Die Sache mit den Streiks und der Erpressbarkeit

Nico —  2.04.2014

Aktuell erregt der Streik der Pilotengewerkschaft Cockpit die Gemüter, weil die Lufthansa 3 Tage lang bestreikt wird. Das ist für die Betroffenden in der Tat unschön und mit erheblichem Mehraufwand verbunden. Zumal die Piloten der Lufthansa eher Besitzstandswahrung auf sehr hohem Niveau betreiben und nicht so sehr um ihre finanzielle Existenz ringen müssen wie beispielsweise die untereren Lohngruppen im Öffentlichen Dienst.

Aber, wir haben in Deutschland ein Tarifrecht, das Streiks als Mittel im Arbeitskampf vorsieht und daran sollten wir festhalten, egal ob wir die Forderungen im Einzelnen gutheissen oder nicht. Natürlich wäre es für die beteiligten Tarifparteien einfacher, wenn man sich ohne Streiks, Aussperrungen und alles, was dazu gehört, auf einen neuen Tarifvertrag einigen könnte, aber das klappt eben nicht immer, da man sich oftmals eben von überzogenen Forderungen heranrobben muss an einen Kompromiss in der Mitte. Wir kennen das, die Dramaturgie erfordert dabei immer abgekämpft aussehende ältere Männer, die Mitten in der Nacht vor die Kameras treten und verkünden, dass ein Knoten durchschlagen wurde. Das sind tarifpolitische Rituale, die nur schwer zu ändern sind.

Wenn allerdings Wolfgang Steiger vom Wirtschaftsrat der CDU fordert, das Streikrecht zu ändern, dann platzt mir echt der Kragen!

„Die massive Erpressbarkeit der gesamten Wirtschaft durch Streiks an Schaltstellen der Infrastruktur ist so nicht mehr hinnehmbar“, sagte der Generalsekretär des Rats, Wolfgang Steiger, Handelsblatt Online. „Wenn kleinste Berufsgruppen ihre Sonderstellungen ausnutzen und bundesweit Transportsysteme stilllegen können, müssen die notwendigen Konsequenzen gezogen werden.“

Streiks, die keine Auswirkungen haben für die Arbeitgeber, sind nutzlos, das ist Herrn Steiger sicherlich bekannt und es ist daher nur noch die Frage, was alles als „Schaltstelle der Infrastruktur“ definiert werden kann. Wir sollten gar nicht erst auf die Idee kommen, Arbeitnehmern unterschiedliche Formen des Streikrechts zuzubilligen, es gibt schon die Ausnahmen für Beamte, das sollte reichen.

Mich regt es maßlos auf, wenn jedes Mal bei einem Streik so getan wird, als ob das öffentliche Leben in Deutschland zum Erliegen kommt. Ein Streik ist stets Ausdruck der Verhandlungen während der Friedenspflicht und daran haben grundsätzlich alle beteiligten Tarifparteien ihren Anteil. Natürlichen sollen Streiks verhältnismäßig sein, aber das ist eben auch eine Frage der Definition. Streiks sollten weiterhin in dieser Form für die Beschäftigten erhalten bleiben, denn gerade die öffentliche Stimmung sorgt für Druck auf die Tarifparteien, sich zügig zu einigen.

11 responses to Die Sache mit den Streiks und der Erpressbarkeit

  1. Also es gibt natuerlich Berufe, da muss man dem Arbeitgeber mal zeigen, dass der Lohn nicht reicht.
    Allerdings bin ich auch der Meinung, dass jeder Deutsche mal 1-2 Jahre selbstaendig gewesen sein sollte, um mal zu sehen, was es heisst, dass man fuer seinen Lohn wirklich arbeiten muss und man sich nicht immer nur auf dem deutschen Arbeitsrecht mit vielen Vorteilen fuer Arbeitnehmer ausruhen kann.
    Ich denke, das veraendert die eigene Sicht auf das monatliche Gehalt erheblich. Wenn man danach noch streiken muss, dann sollen sie das tun.

  2. Hallo Nico,

    ich gebe Dir inhaltlich durchaus recht. Auch ist ein Arbeitskampf, den der Arbeitgeber nicht stört, eher eine verlängerte Mittagspause.

    Denk aber daran: Streiks der Piloten zu Beginn der Osterferien, Öffentlicher Dienst zur CeBit…. das sind Maßnahmen, die nicht nur die Arbeitgeber treffen, sondern auch in der Allgemeinheit nicht unbedingt auf Verständnis stoßen. Und das ist die Außenwahrnehmung.

    lG
    Stephan

    • Das liegt wohl in der Natur der Sache, wenn in diesen Bereichen gestreikt wird. Zwischen den Stoßzeiten zu streiken wäre irgendwie halb witzlos. Wobei ich nicht weiß, ob der Verkehr bei der Lufthansa so stark schwankt. Die Urlauber fliegen wahrscheinlich eher mit anderen Gesellschaften.

      Der Dienstleistungsbereich, mit dem große Teile der Bevölkerung Berühungspunkte haben lässt sich kaum ohne externe Auswirkungen bestreiken.

  3. Ein Streik bei dem niemand gestört wird ist ja dann eher so eine Art lustiges Beisammensein der Gewerkschaftsmitglieder und wohl wenig sinnvoll. Es ist sicherlich hinreichend bekannt, dass ich nicht unbedingt der treueste Fan von Gewerkschaften & Co. bin, aber ich bin durchaus ein Freund der gesetzlich erlaubten Möglichkeiten um seinen Forderungen in einem Arbeitskampf Nachdruck zu verleihen.

    Die Piloten sind wie Ärzte eine Berufsgruppe bei der sicherlich auf hohem Niveau gejammert wird, im Gegensatz zur Krankenschwester & der Kindergärtnerin. Dennoch auch Piloten dürfen streiken, Sie treffen damit auch eher ein anderes Klientel als die Busfahrer und Müllwerker. Klar, jetzt können ein paar Leute nicht fliegen, die LH verliert Geld (Sinn und Zweck eines Streiks ist Druck zu machen und das klappt m.E. damit ganz gut), aber Deutschland steht nicht still. Der Streik wurde angekündigt, Termine hätten verschoben werden können, die Bahn hat sich darauf eingestellt und auch auf den Autobahnen ist heute kein Kollaps eingetreten.

    Urlauber sind weniger von diesem Streik betroffen als Geschäftsreisende, damit ist klar, dass die Piloten mit ihrem Streik eher eine Gruppe trifft die zum Thema „Besitzstandswahrung“ sicherlich eine sehr verständnisvolle Meinung hat.

    Streik als Kuschestreik ist sinnfrei, ebenso wie die Bestrebungen von Wolfgang Steiger (CDU).

  4. Oliver Heim 2.04.2014 at 12:10

    ok, das Streikrecht ist da und so wird es auch als Mittel genutzt. Dennoch darf man aber die Frage nach der Verhältnismäßigkeit stellen und insbesondere fragen wen ein Streik eigentlich am meisten trifft,

    In diesem Fall sicher nicht die LH. Die Gewinne sind ordentlich und wenn am Ende des Jahres ein paar Promille fehlen ist das nicht ganz so schlimm.

    Betroffen sind die Reisenden und die können zunächst mal nichts dafür das die Berufsgruppe der Piloten jammert (egal ob zu recht oder nicht). Das Geschäftsreisende umbuchen können stimmt nicht immer, das ist zu kurz gedacht. Wenn ich von München nach Berlin fliege kann ich auch mit dem Zug fahren, ich brauche nur deutlich länger was möglicherweise einen seit langem geplanten Termin unmöglich macht. Wenn ich von Frankfurt nach Wien möchte bringt mit auch die überlastete Deutsche Bahn nicht an Ort und Stelle, zumal auch hier die Reisezeit nicht im Verhältnis steht.

    Am schlimmsten trifft es die Urlauber, Wenn es ganz hart kommt ist auch deren Flug gestrichen oder zumindest verschoben. Aber selbst wenn nicht gibt es bei Anreise zum Flughafen, beim Aufenthalt dort und z. B. bei der Abfertigung Einschränkungen. Der Urlaub beginnt in jedem Fall schlecht. Wenn also eine Durchschnittsfamilie, die einmal im Jahr einen zusammengesparten Urlaub antritt davon betroffen ist, dass ein Pilot mit einem 6-stelligen Jahresgehalt unzufrieden ist, dann fehlt für mich die Verhältnismäßigkeit.

    Natürlich liegt das auch am Arbeitgeber, aber zunächst stellen ja Arbeitnehmer Forderungen auf und es liegt in der Natur der Sache das der AG nicht Hurra schreit. Solange im vernünftigen Maß und mit guten Argumenten untermauert gefordert wird, ist sicher die Möglichkeit da im Gespräch Streitpositionen zu klären. Vielleicht sollten die Gewerkschaften mal mit der 70/80er Jahre Politik aufhören und nicht mehr das doppelte von dem fordern was sie sich erhoffen. Wer mit Augenmaß agiert erzielt schneller Lösungen. Insgesamt kann ich Martin Thieleke (oben) nur recht geben. Es hilft mal selbst auf der AG-Seite gewesen zu sein.

    PS: Wer richtig unzufrieden mit Job und Bezahlung ist, kann selbstbestimmt den Arbeitgeber wechseln.

  5. federvieh 4.04.2014 at 12:26

    Das Streikrecht ist jawohl so ziemlich das einzige Mittel des Werktätigen, der (aus meiner Sicht zum Glück) im Tarifbereich beschäftigt ist, seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Ohne organisiertes Handeln und öffentliche Aufmerksamkeit erreicht man eher nichts, das sieht man an der Situation der Arbeitsverhältnisse im tariflosen/unorganiserten Bereich sehr deutlich (hier empfehle ich Geschichtsunterricht zum Thema Industrialisierung /Arbeiterbewegung´).

    Auch ich finde den Grund für diesen Streik deutlich überdenkenswert, nicht jedoch das Recht auf Streik.

    Die vorgenannten lustigen Argumente der Art „such Dir doch was besseres“, “ der Angestellte lebt paradiesisch im Gegenzug zum Selbständigen“ und „die arme Familie, die ihren Jahresurlaub in den Osterferien macht (Hä? Osterferien, nicht Sommer!)“ erscheinen mir doch sehr arg aus dem eigenen Mikrokosmos gespeist. Ein bisserl objektiver darf es da schon sein.

    Wenn Deutschland 3 Tage angekündigten durch die Bahn abgefederten Pilotenstreik nicht verkraftet, der ja nur eine eingeschränkte Menge an Personen wirklich trifft, was wäre dann wohl bei einem Generalstreik oder einfach mal Post/Müllabfuhr/Öffis zusammen für eine Woche, wie es in Frankreich oder den südlichen Nachbarn vorkommt?
    Chaos, Panik, Lynchjustiz, Staatsinsolvenz?
    In Italien gibt es so viele Streiks, dass es dafür z.B. extra Not-Busfahrpläne gibt…
    Zuweilen ist es nötig, die persönliche Komfortzone zu verlassen. Wer weiß, wer weiß – es könnten sich neue Erfahrungen und neue Blickwinkel ergeben.

  6. Zunächst: Das Streikrecht antasten geht gar nicht.

    Allerdings sollten sich die Herrschaften Piloten in diesem Fall fragen wie verhältnismässig ihr Streik ist. Was kommt denn als Nächstes? Streikende Bankmanager die ihren Millionen-Bonus nicht bekommen?

    Hier hat eine kleine Elite dem Streikrecht einen Bärendienst erwiesen, welches (nur um jetzt mal alle daran zu erinnern) dazu dient, dass Arbeiter einen gerechten (Ausrufezeichen) Lohn für Ihre Arbeit (nochmal Ausrufezeichen) bekommen. Es dient keinesfalls der Durchsetzung eines vergoldeten Früh-Ruhestandes.

  7. Es ist ja nicht so, dass Streiks nicht vorher angekündigt werden müssten. Theoretisch kann man also auch sagen: Die Lufthansa ist schuld, weil sie nicht sofort höhere Löhne gezahlt hat.
    Aber ich finde es dennoch nicht in Ordnung, dass man, wenn man auf bestimmte Dienstleistungen angewiesen ist oder diese einfach SYSTEMRELEVANT sind, diese nicht mit absoluter Sicherheit auch erbracht werden.

    Bei Bus und Bahn ist es nichts Anderes. Die Streiks treffen die normalen Leute, kosten jeden Zeit, Nerven und wenn man Pech hat eine große Menge Geld.

    Möglich, dass das meine subjektive Wahrnehmung ist: es scheint mir, als würden Streiks in letzter Zeit immer häufiger auftreten.
    Doch die Löhne werden nun mal nach Angebot und Nachfrage festgelegt.
    Wer nichts drauf hat, krieg wenig Geld. Wer mehr Geld will, muss eben lämger zur Schule gehen, sich in der Schule mehr anstrengen oder im Studium Jahre über Jahre opfern.
    Wer dies vernünftig macht, wird niemals in die Situation kommen, streiken zu müssen.

    Und jeder hat die Möglichkeit, sich weiterzubilden und einen anderen Job zu suchen.
    Würde das jeder tun, hätten die Arbeitgeber Probleme, Leute zu finden. Sie würden von selbst mehr zahlen.

    Fazit: Streiks sind nichts Anderes als ein Produkt der Faulheit.
    Und das könnte durchaus mal angegangen werden.

  8. Was mich an diesem Deutschland, an der Berichterstattung der letzten Tag und eben leider auch am Tenor einiger Kommentare hier nervt, dass ist der peinlich offensiv gelebte Neid an den Gehältern der anderen.

    Es ist verdammt noch mal egal, was jemand verdient. Ist er gewerkschaftlich organisiert, steht ihm/ihr das Recht zu gegen Entscheidungen oder für Weiterentwicklungen in seinem Arbeitsvertrag zu kämpfen. Und dieses Recht steht auch Menschen in Positionen zu, die lt. Meinung von anderen ein durchschnittliches hohes Gehalt haben. Gerade Piloten haben kein 08/15-Job.

    Und ja, Streik macht in der Konsequenz niemanden Spaß. Das ist Sinn des Streiks. Wachrütteln und erkennen, wie unangenehm das Leben sein kann, wenn nicht mehr geflogen wird oder der Müll automatisch abgeholt wird.

  9. Ich denke im Beitrag werden zwei Aussagen vermischt. Es ist eben ein Unterschied, ob ein Streik Wirkungen auf den Arbeitgeber hat (sollte er, sonst ist er eben wirkungslos) oder ob ein Streik massive negative Wirkungen auf die Allgemeinheit hat.

    Es ist eben grob unsolidarisch, die eigenen Interessen durchzusetzen, indem man viele am Konflikt unbeteiligte damit schädigt. Dann könnten ja auch andere gesellschaftliche Minderheiten durch wochenlange Blockaden ihre Forderungen durchsetzen. Das kann in einer Demokratie nicht gewollt sein.