Die Sache mit dem öffentlich-rechtlichen Internet

Ich finde, dass trotz aller Kritik das System der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland ein hohes und schützenswertes Gut ist, für das ich gerne monatliche Gebühren entrichte. Natürlich sind die monatlichen Gebühren einer dauerhaften Kritik ausgesetzt und bei jeder noch so kleinen Anpassung nach oben wird so getan, als ob der Untergang des Abendlandes kurz bevorstünde. Nun ist allerdings ein Effekt eingetreten, mit dem niemand gerechnet hat. Die KEF hat sich ein klein wenig verkalkuliert und nun wurde zu viel Geld eingenommen. Es gibt verschiedene Planspiele, was man nun machen könnte und die Überlegung, jedem einzelnen Gebührenzahler die zu viel eingezogenen Paarundsiebzig Cent zurückzuzahlen gehört sicherlich zu den verzweifeltesten.

Ich habe eine völlig andere, völlig unausgegorene und sicherlich in vielen Teilen mit dem geltenden Rundfunkstaatsvertrag kollidierende Anregung, über die man ja mal nachdenken könnte.

Wir bauen ein öffentlich-rechtliches Internet, basierend auf den föderalen Strukturen und in Partnerschaft mit den Sendeanstalten. Zu Recht wird immer häufiger kritisiert, dass die Zentralisierungsbestrebungen der großen Plattformen, die allesamt versuchen, ihr eigenes Ökosystem auszubauen und damit eine Einschränkung der Vielfalt bewusst in Kauf nehmen, zu einem Internet neuer Prägung führen werden, bei dem einzig die Größe eines Anbieters zählt. Warum gehen wir dann nicht hin und nehmen das Geld, dass gerade quasi „über“ ist und bauen damit eine dezentrale Infrastruktur, die das Lokale stärkt? Basierend auf Open Source Software wird ein soziales Netzwerk mit dezentralen Strukturen geschaffen, dass örtlich unterschiedlichste Ausprägungen erfahren kann und durch eine Partnerschaft mit den Rundfunkanstalten über einen crossmedialen Ansatz vielfältig dem Bürger nahegebracht wird. Dann können Marktplätze etabliert werden für den lokalen Handel, aber auch für die lokale Politik und vor allem für die lokalen Vereine und Organisationen. Diese Infrastrukturmaßnahme würde die Vielfalt in Deutschland stärken und kann über offene Schnittstellen von Dritten auch kommerziell genutzt werden. Die öffentlich-rechtliche Struktur sorgt für die Unabhängigkeit des Netzes und ist gleichzeitig sehr präsent auch in der Fläche. Daher wäre dieses dezentrale Netzwerk auch keine Konkurrenz zu kommerziell-orientierten Anbietern, sondern würde eine neue Möglichkeit bieten, Nutzer zu erreichen.

In Kurzfassung wäre das so eine Art öffentlich-rechtliches Diaspora 2.0, möglicherweise sogar in funktionierend und gut.

Könnte das klappen?

Die Sache mit dem Umparken im Kopf

Seit etwas über einer Woche wird Deutschland zuplakatiert mit gelben Plakaten, auf denen bekannte Vorurteile hinterfragt werden. Hinter der Kampagne Umparken im Kopf steht der Autohersteller Opel und die verantwortliche Agentur ist Scholz & Friends, für die ich auch einige Jahre gearbeitet habe. Mit der Kampagne allerdings habe ich nichts zu tun.

Was ich schade finde, denn ich denke, dass Umparken im Kopf direkt den Nerv trifft und einer Firma wie Opel gut steht. Sicherlich kann man immer nette TV-Spots mit Jürgen Klopp und anderen machen, aber das hilft nur nicht dabei, die generellen Probleme der Marke zu überwinden. Die Marke Opel ist das Problem für eine Firma, die wirklich anständige Autos baut, die nur leider zu wenig Leute fahren wollen, weil das Image einfach so mies ist. Ich war damals am Pitch um Opel ein wenig beteiligt und als wir dann den Etat gewonnen hatten, sagte meine Frau sofort: “Aber wir behalten doch den Audi als Dienstwagen, oder”? – da kann man noch so gute Autos bauen, “jeder Popel fährt einen Opel” und das “Manta, Manta”-Image sorgen nachhaltig dafür, dass Opel alles andere als angesagt ist bei der breiten Masse der Bevölkerung.

Mit der cleveren Kampagnen-Idee “Umparken im Kopf” thematisiert Opel jetzt direkt das große Problem, an dem Opel seit Jahrzehnten zu knabbern hat. Während Audi es mit “Vorsprung durch Technik” vom biederen Seniorenwagen mit gehäkeltem Klorollenüberzug auf der Hutablage zu einer begehrten Marke geschafft hat, konnte Opel bislang zwar noch so oft darauf hinweisen, dass die Autos wirklich gut sind, es wollte sie dennoch niemand kaufen (Und die Autos sind wirklich gut, wir haben vorletztes Jahr einen Opel Zafira Tourer getestet und waren von der Qualität des Autos überzeugt). Die Kampagne Umparken im Kopf löst Diskussionen aus, sowohl über das jeweilige Plakatmotiv als auch über Opel selber. Und das ist genau das, was die Rüsselsheimer jetzt benötigen, damit sich die Kunden von Opel auch zur Marke bekennen können und potentielle Kunden nicht mehr vom schlechten Image der Marke abgeschreckt werden.

Leider wird die ganze Kampagne nach dem ersten Plakatflight viel zu werbisch, die vielen Testimonials in den kurzen Filmchen sind überflüssig und die dazugehörende Website umparkenimkopf.de stellt auch nur einen Rückfall in die alten Zeiten der Micrositehöllen dar. Es hätte völlig ausgreicht, lediglich zu zeigen, wie die Kampagne derzeit in den sozialen Medien diskutiert wird, aber viele Werber sehen sich gerne als verhinderte Drehbuchstars und wollen daher immer mit Prominenten irgendwelche Filmchen drehen, quasi eine Berufskrankheit. Die Übersichtseite gibt es durchaus, aber sie sollte im Fokus stehen und es müssten immer wieder neue Diskussionen stimuliert werden, damit die Kampagne langanhaltend laufen und damit zum Imagewechsel bei Opel beitragen kann.

Oft_verrät_der_zweite_Blick_mehr_als_der_erste____umparkenimkopf

Ich wünsche mir noch viele, viele Motive, die gängige Vorurteile hinterfragen und die Leute zum Nachdenken anregen. Das kann generell nicht schaden, und wenn es noch dazu führt, dass ein traditioneller deutscher Autohersteller auf seinem Heimatmarkt wieder mehr gekauft wird, dann hat die Kampagne gleich zwei Ziele erreicht: Nachdenken und Absatz.

Die Sache mit George in Chicago

Im Sommer 1991 war ich wieder bei meiner Gastfamilie in Iowa zu Besuch, nachdem ich 1990 aus den Staaten zurückgekehrt war. Der Sommer 1991 war ordentlich heiss, aber dennoch wollten wir einen längeren Roadtrip von Des Moines nach Chicago und dann weiter nach Minneapolis machen. Also wurde der Minivan, ein Plymouth Voyager, der schon etwas betagt war, vollgeladen und neben mir und meiner damaligen Freundin fuhren meine Gastmutter, zwei „eigene Kinder“ und zwei Freunde der Kinder mit.

Bereits auf der Strecke nach Chicago wurde klar, dass der Wagen ein Problem hatte, denn nach einer Weile des Fahrens in der Hitze mussten wir anhalten und den Motor etwas ruhen lassen, bevor wir weiter fahren konnten. Das war eher nervig, aber für uns auch nicht so schlimm, schliesslich konnten wir bei den zahlreichen Stops Eis essen oder die Softdrink-Vorräte auffüllen. Immerhin brachte uns der Wagen bis nach Chicago und nach zwei Tagen Chicago inklusive einem Besuch des legendären Wrigley Fields zu einem Spiel der Chicago Cubs sind wir dann am Nachmittag aufgebrochen, um nach Minneapolis zu fahren.

Allerdings sind wir in der Nachmittagshitze bei extrem zähfliessendem Feierabendverkehr nicht wirklich weit gekommen, denn irgendwann blieben wir mit dem Wagen auf der Interstate liegen, unweit des Stadions der Chicago Whitesox in der Chicagoer South Side. Die South Side galt damals eher als heruntergekommener Stadtteil mit einer hohen Arbeitslosenquote unter den überwiegend schwarzen Einwohnern, mit viel Gewalt durch Gangs und dem damit verbundenen Drogenhandel. Das wusste ich damals nicht, meine Gastmutter aber durchaus. Jedenfalls blieben wir dort mit dem Wagen liegen, kurz vor Anpfiff des Spiels der Whitesox und direkt an der Ausfahrt. Ausgelassene Menschen fuhren an uns vorbei direkt zum Spiel oder in den Feierabend. Es interessierte aber niemanden, dass wir da mit offener Motorhaube und dampfendem Motor standen in der prallen Hitze. Meine Gastmutter war unschlüssig, was sie nun machen sollte, ihren Ausspruch „Damn, why do I have to be the adult?“ werde ich nie vergessen. Sie wollte uns weder alleine im Auto zurücklassen, um Hilfe zu holen, noch jemanden von uns die Ausfahrt entlang schicken, um dort jemanden zu finden, der uns helfen könnte. Also warteten wir, ob zufällig ein Abschleppwagen oder die Polizei vorbei kommen würde.

Nach einer Weile kam jemand vorbei. Ein klappriger alter Ami-Schlitten hielt knapp 50m entfernt von uns an und aus dem Fahrerfenster kletterte ein Mann, der sich schnell auf uns zu bewegte. Der Mann machte einen eher verlotterten Eindruck, trug dreckige Jeans und ein speckiges T-Shirt, hatte große Hände, vernarbte Unterarme, verfilzte Haare und sprach mit einem breiten Akzent, so wie es die Schwarzen in Chicago tun. Er sagte zu meiner Gastmutter: “Ma’am, can I help you?” und meine Gastmutter guckte ihm in die glasigen Augen und dann guckte sie mich fragend an, bis sie erwiderte, dass wir Probleme mit dem Wagen hätten. Der Mann sagte “My name is George. I’m a mechanic. Wait a minute!”, dann drehte er sich um und lief zurück zum Auto, beugte sich tief durch das Fahrerfenster in das Auto und holte eine Brechstange hervor. Damit ging er zum Kofferraum, öffnete den Kofferraum mit der Brechstange und holte einen Werkzeugkoffer hervor. Mit dem Werkzeugkoffer kehrte er zum Auto zurück, sagte zu meiner Gastmutter: „Trust me, the Lord sent me!“ und riss irgendwelche Schläuche im Motorraum aus ihrer Verankerung, so daß eine grüne Flüssigkeit austrat und meine Gastmutter “we will never get out of here” murmelte. Nach einer Weile kam George wieder aus dem Motorraum hervor und meinte, wir sollten den Motor wieder starten. Und tatsächlich, die Kiste sprang an. George meinte, wir sollten ihm zur nächsten Tankstelle folgen, um neue Kühlflüssigkeit zu kaufen. An der Tankstelle angekommen, meinte George zu meiner Gastmutter: “go, get me a can of coke!” – meine sichtlich irritierte Gastmutter fragte nach, welche Art es denn sein solle, worauf er erwiderte: “any coke will do. I want to prove to you that I am really a mechanic!” Nun ja, wir hatten ihm schon vertraut und der Wagen lief wieder, aber nun waren wir doch gespannt, was George denn mit der Cola vorhatte. Er nahm die Dose, öffnete sie, trank einen Schluck und kippte den Rest über die Batterie, bei der dann magisch die ausgetretene Batteriesäure entfernt wurde. Wir waren nun vollends perplex. George war der Retter in der Not, auch wenn wir eher Befürchtungen hatten, dass er unser Problem nur noch verstärken wurde. Ich werde dieses “Trust me, the Lord sent me!” nie vergessen und natürlich täuscht der erste Eindruck oftmals, den man von Menschen hat. Wir sind mit dem Wagen locker bis nach Minneapolis und dann zurück nach Des Moines gefahren, nur Dank George.

Wie ich gerade jetzt darauf komme? Wegen des Artikels 20 Practical Uses for Coca Cola – Proof That Coke Does Not Belong In The Human Body, der mir gerade in die Timeline schwappte.

Ach, und als wir in Minneapolis ankamen, meinte die Freundin meiner Gastmutter nur lakonisch “People got killed in the South Side for less than a broken car.” Meine Gastmutter war jedenfalls heilfroh, dass wir unversehrt in Minneapolis angekommen waren und als gläubige Christin wurde sie nicht nur durch den Ausspruch „Trust me, the Lord sent me!“ in ihrem Glauben noch bestätigt. Für uns alle war das Erlebnis mit George etwas, was wir nicht vergessen würden.