Die Sache mit der Keynote auf der Local Web Conference

Nico —  5.02.2014

Am 5. Februar habe ich auf der Local Web Conference in Nürnberg die Keynote mit dem griffigen Titel Wir sind ja alle sowas von local. gehalten. Anders als sonst habe ich nicht einfach nur Slides mit Bulletpoints gezeigt, sondern mehr oder weniger eine Rede vom iPad gehalten. Der Text ist im Wortlaut hier zu finden, aber es gilt natürlich das gesprochene Wort.

Wir sind ja alle sowas von local.

Geodaten sind das neue Gold und wir Nutzer sorgen dafür, dass es geschürft werden kann. Es ist an der Zeit, darüber nachzudenken, welche Konsequenzen das Local Web für unser Nutzungsverhalten hat und welche gesellschaftlichen Implikationen dies mit sich bringt.

Wenn wir über das Lokale diskutieren, dann reden wir natürlich immer auch von Hoffnungen. Die einen wünschen sich nutzbare Dienste mit einem echten Mehrwert, die anderen wollen Leser erreichen – und natürlich soll Geld verdient werden. Die üblichen Analysten machen dazu Vorhersagen, die generell allesamt von Fantastrilliarden in den nächsten 5 Jahren ausgehen. Die Pyramid Consulting Group, ein mir bis dato völlig unbekanntes Unternehmen, dessen Zahlen zur Entwicklung der Location Based Services aber gerne zitiert werden, prognostizierte vor 3 Jahren einen globalen Markt in Höhe von 10 Milliarden US-Dollar im Jahr 2015. Ich glaube, das muss man auch, sonst wird die Prognose ja auch gar nicht wahrgenommen. Ich finde allerdings diesen globalen monetären Aspekt eher zweitrangig, sondern möchte mich eher auf die Nutzer und ihre Daten konzentrieren. Ich denke, wir sehen alle, dass mit der lokalen Nutzung des Webs viele neue Möglichkeiten für die Monetarisierung entstehen, auch wenn viele Entwicklungen immer noch vom Prinzip Hoffnung geleitet werden. Das Mantra aus dem Film „Field of Dreams“ gilt hier ebenfalls: „If you build it, they will come.“ Bei einigen Diensten kommen die Nutzer schneller und ermöglichen eine Monetarisierung, wie z.B. bei Yelp, bei anderen wie Foursquare bleibt die Hoffnung auf einen persönlichen Nutzen des Angebots erst einmal den Early Adopters und Geeks vorbehalten und damit die Monetarisierung immer noch eine Perspektive für später.

Das Local Web stellt eine konsequente Weiterentwicklung des Konzeptes von Web 2.0 dar. Wir erinnern uns: der große Paradigmenwechsel war, und das klingt mittlerweile total banal, dass der Nutzer in den Mittelpunkt der Angebote der Web-Dienste gestellt wurde und in die Lage versetzt wurde, sich mit gewissen Einschränkungen quasi selber seinen Baukasten zusammenzustellen. Die Dienste sind über APIs verknüpft und ermöglichen somit den leichten Datenaustausch und das Zusammenspiel untereinander. Wenn wir auf lokale Angebote schauen, dann sehen wir letztendlich die konsequente Fokussierung auf den Nutzer durch die Anreicherung des Dienstes mit Geo-Daten. Dabei ist es von meiner Warte aus völlig unerheblich, ob der Nutzer seinen Standort preisgibt, oder Inhalte konsumiert, die mit Geo-Daten verknüpft werden. Ich würde also Foursquare genauso zu den Location-based Services zählen wie ein lokales journalistisches Angebot, das ich auf dem Tablet zuhause auf dem Sofa konsumiere und bei dem es bei der Nutzung nicht darauf ankommt, dass ich meinen Standort preisgebe.

Sicherlich sehen wir alle, dass die gute alte Hoffnung in funktionierende Location Based Services nun so langsam Realität wird. Ich erinnere mich noch an staunende Blicke in Richtung Großbritannien, wo bereits vor knapp 10 Jahren Geofencing als Produkt auf dem Markt war. Damals mit der Hoffnung, Konsumenten anzusprechen, die direkt vor dem Laden stehen und durch eine SMS motiviert werden, den Laden auch zu betreten. Wirklich akzeptiert wurde das Produkt nie und ich kann mir auch gut vorstellen, wieso. Das Handy befindet sich, wie dieser schlimme deutsche Pseudo-Anglizismus bereits ausdrückt, in der Hand. Auch wenn ein Mobiltelefon doch nur ein Stück Technik ist, so stellt es doch eine sehr persönliche Erweiterung dar. Auf dem Handy sind die Kontakte, die Emails, die Musik, die Spiele, was auch immer. Es besteht nahezu immer, die Ausnahme sind ältere Ehepaare jenseits des Renteneintrittsalters, eine 1 zu 1 Beziehung zum Handy. Es wird einfach nicht mit anderen geteilt. Dort eine SMS zu empfangen, die aufgrund des aktuellen Aufenthaltsortes abgeschickt wird und letztendlich doch nur „KAUF, DU SAU!“ brüllt, stellt quasi einen Bruch der Privatsphäre dar. Dabei ist es völlig egal, ob irgendwann mal ein Häkchen bei „ja, ich bitte drum, in Zukunft mit SMS behelligt zu werden, nur weil ich in der Nähe eines Ladens bin“ gesetzt wurde.

Ich kann mich ebenfalls gut an eine interaktive Plakatsäule erinnern, die eine MP3-Datei zum Download bereithielt. Irgendwie muss man die Leute ja an das Plakat heranführen und dann wäre es doch toll, wenn man direkt etwas anbieten könnte. Der Download sollte über ein IrDA-Pairing erfolgen. IrDA. Kennt das noch jemand? Abgesehen davon, dass kaum ein Handy damals über IrDA verfügte, musste man das Handy im richtigen Winkel und nicht weiter als 30 cm entfernt vor den IrDA-Dongle am Plakat halten, damit eine Verbindung zustande kommen konnte. Mann, war das umständlich damals und die Download-Zahlen waren so bescheiden, dass man in der Kommunikation eher erwähnte, wie innovativ die neue Werbeform doch sei und wie weit Vorne die beteiligten Unternehmen seien.

Generell gilt, wie bei so vielen technologischen Entwicklungen der Ausspruch des Autors William Gibson: „The future is already here, it’s just not very evenly distributed.“ Dieses Phänomen kennen wir nur zu gut, sei es der Kollege, der immer die neuesten Gadgets hat, oder die Berichte aus Süd-Korea, Tokio oder Hong Kong, die eine ganz andere Entwicklung aufzeigen, als wir es hierzulande gewohnt sind. Was in Deutschland noch als Neuland gelten mag, ist in anderen Teilen der Welt schon längst kalter Kaffee. Oder andersrum, was in anderen Teilen der Welt gerne genutzt wird, wie z.B. die unsäglichen QR-Codes, wird auch weiterhin in Deutschland ignoriert werden. Die Entwicklungen finden nicht parallel statt, auch wenn es natürlich große Trends gibt, die man überall sehen kann, die dann aber eine unterschiedliche Ausprägung haben.

Wenn wir einen Blick zurück auf die Entwicklung des Personal Computers werfen, dann sehen wir deutlich, wie sich der Markt verändert. Ich will jetzt gar nicht lange auf das sog. Moore’sche Gesetz verweisen, nach dem sich die Rechenleistung der Prozessoren jedes Jahr verdoppelt oder auf die stets verfallenden Preise für Festplatten, direkt nachdem man eine neue Festplatte gekauft hat. Diese Entwicklungen haben wir alle seit Jahren mitgemacht.

Noch 1977, da war ich fünf, sagte Ken Olsen, der Gründer der Firma Digital Equipment Corporation, besser bekannt als DEC: „There is no reason anyone would want a computer in their home.“ Im letzten Quartal des Jahres 2012 wurden mehr Tablets als Laptops und PCs verkauft. Das sollte uns zu denken geben. Ebenso wie die Entwicklung auf dem Smartphone-Markt.

In Deutschland gab es Ende 2013 32 Millionen Smartphone-Nutzer, das ist ein Wachstum von 29% im Jahresvergleich. Wer noch vor 10 Jahren versucht hat, mit einem Palm PDA und einem Stylus mühselig Termine zu erfassen, anstatt sie schnell auf Papier zu notieren, weiss, was das für eine Entwicklung ist. Die einst belächelten Personal Digital Assistants, genannt PDA, aus denen dann die Smartphones entstanden sind, waren lange Zeit ungefähr das Äquivalent zu einer Digitaluhr mit Taschenrechner. Nur Geeks fanden so etwas nüzlich oder gar cool. Der Massenmarkt war eher irritiert. Ich weiss noch, wie ich die ersten Smartphones für komplett überflüssig hielt. Mittlerweile kann man sich nicht mal mehr vorstellen, wie es ohne Smartphones war. Ich lege mein iPhone jedenfalls selten aus der Hand und habe es meistens griffbereit in der Hosentasche. Ich kann mich noch gut an einen Dialog mit meiner Tochter vor 2 Jahren erinnern. Sie war damals 8 Jahre alt und wollte auch endlich ein eigenes Smartphone haben. Also verwickelte sie mich in ein Gespräch über mein iPhone und stellte eine Frage, mit deren Antwort sie klarstellen wollte, dass die Anschaffung eines Smartphones für sie eigentlich längst überfällig sei. Sie fragte: „Papa, wie lange hast Du eigentlich schon ein iPhone.“ – und ich antwortete, wahrheitsgemäß: „seit 4 oder 5 Jahren“ – meine Tochter guckte mich mit großen Augen an und sagte: „PAPA!“, denn sie glaubte mir kein Wort. Ich erläuterte ihr dann, dass es davor keine iPhones gab, sondern nur normale Mobiltelefone, mit denen man telefonieren und SMS schicken konnte. Ungläubig guckte sie mich an: „PAPA!“ und man merkte deutlich, dass sie dachte, dass ich sie veräpple. Schliesslich wollte sie endlich einen Punkt machen und stellte die Frage: „Papa, wie alt warst Du denn, als Du Dein erstes Handy bekommen hast?“ – ich erwiderte, wiederum wahrheitsgemäß, dass ich da ungefähr 25 Jahre alt gewesen sein muss. „PAPA!“ – man sah ihr deutlich an, dass sie nicht wusste, ob sie mir glauben sollte, oder nicht. Die Vorstellung, dass ihr Vater so ein seltsamer Vollhonk sein könnte, der erst mit 25 Jahren sein erstes Handy bekommen hat, machte ihr deutlich zu schaffen. Auch als ich ihr erklärte, dass vorher Mobiltelefone eher unerschwinglich teuer für Studenten waren und niemand eins hatte, legten sich ihre Bedenken nur langsam. Wir haben uns sehr daran gewöhnt, wie allgegenwärtig Smartphones und die damit verbundene Vielzahl von Apps doch ist. Unsere Tochter hat mittlerweile ein iPhone, denn ihr Samsung Featurephone fand sie fürchterlich und nutzte es nicht. Natürlich chattet sie auf Whatsapp mit ihren Freundinnen, als ob sie nie etwas anderes getan hätte.

In Südkorea, die ja in technischen Dingen schon immer etwas weiter voraus waren als wir hier in Deutschland, werden mehr Suchanfragen von Smartphones als von Laptops oder stationären PCs gestellt. Das ist eine entscheidene Veränderung des Nutzungsverhaltens. Global gesehen wächst der Anteil der mobilen Internetnutzung um das 1,5-Fache pro Jahr, so dass wir bereits Ende 2014 bei knapp 30% Anteil am gesamten Internet-Traffic angekommen sein werden. 30% nur durch mobile Nutzung, meine Damen und Herren. Das ist ein Gamechanger, um mal mehr Anglizismen zu benutzen.

Die Nutzer im Web machen mittlerweile komplett andere Dinge als noch vor 18 Jahren, als ich das erste Mal online war. Sie machen auch komplett andere Dinge als noch vor 10 Jahren, weil sich viele Möglichkeiten erst in den letzten 5 Jahren entwickelt haben. Neben wir zum Beispiel das Thema Fotografie. Meine Kinder wissen nicht mehr, dass es man früher für seine Kamera Film kaufen musste, um dann die Fotos entwickeln zu lassen, nur um pro Bild zu bezahlen. Für meine Kinder ist es klar, dass die unterschiedlichsten Geräte Fotos machen können, also Kameras, Smartphones, Tablets, aber auch die XBOX oder ein Laptop. Jedes Bild, das man damals gemacht hat, kostete extra. Heutzutage ist es völlig egal, wieviele Fotos man knippst. Und natürlich können wir diese Fotos direkt mit unseren Freunden und Bekannten teilen, ob diese es wollen oder nicht. Allein auf Facebook mit seinen 1,1 Milliarden Nutzern werden jeden Tag mehr als 550 Millionen Fotos hochgeladen. Hinzu kommen Dienste wie Twitter, Google+, Instagram, Flickr und andere, die ebenfalls sehr starke Steigerungsraten beim Photosharing verzeichnen können. Das Web hat sich zu einem allgegenwärtigen Dia-Abend moderner Prägung entwickelt, inklusive aller peinlichen Momente, die einen guten Dia-Abend ausmachen. Und das lokale Web dreht diese Schraube der technologischen Entwicklung noch ein Stück weiter.

Neben all den Träumen, die rund um Mobile in den letzten 15 Jahren entstanden sind, waren Location Based Services immer die, die die meisten Begehrlichkeiten erweckt haben. Aber lange Zeit waren sie ungefähr so nutzbar wie WAP. Ihr erinnert Euch? Dieses kaum benutzbare, sau langsame, dafür aber umso teuere Zeugs, das Nutzer in die Lage versetzen konnte, simpelste Web-Ansichten in schwarz-weiss zu betrachten. Auf einem Nokia 6210, mit einer Akku-Laufzeit von über einer Woche. Mittlerweile können Smartphones nahezu alles, nur eben keine Akku-Laufzeit. Ähnlich wie Hunde, die nach Bäumen Ausschau halten, suchen Smartphone-Nutzer immer die freie Steckdose und es kommt in Flughäfen zu merkwürdigen Szenen, wenn Menschen in Anzügen auf dem Boden krabbeln, um den Zugang zur Steckdose zu sichern. Kennt jemand noch Plazes? Das war Mitte der 2000er Jahre ganz großartig, quasi ein früher Vorläufer von Foursquare. Ich nutzte damals Plazes immer, um damit anzugeben, dass ich wieder irgendwo ein WLAN nutzen konnte, was damals noch lange keine Selbstverständlichkeit darstellen sollte, vor allem nicht im öffentlichen Raum. Ich erinnere mich noch, wie ich in Wien war 2003 oder 2004, und zwar wusste, dass es im Museumsviertel öffentlich nutzbare WLAN-Hotspots gab, aber eben nicht genau, wo. Daher packte ich alle paar hundert Meter mein Laptop aus, um zu gucken, ob ein funktionierendes WLAN in der Nähe war. Irgendwann traf ich den Journalisten Mario Sixtus, der ebenfalls wie ich in Wien zu einer Blogger-Konferenz war, und Mario hatte ein neumodisches Gadget in der Hand, mit dem er WLAN-Hotspots aufspüren konnte. Radical! Heutzutage undenkbar, was wir damals für Anstrengungen unternommen haben, um etwas zu nutzen, was mittlerweile zum Standard geworden ist. Hamburg ist gerade zur Hotspot-City erkoren worden und auch in anderen Städten zieht die Telekom nun ein flächendeckendes WLAN-Netz auf, was eigentlich schon lange überfällig ist. Leider hat es viel zu lange gedauert, bis Politiker in Kommunen und im Bund erkannt haben, welches Potential öffentliche WLAN-Netzwerke bieten. Es wurde viel zu lange mit dem Placebo LTE gewunken, ohne zu realisieren, dass öffentliche WLANs ganz andere Nutzungsmöglichkeiten bieten und gleichzeitig die Mobilfunknetze entlasten. Die unsägliche Störerhaftung hat dazu beigetragen, dass gastronomische Anbieter, aber auch der Handel, davor zurückschreckten, ihren Kunden WLAN anzubieten.

Natürlich könnten wir uns eine breite lokale Nutzung von Diensten nicht vorstellen, ohne das iPhone und ohne die damit einsetzenden Revolution auf dem Mobilfunk-Markt, die zu einer Machtverschiebung weg von den Mobilfunk-Anbietern und ihren Walled-Garden Infrastruktur mit prohibitiv hohen Kosten und dadurch geringer Nutzungsintensität führte. Erst durch das iPhone wurde eine Innovationsstau gelöst, der dann mit dem Aufkommen der Apps und den damit verbundenen App-Stores zu einer Welle neuer Produkte führen konnte, die das lokale Web heute so attraktiv macht.

Wir haben eine enorme Entwicklung in den letzten Jahren erleben dürfen, die nun endlich dazu führt, dass das Thema Location wieder ganz oben auf der Agenda steht.

Location ist der neue heisse Scheiss, und das schon seit Jahren, aber dieses Jahr wirklich. Quasi so wie Mobile vor einigen Jahren. Aber jetzt wirklich wirklich. Mittlerweile können Smartphones natürlich alle GPS, so als ob es das Normalste auf der Welt wäre. Ich erinnere noch, wie wir neidisch in die USA geblickt haben auf ein Startup namens Dodgeball, das von Dennis Crowley, dem späteren Gründer von Foursquare gegründet wurde. Dodgeball sollte ein Location-basiertes Spiel sein, das auf Basis der triangularen Ortung funktionierte, also einer Standortbestimmung über drei Mobilfunkmasten. Das war damals in Deutschland auch möglich, mit einer Genauigkeit, oder besser Ungenauigkeit von bis zu 500m. Und natürlich Kosten pro Abfrage. Ideen für Dienste, die Location nutzen könnten, gab es daher viele, umgesetzt wurden nur wenige, weil die Kosten einfach prohibitiv hoch waren.

Moderne Smartphones ermöglichen uns weit mehr als nur Email und Kalender, sie erlauben natürlich die Nutzung von GPS und bieten damit die Gelegenheit, Dienste zu nutzen, die Location-aware sind, ohne dass die Nutzer großartige Anstrengungen unternehmen müssen. Die Einsatzmöglichkeiten sind mehr als vielfältig, sie reichen von den naheliegenden Anwendungen wie Navigation über Restaurant-Bewertungen bis hin zu Geotagging von Fotos, Standordbestimmung von Freunden oder Spielmöglichkeiten wie Geocaching. Die Nutzung von Location-based Services ist innerhalb weniger Jahre von einer sagenumwobenen, mythenumrankten Phantasie zu einer nüchternen Realität geworden, über die man kaum noch nachdenkt. Bei Twitter die Location angeben bei jedem Tweet? Warum nicht? Bei Facebook zusammen mit Freunden auf einem Foto erscheinen, dass eben in einer Kneipe gemacht wurde? Na klar, das geht ganz einfach. Bei Instagram merkwürdige Filter über nichtssagende Fotos legen und mit einem Standort verknüpfen? Nichts leichter als das. Mittlerweile wären wir irritiert, wenn dies nicht ginge.

Wir Nutzer können also sagen, wo wir uns befinden und sind in der Lage, herauszufinden, was im Umkreis alles so ist. Kein umständliches Rumgefalte eines unhandlichen Stadtplans, sondern ein paar Clicks auf dem Smartphone und schon wissen wir, was um uns herum interessant sein könnte. Wir können sehen, wo unsere Freunde sind, finden auf Foursquare Tipps und suchen direkt nach Läden in der Nähe, anstatt mühseligst die Gelben Seiten zu konsultieren. Wir Nutzer produzieren dabei munter Daten, die genutzt werden können, um mehr über uns zu erfahren, um das Angebot zu verbessern, oder um uns Werbung zu zeigen. Es ist eine der ganz großen Hoffnungen des Themas Local, dass nun endlich irgendwann bald die lokalen Werbetreibenden in Scharen dafür sorgen werden, dass die ortsbezogene Werbung eine neue Einnahmequelle für Plattformen und Inhalte-Anbieter wird.

Endlich sollen die Nutzer erreicht werden, wenn sie vor dem Laden stehen, oder durch die Einkaufspassage schlendern. Endlich. Nicht mehr per SMS, sondern netter, mit mehr Infos und Möglichkeiten. Der Zugriff auf den Nutzer, wenn er das Smartphone direkt in der Hand hat und nicht mehr anders kann, als auf das Display zu gucken, um dann die Werbung von Klempner Schulze zu sehen, von 5 Brötchen für 1,20€ bei Bäckerei Müller oder den unwiderstehlichen Schuhen bei Schuh Kramer – all das ist nun nicht mehr weit. Wirklich. Denn es gibt nun mit Apple iBeacon die Umsetzung der proprietären iBeacon-Technologie, basierend auf dem Bluetooth-Low-Energy-Standard BLE, die es erlaubt, über kleinste Sender direkt die iPhones und Android-Smartphones anzusprechen, die in Reichweite sind. In den amerikanischen Apple Stores wird die iBeacon-Technologie bereits eingesetzt und es ist davon auszugehen, dass diese Technologie noch weitere Kreise ziehen wird. Zum einen sind herkömmliche iPhones künftig in der Lage, ebenfalls als Sender zu agieren, zum anderen ist die Reichweite mit 30m groß genug, um wirklich zielgerichtet Nutzer in Läden anzusprechen. Promo-Angebote beim Verlassen des Ladens sind künftig ebenso möglich, wie Ticketing in Kombination mit Passport. Apple hat auch bereits schon ein Patent auf die Nutzung von iBeacon für die Gastronomie erhalten, um von der Tischreservierung über die Bestellung bis zur Bezahlung alles über iBeacon abbilden zu können. Die Hoffnung ist, die Abwanderung der Nutzer auf die Couch auzuhalten und Konsumenten wieder in die Läden zu bringen, bzw. sie vom reinen Showrooming, also nur gucken und anderswo kaufen, abzuhalten. Und mal ehrlich, wer hat noch nie beim Saturn die Amazon-App rausgeholt, den Barcode gescannt und dann direkt bei Amazon bestellt, weil man keine Lust hatte, die Ware nach Hause zu tragen? Die Probleme des stationären Handels sind offensichtlich und die Ansammlungen von Lieferwagen von DHL, Hermes, UPS, DPD und anderen in den Straßen sind für alle offensichtlich. Location-based Services nähren die Hoffnung, dass man künftig smarter als mit einer stumpfen SMS die Konsumenten in der Nähe des Point-of-Sale ansprechen und zu einer Transaktion bewegen kann. Der Anbieter Adsquare beispielsweise will punktgenau mobile Werbung ausspielen basierend auf den Geodaten des Nutzers, um somit die möglichen Interessen besser zu treffen. Also Shopping-Affine Nutzer in der Innenstadt und Businessreisende am Flughafen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Aber auch abseits des schnöden Konsums werden die Möglichkeiten des local Webs genutzt, um Nutzer anders und zielgerichteter anzusprechen. Journalistische Angebote versuchen zunehmend, die grassierende Nutzer-Zentriertheit der letzten Jahre zum Anlass zu nehmen, lokale Inhalte für die Nutzer passgenau auszuliefern. Die damit verbundene Stärkung des Kiezes und der Lokalnachrichten ist die eine Hoffnung, die zu erreichenden Werbe-Einnahmen die andere. Noch sind die Versuche eher auf ambitionierten Amateur-Niveau, jedenfalls in Deutschland, und die zarten Pflänzchen des professionellen Lokaljournalismus krebsen immer noch finanziell am unteren Ende der Skala vor sich hin, weil der lokale Werbemarkt noch nicht so weit ist, wie er für eine Refinanzierung der journalistischen Inhalte über Werbung sein müsste. Dabei werden gezielt Nischen genutzt, die die bisherigen journalistischen Platzhirschen zwischen dem überregionalen Mantel gespickt mit Agenturmeldungen und dem reduzierten Lokalteil haben brach liegen lassen. HH-Mittendrin beispielsweise fokussiert sich auf Lokalberichterstattung aus dem Bezirk Hamburg Mitte und hofft somit, Leser zu erreichen, die weder in den lokalen Anzeigenblättchen, noch beim Hamburger Abendblatt oder in der Mopo die Inhalte finden, die sie interessiert.

Wie schwierig allerdings immer noch das Erreichen der lokalen Nutzer und vor allem der passenden Werbetreibenden ist, das zeigt leider sehr eindrucksvoll AOL mit seinem Ableger Patch. Patch war ein ambitioniertes Projekt, das quer über die USA verteilt in Gemeinden, die von den regionalen Zeitungen eher ignoriert wurden, lokalten Grassroots-Journalismus ermöglichen sollte, natürlich mit vielen, vielen Bloggern. In das Konzept wurden Millionen gesteckt, letztendlich ist Patch gescheitert und muss jetzt die Mehrzahl der Redakteure entlassen. Das Berliner Startup Lokaler geht das Thema lokale Inhalte mit einem anderen Konzept an, indem es Karten-basiert vorgeht und die Verknüpfung von Inhalten mit Geodaten ermöglicht. Man kann also immer weiter in eine Stadt reinzoomen und nicht nur sehen, wie das Kino-Programm um die Ecke aussieht, welche Konzerte stattfinden, sondern idealerweise auch, welche Nachrichten es aus dem Kiez gibt und welche Sonderangebote der Edeka um die Ecke hat.

Ach ja, bevor jetzt alle denken: „ach, dieses Localzeugs, das ist alles langweilig und nix für mich“ – der sollte mal einen Blick auf Tinder werfen. Hier werden in einer Mobile App einer der Klassiker des Webs, nämlich Hot or Not, verknüpft mit Facebook und dem jeweiligen Umkreis. Ja, genau, das Local Web führt zu mehr Sex! Über die jeweiligen Freunde kann man mit Tinder, und anderen Apps, die dieses Prinzip jetzt übernehmen, das gute alte Online-Dating viel zielführender gestalten, basierend auf der Erkenntnis, dass man bei der Partnersuche klassischerweise auf den eigenen Bekanntenkreis zurückgreift und auch nur eine gewisse regionale Dimension zulässt. 20.000 tägliche Downloads und Millionen von täglich wiederkehrenden Nutzern zeigen, wie gut die Kombination von erweitertem Freundeskreis und Ortsbezogenheit funktiert.

So und jetzt kommt so langsam der Part, bei dem wir uns fragen müssen, welche Rolle die Nutzer, also wir Nutzer, bei dieser Entwicklung spielen. Wir nutzen nicht nur Daten, die vermehrt einen Geo-Bezug haben, sondern erzeugen auch munter Daten, die wir dann Dritten zur Verwertung überlassen. Noch zu Zeiten der Volkszählung 1987 war einer der Slogans der Kritiker der Volkszählung: „Unsere Daten müsst ihr raten!“ – damals war der Adressat der Staat und nicht profit-orientierte Unternehmen. Raten müssen diese Unternehmen unsere Daten schon lange nicht mehr, wir präsentieren unsere Daten auf dem Profilteller. Und wir müssen uns vermehrt die Frage stellen, die wir uns bei vielen Nutzer-zentrierten Anwendungen stellen müssen: inwieweit sind wir Nutzer Teil des Produktes? Das Bonmot „If you’re not paying for it, you’re the product“ trifft dabei den Nagel der Produktentwicklung der letzten Jahre direkt auf den Kopf. Die Daten der Nutzer bilden die Grundlage für einen Dienst. Ohne die vielen, vielen Daten, die die Nutzer generieren, wären viele Dienste nutzlos, das ist vor allem bei Standort-bezogenen Diensten der Fall.

Diese Daten sind nützlich, keine Frage. Und natürlich bekommen wir Nutzer einen Gegenwert für unsere Daten-Promiskuität, wir dürfen einen Dienst nutzen und glauben an das Produktversprechen. Gut, es gibt auch immer noch viele Nutzer, die dies nicht wollen und sich bei App-Entwicklern beschweren oder Apps in den App-Stores schlecht bewerten, weil eine App eine vermeintliche Datenkrake sei. Da nimmt die Kritik schon leicht absurde Formen an, beispielsweise bei Stuffle, einem Flohmarkt, der Location-aware ist und bei dem die angebotenen Dinge mit Geo-Tags versehen und dem Nutzer basierend auf seinem Standort angezeigt werden, und an dessen Gründung ich beteiligt war. Ohne Geo-Daten macht die Nutzung der App keinen Sinn, aber immer wieder gibt es Bewertungen mit einem Stern, weil vermeintlich zu viele Daten genutzt werden. Die Nutzung von Geo-Daten hat natürlich sehr viel mit dem Vertrauen in den jeweiligen Anbieter zu tun, aber ehrlich gesagt, ist dieses Vertrauen der Nutzer oftmals eher irrational. Anders kann ich mir nicht erklären, warum große Börsen-notierte Unternehmen wie Google und Facebook permanent in der Kritik stehen, gleichzeitig aber immer mehr Nutzer Dienste wie Whatsapp und Snapchat nutzen, obwohl Sicherheitsprobleme bei Whatsapp lange bekannt sind und bei Snapchat auch deutlich geworden ist, dass die Nachrichten eben nicht wirklich vergänglich sind, weil es lokale Caches gibt.

Wir stehen an einem Punkt, bei dem die Daten-Promiskuität so weit fortgeschritten ist, dass wir munter viele Daten erzeugen und in die Welt pusten, Unternehmen in die Lage versetzen, diese Daten mit den Daten anderer Nutzer zu verknüpfen, um daraus neue Erkenntnisse zu gewinnen oder neue Produkte zu entwickeln. Das steht im totalen Gegensatz zu dem langläufig proklamierten Konzept der Datensparsamkeit, die als Allheilmittel für den Datenschutz in einer immer komplexer werdenen digitalen Welt proklamiert wird. Für den Nutzer ist auch nicht wirklich immer ersichtlich, was wann mit den Daten passiert. Werden die eigenen Bewegungsdaten bei einer Navigationssoftware genutzt, um bessere Routen zu berechnen basierend auf eine Akkumulation aller Bewegungsdaten der Nutzer? Will ich das, oder will ich nur passiv die Navigations-App nutzen, ohne mit meinen Daten Teil des Produktes zu werden? Wie gehen wir künftig damit um, dass wir von Freunden oder Bekannten auf Fotos an Orten markiert werden und damit nicht mehr Herr über unsere Daten sind? Wir müssen erst die gesellschaftlichen Konventionen entwickeln, die hierfür geeignet sind, denn wir sind mitten in einer rasanten Entwicklung und hinken naturgemäß etwas hinterher bei der Festlegung, was üblicherweise toleriert wird und was nicht.

Im lokalen Web herrscht gerade Goldgräberstimmung und wie immer, wenn neue Horizonte in Sicht sind und viele neue Dinge entwickelt werden, dauert es ein wenig, bis sich die Euphorie legt und das wirkliche Ausmaß der Nutzung und der damit verbundenen monetären Perspektiven deutlich werden. Aber in Mitten dieser Goldgräberstimmung befinden sich die Nutzer, also wir, und trotz allem Beharren auf mehr Medienkompetenz oder Forderungen nach der Vermittlung von Digital Literacy, verlieren wir zunehmend die Kontrolle über unsere Daten. Das kann man akzeptieren und einfach „isso“ sagen, oder anfangen, sich darüber Gedanken zu machen, was aus der Sicht des Verbrauchers der richtige Umgang mit der Fülle von Daten und der daraus resultierenden Verknüpfung mit den Daten anderer wird. Wenn der Nutzer im Fokus der Anstrengungen ist, wenn dem Nutzer attraktive Produkte angeboten werden sollen, die er täglich nutzt, dann muss der Nutzer auch leicht und schnell entscheiden können, was mit den Daten passiert. Mir schwebt da immer ein dezentrales Dashboard vor, das mir visualisiert, was ich gerade mit meinen Daten alles so anstelle und mich auch in die Lage versetzt, Korrekturen vorzunehmen. Ich finde Daten-Promiskuität toll, und ich glaube auch, dass kein Weg daran vorbeiführen wird, aber ich denke, dass es jetzt an der Zeit ist, den Nutzer endlich in die Lage zu versetzen, zu verstehen, was mit seinen Daten passiert. Ansonsten wird das Vertrauen in Geo-basierte Dienste schwinden und Unternehmen werden zwar die technologischen Möglichkeiten haben, ihre Nutzer überall zu erreichen, aber diese haben dann kein Interesse mehr an den tollen, neuen Möglichkeiten.

Mit der Nutzung von Nutzer-generierten Bewegungsdaten und vor allem durch die Verknüpfung mit anderen Daten Dritter haben die beteiligten Unternehmen eine Verantwortung, der sie nicht nur durch die Einhaltung von Datenschutzauflagen gerecht werden sollten, sondern eben auch durch eine Transparenz dem Nutzer gegenüber. Wir sehen immer häufiger Datenskandale, wir leben in einer Zeit, in der die permanente Überwachung durch Geheimdienste zu den eindrucksvollsten Bewegungsprofilen führen kann, da ist es das Mindeste, dass sich die Unternehmen des Local Webs darauf zurückbesinnen, wer im Zentrum ihrer Aktivitäten sein sollte: der Nutzer. Dann klappt es auch in Zukunft, aus den lokalen Daten Umsätze zu generieren und neue profitable Geschäftsmodelle zu entwickeln.

7 responses to Die Sache mit der Keynote auf der Local Web Conference

  1. Zwischendurch kurz das Gefühl gehabt, dass da jetzt der Heinz Strunk steht, aber inhaltlich alles sehr schön.

    • Heinz Strunk? Wieso?

      • Wg. der Äähhs und der Wortwahl teilweise. Finde die Keynote aber gut.

        Zur Daten-Promiskuität: in iOS 7.x gibt es das ja schon teilweise, auch wenn versteckt und nicht immer so nachvollziehbar für den Benutzer. Bin gespannt, wie das Argument vom Publikum aufgenommen wurde, denn es scheint ja ein zentraler Punkt bei der Befindlichkeit deutscher Anwender bei der Freigabe von Geodaten zu sein.

        IrDA musste ich erst googeln, aber das liegt natürlich daran, dass wir es früher nicht als „Ihr Da“ wahrgenommen haben, sondern als Infrarot Dingens – das gefühlt immer sehr willkürlich funktioniert hat.

        +1 für den 6210 Mention. Nokia, ftw! :-)

  2. Saubere Keynote. Kam sehr sympathisch rüber.

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