52 Bücher – Nr. 28: Sigmar Gabriel – Patron und Provokateur

sigmar_gabriel_patron_und_provokateurSigmar Gabriel lässt niemanden kalt. Viele Menschen finden ihn fürchterlich, andere wiederum halten sehr viel von ihm. Kaum ein Spitzenpolitiker polarisiert so sehr wie er. Ich finde das positiv, denn wenn man versucht, es allen Recht zu machen, dann wird man beliebig. Die vorliegende Biographie Sigmar Gabriel – Patron und Provokateur versucht zu ergründen, warum Sigmar Gabriel so unterschiedlich wahrgenommen wird und zeigt viele seiner Stärken und Schwächen auf.

Ich kenne Sigmar Gabriel nur als Bundespolitiker, daher war ich ziemlich beeindruckt, dass er sich bereits als Kommunalpolitiker ein Image als Kümmerer erarbeitet hatte. Das erinnerte mich stark an meine Kindheit und Jugend, denn mein Vater war ebenfalls ein Kümmerer und versuchte, ausgestattet mit den Insignien der Macht, also Briefpapier mit entsprechenden Wappen (stellvertretender Kreispräsident, MdL), für Menschen im Wahlkreis bei Unternehmen und Behörden etwas zu erreichen. Ich kann mich an viele abendliche Hausbesuche in den nicht so schönen Wohngegenden des Kreises Herzogtum Lauenburg erinnern, zu denen mich mein Vater mitgenommen hatte und bei denen er als Sozialdemokrat die letzte Hoffnung war, wenn Menschen nicht mehr weiter wussten. Das prägt. Diese Verbundenheit Gabriels mit Goslar sorgt für eine gewisse Erdung, die man als Spitzenpolitiker dringend benötigt.

Neben Gabriel als Kümmerer werden in dem Buch noch andere Seiten beschrieben, die mir so nicht präsent waren. Da meine ich jetzt nicht seine marxistische Zeit bei den Falken, sondern viel mehr seine Arbeit als Fachpolitiker. Gabriel wird als jemand beschrieben, der sich sehr schnell in komplexe Zusammenhänge einarbeiten kann und dann auch gemeinsam mit Fachleuten Details diskutieren kann. Da er sich gerne mit einem Augenzwinkern als Universaldilettant beschreibt, ist diese Facette von ihm in der Aussenwahrnehmung eher wenig beleuchtet worden. Gabriels Antifaschismus und seine Haltung zu Israel fand ich ebenfalls eindrucksvoll, aber irgendwie auch erwartbar von einem Sozialdemokraten.

Das Buch thematisiert allerdings auch seine Schwächen. Gabriel verspricht gerne viel, wenn der Tag lang ist, schafft es dann aber nicht, allen Ankündigungen wirklich Taten folgen zu lassen. Das hat zum Einen sicherlich mit einer Mischung aus Kreativität und Ungeduld zu tun, andererseits aber eben auch damit, dass er für sein Umfeld nicht immer der einfachste Chef ist und bei der Kombination aus hohem Druck, schnellem Tempo und einigen Kurswechseln eben auch Themen auf der Strecke bleiben. Die vermutlich größte Schwäche: Gabriel hört zu oft auf irgendwelche Einflüsterer, die schnell wieder weg sind, und hat sein Umfeld nicht optimal aufgestellt. Jemand wie er braucht Leute, die aus Loyalität heraus Leitplanken schaffen, in denen er wirken kann.

Mein erstes Treffen mit Sigmar Gabriel vor 3 Jahren war dann auch so, wie er im Buch beschrieben wurde. Anfänglich lies er mich spüren, dass ich aus der Großstadt komme und er nichts von den damit verbundenen Allüren hält und hat mich wissen lassen, dass meine Einschätzungen zur Digitalisierung “totaler Scheiss” seien. Diese schroffe norddeutsche Art muss man mögen, ich kann damit gut umgehen. Zumal meine Frau auch aus dem Braunschweigischen kommt und ich das irgendwie kenne… Nachdem ich ihm dann aber mitgeteilt hatte, dass ich seine Überlegungen zu dem Thema digitale Gesellschaft für “völligen Schwachsinn” halte und aus einer Kleinstadt im Lauenburgischen komme, ergab sich eine prima Diskussion, an deren Ende Gabriel mir versprach, einen Bundesparteitag zur Digitalisierung der Gesellschaft zu machen mit dazugehörigem Programmprozess. So durfte ich auf dem Parteikonvent reden, was für ein einfaches Parteimitglied schon eher unüblich ist, denn das ist eigentlich eine geschlossene Veranstaltung für Delegierte. Dass aus diesem versprochenen Bundesparteitag 10 Minuten auf einem Bundesparteitag wurden, hat mit Gabriel und dem bereits erwähnten “overpromise and underdeliver” zu tun, der dem Thema dann doch nicht die Priorität zugebilligt hatte, die es verdient hat, aber es hat vor allem mit der völligen Inkompetenz der damaligen Generalsekretärin Fahimi auf allen Ebenen zu tun. Auch das wurde im Buch richtig beschrieben. Wenn ich mir allerdings angucke, wo Gabriel vor 3 Jahren stand beim Thema Digitalisierung und wo er heute steht, dann sind das Welten, die dazwischen liegen – er hat einen enormen Sprung nach Vorne gemacht. Abgesehen von der Vorratsdatenspeicherung, die er aus dem falschen politischen Kalkül wollte und gegen die ich immer vorgegangen bin.

Natürlich schwingt beim Lesen des Buches immer die Frage “kann er denn nun Kanzler oder wenigstens Kanzlerkandidat?” mit. Die Autoren ziehen sich da geschickt aus der Verantwortung, verweisen immer auf Gabriels Talent und seine Rhetorik, machen aber auch klar, dass seine Sprunghaftigkeit und sein Tempo das größte Manko sind: “Es ist eine Zeit, die eigentlich vieles von dem gebrauchen könnte, was Sigmar Gabriel kann. Was diese Zeit nicht braucht: den Sigmar Gabriel, der er für die meiste Zeit seines politischen Lebens gewesen ist.”

Sigmar Gabriel – Patron und Provokateur