? Weil ich zu Weihnachten das Buch Alle Toten fliegen hoch: Amerika von Joachim Meyerhoff geschenkt bekommen und sogleich verschlungen habe. Der Autor schildert in dem Buch, wie es war, aus der schleswig-holsteinischen Provinz kommend mit einer Austausch-Organisation ein Jahr an einer amerikanischen Highschool in der Provinz zu verbringen. Bei Meyerhoff ging es von Schleswig nach Laremie in Wyoming. Bei mir war es ähnlich, von Mölln ging es nach Des Moines, Iowa. Vieles, was Meyerhoff in dem Buch schreibt, war bei mir ähnlich, angefangen von den Vorbereitungstreffen in Hamburg, bei denen schnöselige Hamburgerinnen und Hamburger herablassend die Provinzjugendlichen ignorierten bis hin zum Alltag in der Gastfamilie, der Religiösität und vor allem den Abläufen an der Schule.

Für mich war die Idee mit dem Auslandsjahr eigentlich naheliegend, aber von alleine wäre ich nicht darauf gekommen. Meine Mutter war die treibende Kraft dahinter und ich glaube, ein Stück weit war es auch in ihrem Interesse, mich aus dem Haus zu bekommen. Mit 16 Jahren war ich voll konzentriert auf alles Mögliche, nur nicht auf Schule. Ich spielte viel Basketball, war andauernd auf dem Skateboard unterwegs, hörte viel Punk und war in der Schule völlig desinteressiert. Meine Noten waren da, wo meine Motivation auch war. Im Keller. Ich bewarb mich also und wurde zu einem Auswahlgespräch nach Hamburg eingeladen, mit dem deutlichen Hinweis, dass es nicht gerne gesehen wird, wenn man die Fahrt nach Hamburg als Shoppingevent ansähe, an dessen Ende man zu Youth for Understanding (YfU) zum Auswahlgespräch fahre. Folgerichtig bin ich vorher zu Michele Records gefahren und kam mit den üblichen sperrigen Schallplattentüten zum Auswahlgespräch an. In dem Büro von YFU, gar nicht weit weg von unserem jetzigen Zuhause in Hamburg, kam ich mir total deplatziert vor. Ein schniekes Büro in einem Altbau, und ich hatte ausnahmsweise mal keine kaputte Jeans an und Schuhe, die nicht vom Skaten verschlissen waren. Alle wirkten wie aus dem Ei gepellt und hatten sich vorbereitet, ich hingegen setzte auf Spontanität und Ignoranz. Um es abzukürzen: ich wurde genommen und durfte mich wenig später zu einem Vorbereitungsseminar einfinden, bei dem man eine Woche in ein Schulungshaus in einem Kuhkaff unweit von Hamburg kaserniert wurde, in dem es eine Telefonzelle und sonst gar nix gab. Dort haben wir viel diskutiert und Themen wie Kulturschock, Herkunft, Nationalsozialismus, Alltag in den USA und vieles weitere mehr erörtert. Die anderen Teilnehmer waren eher so die Streberfraktion, alle wussten ganz schlau viel zu sagen und ich fremdelte eher, aber ein anderer Teilnehmer hatte auch kaputte Airwalks an und ich wusste, der ist ein Skater, mit dem kann ich reden. Die Vorbereitungswoche war enorm intensiv, aber es dauerte noch ein paar Monate, bis es losgehen sollte.

Irgendwann kam dann auch die langersehnte Post mit den näheren Infos zum Abflug. Allerdings gab es für mich noch keine Gastfamilie. Während andere aus der Gruppe bereits wussten, wo es hingeht und Briefe austauschten, wurde mir gesagt, dass es eine Willkommensfamilie für die ersten Wochen gäbe und sich alles andere dann später klären würde. Nun ja. Mein Reiseziel sollte Des Moines, Iowa sein, erreichbar über einen Flug von Frankfurt nach New York und von da aus nach St. Louis, Missouri. Klasse, ich hatte noch nie von Des Moines, Iowa gehört und als Skater wollte ich natürlich nach Venice Beach und sonst gar nix. Ich schickte also einen Brief auf Luftpostpapier ab, in dem ich meine unbändige Freude zum Ausdruck brachte, dass ich nun bald endlich nach Des Moines kommen könnte, aber ehrlich gesagt war ich zwar aufgeregt, aber irgendwie auch enttäuscht. Reiseführer erwähnten Des Moines noch nicht einmal. Nix mit Skaten mit den Pros, so wie ich mir das in meinen Träumen immer ausgemalt hatte. Damals war bestand meine hauptsächliche Lektüre aus dem Monster Magazin, Transworld Skateboarding und natürlich Thrasher. Meine Träume drehten sich um das Skaten in California und ich hatte ein kleines Langenscheidt-Wörterbuch am Bett liegen, in dem ich Vokabeln nachschlug, wenn ich im Traum aufwachte, weil mir ein Wort nicht einfallen wollte, das ich für einen Dialog mit den Pros brauchte. Kein Scheiss. Gut, nun also Iowa. Schweine, Soja und Mais. Kein Meer weit und breit. Skateparks auch nicht.

Meine Eltern fuhren mich dann eines Morgens im Sommer saufrüh nach Frankfurt, denn den Flug von Hamburg nach Frankfurt konnten wir uns eher nicht leisten und überhaupt war das Austauschjahr auch nur durch ein Stipendium von YfU zustande gekommen, für das ich sehr dankbar war. Ich war 17 Jahre alt, aufgeregt und noch nie vorher geflogen. Dementsprechend waren wir gefühlt einen halben Tag vor Abflug in Frankfurt, wo wir von den Begleitern von YfU in Empfang genommen wurden und ich nach langem Warten in eine TWA-Maschine gesteckt wurde, zusammen mit 30 anderen hibbeligen Jugendlichen. Der Flug war lang, die Aufregung stieg und der erste Kulturschock begann nach der Landung, als dieses typisch amerikanische Stimmenwirrwarr losging und alles anders klang als im Englisch-Unterricht, als amerikanisches Englisch durchgenommen wurde.

2014-01-30 09.53.59In Des Moines wurde ich von meiner Willkommens-Familie in Empfang genommen, einem netten, älteren Ehepaar, die beide als Lehrer an einem kleinen College unterrichten. Ihre drei Kinder waren bereits aus dem Haus und ich wurde herzlich aufgenommen und umsorgt. Meine T-Shirts wurden gebügelt und in den Schrank gehängt, morgens hatte ich 10 Packungen Cereal zur Auswahl und Vitamtabletten lagen an meinem Platz bereit. Das Haus war so im Stil der Wonder Years, in einer typischen Nebenstrasse im Vorort, mit einem Teppich im Wohnzimmer, der die Füsse komplett einsinken liess. Es wurde ein umfangreiches Ausflugsprogramm angeleiert, so dass ich direkt am nächsten Tag zum Baseballspiel der Kansas City Royals nach Kansas City gefahren wurde und direkt im Anschluss in den nächsten Tagen die ganze Stadt und ihre Handvoll Sehenswürdigkeiten gezeigt bekam. Vor allem wurde ich aber quer durch die Stadt gefahren zu dem Skateshop, den ich mir ausgeguckt hatte, damit ich endlich ein neues Skateboard kaufen konnte. Von da an verbrachte ich dann wieder meine Zeit auf der Straße, an den Kantsteinen, die mir damals die Welt bedeuteten. Natürlich traf ich andere Skater, die in der Vorort-Idylle von West Des Moines eher auffielen, weil sie eben anders aussahen. Einer hatte eine Halfpipe im Garten stehen und einen Keller zum feiern, das war eine tolle Kombination direkt für den Anfang. Mühselig waren die YfU-Parties, die Pflicht waren für alle Austauschschüler und die an Furzlangweiligkeit kaum zu überbieten waren. Nachmittags, mit Gastfamilie und ohne Alkohol. Verrückte Idee, und ich hatte auch keinen Bock, mit anderen über meine ersten Eindrücke zu reden und zu vergleichen, wer in der cooleren Familie gelandet war. Ich war in den USA und ich wollte meine Zeit mir amerikanischen Jugendlichen verbringen. Nachdem der Sommer so langsam zur Neige ging und ich bereits für die Valley West Highschool angemeldet war, sorgte ein Anruf der regionalen Betreuerin von YfU für etwas Schwung in der Angelegenheit. Es wurde doch noch eine permanente Familie gefunden, gleich morgen könne ich dort umziehen.

Meine neue Familie wohnte in einem anderen Stadtteil in einem großen Haus, etwas an einem Hang gelegen, mit einer riesig langen Auffahrt, einer großen Rasenfläche vorm Haus und ich dachte „wow, was für eine riesige Villa!“ – ich war erst einmal geplättet. Vorm Haus spielt ein kleiner Junge, der sofort auf mich einquasselte und fragte, ob ich sein neuer Bruder sei. Im Haus wartete der Rest der Familie bereits auf mich. Der Vater im Anzug, die Mutter im Business-Outfit, dazu ein 16-jähriger Junge, und zwei Mädchen, 12 und 13. „Na gut,“ dachte ich, „das kann ja heiter werden, wenn die zuhause so rumlaufen, voll die Spießer.“ Wir setzen uns in das Wohnzimmer, es wurde ein wenig geplaudert und irgendwann verabschiedete sich die YfU-Betreuerin und ich wurde zurückgelassen in diesem großen Haus bei diesen merkwürdigen Menschen. Der Gastvater war als Abteilungsleiter im Finanzministerium zuständig für Regulierungsfragen im Bereich Gas, Wasser, Energie und Telekommunikation, die Mutter leitete ein Geburtshaus, das chronisch unterfinanziert war, ihr aber sehr am Herzen lag. Der ältere Junge wirkte wenig begeistert, dass ich nun endlich da war, zumal er sein Zimmer mit mir teilen sollte. Da er begeisterter Debater war, gab es in der Folge eigentlich zu jedem Thema eine Debatte zwischen uns, so unter dem Motto „jetzt erläutere mir mal, so dass ich es akzeptiere, warum Du jetzt willst, dass ich das Licht ausmache, obwohl es erst zwei Uhr morgens ist!“ – wir waren im Laufe des Jahres ziemlich oft nahe dran uns gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Die Mädchen waren eher indifferent, aber freundlich und der Lütte sabbelte fortwährend auf mich ein. Großartig. Wenig später wechselten die Eltern in ihre Freizeit-Outfits und ich wurde in den Familyroom mitgenommen, wo wir Kinder die Zeit bis zum Abendessen totschlagen wollten. Der Familyroom war der totale Kontrast zum Wohnzimmer. Hier sah es aus wie nach einem Bombeneinschlag, alles war unordentlich, dreckig und es wurde sofort gezankt und gestritten um das Fernsehprogramm. „I call the TV!“ war einer der Aussprüche, die Abend für Abend erklangen, denn im 30 Minuten-Takt wurde gewechselt, wer der Bestimmer für das TV-Programm war. Die Familie war eine Horde Chaoten, das wurde mir sehr schnell klar und ich fühlte mich sehr wohl. So wohl, dass ich nach 5 Minuten auftaute und meinen bislang erlernten Slang so gut anbringen konnte, dass direkt klar war, dass ich durchaus mithalten konnte beim Zanken, Streiten und Ärgern. Ich war integriert. Es dauerte keine 30 Minuten.

Für mich begann eine wirklich tolle Zeit in einer Super-Familie, zu der ich immer noch einen engen Kontakt haben und mit Gasteltern, die für mich weit mehr geworden sind in all diesen Jahren seit meinem Ausflug nach Iowa im Schuljahr 1989/90. Für meine Gastmutter war ich das langersehnte Kind, das wie sie auch, rote Haare hat. Wer uns nicht kannte, dachte, ich wäre ihr ältester Sohn. Wir haben uns sofort verstanden. Sie war (und ist es immer noch) sehr impulsiv, emotional und fröhlich, einnehmend. Mein Gastvater war der ruhende Pol, der egal wie laut es im Familyroom war, relaxed auf dem Sofa sitzen und ein Buch lesen konnte. Als Vater bewundere ich ihn ob dieser Ruhe.

Meine Gasteltern tranken eigentlich permanent Kaffee und es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass derjenige, der zuerst wach war, sofort eine Kanne Kaffee aufzusetzen hatte. Mir wurde oft ein Becher Kaffee ins Badezimmer gestellt, während ich noch duschte, das fand ich immer sehr aufmerksam. Überhaupt gab es um den Kaffee herum ein tolles Ritual, denn lange bevor Coffee to go das Ding überhaupt wurde, hatte mein Gastvater die Angewohnheit, sich einen Kaffee mit zur Arbeit zu nehmen. Da sein alter Kombi auch keine Getränkehalter hatte, nahm er einfach einen Beerstein, also einen fröhlich verzierten Bierhumpen, kippte dort viel Kaffee rein und stellte sich diesen zu Füßen im Auto. Eigentlich hatte sein Hemd jeden Tag irgendwo einen Kaffeefleck, das gehörte wohl dazu.

Nico 1989Die Theodore Roosevelt High School war keine 500m von meinem neuen Zuhause entfernt und ich war völlig beeindruckt von dem riesigen Gebäude mit über tausend Schülern in den Jahrgangsstufen 9 bis 12 und der immensen Auswahl an Kursen. Es gab Regeln, die ich so nicht kannte, also z.B. dass man einen Hall Pass benötigte, wenn man während des Unterrichts auf den Schulkorridoren angetroffen wurde, oder auch, dass es eine Kleiderordnung gab. Mein Outfit, bestehend aus kaputten Cut-off Jeans und einem weissen T-Shirt mit Superman drauf, wurde gleich am zweiten Tag beanstandet, weil man meine Boxershorts durch die kaputte Hose sehen konnte. Nun ja, so lernte ich also auch gleich die Rektorin der Schule kennen. Ansonsten war Schule toll, ich lernte viele neue Sachen und war endlich mal richtig gut in der Schule, ein völlig neues Erlebnis für mich.

Mein erster Schultag war direkt einen Tag nach meiner Ankunft in meiner Gastfamilie und er endete mit einer totalen Überraschung für mich. Ich hatte gar keinen Haustürschlüssel mitgenommen. Zuhause angekommen, stellte ich fest, dass die Haustür nicht abgeschlossen war, obwohl niemand zuhause war. Ich war glücklich, dass ich nicht vor der Tür warten musste. Als ich diese Freude dann gegenüber meiner Gastmutter zum Ausdruck brachte, sagte sie einfach: „we never lock our house.“ – und so war es auch. Der Haustürschlüssel war irgendwo verkramt und wurde nur gesucht, wenn die Familie länger als 48 Stunden von Zuhause fort war. Die beiden Autos wurden ebenfalls nie abgeschlossen und mit offenen Fenstern und dem Schlüssel über der Sonnenblende abgestellt. Nach etlichen Jahren in Washington, D.C., noch dazu in der damaligen Verbrechenshochburg Capitol Hill, einigen Einbrüchen trotz Alarmanlage, war meine Familie der Meinung, dass in Iowa quasi kein Verbrechen herrscht. Ich fand das sehr lässig, denn für mich war Des Moines mit 250.000 Einwohnern Großstadt und ich hatte sowas nicht erwartet, zuhause war unsere Haustür auch nie abgeschlossen, allerdings nur, wenn wir zuhause waren. Generell waren meine Gasteltern sehr locker drauf. Im Gegensatz zu allen anderen in meiner Clique hatte ich keinen Curfew, meine Gasteltern wollten nur wissen, mit wem ich unterwegs bin und wann ich wieder zurück sein würde. Das war toll. Noch toller war, dass ich zuhause Bier trinken durfte, denn ich war das als Deutscher ja quasi von klein auf gewohnt. Mein Gastvater nahm mich auch immer mit in den Liquor Store, um gutes Bier zu kaufen. Meine Freunde waren neidisch, mein jüngerer Bruder umso mehr.

2014-01-30 09.53.36Ärgerlich war die Sache mit dem Basketball, denn obwohl ich quasi mein eigenes Basketballfeld am Haus hatte, das zwar dem Nachbarn gehörte, ich aber täglich nutzte, bin ich bei den Try-Outs für das Varsity Basketballteam zwar über den ersten Cut hinaus, dann aber nicht weiter gekommen. Das war eine herbe Enttäuschung und auch die Aufforderung, ins Track & Field Team zu gehen, sorgte nicht wirklich für Erheiterung. Ich habe damals immer viel Sport gemacht, aber täglich zwei Stunden Leichtathletik waren echt viel und als Springbreak kam, wurde eine Liste mit Läufen für die Woche rumgereicht, die nicht wirklich nach entspannter Ferienzeit aussah. Ich war damals recht gut auf der Mittelstrecke, also alles um die 5km oder 10km, durfte dann aber bei den Drake Relays in der 400m Staffel antreten. Die 400m waren immer meine Horrordistanz und ich habe völlig abgekackt, in einem vollen Stadion bei der großen Abschlußveranstaltung der Schulen des Staates Iowa. Tolle Erfahrung, das schnelle Ende meiner nie geplanten Leichtathletikkarriere.

2014-01-30 09.53.23Die Freizeitgestaltung in Des Moines war ein klein wenig anders als ich es kannte. Alle meine Freunde hatten Autos und da man außer zu McDonalds, PizzaHut und anderen Fastfood-Buden nirgends hingehen konnte, denn wir waren ja nicht 21 und nicht alle hatten eine Fake-ID, ich jedenfalls nicht, haben wir die Abende mit sinnlosem Durch-die-Gegendfahren verbracht. „Scoop the Loop“ hiess das damals und wer sich zu doof angestellt hat, bekam von den Cops ein Ticket für sinnloses Rumfahren oder sonstwas ausgestellt. Gleich an meinem ersten Abend mit meinen Kumpels, auf dem Rückweg von einem Football-Spiel am anderen Ende der Stadt, wurde mein Fahrer wegen Geschwindigkeitsübertretung angehalten und es war wirklich wie im Fernsehen, als der Dussel ausstieg und nur mit „GET BACK IN THE CAR! NOW!“ angebrüllt wurde. Das wusste ich ja sogar besser.

Eine wichtige Konstante unserer Freizeitgestaltung war das Besorgen von Gras oder Alkohol. Da beides illegal war, war es egal, was man besorgen konnte, alles wurde konsumiert. Für Austauschschüler galt: wer mit Drogen oder Alkohol erwischt wird, tritt die Heimreise an. Anders als es hierzulange üblich ist, stürmen dort die Polizisten direkt die Häuser und beenden die Parties bei gleichzeitiger Aufnahme der Personalien. Ich musste also schnell rennen, was mir immer geglückt ist. Um den Nervenkitzel etwas zu erhöhen, hatten wir natürlich immer irgendwas im Auto dabei und waren immer in Gefahr, angehalten zu werden, aber da das nicht ausreichte, habe ich irgendwann angefangen, mit einer Drivers Permit das Autofahren zu erlernen und bin dann mit dieser Permit gefahren, während meine Kumpels im Auto Bier tranken oder Gras rauchten. Eine Permit berechtigte nur zum Fahren, wenn ein Erwachsener mit Führerschein ebenfalls anwesend war. Wir waren der Meinung, dass ich mich damit rausreden könnte, dass ich als Deutscher die Sprache nicht wirklich spreche. Netterweise wurde ich nie angehalten, das wäre ziemlich unschön gewesen, zumal die Sache mit dem Alkohol auch nicht so gut gekommen wäre. Mein Englisch war nahezu perfekt zu dem Zeitpunkt, aber wir hofften, dass die Cops das nicht merkten.

An meinem 18. Geburtstag habe ich dann auch noch meine richtige Driver Licence bekommen und konnte die letzten Wochen selber durch die Gegend fahren. Das Umschreiben des amerikanischen Führerscheins in einen deutschen Lappen war übrigens teurer als der Erwerb des amerikanischen Führerscheins. Aber 100 DM insgesamt waren damals kein schlechter Deal für einen Führerschein, auch wenn ich die ersten Wochen in Deutschland gefahren bin wie eine besenkte Sau, da ich immer nicht wusste, wie das mit der Kupplung geht. Noch heute fahre ich lieber Automatik.

Das mit dem Skaten habe ich noch im Herbst 1989 gelassen, denn irgendwie waren an der Schule kaum Skater und auf Dauer war es dann langweilig, alleine durch die Strassen zu shredden. Der Sohn von Freunden der Familie hatte eine fette Halfpipe im Garten stehen, war aber halb so alt wie ich, dafür aber doppelt so „rad“, das hat dann irgendwann keinen Spaß mehr gebracht. Meine Haare wollte ich eigentlich lang wachsen lassen und hatte immer die Matte voll im Gesicht, was extrem doof aussah in Retrospektive. Nach Weihnachten kamen die Haare dann ab, geschnitten im Barber Shop mit dem Rücken zum Spiegel, damit ich und der Barber besser Jeopardy in der Glotze gucken konnten. Danach sah ich aus, als ob ich mich bei der Army melden wollte.

In meiner Zeit an der Highschool war ich bei fast jedem Football- und Basketballspiel dabei, habe zwei Cheerleader gedatet, war beim Winterball in meinem Anzug, der extra für das Austauschjahr gekauft wurde und den ich genau einmal anhatte, und war beim Prom im geliehenen Tuxedo. Beides Mal durfte mein Date mich zuhause abholen. Ich war gezwungenermassen unkonventionell, da ich noch kein Führerschein hatte. Es ist übrigens schweinekalt, wenn man im Winter in Iowa irgendwo auf einem verlassenen Parkplatz im Auto rumsitzt und knutscht und so. Aber zuhause, das ging ja nicht, schliesslich gehört es sich nicht, einen Jungen mit aufs Zimmer zu nehmen. Überhaupt, diese Scheinheiligkeit, in der die Jugend aufwuchs. Alkohol war verboten, aber alle tranken Bier oder rauchten Gras, für den Prom wurden Hotelzimmer en Masse angemietet für die Parties nach der offiziellen Feier und da ging es hoch her. Das wussten alle, aber natürlich taten alle Eltern und Lehrer so, als ob sie noch nie von derartigen traditionellen Freizeitaktivitäten bei Jugendlichen gehört hätten.

Zu meinem Austauschjahr gehörte auch die völlig skurrile Situation, dass ich, aus dem Zonenrandgebiet kommend und 10 km von der innerdeutschen Grenze aufgewachsen, in America’s Heartland staunend vorm Fernseher saß und miterleben durfte, wie die Mauer fiel. Unvergessen, wie viele Menschen mir in den folgenden Tagen gratulierten und wie unwirklich mir das alles vorkam. Überhaupt war das Interesse an Deutschland groß, natürlich wegen German Cars und „Wulgswägn“, zumal damals „Fahrvergnügen“ der Werbeslogan von VW war und alle versuchten, mich mit der Aussprache dieses Wortes zu beeindrucken, aber auch wegen Bier, wegen der nationalsozialistischen Vergangenheit und wegen der verrückten Eigenart, einen Fußball nicht mit der Hand zu spielen. Auf Parties wurde ich natürlich immer aufgefordert, zu zeigen, wie ein richtiger Deutscher Bier trinkt. Ich nahm die Herausforderung dankend an und mir wurde immer viel Bier gereicht, dass mir grundsätzlich zu wässrig war. Zum Ende meines Jahres wurde ich dann noch ermuntert, einen Artikel über das deutsche Schulsystem für die lokale Tageszeitung Des Moines Register zu schreiben. Das war mein erster abgedruckter Artikel und er hatte die Headline „What Worldclass Schools have to offer“ und darin lobte ich das duale Ausbildungssystem in Deutschland, von dem ich ehrlich gesagt im Detail herzlich wenig Ahnung hatte. Aber das hat mich ja noch nie davon abgehalten, etwas zu schreiben.

Meine Gasteltern sind begeisterte Mitglieder ihrer Kirchengemeinde, der St. Timothy’s episcopal Church in West Des Moines. Obwohl ich nicht religiös bin, bin ich natürlich mit in die Kirche gegangen, weil die Gemeinde für meine Familie einen wichtigen Ankerpunkt darstellt und ich mir vorgenommen hatte, möglichst viele Facetten des amerikanischen Alltags zu erleben. Also sind wir sonntäglich viel zu spät losgefahren zur Kirche, bei fünf Kindern ist ja immer irgendwas, und kamen grundsätzlich auf den allerletzten Drücker zum Gottesdienst an. Die Kirche war jeden Sonntag pickepackevoll und in der Kollekte landeten grundsätzlich nur Schecks. Es war interessant zu sehen, wie über den Gottesdienst hinaus die Kirche eine Rolle spielte mit Kursangeboten und vor vielen ehrenamitlichen Engagement.

MV5BMTkxNDc3MzMwOF5BMl5BanBnXkFtZTcwMzY1Mjk3OA@@._V1_SY98_CR3,0,67,98_Ich wollte eigentlich nie nach Iowa, aber ehrlich gesagt, war das die tollste Entscheidung, die irgendjemand getroffen hat, als meine Unterlagen auf den Stapel „Mittlerer Westen“ gepackt wurden. Ich kam in dem Sommer an, als „Field of Dreams“ gerade in den Kinos lief und der Satz „Is this heaven? No it’s Iowa!“ als Bumpersticker auf vielen Autos prangte. Die Offenheit der Menschen und die Herzlichkeit, mit der ich aufgenommen wurde, haben dazu geführt, dass ich in meinem Herzen immer noch ein Midwesterner bin. Mir geht auch jetzt noch das Herz auf, wenn ich ein Maisfeld sehe und frischer Mais mit Butter gehört für mich zu einem Sommer unbedingt dazu.

Als das Jahr um war und ich zurückfliegen musste, habe ich mit meinen Freunden eine letzte Ausfahrt gemacht und ordentlich gefeiert, so dass am nächsten Morgen auf dem Weg zum Flughafen lauter leere Bierdosen durchs Auto rollten. Viele meiner Freunde standen am Gate und haben mich verabschiedet. Ich wusste damals nicht, ob und wann ich wiederkommen würde. Meine Gastmutter meinte, wir würden uns bald wiedersehen und sie ginge davon aus, dass ich irgendwann auf der Treppe vor der Haustür sitze, wenn sie nach Hause kommt. Ich habe den Flug von Des Moines nach Chicago heulend verbracht. Direkt nach der Landung habe ich meine Gastmutter angerufen und weiter geheult. Ich dachte, ich werde sie nie wiedersehen. Die Rückkehr nach Deutschland war allerdings auch toll. Und obwohl ich nie ein großer Fan von Schwarzbrot war, hatte ich mir Schwarzbrot mit holsteiner Katenschinken und ein Flens als erste Mahlzeit zuhause gewünscht.

Einen Sommer später war ich wieder in Iowa, für fast den ganzen Sommer. Es war toll. Und ich wusste, ich würde meine Familie immer wieder sehen. Mittlerweile haben wir Kinder und es ist einfacher und kostengünstiger, wenn meine Gasteltern uns besuchen kommen, aber es vergeht kein Jahr, in dem wir uns nicht sehen. Zu unser Hochzeit waren fast alle da, meine Gastmutter ist Taufpatin unseres Sohnes und eine gemeinsame Mittelmeerkreuzfahrt mit alle Mann haben wir auch schon gemacht. Das Allerschönste ist: ich habe nie das Gefühl, dass man sich lange nicht gesehen hat. Die Connection ist sofort wieder da, ein kurzes Update und ich weiss, wie es meiner entfernten Familie geht. Natürlich helfen Email, Facebook und Telefon ganz außerordentlich dabei, Kontakt zu halten.

Wenn mich jemand fragt, ob ich ein Schüleraustausch für sinnvoll halte, muss ich nicht lange nachdenken. Das Jahr hat mich wahnsinnig geprägt und verändert. Für mich ist Iowa ein Stück Heimat geworden. Go Hawkeyes!

26 responses to Die Sache mit dem Schüleraustausch in den USA

  1. Ich habe den Artikel jetzt zwei Mal gelesen. Es gibt unglaublich viele parallelen zu „meinem“ Schüleraustausch in den USA, War zwar Texas, aber von den Gefühlen bis zu den Kontakten heute ist einfach vieles ähnlich. Ich bin sehr berührt.

  2. drcarstenrose 30.01.2014 at 16:43

    Einfach großartig! Besser konnte es gar nicht laufen…
    *Neid*

  3. Schöne Erinnerungen Nico. Ich bin während meines Studiums in Iowa glaube ich nur einmal in Des Moines gewesen – bei einem Ausflug für alle „internationals“ zur Iowa State Fair, auch ein Erlebnis der besonderen Art.

    Immerhin wäre ich beinahe nach Des Moines geflogen, alles war schon entsprechend gebucht. Beim Umsteigen musste ich in Chicago mein Gepäck neu aufgeben und bin lustiger Weise an einen Airline-Mitarbeiter geraten, der ebenfalls Maurer hieß – in den USA ja eher untypisch und deshalb Anlass für einen netten Small Talk. Als ich dabei erzählte, dass ich in Iowa City studieren würde, meinte er, dass Des Moines da ja völlig verkehrt sei, so zwei Stunden entfernt – und ohne Aufhebens buchte er mich einfach auf den letzten Flug ins viel kleinere Cedar Rapids um – von wo ich dann auch meinen Studienort problemlos erreichte.

    Was bei dir „Field of Dreams“ war, war bei mit Gilbert Grape – der gerade in Deutschland anlief, als ich meine Zusage von der Uni bekommen habe. War nur ein kleiner Schönheitsfehler, dass der gar nicht in Iowa gedreht worden war. Und statt in den Register habe ich es nur in den „Daily Iowan“, das Campus Newspaper der University of Iowa geschafft. Mit meinem Beitrag über das deutsche Hochschulsystem ohne Gebühren und mit staatlich geregelter Krankenversicherung habe ich mir dann noch eine besondere Erwähnung als „communist“ in der rechten Uni-Republikanerpostille verdient.

    Eine Host Family hatte ich dort nicht – dafür aber meine Frau, die in Cedar Falls, anderthalb Stunden nördlich studiert hat. Auch wir haben uns mittlerweile schon of getroffen und die amerikanischen Freunde vor acht Jahren dazu gebracht, zum ersten Mal ihr Heimatland zu verlassen – mittlerweile sind sie regelmäßig in Europa zu Besuch.

  4. Großartig – habe mein High School Austauschjahr auch in Iowa verbracht – and I wouldn’t wanna miss a thing about it! Danke für die tolle Story!

  5. Du hast die Stimmlage von Bill vergessen. Ansonsten sehr schön.

  6. Das hat viel Lächeln gebracht, und obwohl meine Geschichte 180° in die andere Richtung war — in vielen Aspekten — ich konnte mich auch dort in vielen Passagen wiederfinden.

    Gruß aus Regensburg!

  7. Goethe

    Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.
    Als Jungendlicher hatte ich damals 1977 keine Möglichkeit (auch aus finanziellen Gründen) an einem Schüleraustausch teilzunehmen. Heutigen Schülern kann ich nur dazu raten diesen Schritt zu wagen. Ich denke im späteren Leben kommt man besser zurecht, wenn man sich vernetzt und andere Länder und Menschen kennen lernt . Bin ich im Ausland unterwegs besuche ich oftmals auch eine Schule.
    schöne Grüße aus dem Emsland

  8. Danke für die Geschichte. Leider war ich während meiner Schulzeit oder des Studiums nie im nie im Ausland. Und jedes mal wenn ich so schöne Geschichten höre bereue ich es ein bisschen und fange an zu träumen.

  9. Voll schön!

  10. Hab Tränen in den Augen. War vor 20 Jahren leider nur 3 Wochen bei einer Gastfamilie in Houston. War auch für mich ein unfassbares, prägendes Erlebnis. Danke für die vielen Details

  11. Sehr gerne gelesen.

  12. Hei!
    Schön, die Einzelteile mal als Ganzes zu lesen.
    Meine Kopfbilder dazu entstammen natürlich dann „Mallrats“, „Clerks“ und „Gilbert Grape“ – verbunden mit den bekannten Gesichtern, was es etwas schräg werden lässt.

  13. Der Moment, wenn deine Kinder den Artikel lesen und dich fragen, was Gras ist… ;-)

  14. Mathias unsere Große behauptet fest ihre Mutter hätte Hasch geraucht …

  15. Buch als Geschäftsreise-Lekture für meine Frau gekauft. 15 Minuten nach Abreise kam die erste Reaktion: „das buch vom austauschüler ist klasse“.

  16. Gute, richtig gute Geschichte. Was man in diesen jungen Jahren erlebt, prägt einen so sehr. Das merkt man aber meist erst viel später.

  17. Hallo Nico. Wie mir das alles bekannt vorkommt – ich: Central High School, Cheyenne, Wyoming. 1989-1990; meine persönlichen Wonder Years. Danke für’s Mitnehmen auf diese Zeitreise. Toll geschrieben. Gänsehaut.

  18. Super Sache, beneidenswert!

  19. robertneumann62obert 15.02.2014 at 13:49

    So stell ich mir meinen Aufenthalt auch vor :D

  20. Annette Borns 18.02.2014 at 12:05

    Das gibts nicht. So viele Parallelen. Das Leben schreibt schon die besten Geschichten. 66/67 war es kaum anders. Nur dass damals Adenauer starb und alle meinten ich müsse ganz traurig sein. Erster Flug und Sprachverwirrung, erstmal eifersüchtige Schwester und Roosevelt zu Fuss zu erreichen, wir hatten noch Uncle Bobby auf der Farm im Norden, Dad war Prof. at Drake, Prebyterian Church, wir sind noch heute Familie, haben die Kinder ausgetauscht, ganz privat. Die Vorbereitungstreffen waren identisch, zurück fuhren wir mit einem Schiff, Aurelia, voller Kids, gerade zauberhaft beschrieben von Paul Auster in seinem Erinnerungsbuch. und Bill Bryson aus der Klasse ist ein toller Autor geworden. Go Roughriders! Manchmal braucht es den Big Stick. Was das wichtigste ist: man ist auf sich gestellt und wird nicht nach Familienhintergrund einsortiert,den kennt da ja niemand. Achja, und telefonieren konnte ich mit Zuhause nur einmal im ganzen Jahr,zu teuer und 6 Stunden Voranmeldezeit. Nix Cellphone oder skype.

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