Die Sache mit dem Bundespräsidenten und rotrotgrün in Thüringen

Nico —  2.11.2014

In der Süddeutschen schreibt Prantl über Gauck fällt aus der Rolle und laut SPON warnt Gauck vor Ramelow in Thüringen. Den ganzen Tag schwirrten Meldungen durchs Netz, die Grünen hyperventilierten beim Moralapostilieren, die sog. LINKE ermahnte Gauck, nicht parteiisch zu sein und die ARD freute sich über den Scoop, dass sie am Sonntag Abend in Berlin direkt ein vielbeachtetes Interview senden würden. Aber wenn man sich dann das Interview mit Gauck anguckt und die strittige Passage nachliest, dann kommt totale Ernüchterung auf:

Deppendorf: Wenn wir jetzt mal Bilanz ziehen und anfangen – nach 25 Jahren: Möglicherweise wird bald ein Linker Ministerpräsident eines Bundeslandes, Herr Ramelow. Die Linke hat in Teilen die Nachfolge angetreten der alten SED. Ist das für Sie dann Normalität oder schwer zu verstehen?

Gauck: Naja, Menschen, die die DDR erlebt haben und in meinem Alter sind, die müssen sich schon ganz schön anstrengen, um dies zu akzeptieren. Aber wir sind in einer Demokratie. Wir respektieren die Wahlentscheidungen der Menschen und fragen uns gleichzeitig: Ist die Partei, die da den Ministerpräsidenten stellen wird, tatsächlich schon so weit weg von den Vorstellungen, die die SED einst hatte bei der Unterdrückung der Menschen hier, dass wir ihr voll vertrauen können? Und es gibt Teile in dieser Partei, wo ich – wie viele andere auch – Probleme habe, dieses Vertrauen zu entwickeln. Und wir erleben gerade in Thüringen einen heftigen Meinungsstreit: Ja, was ist denn diese Partei nun wirklich?

So, was ist jetzt daran bitte so dramatisch? Gauck formuliert Vorbehalte, die er hat und ich finde, das steht im auch zu! Er wurde dazu gefragt und beim 25. Jahrestag des Mauerfalls kann man auch ruhig mal darüber nachdenken, wie weit weg die SED nun wirklich schon ist. Es ist sehr ehrlich von Gauck, zu sagen, dass das für viele Menschen eine gewisse Anstrengung bedeutet. Das glaube ich nämlich auch. Gleichzeitig ist das eben auch eine Bewährungsprobe für alle Beteiligten und wir werden sehen, ob nun wirklich beginnend mit Thüringen das Abendland untergeht oder doch einfach nur ein Landesregierung in Thüringen ihre Arbeit tun wird.

Ein Bundespräsident darf auch ruhig mal fragen, wie das Verhältnis der Bürger zu einer Partei ist und auch wie sich eine Partei in den letzten 25 Jahren entwickelt hat. Übrigens frage ich mich das auch. Ich denke, dass rotrotgrün eine interessante neue Perspektive darstellen kann und dass man das mal in Thüringen ausprobieren sollte. Gleichzeitig halte ich nachwievor nicht viel von der sog. LINKE und es nervt mich auch maßlos, dass sie es immer noch nicht hinbekommen, die DDR als Unrechtsstaat zu bezeichnen und sich von dem System zu distanzieren. Aber jede Partei braucht so ihre Rituale, das scheint für die sog. LINKE einen gewissen inneren Kitt zu bieten.

Gauck hat nicht gesagt: „seid Ihr irre, lasst das sein!“, sondern er in einer Antwort auf eine Frage auf seine Vorbehalte hingewiesen, Fragen gestellt und gesagt, dass die Wahlentscheidungen der Bürger zu respektieren sind. Wir wollen doch immer Politiker, die ihre Meinung sagen. Als Bundespräsident darf er gerne mal unbequem sein, dafür haben wir ihn schließlich.

14 responses to Die Sache mit dem Bundespräsidenten und rotrotgrün in Thüringen

  1. Es ist sicher haltlich vollkommen korrekt, dass niemand eine Regierung unter Beteiligung der Linken braucht. Gleiches gilt aber für jede andere Partei, die sich nicht zu schade war, eine Blockflöten-Parteien einzugemeinden…

  2. Ich denke auch, rotrotgrün in Thüringen ist eine auszuprobierende Alternative. Wenn es soweit kommt.

    Aber warum spricht Nico Lumma immer von der sog. LINKEN?

    Die LINKE ist real da. Sie gewinnt viele Prozente der Wählerschaft in Deutschland.

    Mann und Frau kann die LINKE mögen oder auch nicht. Der Ramelow gefällt mir. Ein „sog. Wessi“ nimmt Menschen mit auf den Weg, wo noch niemand weiß wie er genau ausgeht. Spannend.

    Der Gauck polarisiert wie alle „Altkader“ aus alter Zeit. Ist das Altersweisheit?

    Vor 25 Jahren wurde eine neue Generation geboren. Ich denke diese jungen Menschen passen sehr gut auf was passiert.

    Auf Zeitzeugen müssen sie ja noch nicht verzichten. Aber die Fragen werden differenzierter werden.

    • ich halte die Partei für strukturkonservativ und finde es anmassend, sich als „LINKE“ zu bezeichnen. Das ist für mich der Sammelbegriff einer politischen Orientierung und ich bin mir sehr sicher, zu den Linken zu gehören, akzeptiere aber nicht den mit dem Begriff „LINKE“ ausgedrückten Alleinvertretungsanspruch für diese politische Richtung.

      • ich finde es anmaßend, dass sich die SPD immer noch als „Sozialdemokraten“ bezeichnet. Sozialdemokratische Politik machen die doch seit mindestens Schröder nicht mehr. „LINKS“ ist die ganz bestimmt nicht.

  3. Müller. Meier. Motzen sind auch Sammelbegriffe.
    Alle Linken wollen und sind natürlich LINKE / Linke oder auch DIE L i n k en.
    Nico, hier geht es sicher nicht um einen Alleinvertretungsanspruch, hier geht es um ein Stück Zukunft Deutschlands. Diese Zukunft wollen dielinken sicher auch. Auch mit weiteren Partnern.

    Und ja, ich gehöre keiner Partei an :)

  4. Betrachten wir doch einfach mal das was nicht „Die Linke“ ist. Da haben wir Überwachung nach Stasi-Manier und Schlimmer, wir haben Steuergeldverschwenung in noch nie dagewesener Höhe, Geheimverhandlungen und vieles mehr. Da lobe ich mir die LINKE.

  5. Es ist ein besonders ödes Verhalten der Presse, aus jedem marginalen Spruch einen Skandal generieren zu wollen!

  6. Da muss ich aber auch sagen: Meine Schwiegermutter lebt in Thüringen, lebte dort auch schon vor der Wende, ist in Gaucks Alter und hat zum ersten Mal seit der Wende die Linkspartei gewählt. Und sie musste sich trotz ihrer Vergangenheit nicht anstrengen. Man darf nicht vergessen, dass in Thüringen seit 1990 ununterbrochen die CDU regiert. Dass die Menschen in Thüringen einen Politikwechsel wollen und angesichts der Politik der Groko in Berlin nicht der Meinung sind, den nur mit der SPD hinzubekommen, bei aller liebe, da muss man sich wirklich nicht anstrengen.

    Nein, Gauck tut da so, als würde er für ganze Ost-Generationen sprechen, aber das tut er eben nicht. Und das halte ich für doppelt hochmütig, weil auch ich der Meinung bin, dass sein Amt, ihm gebietet, Präsident aller Deutschen zu sein.

  7. Was an Gauck nervt, dass er hier vermeintlich für alle Menschen die in der DDR gelebt haben spricht und das tut er darüber hinaus in seiner Funktion als Präsident für alle deutsche.

    Wir Westdeutschen in meinem Alter tut uns ganz schwer mit einem Pfarrer als Präsident der Freiheit mit Waffen erzwingen will.

  8. Eigentlich wollen wir Politiker, die UNSERE Meinung sagen… Aber das ist doch wohl eine gnadenlose Utopie.

  9. Unsere Meinung ist doch eh schon gesteuert…

  10. Ich denke die Linken sind nun ein fester und dauerhafter Bestandteil unserer Politik und werden ihren Weg gehen.