Die Sache mit George in Chicago

Im Sommer 1991 war ich wieder bei meiner Gastfamilie in Iowa zu Besuch, nachdem ich 1990 aus den Staaten zurückgekehrt war. Der Sommer 1991 war ordentlich heiss, aber dennoch wollten wir einen längeren Roadtrip von Des Moines nach Chicago und dann weiter nach Minneapolis machen. Also wurde der Minivan, ein Plymouth Voyager, der schon etwas betagt war, vollgeladen und neben mir und meiner damaligen Freundin fuhren meine Gastmutter, zwei „eigene Kinder“ und zwei Freunde der Kinder mit.

Bereits auf der Strecke nach Chicago wurde klar, dass der Wagen ein Problem hatte, denn nach einer Weile des Fahrens in der Hitze mussten wir anhalten und den Motor etwas ruhen lassen, bevor wir weiter fahren konnten. Das war eher nervig, aber für uns auch nicht so schlimm, schliesslich konnten wir bei den zahlreichen Stops Eis essen oder die Softdrink-Vorräte auffüllen. Immerhin brachte uns der Wagen bis nach Chicago und nach zwei Tagen Chicago inklusive einem Besuch des legendären Wrigley Fields zu einem Spiel der Chicago Cubs sind wir dann am Nachmittag aufgebrochen, um nach Minneapolis zu fahren.

Allerdings sind wir in der Nachmittagshitze bei extrem zähfliessendem Feierabendverkehr nicht wirklich weit gekommen, denn irgendwann blieben wir mit dem Wagen auf der Interstate liegen, unweit des Stadions der Chicago Whitesox in der Chicagoer South Side. Die South Side galt damals eher als heruntergekommener Stadtteil mit einer hohen Arbeitslosenquote unter den überwiegend schwarzen Einwohnern, mit viel Gewalt durch Gangs und dem damit verbundenen Drogenhandel. Das wusste ich damals nicht, meine Gastmutter aber durchaus. Jedenfalls blieben wir dort mit dem Wagen liegen, kurz vor Anpfiff des Spiels der Whitesox und direkt an der Ausfahrt. Ausgelassene Menschen fuhren an uns vorbei direkt zum Spiel oder in den Feierabend. Es interessierte aber niemanden, dass wir da mit offener Motorhaube und dampfendem Motor standen in der prallen Hitze. Meine Gastmutter war unschlüssig, was sie nun machen sollte, ihren Ausspruch „Damn, why do I have to be the adult?“ werde ich nie vergessen. Sie wollte uns weder alleine im Auto zurücklassen, um Hilfe zu holen, noch jemanden von uns die Ausfahrt entlang schicken, um dort jemanden zu finden, der uns helfen könnte. Also warteten wir, ob zufällig ein Abschleppwagen oder die Polizei vorbei kommen würde.

Nach einer Weile kam jemand vorbei. Ein klappriger alter Ami-Schlitten hielt knapp 50m entfernt von uns an und aus dem Fahrerfenster kletterte ein Mann, der sich schnell auf uns zu bewegte. Der Mann machte einen eher verlotterten Eindruck, trug dreckige Jeans und ein speckiges T-Shirt, hatte große Hände, vernarbte Unterarme, verfilzte Haare und sprach mit einem breiten Akzent, so wie es die Schwarzen in Chicago tun. Er sagte zu meiner Gastmutter: „Ma’am, can I help you?“ und meine Gastmutter guckte ihm in die glasigen Augen und dann guckte sie mich fragend an, bis sie erwiderte, dass wir Probleme mit dem Wagen hätten. Der Mann sagte „My name is George. I’m a mechanic. Wait a minute!“, dann drehte er sich um und lief zurück zum Auto, beugte sich tief durch das Fahrerfenster in das Auto und holte eine Brechstange hervor. Damit ging er zum Kofferraum, öffnete den Kofferraum mit der Brechstange und holte einen Werkzeugkoffer hervor. Mit dem Werkzeugkoffer kehrte er zum Auto zurück, sagte zu meiner Gastmutter: „Trust me, the Lord sent me!“ und riss irgendwelche Schläuche im Motorraum aus ihrer Verankerung, so daß eine grüne Flüssigkeit austrat und meine Gastmutter „we will never get out of here“ murmelte. Nach einer Weile kam George wieder aus dem Motorraum hervor und meinte, wir sollten den Motor wieder starten. Und tatsächlich, die Kiste sprang an. George meinte, wir sollten ihm zur nächsten Tankstelle folgen, um neue Kühlflüssigkeit zu kaufen. An der Tankstelle angekommen, meinte George zu meiner Gastmutter: „go, get me a can of coke!“ – meine sichtlich irritierte Gastmutter fragte nach, welche Art es denn sein solle, worauf er erwiderte: „any coke will do. I want to prove to you that I am really a mechanic!“ Nun ja, wir hatten ihm schon vertraut und der Wagen lief wieder, aber nun waren wir doch gespannt, was George denn mit der Cola vorhatte. Er nahm die Dose, öffnete sie, trank einen Schluck und kippte den Rest über die Batterie, bei der dann magisch die ausgetretene Batteriesäure entfernt wurde. Wir waren nun vollends perplex. George war der Retter in der Not, auch wenn wir eher Befürchtungen hatten, dass er unser Problem nur noch verstärken wurde. Ich werde dieses „Trust me, the Lord sent me!“ nie vergessen und natürlich täuscht der erste Eindruck oftmals, den man von Menschen hat. Wir sind mit dem Wagen locker bis nach Minneapolis und dann zurück nach Des Moines gefahren, nur Dank George.

Wie ich gerade jetzt darauf komme? Wegen des Artikels 20 Practical Uses for Coca Cola – Proof That Coke Does Not Belong In The Human Body, der mir gerade in die Timeline schwappte.

Ach, und als wir in Minneapolis ankamen, meinte die Freundin meiner Gastmutter nur lakonisch „People got killed in the South Side for less than a broken car.“ Meine Gastmutter war jedenfalls heilfroh, dass wir unversehrt in Minneapolis angekommen waren und als gläubige Christin wurde sie nicht nur durch den Ausspruch „Trust me, the Lord sent me!“ in ihrem Glauben noch bestätigt. Für uns alle war das Erlebnis mit George etwas, was wir nicht vergessen würden.

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