Liebe SPD, liebe Genossinnen und Genossen,

150 Jahre SPDseit meiner Geburt spielt die SPD eine wichtige Rolle in meinem Leben. 150 Jahre SPD werden jetzt gefeiert und wenn ich auf all diese Bilder gucke, dann laufen mir Reihenweise Schauer über den Rücken. Scheidemann ruft die Republik aus, Otto Wels redet im Reichstag gegen das Ermchtigungsgesetz, Schumacher baut die Partei nach dem Krieg wieder auf, Willy Brandt kniet in Warschau nieder, Willy Brandt will mehr Demokratie wagen, Schröder beginnt das rot-grüne Projekt auf Bundesebene – da gibt es so vieles, auf das wir Genossen zu Recht stolz sein können!

Für mich war die Partei schon sehr früh in meinem Leben präsent. Ich bin aufgewachsen nicht nur in der beschaulichen Zonenrand-Idylle des Kreises Herzogtum Lauenburg, sondern auch als Kind von Eltern, die sehr stark in der SPD engagiert waren. Es gibt unzählige Fotos von mir als kleiner Steppke bei Partei-Veranstaltungen, vom Fußballtunier über das Grillfest bis hin zur Kreisdelegiertenkonferenz. Ich war immer dabei, denn mein Vater war Kreisvorsitzender der SPD und Vorsitzender der SPD Kreistagsfraktion und meine Mutter hat das Kreisbüro der SPD geführt. Unsere damalige Telefonnumer war auch die Telefonnummer des Kreisbüros und wenn meine Mutter zuhause war, wurde einfach umgestellt, so dass damals viele Genossen und interessierte Bürger in den Genuss kamen, mit einem 5-Jährigen zu diskutieren. Eine zeitlang hatten wir einen orangen VW Bulli, der kunstvoll mit SPD-Aufklebern großflächig verziert war, mit dem meine Eltern zu den Infoständen im Kreis gefahren sind und mit dem wir auch in Urlaub fuhren. Der Bulli gehörte der Partei und zur Grundausstattung gehörte auch eine ordentliche Lautsprecher-Anlage, damit man Plätze beschallen konnte. Wenn der Bulli nicht genutzt wurde, stand das Fahrzeug immer direkt so, dass unser Nachbar, der CDU-Mitglied und auch unser Vermieter war, immer den SPD Bulli sehen musste, wenn er auf der Terasse saß. Meinen Vater erfreute das sehr, besonders wenn die Schützenbrüder des Nachbarn zu Besuch waren und sich lautstark über den VW Bulli geärgert wurde.

Zu meiner Kindheit gehörten natürlich unzählige Wahlkämpfe, prägend waren dabei für mich die Wahlkämpfe in Berlin, denn es gab einen Austausch mit Genossen in Zehlendorf, die für Wahlkämpfe zu uns in den Kreis kamen und die dann im Gegenzug von Genossen aus dem Lauenburgischen unterstützt wurden. Der damalige Bundestagsabgeordnete Eckart Kuhlwein machte jeden Sommer seine Radtour mit Jugendlichen durch den Kreis und spielte bei Juso-Veranstaltungen im Breitenfelder Moor auf seiner Gitarre. In den Osterferien ging es zum Zeltlager der Falken auf Föhr, wie es sich gehörte. Ab 14 war ich bei den Jusos aktiv, natürlich. Das war zu Zeiten der Barschel-Affäre und hell yeah, wir waren alle politisiert, bei Juso-Abenden war die Hütte voll. Als mein Vater nach dem Tod von Uwe Barschel, der sein Gegenkandidat im Wahlkreis war, das erste Mal seinen Landtagswahlkreis direkt gewinnen konnte, gab es einen kleinen Fackelzug der Jusos durch unseren Stadtteil. Es lag so ein gewaltiger Aufbruch in der Luft, es wahr herrlich. An meinem 16. Geburtstag bin ich dann natürlich in die SPD eingetreten, das Parteibuch war schon lange vorbereitet und meine Mutter hatte es vom damaligen Parteivorsitzenden Hans-Jochen Vogel persönlich unterschreiben lassen, so stolz war sie. Mein Parteikarriere ist dann allerdings nicht so durchgestartet, wie alle vermutet hatten, weil ich irgendwie noch andere Interessen hatte und schon damals diese etlichen Sitzungen eher anstrengend fand. Ich habe es dann zum Ortsvereins-Vize bei den Jusos gebracht und war auch kurze Zeit Interims-Vorsitzender, aber irgendwie war das Schreiben von Anträgen nichts für mich. Politik fand dennoch jeden Tag statt, zuhause war es immer das Hauptthema, natürlich mit der SPD im Fokus. Bei der Beerdigung meiner Mutter hielt dann auch folgerichtig der Landesvorsitzende eine Rede, das mit von der Wiege von der Bahre wurde sehr ernst genommen.

Das Bild, das ich vor meinem inneren Auge habe, wenn ich an die SPD denke, das zeigt Menschen, die ungefähr in meinem Alter, oder etwas jünger sind, die etwas bewegen wollen, die engagiert sind, die Pfeife rauchen und für etwas streiten. Die genau wissen, wofür sie streiten und die auch wissen, dass sich der Streit lohnt. In meiner WG-Küche während des Studiums hing das Plakat von Willy Brandt, wie er lässig im Jeanshemd und Fluppe im Mund die Ukulele in der Hand hielt. Natürlich war einer meiner Studienschwerpunkte die Geschichte der Arbeiterbewegung, das ging gar nicht anders. Die SPD, wie ich sie mir vorstelle, ist immer auch ein bisschen verwegen, sehr mutig, entschlossen und mit einer Vision, einem Ziel vor Augen, die Politik als gestalterische Aufgabe sieht. Eine Partei, die andere mitnimmt, die andere mitreissen kann und die in der Lage ist, den Weg dann auch zu gehen.

Ich bin dieses Jahr 25 Jahre in der SPD. Ich liebe diese Partei, ich liebe ihre Traditionen und ich finde, dass sie die richtigen Ziele verfolgt. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die Grundwerte dieser Partei seit 150 Jahren, sind so wichtig und relevant wie eh und je.

Aber, ich finde, bei allem Stolz auf das, was diese Partei, was die Menschen, die diese Partei unterstützen, in den letzten 150 Jahren erreicht haben, dass man sich darauf nicht ausruhen kann, sondern dass daraus ein ziemlicher Anspruch definiert werden muss, die Zukunft gestalten zu wollen und zu können. Und da hapert es. Und zwar ganz gewaltig. Ich weiss, es ist Wahljahr und die Reihen sind jetzt fest geschlossen und das ist auch gut so, aber es gibt einige Dinge, bei der meine Partei noch Potential hat, dass sie dringend ausschöpfen sollte. Das Bild in meinem Kopf und die real existierende Partei passen nicht so recht zusammen, und ich hoffe, es liegt nicht nur an mir und an meinem Kopf.

Die SPD versucht immer, es allen Recht zu machen. Das klappt nicht. Das sorgt eher für Beliebigkeit. Die Menschen erfreuen sich an einer klaren Positionierung, auch in der Ablehnung. Beliebigkeit ist etwas anderes als Kompromißfähigkeit, dazu sollte man immer bereit sein aber nicht um jeden Preis. Dazu gehört auch, dass man einen Standpunkt vertritt und ihn nicht räumt, auch wenn es Gegenwind gibt, wenn man ihn für richtig erachtet. Bereits in jungen Jahren lernen Kinder, dass nicht immer automatisch derjenige Recht hat, der am lautesten schreit. Ich möchte gerne, dass meine Partei einen Kampf auch dann kämpft, wenn sie auf verlorenem Posten ist, weil sie weiss, dass ihre Position die richtige Position ist und dass es sich lohnt, dafür zu streiten.

Die SPD hat auch noch ein enormes Potential bei ihren Mandatsträgern, um es freundlich auszudrücken. Das sind natürlich alles tolle Menschen, gar keine Frage, aber oftmals wird der Wille zu gestalten verwechselt mit dem Willen zu verwalten. Das kann es ja auch nicht sein, wir müssen doch Vorhaben umsetzen wollen und nicht nur sagen, wir regieren ordentlicher oder effizienter. Mir fehlt da, und das verdanken wir sicherlich auch Helmut Schmidt, mir fehlt da ganz oft die Vision. Im Kleinen wie im Großen. Was ist das große Ziel, wie sieht es aus, und wie kommen wir da hin? Auf dem Weg dahin darf natürlich die Steuergesetzgebung vereinfacht werden und man muss auch die Anhebung des ALG II Regelsatzes diskutieren, um nur zwei Dinge von Tausenden zu nennen, aber die Vision für die Region oder das ganze Land, die fällt bei den detailverliebten Debatten unter Technokraten gerne hinten runter. Und als Genosse sitzt man dann mit staunendem Mund da, wundert sich über die Debatte und fragt sich, was das alles soll. Demokratie ist langatmig und Gesetzgebung benötigt eine Detailschärfe, aber die Partei und ihre Wähler brauchen dicke fette Orientierungspflöcke, damit alle wissen, wo es lang geht.

Aber ganz besonders fehlt mir bei der SPD der Mut. Der Mut, darüber nachzudenken, was in Zukunft passieren wird und dies auch offen auszusprechen. Wir sehen doch an allen Ecken und Enden, dass unsere etablierten Systeme, die aus dem 19. Jahrhundert stammen, im 20. Jahrhundert noch ganz ordentlich funktionierten, aber seit 30 Jahren immer mehr in Bedrängnis geraten. Aber der Partei fehlen die Vordenker, oder es gibt sie, und niemand hört sie, die viel radikaler formulieren, vor welchen Sollbruchstellen wir uns gerade befinden. Das ist nicht wichtig, weil ich persönlich eine Freude am Wandel verspüre, sondern weil es immer die SPD sein sollte, die dafür Sorge trägt, dass der gesellschaftliche Wandel möglichst sozial und gerecht verläuft und unsere Gesellschaft nicht weiter auseinanderdriftet. Visionen entstehen übrigens nicht, wenn Innenpolitiker sich Gedanken darüber machen, wie man den Staat am komplettesten gegen alles schützen kann, was es so geben könnte, das geht immer zu Lasten der Freiheit und das können wir nicht wollen. Wer gestalten will, der muß den Widerspruch umarmen, die Kreativität fördern und die Unterschiede herausarbeiten. Eine große Vision bedeutet eben nicht, dass man hier und da ein wenig justieren will, sondern dass man ein Bild von der Zukunft entwickelt, das eine Strahlkraft besitzt, die dafür sorgt, dass die Hoffnungen und Träume der Menschen darauf projeziert werden. Ja, und dann muss man natürlich auch delivern können, wie es auf neudeutsch heisst. Das hat mit Beliebigkeit und Standhaftigkeit zu tun.

Ich erwarte nix weiter als eine Vision für die Zukunft unseres Landes, die tagtäglich mit Blood, Sweat & Tears verkündet wird und die dafür sorgt, dass die Menschen in diesem Land verstehen, dass das Gefasel von der Alternativlosigkeit nur dazu führen soll, dass alle eingelullt sind und nicht mehr versuchen, aus den dominierenden Denkmustern auszubrechen. Das muss aber immer der Anspruch der Sozialdemokratie sein! Es geht nicht um die einfache Lösung, sondern um die, die unsere Gesellschaft voranbringt! Ich möchte jedenfalls, dass meine Kinder in einem Land leben, dass in der Lage ist, die Zukunft zu gestalten – und ich finde, dass ist das mindeste, was wir unseren Kindern schuldig sind.

Die SPD, liebe Genossinnen und Genossen, die SPD hat große Tradition, das wissen wir alle und darauf sind wir auch stolz. Vor lauter Rückschau sollten wir allerdings nicht vergessen, dass die vor uns liegenden Aufgaben erst noch zu meistern sind und das geht nur, wenn wir einen klaren Kurs haben und die Zukunft gemeinsam gestalten wollen.

Vielen Dank.

Tumblr the money and run!

Nico —  19.05.2013 — 11 Comments

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Die Startup-Welt diskutiert gerade fröhlich die Meldungen, dass Yahoo! die Blog-Plattform Tumblr für 1,1 Milliarden US-Dollar übernehmen will. David Karp, der Gründer von Tumblr, ist sich angeblich noch nicht sicher, ob er dem Deal zustimmen will.

Tumblr hat 125 Millionen Nutzer, machte in 2012 13 Millionen Dollar Umsatz und hatte eine Burnrate von 25 Millionen Dollar, die dieses Jahr auf 40 Millionen Dollar ansteigen soll, bei geplanten 100 Millionen Dollar Umsatz. Tumblr gibt es seit 2007 und bislang wurden 125 Millionen Dollar an Venture Capital eingesammelt.

Tumblr ist aktuell bei Jugendlichen und jungen Erwachsen weitaus angesagter als Facebook und daraus resultiert die Phantasie hinter dem Kaufpreis von über einer Milliarde Dollar. Daraus resultiert aber auch die abwartende Haltung vom Gründer David Karp, der sicherlich im Hinterkopf hat, dass Mark Zuckerberg ebenfalls einmal ein Angebot hatte von Yahoo!, dieses allerdings ausschlug und danach den Wert seines Unternehmens noch einmal ordentlich steigern konnte.

Ich glaube allerdings, dass es zwei große Unterschiede zwischen Tumblr und Facebook gibt. Erstens besteht Facebook aus Beziehungen zwischen Menschen, die sich überwiegend kennen und ihre Erlebnisse teilen, aber bei Tumblr steht das Teilen von Inhalten im Vordergrund, die Beziehungen entstehen eher adhoc und sind eher locker. Während Facebook also tagtäglich zeigt, was meine Freunde so umtreibt, zeigt mir Tumblr das, was irgendwelche Leute gerade teilen, nach Tags sortiert. Das kann unerwartet und toll sein, aber auch sehr schräg, oder einfach nur viel Porno. Es ist aber meines Erachtens viel unverbindlicher als bei Facebook. Zweitens funktioniert die Werbung bei Facebook, sie garantiert satte Umsätze, und zwar nicht nur bei der Web-Nutzung, sondern zunehmend auch bei der mobilen Nutzung. Tumblr hat in der Vergangenheit immer wieder Versuche unternommen, den Dienst über Werbung zu monetarisieren, aber nichts hat wirklich funktioniert.

Tumblr ist ein riesiges verteiltes Scrapbook mit jede Menge Inhalten, aber es fällt schwer, damit Geld zu verdienen. Die Investoren sind schon länger nervös, auch wenn die Reichweite weiter steigt, die Nutzer zufrieden sind, es ist einfach keine Profitabilität in Sicht. Daher ist das einzige, was David Karp jetzt tun kann, das Spekulieren auf eine Übernahme durch Yahoo! oder vielleicht auch noch durch Facebook oder AOL, die natürlich Zugriff auf die interessante junge Zielgruppe haben wollen und dann ihre Expertise in der Vermarktung der Plattform nutzen werden, um Tumblr zur Profitablität zu bringen. Aus eigener Kraft wird Karp dies nicht mehr schaffen, dazu waren alle bisherigen Versuche zu zaghaft.

Für Yahoo! macht diese Übernahme Sinn, denn Tumblr bringt eine enorme Reichweite mit und wird bei der Vermarktung von Yahoo! helfen, weil eine attraktive junge Zielgruppe ebenfalls erreicht werden kann. Zusätzlich kann Yahoo! insbesondere die neuen mobilen Dienste über die Tumblr-Nutzer besser vorantreiben und dadurch wieder versuchen, zu Google und Facebook bei den Nutzerzahlen aufzuschliessen. Die Akquisition würde Yahoo! beim Börsenkurs sicherlich spontan helfen, aber auch nachhaltig zu den Vermarktungsumsätzen beitragen.

Mal sehen, wie hoch David Karp pokert, ein eigenständiges Tumblr hat meiner Meinung nach keine große Chance, das werden auch seine Investoren wissen.

Eine Kampagne von D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt e.V. und Digitale Gesellschaft e.V. – mehr Infos dazu: Gemeinsam für die Netzneutralität!

Bitte nehmt die Kampagnen-Motive und streut sie breitflächig im Netz, es geht um unser aller freies Netz!

Weitere Infos findet ihr auf echtesnetz.de

(Ein Hinweis: Wenn ihr die Motive für eurer Blog verwenden möchtet, ladet diese bitte auf euren eigenen Server und bindet die Bilder nicht über unsere Server ein. Danke schön!)

Online-Werbung ist kaputt, und zwar sowas von. Aber sie funktioniert, und zwar sowas von. Sie funktioniert auch, weil sie penetrant ist. Und zwar sowas von!

Wenn nun immer mehr Nutzer zu Adblockern greifen, weil ihnen die ständige Beschallung mit Werbebotschaften zu viel ist, dann sorgt das bei den Inhalte-Anbietern für weniger vermarktbare Reichweite und damit für weniger Umsatz. Also muss versucht werden, aus dem bestehenden Inventar mehr Umsatz zu generieren. Wie macht man das? Am einfachsten ist es, noch penetranter zu werden. Früher, damals, kurz nach dem Krieg, da hatten Websites einen Fullbanner, oder für die ganz verwegenen, auch mal 2-3 Halfbanner, anders ausgedrückt ging es um 468×60 Pixel bzw. 234×60 Pixel. Heute werden gefühlt sämtliche vom Internet Advertising Bureau (IAB) verabschiedeten Formate plus etwaiger Sonderformate auf eine Seite geklatscht, weil die Preise in den letzten 10 Jahren stetig gesunken sind und trotzdem Inhalte-Anbieter profitabel sein sollen.

Ist das die Schuld der Adblocker-Nutzer? Nö, das ist reiner Selbstschutz, denn nicht nur irgendwelche Websites sind mit Werbung zugepflastert, sondern auch sog. Premium-Sites. Adblocker sind Teil einer Entwicklung, die damit zu tun hat, dass ganz am Anfang der Online-Werbung mit dem sog. Tausender-Kontakt-Preis einfach die falsche Währung genommen wurde, um Online-Werbung zu bepreisen. Niemand würde ein Magazin so vollhauen mit Werbung, aber da ein Tausender-Kontakt-Preis nach Seitenaufrufen berechnet wird und nicht danach, wie häufig ein und derselbe Nutzer die Werbung wahrgenommen hat, wird eben die Penetranz erhöht, um auf die vermeintliche Reichweite zu kommen. Anders ausgedrückt: die Online-Werbung nimmt nicht zur Kenntnis, dass das Web aus Hyperlinks besteht und dass Nutzer auch anderswo Werbung sehen, bzw. gerade ein- und dieselbe Kampagne überall sehen und dann sehr schnell genervt sind. Diese Spirale sorgt dafür, dass immer mehr Nutzer zu Adblockern greifen und nun Premium-Sites darauf hoffen, dass sie von der Adblocker-Nutzung ausgenommen werden. Eigentlich absurd. Zumal der eine Ausweg aus dieser Spirale die sog. Native Ads sind, die sich oftmals als bloße Advertorials in einem neuen Format entpuppen.

So, wer hat also Recht? Beide. Die Adblocker-Nutzer sind genervt von zu viel Werbung und die Inhalte-Anbieter sind genervt, weil sie nicht genügend Umsatz mit der Vermarktung ihres Angebots machen, weshalb sie die Adblocker-Nutzer bitten, doch auf ihren Seiten den Adblocker nicht zu nutzen. Die Adblocker-Nutzer wiederum argumentieren, dass die Inhalte-Anbieter zu penetrant werben.

Hach, so können wir uns weiterhin fröhlich im Kreis drehen. Ich blocke Ads im Kopf und lasse die Inhalte-Anbieter an meiner Nutzung finanziell partizipieren. So lange Nutzer nicht wollen, dass sich Kampagnen an ihnen orientieren, so lange wird Online-Werbung weiter fröhlich penetrant sein.

Auf der re:publica 13 hat Sascha Lobo mal wieder den Versuch unternommen, den Anwesenden auf die Füße zu treten, um Reaktionen zu provozieren. Das finde ich gut so. Auch wenn ich es natürlich stark manipulativ finde und mir einige Tage lang vorgenommen habe, nicht darauf hereinzufallen. Na gut, jetzt eben doch. Egal. Das hat er jetzt davon.

Ja, wir sind überwiegend eine netzpolitische Hobbylobby. Abgesehen vom BVDW, eco, BITKOM, VPRT, dem Börsenverein des deutschen Buchhandels, oder dem Bundesverband der Musikindustrie und anderen finanziell gut ausgestatteten Verbänden jedenfalls, die auch alle munter Netzpolitik betreiben, es aber anders nennen. Und oft auch andere Ziele haben als die netzpolitische Hobbylobby.

Mit vielen anderen zusammen bin ich Teil dieser Hobbylobby, unser Verein heisst D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt und wir finanzieren uns ausschliesslich durch Mitgliedsbeiträge.

Ich würde auch gerne Montag Morgen in das 10-stöckige D64-Hauptquartier in Berlin Mitte kommen, bei der Morgenlage kurz die wichtigsten Themen des Tages erläutern und dann per Telefon kurz ein paar Regierungsvertreter einbestellen lassen, um diese durch D64-Hauptabteilungsleiter kurz zurechtweisen zu lassen, damit sie künftig eine bessere Politik machen.

Tue ich aber nicht. Stattdessen versuchen wir in einer Facebook-Gruppe Themen zu diskutieren, die uns wichtig erscheinen, bilden uns eine Meinung und versuchen dann über Gespräche, Blogposts, Tweets und sogar Telefonate das Thema in unserem Sinne voranzutreiben. Sind wir dabei ultra-erfolgreich? Sicherlich nicht. Ist das aufwendig? Allerdings. Haben wir alle viel Zeit dafür? Natürlich nicht, das wäre ja auch zu einfach. Insofern ja, wir sind Hobbylobby par excellence und das ist mühsam. Es hat aber den großen Vorteil, dass wir nicht einen riesigen Apparat finanzieren und dass wir nicht die Interessen von externen Geldgebern vertreten müssen, sondern dass wir unabhängig sind.

Was uns allerdings fehlt in der Netzpolitik, das sind Trecker. Lange Zeit war die Netzpolitik, oder überhaupt das Internet, nur ein Thema für Nerds und Geeks, nicht aber für den Mainstream. So langsam wird immer mehr Menschen in diesem Land klar, dass die Zukunft immer mehr durch die Digitalisierung bestimmt wird, aber das sorgt nicht immer nur für Jubelstürme, sondern auch für ordentliche Reaktanzen. Allerdings ist das, was wir im Bereich Netzpolitik diskutieren, alles andere als plastisch begreifbar. Allein schon der Begriff Netzpolitik verrät sehr wenig über das, was man damit meinen könnte. Bei Umweltpolitik wissen alle, wovon die Rede ist, und das war auch so, bevor Umweltpolitik en vogue war. Allerdings hatte die Umwelt-Bewegung einen großen Vorteil: die Atomkraftwerke, Wiederaufbereitunsanlagen, Castorbehälter, aber auch das Waldsterben oder die verunreinigten Flüsse waren alles sichtbare Faktoren, die zu einer anderen Politik führen sollten. Hinzu kam, dass im Wendland immer wieder mit Treckern gegen die Castor-Transporte demonstriert wurde, was zu einer Auseinandersetzung mit der Staatsmacht und einer damit verbundenen Infragestellung dieser einherging. Dadurch entsteht eine mediale Aufmerksamkeit, die dazu beiträgt, dass das Thema über die letzten Jahrzehnte immer präsenter wurde im Mainstream.

Open Data, Open Access, Open Education, Netzneutralität, Leistungsschutzrecht, Vorratsdatenspeicherung, Bandbreite, Infrastruktur, Informatik an den Schulen, Medienkompetenz – das sind alles keine Themen, die man am Infostand vorm Aldi mit Menschen diskutieren kann und sie sorgen alle nicht dafür, dass die engagierten Netznutzer einen sinnbildlichen Trecker haben, um ihrem Unmut mehr Ausdruck zu verleihen. Die aktuell einzige Ausnahme kann die Netzneutralität werden, da die Telekom durch ihre angekündigten Tarif-Änderungen für breiten Missmut in der Bevölkerung sorgt, allerdings wird auch in diesem Fall es nicht leicht sein, zu erklären, was das eigentlich Problematische an der Drosselung ist. Das Ende der Flatrates ist ein Thema, die Bevorzugung, bzw. eher die daraus resultierende Diskriminierung von Datenpaketen ist das wirklich Entscheidende an der Debatte um die Drosselkom. Aber ein Trecker ist das noch lange nicht.

So lange wir keinen Trecker haben, müssen wir in aller Ruhe und quasi zu Fuß das Thema Netzpolitik und digitale Gesellschaft beackern. Das ist mühselig und es führt zu Rückschlägen und leider sind nicht alle so schlau wie man selbst. Aber wenn ich mir angucke, was aus der Anti-AKW-Bewegung und den bunten "Atomkraft, nein Danke!"-Buttons geworden ist, dann denke ich, dass wir einen langen Atem brauchen, auch wenn sich die digitale Gesellschaft rasant entwickelt. Wir Menschen lernen ja bekanntlich aus Fehlern und so wird die aktuelle Politiker-Generation noch vieles falsch machen, was wir lautstark zu kritisieren haben. Unsere Themen sind noch lange nicht Mainstream und zugegebenermassen finden wir das ja auch ganz toll so, wie es ist. Wir finden es nur nicht so gut, dass wir noch nicht die Mehrheitsmeinung abbilden bei den wichtigen Themen der digitalen Zukunft. Aber das kommt. Es dauert nur.

Wo war ich? Ach ja, Hobbylobby. Bei D64 kann man Mitglied werden und mitmachen! Aber auch so kann man mitmachen, man kann Eltern, Freunden, Kollegen und Bekannten immer wieder erklären, warum diese komischen geekigen Themen alle so relevant sind und dann kann man einen nach dem anderen überzeugen. Ja, das ist wie der lange Marsch durch die Institutionen, nur ohne Studentenproteste, das ist wie die Umweltbewegung, nur ohne Trecker.