Die Sache mit der hilflosen Datenschutzhysterie

Nico —  22.02.2014

Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche: sobald sich bei Google, Facebook, Apple oder Amazon eine neue Konstellation ergibt, treten Deutschlands Datenschützer auf den Plan und formulieren in drastischen Worten Endzeitszenarien. So natürlich auch nach der Übernahme von Whatsapp durch Facebook. Besonderen Eifer legt wie immer Thilo Weichert vom ULD in Kiel an den Tag, für den einerseits eine dritte Amtszeit per Lex Weichert geschaffen werden soll, was an sich schon ein Unding ist, der aber mit zunehmender Amtsdauer auch immer verbitterter und verbohrter wirkt und so langsam Züge eines Don Quixote von der Waterkant annimmt:

Damit werden nicht nur diese beiden US-Unternehmen, sondern potenziell die dort vorhandenen personenbezogenen Datenbestände verschmolzen. Dies ist insofern von höchster Datenschutzrelevanz, weil viele Menschen bei der Individualkommunikation von Facebook, um diesem Datenmoloch zu entgehen, zu WhatsApp gewechselt sind. Die Kommunikationsmetadaten wie auch die -inhalte beider Dienste stehen dem Betreiber lesbar zur Verfügung und können nun zusammengeführt, zur Profilbildung ausgewertet und für Werbezwecke kommerziell ausgebeutet werden.

250px-DataTNGEs ist schon interessant, wenn eine Terminologie wie „Datenmoloch“ genutzt wird und dann die Nutzer aufgefordert werden, zu anderen Diensten zu wechseln. Dagegen wirkt sein Kollege aus Hamburg, der in der Vergangenheit ja auch den ein oder anderen Irrlauf hingelegt hat, geradezu euphorisch, wenn er darauf hinweist, dass mit der Übernahme die Datenschutzstandards bei Whatsapp eher steigen könnten.

Was Weichert in seinem Eifer verkennt, ist allerdings eine simple Tatsache: die Nutzer interessiert der Umgang mit ihren Daten entweder herzlich wenig oder sie nehmen vermeintliche Nachteile billigend in Kauf. Und es gibt dafür auch zwei ganz einfache Gründe:
1. Die Nutzer nutzen den Dienst, die ihre Freunde und Bekannten auch nutzen. Warum? Weil man nur dann kommunizieren kann, wenn auch die Kommunikationspartner den Dienst nutzen. Durch die Kommerzialisierung des Netzes und das Aufkommen der Ökosysteme wurde es leider nicht geschafft, für Chat und Messaging analog zu Email einen Standard zu definieren und auch zu nutzen. Japper/XMPP wurde zwar vom IETF ratifiziert, wird aber aufgrund der Inseldenke der Anbieter nicht als offenes Protokoll zum Austausch von Daten zwischen den Diensten angeboten. Also nutzen die Nutzer den Dienst, bei dem auch ihre Freunde und Bekannten sind. Etwaige Vorbehalte werden beiseite geräumt, weil der Kommunikationsanlass wichtiger ist.
2. Die Popularität eines Dienstes macht sich an anderen Faktoren fest als deutsche Datenschützer es gerne hätten. Das verhält sich in etwa so wie das Aufkommen der Beatmusik mit den Vorstellungen des Establishments in den 60er Jahren. Da prallten unterschiedliche Wert- und Moralvorstellungen aufeinander, aber die Entwicklung der populären Musik wurde dadurch nicht aufgehalten und es wurden in den Folgejahren viele gesellschaftliche Tabus gebrochen. Soziale Netzwerke basieren auf den Daten der Nutzer und Konzepte wie Datensparsamkeit sind dabei in der täglichen Nutzung kaum anwendbar, denn bei der Kommunikation fallen nun einmal Daten an und oftmals ergibt sich erst aus der Verknüpfung dieser Daten mit anderen Daten des Nutzers oder anderen Nutzern der Produktvorteil, den sich der Nutzer wünscht.

Die gesamte Hilflosigkeit des Thilo Weichert, der als oberster Datenschützer des Landes Schleswig-Holstein einfach nicht wahrhaben will, dass er eine Minderheitenposition einnimmt, die von den Nutzern in der Praxis noch nicht einmal ignoriert wird, manifestiert sich in seinem abschliessenden Zitat in der Pressemeldung zur Übernahme von Whatsapp:

Wem die Vertraulichkeit der eigenen Kommunikation etwas wert ist, der sollte auf vertrauenswürdige Dienste zurückgreifen. Dies können nur Unternehmen sein, die einem wirksamen Datenschutzregime unterliegen und die transparente technische Sicherungen vorsehen, etwa eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, so wie dies bei den schweizer Anbietern Threema oder myEnigma nach deren eigener Darstellung der Fall zu sein scheint.

Vertrauenswürdig ist also, wenn schweizer Unternehmen sagen, dass sie es sind. Ah ja. Hauptsache, nicht irgendwelche bösen Amis, sondern ordentliche Schweizer, die sich natürlich an Recht und Gesetz halten. Das Leben kann so einfach sein, wenn man sein eigenes Koordinatensystem fein säuberlich in gut und böse aufgeteilt hat.

Für mich ist immer wieder erstaunlich, wie freudlos diese Datenschutzhysterie doch ist. Das erinnert mich immer wieder an den Pietismus, bei dem ich auch immer den Eindruck habe, dass das eine sehr freudlose Veranstaltung (gewesen) sein muss, wenn die eigene Frömmigkeit und die damit verbundene reine Lehre überhöht wird. Bei der aktuellen Datenschutzdebatte treten einige Protagonisten für eine reine Lehre ein, verkennen aber völlig, dass ihre Schäfchen damit nichts mehr anfangen können, weil es nicht mehr ihren Erfahrungen und Nutzungsszenarien entspricht. Um überhaupt noch Gehör zu finden, werden Weltuntergangsszenarien bedient sowie Ressentiments geschürt und es werden unpraktikable Lösungen empfohlen, die niemand nutzen wird. Aber es ändert nichts an der Tatsache, dass die Nutzer weiterhin Facebook, Amazon, Google, Apple und andere Anbieter nutzen werden.

Bei der modernen Kommunikation fallen Daten an, die verarbeitet werden. Nutzer müssen den Anbietern vertrauen und es wird sicherlich immer ein gewisses Unbehagen bleiben. Für die meisten Nutzer internetbasierter Kommunikationsdienste stellt sich die Frage nach einer Enthaltsamkeit oder nach einer Datensparsamkeit schlichtweg nicht. Hinzu kommt, dass viele Nutzer sich der Banalität der eigenen Gespräche durchaus bewusst sind und daher vermutlich eher mit den Schultern zucken und sich über Whatsapp verabreden als auf verschlüsselte Dienste zurückzugreifen.

Ich halte Datenschutz für absolut wichtig, aber die Hysterie in der Debatte um Whatsapp und Facebook hilft nicht ansatzweise weiter. Vor allem klafft eine riesige Lücke zwischen dem Datenschutzverständnis vieler Datenschützer und der von den Nutzern tolerierten Praxis, die im Zweifel immer einen populären Dienst nutzen werden, egal wie sehr sich dieser an die Sichtweise des Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein hält. Wenn man allerdings in der Schmollecke steht, wird man den Großteil der Nutzer nicht erreichen können, sondern eher wie ein wirrer Kauz wirken, der den Anschluss verpasst hat. Ich will durchaus, dass der einzelne Nutzer versteht, was mit den Daten aktuell passiert, ich will auch, dass der einzelne Nutzer eingreifen kann und bestimmen kann, was mit den Daten geschehen darf, daher finde ich, dass wir diskutieren sollten, wie Datenschutz im Zeitalter digitaler Ökosysteme aussehen kann und welche Regulierungsmöglichkeiten überhaupt noch bestehen. Ein Appell zur Nutzung anderer Dienste ist dabei nicht die Lösung, sondern offenbart nur die eigene Hilflosigkeit.

19 responses to Die Sache mit der hilflosen Datenschutzhysterie

  1. Sehr schön auf den Punkt gebracht!

  2. +1 Und es drängt sich ja leider nicht das erste Mal der Verdacht auf, daß es Herrn Weichert eher um einen Privatfehde gegen böse US-imperialistische Unternehmen iVm mit Selbstdarstellungsdrang/Profilneurose geht.

    Passend dazu auch dieser kurze Clip: Jeff Jarvis contra Thilo Weichert http://www.youtube.com/watch?v=tNO8glklLUA

  3. Natürlich ist Datensparsamkeit auch in sozialen Netzwerken wichtig. Denn der Artikel geht am Thema vorbei. Es geht doch nicht um das, was die Leute öffentlich posten. Das ist doch überhaupt nicht das Problem. Es geht um private Nachrichten. Und da werden durchaus mehr als Banalitäten ausgetauscht. Und dann macht die Frage nach datenschutzzentrierteren Diensten sehr wohl Sinn. Und dieses Schutzbedürfnis sehe ich bei den Usern. In meiner Timeline auf Facebook wechseln die Leute in Scharen zu Threema. Allerdings ist der Anlass völlig irrational, genauso wie die Empfehlung, zu Threema zu wechseln, weil das Schweizer sind. Da gebe ich dir Recht.

  4. Christoph 22.02.2014 at 9:43

    Ich für meine Teil gebe wichtige Informationen nur ab wenn ich vor den Leuten stehe. Whatsapp wird nicht mehr benutzt weil ich alles boykottieren was Facebook gehört. Einfach weil ich es kann und whatsapp nur für 4 Personen benutzt habe. Das waren Arbeitskollegen und die sehe ich eh jeden Tag.

  5. Salve!
    Derartiger gedankenbefreiter Umgang mit seinen eigenen Daten ist scheinbar heutzutage Usus…siehe z.B. http://www.firmenpresse.de/pressinfo530134.html

    und entweder stellt man sich und seine Daten dem Diktum „post-privacy“ statt von „Datensammelmaschine1“ zur Folgeversion „Dateniterationsmaschine2“ zu wechseln (bis DSM1 und DIM2 fusionieren) – oder alternativ ??? ;-) : editiert man Sourcecodes nach seinem eigenen Gutdünken und hackt sich per Entwicklertertools, API-Manipulationen oder mittels rudimentärer Maßnahmen in „maschinennaher Sprache“ (muss ja nicht gleich Assembler sein ;-) durch´s Web…

    Ein Zurück (zu 300 baud ohne FTZ auf 10 MHz-Compi) gibt es nicht, das „Vorwärts“ gestaltet sich stets diversifizierender und damit komplexer, was auch durch staatliche Restriktionen nicht kontrollierbar erscheint. Vor allem, was scheren europäische, gesetzliche Regulativa die USA?

    Und letztlich kann man nur melodisch anstimmen: „Die Gedanken sind frei“…und vll. mal über diese Aussage ein par sec. reflektieren… frei: wie frei verfügbar?

    In diesem unfreien Sinne verbleibe ich mit den Qualen des Leids des Wartens auf replay mit Greetz

    Sabine

  6. Ich nutze die sozialen Netzwerke jeden Tag. Beide Dienste Facebook und Whatsapp sind jetzt verschmolzen, für mich ändert sich dadurch nichts da ich vorher auch schon beide Dienste genutzt habe.

  7. Mal davon abgesehen: Ich hatte bisher mehr Angst, private Daten über whatsapp zu verschicken, die jeder unverschlüsselt in meinem Wifi mithören konnte, als sie Facebook zu geben, die pleite sein werden, wenn die verschlüsselt übertragenen Daten dort vor Ort geleaked werden.

    • Wieso pleite? Sie leaken sie doch ständig. Amerikanische Behörden haben darauf doch unbegrenzten Zugriff.

      • Ja, würde mich wundern, wenn das bei whatsapp anders wäre. ;) Von daher übertrage ich meine Daten lieber verschlüsselt als unverschlüsselt irgendwohin.

        • Ganz deiner Meinung. Und ich lege sie dann gern auch noch verschlüsselt ab. Heißt: Es reicht nicht, den Übertragungsweg zu verschlüsseln.

  8. yes_we_jam 23.02.2014 at 13:21

    Ich verstehe deinen Punkt nicht, Nico. Die Gefährlichkeit entsteht doch gerade durch die Verschmelzung aller orts- und personenbezogenen Daten in einer Hand. Insofern ist nun WhatsApp mit einem Schlag einige Kategorien gefährlicher geworden. Ich finde es ist durchaus sinnvoll den Usern klarzumachen, dass man sich nicht in jeden Dienst mit seinem Google, Twitter oder FB-Account einloggen sollte. Natürlich nutzt Hysterie niemandem (außer denen die davon leben) aber sachliche Aufklärung ganz sicher. Du schießt m.E. hier in die falsche Richtung.

Trackbacks and Pingbacks:

  1. Speisekarten-Blog - 22.02.2014

    Links 2014-03

    Das entwickelt sich hier noch zum Datenschutz-Blog … jedenfalls, wenn es nach den Link-Tipps gehen würde ;-) – In dieser Ausgabe: Datenkraken und Facebook-Fanboys.

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    […] P.S. Nico Lumma über Die Sache mit der hilflosen Datenschutzhysterie. […]

  3. Die Sache mit der hilflosen Datenschutzhysterie... - 22.02.2014

    […] Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche: sobald sich bei Google, Facebook, Apple oder Amazon eine neue Konstellation ergibt, treten Deutschlands Datenschützer auf den Plan und formulieren in dr…  […]

  4. Die Sache mit der hilflosen Datenschutzhysterie... - 22.02.2014

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  5. Input 2014#08 | Klaus Breyer - 23.02.2014

    […] Die Sache mit der hilflosen Datenschutzhysterie – Nico Lumma hat auch nen sehr guten Punkt zu der Datenschutzhysterie. Mal davon abgesehen:  Ich hatte bisher mehr Angst, private Daten über whatsapp zu verschicken, die jeder unverschlüsselt in meinem Wifi mithören konnte, als sie Facebook zu geben, die pleite sein werden, wenn die verschlüsselt übertragenen Daten dort vor Ort geleaked werden. […]

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    […] gibt es mittlerweile auch einige Stimmen, die den Wechseltrend beispielsweise als “hilflose Datenschutzhysterie” bezeichnen, wie es Nico Lumma tut, und argumentieren, dass soziale Netzwerke “auf den Daten […]

  7. Die Deutschen und der Datenschutz – ein Visualisierungsversuch | domlen - 23.02.2014

    […] Deutschen und ihr Bedürfnis nach und Verständnis von Datenschutz – eine äußerst diffuse Geschichte. Ich habe mal versucht das zu […]

  8. Input 2014 – Das wars. | Klaus Breyer - 4.12.2014

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