Wird es einen Livestream geben?

Es gibt kaum eine Frage, die mich derzeit mehr nervt als die Frage nach einem Livestream von Veranstaltungen. Nur weil etwas geht, muss es noch lange nicht Sinn machen, es zu tun.

Livestreaming ist eine völlig falsch verstandene Art der Transparenz, eines der vielen Irrtümer, die aus dem Umfeld der Piratenpartei hervorgegangen ist. Der kleine Bruder des Livestreaming ist übrigens die Twitterwall, die ich auch für völlig schwachsinnig halte.

Ich glaube nicht, dass alles, was wir machen, live gestreamt werden muss. Und ich glaube auch nicht, dass wir in Echtzeit auf alles antworten müssen, nur weil es theoretisch ginge.

Natürlich finde ich es erstrebenswert, die Teilhabe zu verbreitern, weswegen ich Vorträge durchaus live streamen würde.

Nicht aber Diskussionsveranstaltungen. Sobald eine Kamera läuft, verändert sich die Dynamik einer Veranstaltung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer versuchen dann so zu sprechen, dass es kameratauglich ist. Das wird dann ungefähr so spannend wie das gegenseitige Verlesen von Pressemitteilungen, denn alle Teilnehmer greifen auf Textbausteine zurück. Das wird noch schlimmer, wenn man gleichzeitig eine Twitterwall im Blick haben soll, denn Sprechen, Lesen, Zuhören und Denken ist ganz schön viel auf einmal. Da sorgt der Ruf nach Transparenz schnell für eine Fassade aus Worten, die dann auch niemandem wirklich weiterhilft.

Nach unserer D64 Veranstaltung mit Dorothee Bär sagte ein anwesender Journalist anerkennend, dass er überrascht sei, wie offen auf meine Fragen geantwortet wurde. Das liegt vermutlich nicht daran, dass ich so ein toller, einfühlsamer Moderator bin, der elegant die Schwingungen nutzt und so mehr in Erfahrung bringt als andere. Es liegt vor allem daran, dass wir bei diesen Gesprächen unter uns sind. Noch nicht einmal einen Hashtag gibt es.

Ich mache das ganz bewusst so. Denn ich finde, dass eine Veranstaltung besser ist, wenn alle vor Ort nicht nur anwesend, sondern auch dabei sind. Wer nebenbei auf Twitter kommentiert oder liest, ist vermutlich nicht so sehr dabei.

Bei allen Möglichkeiten, die sich durch Technologie bieten, sollten wir nicht vergessen, dass die Zusammenkunft an einem Ort eine ganz besondere Qualität hat. Zwar mag es für einige Leute nicht machbar sein, an einer Veranstaltung teilzunehmen, aber würde man auf alle Befindlichkeiten Rücksicht nehmen, wäre allein schon die Terminfindung zum Scheitern verurteilt.

Livestreaming und das Beharren auf Echtzeit immer und überall sorgt auch dafür, dass wir immer weniger Zeit für das Reflektieren haben. Wir sollten uns nicht die Möglichkeiten nehmen lassen, in einem Gespräch auch neue Dinge lernen und seine eigenen Positionen eventuell anpassen zu können. Wenn alles aufgezeichnet und dabei kommentiert wird, werden wir das nicht mehr schaffen. Daher werde ich künftig weiter Veranstaltungen ohne Livestream machen – ich freue mich auf viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort.