Die Sache mit den 10 Jahren Facebook

Nico —  11.02.2014

Irre, oder? Es kommt mir noch wie gestern vor, als ich staunend von dem schnell wachsenden sozialen Netzwerk las, das nur Leute mit der Email-Adresse einer amerikanischen Uni aufnahm und trotzdem, oder gerade deshalb, stetig populärer wurde. Ich bin daher auch erst seit knapp 7 Jahren bei Facebook, genauer gesagt seit dem 16. Februar 2007. Mittlerweile kenne ich nur noch eine Handvoll Facebook-Verweigerer, die aber allesamt wirre Aluhüte tragen und grundsätzlich meinen, wortreich erklären zu müssen, warum sie nicht bei Facebook sind und wirken dabei immer angestrengt und unentspannt. Alle anderen sind bei Facebook, vor allem, weil alle da sind.

Und ich? Ich finde Facebook toll! Gleichzeitig finde ich es aber auch nicht so toll. Aber toll überwiegt. Toll überwiegt vor allem deshalb, weil Facebook mir Menschen näher bringt, die mir wichtig sind. Man kann Facebook den ganzen Tag lang für irgendetwas kritisieren, vor allem dafür, dass es ein Ökosystem ist, dass natürlich zentralisierend wirkt und damit den dezentralen Tugenden des Netzes widerspricht. Aber, wie so oft im Leben, ist es einfach so, dass die Menschen das nutzen, was einfach ist und was sie verstehen, nicht dass, was versucht, dem Idealbild am nächsten zu kommen. Das ist ein bisschen so wie die Debatte um Linux auf dem Desktop, da war ich auch immer dafür, aber OS X ist einfach nutzbarer, also stirbt man den einen Tod und freut sich über unzählige Erleichterungen im Alltag.

Für mich ist Facebook vor allem eine Plattform, die viele Probleme gelöst hat, die mir irgendwann mal wichtig waren. Beispielsweise Facebook Connect, also die Möglichkeit, sich mit seinem Facebook Konto irgendwo anmelden zu können. Na klar, OAuth ist viel toller, aber eben auch viel umständlicher. Ich habe vor knapp 10 Jahren gemeinsam mit den Jungs von Knallgrau mal versucht, bei Blogs die gegenseitige Anmeldung bei Kommentaren hinzubekommen, damit man mehr Gewissheit hat, wer kommentiert. Das war ein netter Versuch, aber Facebook hat es auf einem globalen Maßstab richtig gemacht. Facebook macht vor allem das Messaging richtig, total nahtlos zwischen Web und mobile. Das habe ich mit Mabber bereits 2005 versucht, mit äußerst bescheidenem Erfolg, auch hier hat Facebook wieder alles so gemacht, wie es sein soll. Und natürlich gilt das auch für den Umgang mit Fotos. 550 Millionen Fotos werden jeden Tag bei Facebook hochgeladen, eine schier unvorstellbare Menge, die aber vor allem deswegen hochgeladen wird, weil es so einfach ist. Letztendlich hat Facebook über die umfangreiche API und den daraus resultierenden Markt für Apps dafür gesorgt, dass das Ökosystem Facebook weiter wächst und durch Dritte interessant gehalten wird.

Facebook hat natürlich bei dieser Entwicklung nicht alles richtig gemacht, ganz entsprechend dem eigenen Motto „move fast and break things“, aber Facebook schafft es immer wieder, sehr schnell aus Fehlern zu lernen und diese unzähligen Iterationen bei der Entwicklung machen Facebook so kraftvoll. Ich finde es bewundernswert, dass Mark Zuckerberg es geschafft hat, seine Vision von der Vernetzung der Menschen so groß skalieren zu lassen, denn man darf nicht vergessen, was das vor allem für eine technologische Herausforderung bedeutet, den ganzen Laden tagtäglich am Laufen zu halten. Ich hatte mal vor ein paar Jahren das Vergnügen, Mark Zuckerberg in Berlin treffen zu dürfen. Er tat mir ein wenig leid, am Abend im Hotel noch eine Handvoll Startup-Heiopeios treffen zu müssen, die ihm alle eher nichtssagend waren, aber er nahm diesen Abend sehr routiniert wahr und erläuterte im kurzen Zwiegespräch seine Vorstellungen von Facebook und den kommenden Entwicklungen. Für mich war klar: der Typ brennt für sein Produkt, der hat noch viel vor.

Seit 7 Jahren stopfe ich jede Menge Daten bei Facebook rein und bin alles andere als datensparsam. Auch wenn Facebook gerne als Datenkrake dargestellt wird und sicherlich viele, viele Datenpunkte über mich hat, so konnte ich bislang noch nicht feststellen, dass dies auch nur ansatzweise negative Auswirkungen auf mich oder meine Person hatte. „Na klar, die wollen Dich in Sicherheit wiegen!“ denken jetzt die Aluhüte, aber ich glaube ja vielmehr, dass Facebook bewusst ist, wie wichtig der sorgsame Umgang mit den persönlichen Daten ist. Journalisten tun gerne so, als ob Facebook die persönlichen Daten der Nutzer an Werbetreibende verkaufen würde, ich stelle mir dann immer die Übergabe eines Koffers voller Geld gegen einen Koffer voller Datensätze vor, aber natürlich tut Facebook gerade dies nicht, sondern versucht, die Werbung passend zu den jeweiligen Interessen der Nutzer auszuspielen. Wie gut das klappt, mag jeder selber beurteilen, ich jedenfalls sehe bei dem Algorithmus noch viel Potential.

Bin ich zu blauäugig? Das mag sein, aber was ist denn das schlimmste anzunehmende Szenario? Jemand mag meine politische Meinung nicht und stellt mich deswegen nicht ein, bzw. gibt mir keinen Auftrag. Tja, wenn so wenig Toleranz besteht, hätten wir sicherlich auch ohne Facebook nicht zusammengepasst. Jemand findet bescheuert, was ich so poste, meine Fotos, die Links, was auch immer. Ja, das mag sein, dann soll er oder sie eben etwas anderes im Web lesen, es ist ja genug da. Jemand nervt rum und trollt. Die Person wird geblockt und die Kommentare werden gelöscht. Das geht einfacher als mit irgendwelchen Hirnis in der Kneipe. Ja, ich weiss, ich bin seltsam exponiert auf Facebook und anderswo im Netz und meine Netznutzung gilt auf keinen Fall als pars pro toto für alle Nutzer im Netz – vor allem kann ich nachvollziehen, dass andere Leute ihre Privatsphähreneinstellungen anders handhaben als ich. Aber genau dafür bietet Facebook ja nun auch genügend Knöpfe, auf die man drücken kann.

Was mich wirklich an Facebook nervt, ist die Tatsache, dass Facebook als Ökosystem die unterschiedlichsten Inhalte aufsaugt, aber sehr zurückhaltend ist, was das Herausziehen der Inhalte angeht. Facebook wird sicherlich noch viele Dinge ausprobieren und ich bin gespannt, wie es weiter geht.

9 responses to Die Sache mit den 10 Jahren Facebook

  1. Ich kann dem Artikel fast uneingeschränkt zustimmen. Nur bei der ach so leichten Verzahnung von mobil mit dem Internet hat Facebook – für mich – mit dem letzten Update den Bogen überspannt.

    Warum Facebook meine SMS, also Nachrichten die ich (möglicherweise bewusst und gewollt) gerade nicht über Facebook gesendet habe, mitlesen wollte, habe ich nicht begriffen. Und weil ich keine Möglichkeit gesehen habe, Facebook isoliert nur die Rechte zu gewähren, die ich gewähren möchte, habe ich mich entschieden, die App auf meinem Androiden zu löschen. Jetzt nutze ich Facebook mobil „nur noch“ über den Browser. Das geht, ist aber nicht mehr so komfortabel wie über die App. Aber bedauert habe ich den Schritt trotzdem keine Sekunde.

  2. Weil manche gerne den Service nutzen, SMS und FB-Nachrichten in der Messenger-App gesammelt zu haben – und das geht nun mal nur, wenn die App Zugriff auf die SMS hat.

  3. Könntest du eigentlich eher auf Facebook verzichten oder auf Twitter? Und warum?

    Bei mir ist es tatsächlich phasenweise unterschiedlich. Manchmal nervt mich der „langweilige“ Output vieler FB-Freunde und ich bin wieder mehr bei Twitter, wo der Content gefühlt hochwertiger ist. Allerdings wird es schnell sehr ernst bei Twitter, von deinen Tweets mal abgesehen ;)Dann vermisse ich den Quatsch und bin wieder zurück bei FB ;)

  4. Ich diskutierte letzte Woche mit Freunden, wie sich unsere Kommunikation erschwert hat, seit es Facebook gibt. Da es so selbstverständlich zu einem normalen Kommunikationsmedium geworden ist, nutzen meine Freunde kaum noch E-Mail, stattdessen den Messenger. Da ich mich diesem Ding aber verweigere, antworte ich eher unregelmäßig auf Nachrichten in Facebook, was andere wiederum irritiert. Irgendwie werden mir das langsam zu viele Kommunikationskanäle. Davon abgesehen ist Facebook schon ziemlich gut, alleine schon zum „nicht aus den Augen verlieren“ ;-)

  5. Ich finde man sollte nicht so viel Zeit in Social Networks stecken. Am ende werden diese doch eh als Datensammler missbraucht.

  6. Schön zu lesen der Artikel. Mit der Werbung bei Facebook, finde ich klappt es erschreckend gut. Bin nicht so oft über PC bei Facebook …aber wenn, dann spiegelt es so ziemlich genau mein Surfverhalten der letzten Wochen wieder. Und das manipuliert dann mein Unterbewusstsein und zwingt mich Sachen zu tun …die ich sonst nie machen würde :-)

  7. Brustvergrößerung ohne Op 18.02.2014 at 23:16

    Ich gebe K.Koenig recht, mittlerweile manipuliert Facebook bzw. die Facebook Ads uns im gleichen Umfang wie TV Werbung, nur unterbewusst. Sehr schlimm. Aber was soll man machen, das Geld muss ja irgendwo herkommen ^^

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    Das entwickelt sich hier noch zum Datenschutz-Blog … jedenfalls, wenn es nach den Link-Tipps gehen würde ;-) – In dieser Ausgabe: Datenkraken und Facebook-Fanboys.