girlmore_girls_100_seitenOk, ich gebe es zu: natürlich habe ich dieses Buch meiner Frau geschenkt, um es dann später selber zu lesen, nachdem sie damit durch war. Pünktlich zur lang ersehnten Fortsetzung der Gilmore Girls auf Netflix ist das kleine, handliche Reclam Buch Girlmore Girls. 100 Seiten erschienen. Quasi für alle, die es bislang versäumt haben, die amerikanische TV-Serie Girlmore Girls zu gucken. Oder die nach all den Jahren vergessen haben, worum es eigentlich ging.

Für mich war dieses Buch überflüssig. Wir hatten gerade die gesamten 7 Staffeln zur Vorbereitung auf die neuen Folgen bei Netflix noch einmal komplett geguckt. Was für ein Spaß. Und bei der Lektüre des Buches ist mir dann eines aufgefallen: wie seltsam die Dialoge auf deutsch wirken. Als TV-Serien-Snob haben wir natürlich alle Staffeln auf Englisch geguckt, was aufgrund der Dialogdichte echt ein Spaß ist.

Wer allerdings die Gilmore Girls noch nicht kennt, der wird auf 100 Seiten sehr kompakt von Karla Paul an diesen wunderbaren Themenkomplex herangeführt.

Girlmore Girls. 100 Seiten

Das Buch des Soziologen Stephan Lessenich ist fies. Denn Lessenich reibt dem Leser dauerhaft rein, was dieser eh schon weiss, vermutet oder nicht wahrhaben will. Ich kenne Lessenich noch aus meiner Zeit als Student in Göttingen, damals hatte ich allerdings nie eine seiner Lehrveranstaltungen besucht, war aber mal mit ihm in einer Kneipe. Grund genug, mal sein aktuelles Buch zu lesen.

neben_uns_die_sinnflutNeben uns die Sintflut: Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis handelt von der Externalisierungswirtschaft, deren Auswirkungen uns seit Jahrzehnten als Nord-Süd-Gefälle bekannt ist. Unser Wohlstand geht zu Lasten der Ärmsten der Welt – das ist jetzt nicht die allerneueste Erkenntnis, aber Lessenich sorgt in seinem Buch noch einmal dafür, dass das Thema wieder präsent wird. Wir schieben Risiken von uns weg, feiern uns für eine tolle Ökobilanz, während der Müll und die damit verbundenen Gefahren woanders hin exportiert werden. Ebenso feiern wir Sozialstandards und Mindestlohn, während Arbeiter am andere der Welt unter menschenunwürdigen Bedingungen für uns schuften müssen.

Das Schlimme an dem Buch ist: es gibt kein Happy End und auch nicht viel Hoffnung auf Veränderung. Es sei denn wir verändern unseren Lebensstil radikal. Davon würde ich jetzt mal nicht ausgehen, eher erhöhen wir die Ignoranz, so wie gerade bei den US-Wahlen geschehen.

Neben uns die Sintflut: Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis

sigmar_gabriel_patron_und_provokateurSigmar Gabriel lässt niemanden kalt. Viele Menschen finden ihn fürchterlich, andere wiederum halten sehr viel von ihm. Kaum ein Spitzenpolitiker polarisiert so sehr wie er. Ich finde das positiv, denn wenn man versucht, es allen Recht zu machen, dann wird man beliebig. Die vorliegende Biographie Sigmar Gabriel – Patron und Provokateur versucht zu ergründen, warum Sigmar Gabriel so unterschiedlich wahrgenommen wird und zeigt viele seiner Stärken und Schwächen auf.

Ich kenne Sigmar Gabriel nur als Bundespolitiker, daher war ich ziemlich beeindruckt, dass er sich bereits als Kommunalpolitiker ein Image als Kümmerer erarbeitet hatte. Das erinnerte mich stark an meine Kindheit und Jugend, denn mein Vater war ebenfalls ein Kümmerer und versuchte, ausgestattet mit den Insignien der Macht, also Briefpapier mit entsprechenden Wappen (stellvertretender Kreispräsident, MdL), für Menschen im Wahlkreis bei Unternehmen und Behörden etwas zu erreichen. Ich kann mich an viele abendliche Hausbesuche in den nicht so schönen Wohngegenden des Kreises Herzogtum Lauenburg erinnern, zu denen mich mein Vater mitgenommen hatte und bei denen er als Sozialdemokrat die letzte Hoffnung war, wenn Menschen nicht mehr weiter wussten. Das prägt. Diese Verbundenheit Gabriels mit Goslar sorgt für eine gewisse Erdung, die man als Spitzenpolitiker dringend benötigt.

Neben Gabriel als Kümmerer werden in dem Buch noch andere Seiten beschrieben, die mir so nicht präsent waren. Da meine ich jetzt nicht seine marxistische Zeit bei den Falken, sondern viel mehr seine Arbeit als Fachpolitiker. Gabriel wird als jemand beschrieben, der sich sehr schnell in komplexe Zusammenhänge einarbeiten kann und dann auch gemeinsam mit Fachleuten Details diskutieren kann. Da er sich gerne mit einem Augenzwinkern als Universaldilettant beschreibt, ist diese Facette von ihm in der Aussenwahrnehmung eher wenig beleuchtet worden. Gabriels Antifaschismus und seine Haltung zu Israel fand ich ebenfalls eindrucksvoll, aber irgendwie auch erwartbar von einem Sozialdemokraten.

Das Buch thematisiert allerdings auch seine Schwächen. Gabriel verspricht gerne viel, wenn der Tag lang ist, schafft es dann aber nicht, allen Ankündigungen wirklich Taten folgen zu lassen. Das hat zum Einen sicherlich mit einer Mischung aus Kreativität und Ungeduld zu tun, andererseits aber eben auch damit, dass er für sein Umfeld nicht immer der einfachste Chef ist und bei der Kombination aus hohem Druck, schnellem Tempo und einigen Kurswechseln eben auch Themen auf der Strecke bleiben. Die vermutlich größte Schwäche: Gabriel hört zu oft auf irgendwelche Einflüsterer, die schnell wieder weg sind, und hat sein Umfeld nicht optimal aufgestellt. Jemand wie er braucht Leute, die aus Loyalität heraus Leitplanken schaffen, in denen er wirken kann.

Mein erstes Treffen mit Sigmar Gabriel vor 3 Jahren war dann auch so, wie er im Buch beschrieben wurde. Anfänglich lies er mich spüren, dass ich aus der Großstadt komme und er nichts von den damit verbundenen Allüren hält und hat mich wissen lassen, dass meine Einschätzungen zur Digitalisierung „totaler Scheiss“ seien. Diese schroffe norddeutsche Art muss man mögen, ich kann damit gut umgehen. Zumal meine Frau auch aus dem Braunschweigischen kommt und ich das irgendwie kenne… Nachdem ich ihm dann aber mitgeteilt hatte, dass ich seine Überlegungen zu dem Thema digitale Gesellschaft für „völligen Schwachsinn“ halte und aus einer Kleinstadt im Lauenburgischen komme, ergab sich eine prima Diskussion, an deren Ende Gabriel mir versprach, einen Bundesparteitag zur Digitalisierung der Gesellschaft zu machen mit dazugehörigem Programmprozess. So durfte ich auf dem Parteikonvent reden, was für ein einfaches Parteimitglied schon eher unüblich ist, denn das ist eigentlich eine geschlossene Veranstaltung für Delegierte. Dass aus diesem versprochenen Bundesparteitag 10 Minuten auf einem Bundesparteitag wurden, hat mit Gabriel und dem bereits erwähnten „overpromise and underdeliver“ zu tun, der dem Thema dann doch nicht die Priorität zugebilligt hatte, die es verdient hat, aber es hat vor allem mit der völligen Inkompetenz der damaligen Generalsekretärin Fahimi auf allen Ebenen zu tun. Auch das wurde im Buch richtig beschrieben. Wenn ich mir allerdings angucke, wo Gabriel vor 3 Jahren stand beim Thema Digitalisierung und wo er heute steht, dann sind das Welten, die dazwischen liegen – er hat einen enormen Sprung nach Vorne gemacht. Abgesehen von der Vorratsdatenspeicherung, die er aus dem falschen politischen Kalkül wollte und gegen die ich immer vorgegangen bin.

Natürlich schwingt beim Lesen des Buches immer die Frage „kann er denn nun Kanzler oder wenigstens Kanzlerkandidat?“ mit. Die Autoren ziehen sich da geschickt aus der Verantwortung, verweisen immer auf Gabriels Talent und seine Rhetorik, machen aber auch klar, dass seine Sprunghaftigkeit und sein Tempo das größte Manko sind: „Es ist eine Zeit, die eigentlich vieles von dem gebrauchen könnte, was Sigmar Gabriel kann. Was diese Zeit nicht braucht: den Sigmar Gabriel, der er für die meiste Zeit seines politischen Lebens gewesen ist.“

Sigmar Gabriel – Patron und Provokateur

Vor zwei Jahren hatte ich das Buch Silicon Valley von Christoph Keese gelesen und war abgesehen von dem sehr paranoid wirkenden Abschnitt zu Google sehr positiv beeindruckt gewesen. Im Sommer erzählte er mir von seinem nächsten Werk Silicon Germany – Wie wir die digitale Transformation schaffen, das eine Bestandsaufnahme für Deutschland liefern sollte.

silicon_germanyFür mich war das Buch purer Lesegenuss, denn Schreiben kann der gelernte Journalist Keese durchaus. Ich bin mit Keese bei dem von ihm vorangetriebenen Leistungsschutzrecht für Presseverlage nicht einer Meinung, sondern lehne es ab, aber das bedeutet ja noch lange nicht, dass Keese bei vielen anderen Punkten nicht Recht haben könnte mit seinen Einschätzungen.

Ich wollte eigentlich selber ein Buch schreiben, nur man kommt ja zu nix, aber die Grundidee war eine Reise zu den Orten vermeintlicher Stärke der deutschen Wirtschaft. Genau das hat Keese gemacht und mit vielen durchaus engagierten Menschen in deutschen Unternehmen darüber gesprochen, warum das Silicon Valley so eine rasante Taktzahl vorgibt und die deutsche Wirtschaft dagegen eher behäbig und alt wirkt.

Neue Technologien wachsen exponentiell, Plattformen drängen sich zwischen Hersteller und Kunden, disruptive Angreifer zerstören Märkte innerhalb weniger Jahre, und innovative Geschäftsmodelle verdrängen alte Wertschöpfungsmethoden in Windeseile.

Während Deutschland 4.0 – wie die digitale Transformation gelingt eine sehr präzise Handlungsanweisung für Wirtschaft und Politik darstellt, setzt Keese einen Tick früher an und versucht zu erörtern, warum wir in Deutschland so mit der Digitalisierung hadern, zeigt allerdings auch schon viele zarte Pflänzchen, die in die richtige Richtung weisen und gibt viele Empfehlungen für zukünftige Entwicklungen. Natürlich ist Bildung eines der Kernthemen, denn wir müssen jetzt dafür sorgen, dass die Kinder und Jugendlichen mit dem richtigen Rüstzeug für die Zukunft ausgestattet werden.

Keese sieht wie ich sehr viel Potential in den Startups, die die Innovation in Deutschland vorantreiben werden. Aber er warnt auch, und diese Warnung sollten sich die Verantwortlichen in der Wirtschaft ausdrucken und an den Bildschirm kleben:

Zu wenig Geld, zu viele Bedenkenträger, zu wenig Mut, nicht genug Innovationsfreude – diese Faktoren bremsen den Startup-Schwung in Deutschland gefährlich ab.

Das ist genau das Problem. Deutsche Unternehmen sind immer noch von einer Angstkultur geprägt, die dafür sorgt, dass alles zu Tode analysiert wird, anstatt etwas zu riskieren. Nur ganz zögerlich wird diese Kultur verändert.

Schenkt Silicon Germany Euren Chefs zu Weihnachten, das ist gut investiertes Geld – und geht Ihnen ab Januar mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung auf die Nerven, bis sie es verstanden haben und die Innovationsbremsen lösen!

Die USA sind ein faszinierendes Land, voller Widersprüche, voller Überraschungen und voller Absurditäten. Ich weiss noch, wie ich als 17-Jähriger in Des Moines, Iowa erst mal irritiert war von den vielen Widersprüchen, die die USA vermittelten. Während meines Studiums in Berkeley gab es wieder andere Widersprüche, die mich beeindruckten. In Amerika ist längst nicht alles besser, vieles ist Fassade, das mag man aus deutscher Sicht, geprägt von den popkulturellen Einflüssen, nur zögerlich verstehen. Ich sehe mich als Transatlantiker, für mich ist die USA faszinierend und ein wichtiger Partner zugleich.

fremdes_land_amerikaDer Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni hat in seinem Buch Fremdes Land Amerika einen sehr guten Überblick über den Zustand dieses Landes geschrieben. Die Relevanz der Partnerschaft mit den USA macht es unerlässlich, dass wir diesen Partner besser verstehen. Ingo Zamperoni hat in den USA studiert und zuletzt als Korrespondent in den USA gearbeitet, daher ist der Blick auf die USA professionell, aber von starken Sympathien geprägt.

Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte. Zuerst wird eine Bestandsaufnahme der amerikanischen Gesellschaft gemacht, dann die geopolitische Rolle der USA erörtert und zuletzt geht es um die Gemeinsamkeiten und Gegensätze im Verhältnis Deutschland und USA.

Das Buch hat meinen Nerv getroffen – ich teile Zamperonis Analyse vollumfänglich. Zamperoni fordert letztendlich eine progressivere Gesellschaft, hüben wie drüben. Dem kann ich mich gerne anschliessen.

Ich mag, wie er auch, die positive, freundliche Art der Amerikaner, auch wenn sie oberflächlich sein mag. Ich mag auch die „wir schaffen das!“-Attitüde anstelle der in Deutschland vorherrschenden Einstellung, dass der Staat das bitte schön zu lösen hätte oder die übliche Neiddebatte, wenn jemand mehr hat als man selber. Im Abschnitt über die Geopolitik der USA wird deutlich, wie transatlantisch unser Blick auf die USA ist, wobei wir oftmals vergessen, dass es links auf der Weltkarte noch weiter geht und die USA über den Pazifik sich in Richtung Asien orientiert. Insbesondere die Abschnitte zu Überwachung und zu TTIP zeigen, wie unterschiedlich die amerikanischen und deutschen Sichtweisen sein können und wieviel Misstrauen in unserem Verhältnis zu den USA mitschwingt.

Wer die USA besser verstehen will, sollte Fremdes Land Amerika lesen.