Die Sache mit der Privatheit in der digitalen Gesellschaft

Nico —  25.02.2014

Die Privatheit ist auch nicht das, was es mal war. Jedenfalls würde ich dies einfach mal so behaupten, ohne das Verhältnis zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, oder das Verhältnis von Verbraucher zu Wirtschaft oder gar das Verhältnis von Bürger zu Staat in diesem Kontext vor dem Hintergrund der Veränderungen durch die Digitalisierung der Gesellschaft auch nur ansatzweise diskutiert zu haben. Wir alle spüren die Veränderungen, wir alle merken, dass sich die Rahmenbedingungen verschieben und dass mittlerweile die Privatheit einen anderen Stellenwert bekommen hat. Es ist schon erstaunlich, wie sich der Umgang mit Privatheit in den letzten Jahren verändert hat. Es gibt viele Punkte, die immensen Umwälzungen ausgesetzt sind: das Einkaufsverhalten, die Freunde und Bekannten in sozialen Netzwerken, die Gespräche, die Bewegungen – alles kann mittlerweile digital erfasst, gespeichert und ausgewertet werden. Diese Entwicklung wird nicht aufzuhalten sein, daher wird es immer wichtiger sein, die Veränderungen der Privatheit der Bürger zu diskutieren und dafür zu sorgen, dass die mündigen Bürger verstehen, was gerade passiert. Das klingt einfach und nachvollziehbar, ist aber aus Sicht des Einzelnen eher unpraktisch und kompliziert.

Im Zeitalter des Web 2.0 sind die Nutzerinnen und Nutzer des Netzes in die Lage versetzt worden, auf einfachstem Wege Inhalte zu erstellen und diese auch gleich mit Familie, Freunde, Bekannten oder direkt dem Rest der Welt zu teilen. Unzählige Fotos von Abendessen, Konzerten, Katzen oder auch die berühmt-berüchtigten Selfies, also Schnappschnüsse als Selbstportraits, lassen Facebook zur größten Photosammlung der Welt werden, mit 350 Millionen neuen Photos am Tag. Viele dieser Photos sind mit Geo-Informationen versehen und zeigen somit an, wo sie aufgenommen wurden. Im Vergleich dazu wirkt der Dia-Abend mit Freunden und Bekannten, wie er in den 70er und 80er Jahren üblich war, wie eine sehr intime Veranstaltung. Neben Photos werden natürlich noch viele weitere Aspekte des täglichen Lebens mit anderen über digitale Wege geteilt. Man drückt seinen aktuellen Status aus und damit die derzeitige Befindlichkeit, verbreitet Musik, die man gerne hört, diskutiert Filme, Konzerte, Bücher und verteilt munter Links zu interessanten Artikeln. Das ist ein immer wichtiger werdender Bestandteil von dem, was wir in der digitalen Gesellschaft aktiv machen, denn nur so erfährt unser Umfeld, was uns umtreibt. Dieser Stream von Daten, die wir selber generieren, definiert unsere Einstellung zur Privatheit. Wir sorgen dabei für die eigene Inszenierung unseres digitalen Ichs. Dadurch, dass die weit verbreitete Kultur des Teilens dazu führt, dass man mehr Offenheit zeigt, verzichtet man entsprechend auf Privatheit.

Spannenderweise trifft diese Form der Offenheit, die eben vor allem eine Ausdrucksform ist, die anderen Leuten Einblicke in das eigene Leben gewährt, aber auch eine bestimmte Art der Fassade ermöglicht und damit in aller Regel selbstgewählt ist, auf immer größere Bedenken im Umgang mit persönlichen Daten. Der Begriff Datenkrake ist immer häufiger zu lesen und damit schwingt eine Besorgnis mit, dass man als einzelner Nutzer nicht nur nicht mehr die Kontrolle über die eigenen Daten hat, aber vor allem auch keinen Überblick mehr bekommt, was wo wie mit den eigenen Daten passiert. Während auf der einen Seite Offenheit gelebt wird, ist gleichzeitig der Wunsch nach mehr Privatheit spürbar. Dieser Gegensatz ist im Kern der neuen Privatheit vorhanden, denn die Nutzer wollen selber entscheiden, wie sie mir ihren Daten umgehen, werden aber selten dazu in die Lage versetzt. Es ist paradox, dass die Nutzung zwar offener wird, gleichzeitig aber das Unbehagen gegenüber der Verwendung und Verarbeitung von Daten steigt.

Interessanterweise haben sich die Dimensionen in der Diskussion um Privatsphäre und Datenschutz in den letzten 30 Jahren verschoben. War es zu Zeiten der Volkszählung Mitte der 80er Jahre noch der Staat, gegenüber dem man sich schützen wollte, so kommt jetzt die Wirtschaft und ihr Streben nach besserer Nutzung der Daten hinzu, die von den Verbrauchern kritisch gesehen wird. Spätestens seit der NSA-Affäre und den Enthüllungen des Edward Snowden zeigt sich allerdings, dass nicht nur die Wirtschaft Interesse an den Daten der Nutzer hat, sondern eben auch Staaten und ihre Geheimdienste. Allerdings suggerieren aktuelle Umfragen auch, dass die NSA-Affäre bei der Bevölkerung eher Schulterzucken auslöst und nicht zu den Protesten führen, die sich Vordenker des Internets eigentlich wünschten. Eine Vertrauenskrise ist dennoch vorhanden, und zwar gegenüber der Wirtschaft und dem Staat.

Fast wehmütig blickt man auf die Slogans gegen die Volkszählung 1987 zurück, die mit „Meine Daten müsst ihr raten“ auch aufzeigten, wo die Grenzen der Offenheit gegenüber dem Staat lagen. Mittlerweile zieht jeder Bürger eine digitale Spur hinter sich her, von Geo-Daten über Bank-Transaktionen, mobiler Nutzung bis hin zu Aktivitäten im Web. Unter dem Stichwort Big Data wird die Möglichkeit zusammengefasst, große Datenmengen nicht nur zu sammeln, sondern auch effizient auszuwerten. Wir vertrauen also kontinuierlich Dritten unsere Daten an und verlassen uns darauf, dass diese vertrauensvoll damit umgehen. Während also immer mehr Daten der Bürger in den Umlauf gebracht werden, immer mehr Sicherheitsprobleme bei Unternehmen auftauchen, während amerikanische und britische Geheimnisse munter alles mitprotokollieren, bleibt dem Bürger als Verbraucher nur, allen beteiligten Akteuren zu vertrauen. Dieses Vertrauen wird immer nachhaltiger erschüttert, aber Alternativen oder gar Ausstiegs-Szenarien gibt es in der digitalen Gesellschaft kaum. Sicherlich kann man viel verschlüsseln, aber dennoch werden Anbieter weiter für sie nützliche Daten erheben und wenn sie dazu gezwungen werden, auch an staatliche Stellen weitergeben, ganz zu schweigen von einer Nutzung zu Marketingzwecken oder ähnlichem. Hinzu kommen Bestrebungen des Staates, über Instrumentarien wie der Vorratsdatenspeicherung Metadaten zu speichern, die letztendlich die Kommunikation und geographische Verortung der Bürger im Nachhinein ermöglichen.

Was ist eigentlich heutzutage noch privat? Ist dieser Begriff aus der Mode gekommen und wird nur noch benutzt, um Türen in Gaststätten zu kennzeichnen, die alles andere als privat sind, sondern geschäftlich? Die unaufhaltsame Digitalisierung der Gesellschaft sorgt für eine neue Interpretation der Privatheit. Einige Protagonisten im Netz diskutieren bereits Post-Privacy Konzepte. Andere reiben sich nach den Enthüllungen über die weitreichenden Überwachungstätigkeiten der Geheimdienste NSA und GCHQ irritiert die Augen und sind dabei, das Vertrauen ins Netz zu verlieren. Viele Nutzer argwöhnen schon lange, dass mit ihren Daten Missbrauch getrieben wird und diskutieren wieder einmal das Thema Datensparsamkeit. Allerdings ist es nunmal so, dass bei Dingen, die Spass bringen, eine selbstauferlegte Askese für die meisten Menschen kaum durchhaltbar ist.

Jedoch müssen wir lernen, damit umzugehen, dass unser digitales Nutzungsverhalten unzählige Daten erzeugt. Daten an sich sind nichts Negatives, es kommt auf die Nutzung an und darauf, wer sie zu welchem Zweck speichert. Was war das 1999 für ein Schock, als der damalige CEO von Sun Microsystems, Scott McNealy sagte „You have zero privacy anyway. Get over it.“ Mittlerweile erahnen wir, was er meinte. Aber wir wissen immer noch nicht, wie wir damit umgehen sollten, schliesslich ist die digitale Gesellschaft immer noch am entstehen. Wenn man so will, ist das Netz quasi noch in der Pubertätsphase, denn die wenigsten sind länger als 15 Jahre im Netz und daraus resultiert auch ein immer noch weit verbreitetes Unverständnis der Implikationen beim Umgang mit dem Netz. Wir unterscheiden immer noch in Digital Natives und Digital Immigrants, auch wenn wir feststellen müssen, dass es keine Rolle für das Verständnis des Digitalen spielt, in welchem Lebensabschnitt man zuerst das Netz genutzt hat. Vielmehr kann man bei den Jüngeren eine gewisse Sorglosigkeit feststellen, die vielen Nutzern aus der Frühphase des Netzes schon längst abhanden gekommen ist. Aber wie soll es auch anders sein, wenn man das Netz nicht anders kennt, dann nutzt man es so, wie es sich gerade darstellt, mit all den wunderbaren und verheissungsvollen Diensten, die sich so bieten.

Damit es noch etwas schwieriger wird, nachzuvollziehen, welche Daten man wo aus welchen Gründen hinterlässt, wird das Internet der Dinge nun noch einmal für mehr Unübersichtlichkeit sorgen. Die Waage übermittelt das Gewicht an einen Dienst, das Auto kommuniziert mit der Versicherung selbständig und Rauchmelder sowie Überwachungskameras sorgen für mehr Sicherheit zuhause, übertragen dabei allerdings auch immer munter Daten an Dienste. Natürlich kommunzieren diese Dienste untereinander und sorgen somit dafür, dass die Daten noch besser genutzt werden können. Das geschieht freiwillig, denn ansonsten sind die Dienste kaum nutzbar, aber es sorgt auch dafür, dass immer mehr Aspekte des bislang privaten Lebens als Daten erfassbar, messbar und vergleichbar gemacht werden. Als Nutzer ziehen wir aus dieser Methode einen Vorteil, oder jedenfalls wird uns das suggeriert und wir vertrauen auf den Vorteil, der uns versprochen wird. Es ist sicherlich praktisch, wenn uns ein Algorithmus Musikstücke anbietet, die wir noch nicht kennen, die aber zu unserem Musikgeschmack passen, es mag auch interessant sein, dass Online-Dating basierend auf unseren Facebook-Präferenzen erfolgt oder die Auswahl der Nachrichten zugeschnitten wird auf unsere Interessen, aber als Nutzer wird man gleichzeitig immer transparenter und damit auch besser beeinflussbar.

Wenn wir also künftig auf den unterschiedlichsten Ebenen Daten erzeugen oder erzeugen lassen, geben wir stets auch Dinge von uns preis, die wir vielleicht doch eher privat halten wollten. Oder von denen wir gar nicht wollten, dass sie überhaupt erfasst werden. Eric Schmidt, Chairman von Google, sagte dazu mal: „If you have something that you don’t want anyone to know, maybe you shouldn’t be doing it in the first place.“ Abgesehen davon, dass dies leichter gesagt ist als getan, stellt sich die Frage, inwieweit eine Selbstzensur erträglich ist und ob wir uns in der digitalen Gesellschaft dann alle verstellen müssen, um eine Konformität zu erreichen, die dazu führt, dass unsere Daten nicht gegen uns verwendet werden können. Das ist eine sehr dystopische Vorstellung, denn sie sorgt durchaus für das Verschwinden der Grauzonen und macht das Austesten von Grenzen schwieriger. Ein möglicher Ausweg ist die Selbstzensur, also dass man nur noch das ausspricht oder tut, von dem man sich ganz sicher ist, dass es keinerlei Grenzen der jeweiligen Konformität der Gemeinschaft verletzt. Eine schlimme Vorstellung, dass man sich in die Gleichmacherei flüchtet, um seine Privatheit zu schützen, indem man keinerlei digitale Auffälligkeiten produziert. Die andere Maßnahme wäre die Nutzung von Pseudonymität und Anonymität, also letztendlich der Rückgriff auf Methoden, wie sie in der Frühphase des World Wide Web üblich waren, aber nach und nach durch das Führen des Klarnamens ersetzt wurden. Zu guter Letzt können Nutzer damit anfangen, immer mehr Kommunikation zu verschlüsseln, was natürlich vorraussetzt, dass staatliche Stellen keine Nachschlüssel haben und auch kommerzielle Anbieter keine Möglichkeit haben, die Verschlüsselung zu umgehen.

Der Übermacht der gesammelten Daten und dem damit verbundenen Verlust an Privatheit kann man nur eine Stärkung der Rechte des Verbrauchers entgegensetzen. Die Offenheit, die der Nutzer an den Tag legt und die das Sammeln der Daten erst ermöglicht, muss im Gegenzug in eine Transparenz münden, die den Verbraucher in die Lage versetzt, einen Überblick seiner Daten zu bekommen und diese gegebenenfalls auch zu verändern oder zu löschen. Die Realität sieht derzeit anders aus. Viele Anbieter wie Google, Facebook, Amazon, LinkedIn und andere verhalten sich wie kleine Kinder, denen man den kleinen Finger reicht und die dann die ganze Hand nehmen. Es werden Daten von einem Dienst mit dem anderen verknüpft, es wird mal eben das Adressbuch auf dem Smartphone abgeglichen mit den Daten im Netzwerk, es werden Suchergebnisse angereichert, und so weiter und so fort. Teilweise ist dieses Vorgehen eher praktisch und bietet einen zusätzlichen Nutzwert, oftmals wird allerdings das Vertrauen ausgenutzt, um einfach an noch mehr Daten zu gelangen. Dieser Komplexität mit Transparenz zu begegnen, ohne die Nutzer total zu verwirren und die Dienste vor lauter Warnhinweisen unbenutzbar zu machen, das wird eine der großen Herausforderungen in der Zukunft sein. Wir sehen bereits bei der Diskussion über eine europäische Cookie-Richtlinie, wie sehr hier die Interessen der Industrie mit denen der Verbraucherschützer und denen der Nutzer kollidieren. Die wenigsten Nutzer haben ein Interesse daran, permanent Warnhinweise bestätigen oder wegklicken zu müssen. Dennoch ist das Geschrei groß, wenn doch wieder eine Einstellung vorgenommen wurde, die dem eigenen Verständnis von Privatsphäre widerspricht.

Bislang haben wir das Verhältnis zwischen Verbraucher und Wirtschaft, bzw. Bürger und Staat beleuchtet, aber die neue Privatheit wird in ganz großem Maße noch durch ein weiteres Verhältnis geprägt werden: das Verhältnis zwischen den Nutzern. Alles, was digital entsteht, kann digital kopiert werden, und zwar ohne Qualitätsverlust und ohne, die Inhalte irgendwie zu verändern. Während es natürlich auch schon immer möglich war, etwas Gesagtes jemandem anderen widerzugeben, durchaus auch unter Umgehung etwaiger Bekenntnisse zur Vertraulichkeit der Inhalte, konnte nicht immer alles Wort für Wort übermittelt werden. Nun ist allerdings ein großer Bestandteil der Online-Kommunikation die Verschriftlichung von ursprünglich verbaler Kommunikation, angereichert durch Fotos und Videos. Ein geschriebener Satz lässt sich ohne Aufwand sofort kopieren und weiterleiten. Nicht nur die jeweiligen Betreiber der Kommunikationsplattform haben Zugriff auf diese Inhalte, sondern eben auch die normalen Nutzer. Eine Reaktion auf diesen Zustand ist der immense Erfolg der Plattfrom SnapChat, die wiederum eine gewisse Vergänglichkeit bei den Daten einführt. Eine über SnapChat verschickte Nachricht hat nur eine gewisse Laufzeit und ist dann nicht mehr sichtbar. Man kann sich bildlich vorstellen, welche Art von Inhalten insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene über diesen Dienst austauschen, da die Privatssphäre wohl als gesichert anzunehmen ist. Natürlich mit der Einschränkung, dass sowohl Screenshots möglich sind, als auch im Cache der App noch die Daten vorhanden sind, die in der App nicht mehr sichtbar sind. Nur zeigt der Erfolg von SnapChat deutlich, wie sehr eher unbekannten Anbietern ohne klares Geschäftsmodell Vertrauen geschenkt wird, wenn das Versprechen nur groß und relevant genug ist. Im Fall von SnapChat ist das Versprechen die Kommunikation zwischen Personen wieder so zu gestalten, wie man es gewohnt ist: ohne die dauerhafte Speicherung der Inhalte einer Konversation. Wenn wir immer alles nachlesen können, was wir mit anderen Menschen besprechen, dann verhindert natürlich auch dies in vielen Fällen den offenen Meinungsaustausch, weil viel öfter Sätze auf die Goldwaage gelegt werden, in der Hoffnung, dadurch Mißverständnisse oder eine mögliche Angreifbarkeit zu vermeiden.

Die neue Privatheit stellt sich durch zwei gegenläufige Bewegungen dar: auf der einen Seite besteht der Versuch, die Datensparsamkeit als Maßgabe des Handelns zu sehen und wenn möglich, die Kommunikation zu verschlüsseln oder wenigstens vergänglich zu machen, auf der anderen Seite die umfangreiche Nutzung der möglichen Kommunikationstools und der damit verbundenen Transparenz. Beiden Bewegungen gemein ist die Tatsache, dass Nutzer, die sich bewusst sind, dass ihre Daten von Dritten protokolliert werden, eine Form der Selbstzensur wählen, indem sie nicht mehr alles sagen, oder bestimmte Formulierungen vermeiden. Letztendlich haben sich die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation von einer anonymen oder pseudonymen Nutzung in den letzten 20 Jahren zu einer Nutzung mit Klarnamen verändert, bei allerdings die Inhalte selber stärker von dem Einzelnen kontrolliert werden. In der neuen, offenen Kommunikation erfolgt quasi eine selbtsgewählte Kapselung der Inhalte, um die eigene Privatheit zu schützen. Dies erfolgt vor dem Hintergrund, dass die eigene digitale Nutzung eine immer länger werdende Datenspur nach sich zieht, die ein Vergessen nahezu unmöglich macht. Was fehlt, ist allerdings die konsequente Umsetzung der Möglichkeiten der digitalen Selbstbestimmung, die den Nutzer, Verbraucher und Bürger wieder in die Lage versetzen, selber zu entscheiden, wie transparent er oder sie in welcher Situation sein will und wem er oder sie zu welchem Zweck seine Daten überlässt. Was auf den ersten Blick einfach klingt, ist ein extrem komplexes Unterfangen und lässt sich nicht mehr mit einer einfachen Lösung wie eines Datenbriefes bewältigen, sondern erfordert eine hochkomplexe Verknüpfung unterschiedlichster Datenquellen, um die Nutzer in die Lage zu versetzen, selber zu entscheiden. Gleichzeitig setzt diese Idee voraus, dass ein gewisses Grundverständnis von den Abläufen in der digitalen Gesellschaft vorherrscht, dass die Nutzer also wissen, auf welchen Grundlagen die Kommunikationswerkzeuge basieren und wie das Zusammenspiel zwischen diesen Werkzeugen aussieht. Davon sind wir weit entfernt, dafür müssen wir allerdings anfangen, eine Debatte über die neue Privatheit zu führen. Das ist ein gesellschaftlicher Prozess, der in den 90er Jahren zwar bereits einmal unter dem Aspekt der zu erwartenden Veränderungen der künftigen Datenautobahn angefangen wurde, dann aber spätestens mit der New Economy und der Fokussierung auf die wirtschaftlichen Aspekte der Digitalisierung ins Hintertreffen geraten ist. Die neue Privatheit wartet nicht, sie muss entwickelt werden. Der Weg dahin ist allerdings noch weit, denn dazu müssen Politik und Gesellschaft bei der Digitalisierung den Rahmen vorgeben und dabei helfen, ihn auszugestalten, anstatt weiterhin dabei zuzusehen, wie Unternehmen und der Staat das bisherige Verständnis von Privatheit weiter fröhlich neu interpretieren. Damit einhergeht allerdings auch eine Diskussion über die Werte der Gesellschaft, denn man sieht deutlich, wie sich die Wertesysteme beispielsweise zwischen Deutschland, Schweden, Großbritannien und den USA unterscheiden. Das Netz und die damit verbundene Entwicklung der digitalen Gesellschaft ist noch jung und bei der rasanten Entwicklung werden Konzepte schneller getestet und verworfen als viele es gewohnt sind. Das sollten wir nutzen und die Entwicklung eines neuen Konzeptes der Privatheit als Herausforderung und Chance ansehen, denn der Mensch wird mehr denn je die treibende Kraft bei der Digitalisierung der Gesellschaft sein müssen. Die neue Privatheit wird selbstbestimmter sein als wir es gewohnt sind.

5 responses to Die Sache mit der Privatheit in der digitalen Gesellschaft

  1. Treffend beschrieben, das ambivalente Verhältnis zwischen privat und öffentlich in unserer digitalen Zeit. Partizipieren, ohne private Fußabdrücke zu hinterlassen geht gar nicht, so sehr man sich darum auch bemüht.

  2. Korrektur: „Die Privatheit ist auch nicht das, was es mal war“ muss heißen „Die Privatheit ist auch nicht das, was sie mal war“

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