Nichts aussagen mit Statistiken zu Twitter und Politik

In Hamburg gibt es den Politikwissenschaftler Zahlensammler Martin Fuchs, der es seit Jahren gezielt nutzt, dass Leute gerne auf Statistiken und Schaubilder gucken. Die ausgewerteten Zahlen sind dabei vor allem eines: total belanglos. Jedes Mal frage ich mich, was die Aussagekraft der Statistik sein soll, die er im Netz verteilt und die gerne auch bei Hamburger Zeitungen zitiert wird.

Aktuell macht folgende Statistik die Runde:

Aha. Und nun? Ist die Aussage der Grafik, dass eine Partei die besten Wahlchancen hat, wenn 2/3 der Kandidaten Twitter nutzen? Je mehr Kandidaten und Kandidatinnen twittern, desto schlechter die Chancen?

Es ist mir ein völliges Rätsel, wieso die Anzahl von Kandidatinnen und Kandidaten, die twittern, die Anzahl der Tweets im Wahlkampf, die Anzahl der Follower oder die Anzahl der Retweets irgendeine Aussagekraft für die Hamburger Wahlen haben sollten.

Warum? Weil Twitter zwar toll ist, aber weit jenseits des Mainstreams ist. Twitter spielt im Hamburger Wahlkampf einfach mal gar keine Rolle. Nicht mal ansatzweise. Egal, was für bunte Bildchen Martin Fuchs jede Woche wieder ins Netz stellt.

Diese vermeintlichen Analysen haben die politikwissenschaftliche Aussagekraft von Kaffeesatzleserei, um nicht zu sagen: das ist publizistischer Dünnpfiff! Man könnte ebenso gut auswerten, wie viele Paar Schuhe ein Kandidat oder eine Kandidatin hat, welchen Eintopf Kandidaten am liebsten essen oder ob sie Tick, Trick oder Track am liebsten mögen. Für den Wahlkampf ist das alles herzlich egal, ansonsten allerdings auch.

Ich freue mich ja für Martin Fuchs, dass er ein Thema gefunden hat, das die lokale Presse gerne aufgreift, aber das stumpfe Zahlensammeln, um daraus irgendwelche Schlagzeilen im Sinne von „Die Opposition bekommt weniger Favs als Justin Bieber!“ zu generieren, hilft mal eben niemandem weiter.

15 Antworten auf „Nichts aussagen mit Statistiken zu Twitter und Politik“

  1. Moin Nico, ich kann zwar nicht für Martin Fuchs sprechen, aber als Autor des Blogeintrags, aus dem die von Dir monierte Abbildung stammt, mag ich mich doch zu Wort melden.. :-)

    Die Grafik stammt ja aus einem Blogeintrag bei wahlbeobachter.de, in dem wir knapp einige erste Befunde aus einer größer angelegten wahlkampfbegleitenden Analyse der Social-Media-Aktivitäten der Kandidierenden berichten. Daraus, oder gar aus einzelnen Tabellen nun Rückschlüsse oder Folgerungen zu ziehen a la “Partei XYZ hat mehr/weniger twitternde Kandidierende, also schneidet sie schlechter/besser ab.” wären in der Tat naiv, und ich zumindest weise bei Interviews oder in Artikeln fast schon rituell auf den “Nischenstatus” hin, den Twitter in D nach wie vor hat. Insofern bin ich völlig bei Dir.

    Trotzdem halte ich solche Befunde, wie wir sie im Moment zu den Social-Media-Aktivitäten der Kandidat/innen erheben, für durchaus relevant, weil sie eine Bestandsaufnahme und im besten Fall Vergleiche (zu anderen Bundesländern, zu zukünftigen Wahlkämpfen, …) erlauben.
    Kommunikationswissenschaftlich interessant wird es ausserdem, wenn man das (wie wir es vorhaben) mit anderen Methoden koppelt. Wir planen z.B. Analysen von Tweets zur Wahl und eine Befragung der Kandidierenden über ihre Kommunikationswege etc. während des Wahlkampfs. Denn erst auf Grundlage solcher empirischen Befunde kann man m.E. beurteilen, welche Rolle Twitter (oder Facebook oder Google+ oder Instagramm oder …) tatsächlich spielen. Wohlgemerkt: Nicht als entscheidender Faktor für den Wahlerfolg, aber als Bestandteil der Kommuniationsrepertoires von politisch Engagierten.

  2. ich bin jetzt zu faul zum suchen, aber es gibt seit jahren irgendwelche schwachsinnsrankings a la “so twittern hamburger politiker”, die keinerlei aussagekraft haben. und auch bei euren zahlen ist es so, dass die völlig irrelevant sind. weil das medium irrelevant ist. da kann man sammeln was das zeug hält, die rückschlüsse bleiben dünnst. wir sind eben nicht san francisco hier.

  3. Lieber Nico,

    welch Ehre, ein Blogpost zu “belanglosen Zahlen” zur Twitternutzung in Hamburg.

    Nur leider muss ich Dich sehr enttäuschen. Persönliche Abneigung ersetzt dann eben doch leider noch keine Recherche.

    1. Ich bin leider kein Politikwissenschaftler. Mit einem Klick hättest Du herausgefunden, dass ich Medienwirtschaft studiert habe, sprich nur schnöder Diplom-Kaufmann bin.

    2. Die zitierte Grafik stammt leider auch nicht von mir, sondern so wie bereits von Dr. Jan-Hinrik Schmidt angemerkt, von ihm und seinem Kollegen Christoph J. Beyer vom Hans-Bredow-Institut Hamburg. Und das steht sogar mindestens drei Mal im Gastbeitrag der Beiden.

    3. Die im Gastbeitrag zitierten Zahlen sind wie ebenfalls bereits erwähnt ein kleiner grundlegender Teil eines größereren Forschungsprojektes rund um die Hamburger Bürgerschaftswahl 2015. Mehr Infos unter: http://www.hans-bredow-institut.de/de/forschung/hhwahl-%E2%80%93-soziale-medien-hamburger-buergerschaftswahl-2015. Auch dies ist bereits im Gastbeitrag bereits mehrfach erwähnt.

    4. Zudem bin ich komplett bei Dir, dass:
    – Social Media keine Wahlen gewinnt
    – Social Media auch bisher noch nie Wahlen gewonnen hat (weder in den USA, noch in D) und es auf absehbare Zeit auch nicht tun wird
    – Twitter keine Wahlen gewinnt
    – Politiker Social Media nicht unbedingt nutzen müssen und dies auch in einigen Fällen nicht mehr tun sollten (siehe z.B. @SigmarGabriel)
    – diese zitierten und aufgezeigten Zahlen NICHTS aber auch gar nicht über Wahlerfolge, erfolgreiche Kampagnen, erfolgreiche Politik und erst recht nicht über den Wahlausgang am 15. Februar aussagen

    Dies steht auch nirgendwo im Text.

    5. Ich habe noch nie behauptet, dass Nutzungszahlen und der Einsatz von Social Media etwas über Wahlerfolge oder Wahlchancen aussagen.

    6. Wenn Du so genau verfolgst was ich in den Medien so von mir gebe, dann würdest Du wissen, dass ich immer sehr kritisch insbesondere beim Einsatz von Social Media im Wahlkampf bin. Zum Vergleich einige meiner letzten Aussagen in den Medien: http://bit.ly/MartinFuchsMedien

    7. Seit 2011 steht mein Angebot, dass wir uns endlich einmal persönlich beim Kaffee treffen sollten um uns gerne über Deine Probleme mit mir austauschen. Bisher sind leider alle meine Angebote im Sande verlaufen.

    Aber wie gesagt manchmal ist es eben einfacher seine Ressentiments zu pflegen, als zu recherchieren und sich differenziert mit dem Gegenüber auseinanderzusetzen.

    Einen schönen Abend wünscht
    Martin

    P.S. Ich finde auch nicht immer geil was ich so mache, dazu stehe ich auch gerne. Und auch ich lache über Blogpostings von mir aus dem Jahr 2011. Aber gestehe einem Menschen zu, dass er sich weiterentwickelt. Alles andere wäre ja langweilig.

    1. Hi,

      danke für die ganzen Richtigstellungen. :) Ich pflege allerdings keine Ressentiments, ich schreibe gepflegte Rants. Da ist ein Unterschied.

      Was die Aussagekraft der Statistiken angeht: sie bleibt mau.

      Das mit dem Kaffee: ja, immer gerne, hat sich eben nur nicht ergeben. Ein problemorientiertes Gespräch wird es nicht werden, denn ich habe keine Probleme mit Dir. Warum auch? Ich halte nur die von dir präsentierten Zahlen für Quark mit Soße.

  4. Egal ob San Francisco oder Hammerbrook – die Zahlen an sich sind dann relevant, wenn man sie angemessen interpretiert, und das schließt selbstverständlich mit ein, die Grenzen der Interpretation zu kennen.
    Du wirst von uns Forschern kein “Twitter entscheidet die Bürgerschaftswahl” hören, aber auch kein “Twitter spielt im Wahlkampf keine Rolle”, weil es eben doch eine spielt, und sei es nur weil ein Viertel der Kandidierenden einen Account hat (das sind deutlich und überzufällig mehr, als die Bevölkerung), oder weil ein Teil von denen (wieviele wissen wir noch nicht) den Kanal eben aktiv zu Wahlkampfzwecken nutzen. Uns interessiert, wie und warum sie das machen, und wie das im Verhältnis z.B. zu Facebook steht, und wie die “Diskursqualität” (wenn es denn eine gibt) der Konversationen in den sozialen Medien ist.
    Das sind dann sicherlich auch Einsichten, die tiefer bohren als zu schauen, welche Partei die meisten Twitterati hat und auf welcher Wahlkreisliste die wenigsten twittern, versprochen! ;-)

  5. Er macht es anscheinend aus Spaß.
    Kein bestimmtes Ziel, IMHO eher für Leute interessant, die Social Fans sind oder neugierig sind, wer was gerne verwendet – Twitter, Facebook, etc.
    Aber ich finde ebenso keine Verbindung zwischen diesen Statistiken und Wahlen.

  6. Was soll das? Ein Rant einfach des Rants wegen? Herr Fuchs und Herr Schmidt haben ja deutlich gemacht, dass Herr Lumma offensichtlich die Statistiken nicht richtig lesen kann bzw. Dinge reininterpretiert, die dort nicht stehen.

    1. na klar, das musste mal raus. vorausgegangen sind jahre mit sinnlosen statistiken zu social media und politik.

  7. Jetzt mal ehrlich: Die allermeisten auf Twitter und Facebook rumgereichten Zahlen sind völlig irrelevant. Von aus irgendwelchen Zahlen gespeisten Infografiken mal ganz zu schweigen. Das ist systemimmanent: Infografik = Brutalstmögliche Reduktion von Komplexität plus knuffig angemalt. Nichtsdestotrotz lieben die Leute solche Zahlen und Grafiken und teilen sie wie verrückt, insofern finde ich es einigermaßen legitim, solche Inhalte zu posten, um Aufmerksamkeit zu generieren (und dann vielleicht auf wirklich relevante Themen zu lenken) …

  8. Ich bastel jetzt auch mal eine Statistik zu Ello und Regionalpolitikern aus Hamburg, wenn man darüber ein Kaffegeplauder mit Dir bekommt :-)

  9. Ich arbeite den ganzen Tag mit Statistiken und habe selten so sehr über eine – wie Nico richtig sagt – belanglose und vollkommen widersinnige grafische Statistik wie dieser gelacht.

  10. Die allermeisten auf Twitter und Facebook rumgereichten Zahlen sind völlig irrelevant.

  11. Ich würde auch sagen, dass es zumindest ein gutes Mittel ist, um Aufmerksamkeit zu generieren. Es haben sich ja offensichtlich doch einige Leute mit dieser Grafik auseinandergesetzt, aus unterschiedlichen Gründen.

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