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Vor ein paar Jahren hatte ich das große Vergnügen, auf dem Hamburger Trendtag einem Vortrag von Douglas Rushkoff zur These seines Buches Program or be programmed lauschen zu dürfen. Bisher war mir sein Name zwar ein Begriff, aber ich hatte noch nichts von ihm gelesen, was ich immer mal nachholen wollte. Leider ist Rushkoff in Deutschland nicht mit so einer Vehemenz durch das Feuilleton getragen worden wie beispielsweise Jaron Lanier oder aktuell Dave Eggers – vermutlich weil er nicht apokalyptisch genug schreibt. So ist dann auch sein aktuelles Buch Present Shock: Wenn alles jetzt passiert bislang wenig in Deutschland diskutiert worden. Das ist schade, denn Rushkoff liefert nicht nur eine treffende Analyse dessen, was sich durch die Digitalisierung gerade entwickelt, sondern bietet auch in Ansätzen dezente Ratschläge, wie man besser lernen kann, mit den Veränderungen umzugehen.

Der Gegenwartsschock, von dem Rushkoff schreibt, ist etwas, was ich schon länger an mir selber erlebt habe. Das allgegenwärtige Teilen von Informationen und Erlebnissen ist toll, wenn man mitten drin ist und alles mitbekommt, aber es hat auch das Potential, extrem stressig zu werden, wenn man permanent versucht, an einem Ort anwesend zu sein und gleichzeitig auch mitzubekommen, was an anderen Orten gerade passiert. Rushkoff nennt diesen Zustand “Digiphrenie” und natürlich kennen aktivere Netznutzer dieses Phänomen nur zu gut. Der Drang zur Echtzeit vermindert die Zeit für die Reflektion und “dabei sein ist alles!” wird zum Schlachtruf einer Generation – jedenfalls bemerke ich diese Entwicklung ebenfalls seit einiger Zeit. Rushkoff sieht in diesem Fokus auf das Jetzt vor allem eine Vernachlässigung der Vergangenheit, insbesondere aber der Zukunft. Seine These ist, dass wir mit der Gegenwart viel zu sehr beschäftigt sind und daher kaum noch in der Lage sind, gestalterisch das Thema Zukunft anzugehen. Rushkoff bringt viele Beispiele in seinem Buch, um diese Entwicklung zu untermauern, Dabei dürfte nahezu jedem heutzutage der Kampf um die leere Inbox bekannt sein. Aber auch die Veränderungen im Finanzsektor werden mittlerweile spürbar, denn die Hochfrequenzhandelsplattformen sind auf das Ausnutzen von Kursschwankungen optimiert und lassen den Aspekt der Unternehmensfinanzierung eher in den Hintergrund rücken.

Mir hat an dem Buch vor allem gefallen, dass Rushkoff nicht andauernd den Zeigefinger gehoben hat, um zu verkünden, dass die große digitale Apokalypse bevorstehen wird, sondern immer auch versucht, Auswege aus aktuellen Entwicklungen aufzuzeigen. Der Geldkreislauf wird immer problematischer? Es gibt lokale Währungen, die eher Gegengeschäfte ermöglichen – derartige Beispiele bringt Rushkoff häufig in diesem Buch. Man merkt allerdings dem Buch auch an, dass die knackige These des Buches gut als Essay hätte erzählt werden können, denn die Vielzahl der Beispiele zieht die Argumentationskette nur unnötig in die Länge. Andererseits bedeutet das Lesen eines Buches ja auch zu großen Teilen einen Ausstieg aus der Echtzeitkommunikation und von daher war das quasi schon eine implizite Übung für die Leserinnen und Leser von Present Shock: Wenn alles jetzt passiert.

Ich war neulich in den Niederlanden und bin dort Fahrrad gefahren. Dort gab es wunderschöne, breite Fahrradwege und sogar Unterführungen für Fahrradfahrer unter stark befahrenen Kreuzungen hindurch, von Fahrradampeln und genügend Fahrradständern mal ganz zu schweigen. Fahrradfahren brachte enormen Spaß, man fühlte sich sehr sicher und man kam schnell voran, trotz permanentem Gegenwind. “Mensch, wenn wir das nur auch mal in Deutschland hätten!”, dachte ich. Das war vor 30 Jahren.

Jedes Jahr lese ich dafür auf zeit.de, wie toll das Radfahren in Kopenhagen doch sei, für das eigene Wohlbefinden, für die Umwelt und neuerdings sogar auch für die Wirtschaft.

Alles toll, denke ich mir, hole mein Fahrrad aus dem Keller, setze die Lütte auf den Kindersitz und fahre los. Geniesse auf dem Weg zur Kita ca. 250m neuen Fahrradweg auf der Straße. Man rollt so toll über Asphalt, herrlich. Kurz danach darf ich wieder einen viel zu schmalen Radweg nutzen, muss Passanten bitten, mir Platz zu machen, fahre über viel zu hoch abgesenkte Bordsteine, so dass die Lütte von hinten protestierend “Papa!” ruft und frage mich, ob das wirklich so sein muss. Zurück fahre ich manchmal die Sierichstrasse entlang. Eine Einbahnstrasse, die für Autos wunderbar funktioniert, die aber auf beiden Seiten keinen wirklich durchgängigen Radweg hat. Wie kann das sein? Ich bin neulich am Ring 2 geradelt. Was für ein Fehler, dies ohne Mountainbike mit fetter Federung zu tun. Warum sind Radwege in Hamburg eigentlich grundsätzlich zu schmal und zu holprig? An der Ubahnstation Kellinghusenstrasse liegen seit Jahren jeden Sonntag Morgen unzählige Fahrräder auf der anderen Seite einer Hecke, weil einfach nicht genügend Fahrradständer vorhanden sind und irgendwelche Spinner nachts meinen, dass man mal anderer Leute Eigentum zerstören kann. Wenn man die gestiegenen Zahlen der Fahrraddiebstähle liest, dann wird schon deutlich, dass vernünftige Fahrradständer oder abschliessbare Boxen generell in Hamburg fehlen.

In Hamburg läuft etwas schief, wenn wir zwar über Verkehrsmittel wie die Stadtbahn oder die Seilbahn fabulieren und streiten können, es aber über Jahrzehnte nicht hinbekommen, vernünftige Fahrradwege zu bauen. Wenn wir die Straßen entlasten wollen, dann müssen einfach bessere Fahrradwege her – Fahrradwege aus Asphalt, keine Buckelpisten aus angemalten Gehwegplatten. Am Wetter kann es nicht liegen, das anderswo das Fahrrad mehr genutzt wird. Amsterdam und Kopenhagen sind beide für ein ähnlich mediterranes Klima bekannt wie Hamburg.

Die Null-Grenzkosten GesellschaftIch habe in den letzten Tagen das neue Buch von Jeremy Rifkin, The Zero Marginal Cost Society: The Internet of Things, the Collaborative Commons, and the Eclipse of Capitalism, mit viel Freude gelesen. In dem Titel ist wirklich alles enthalten, was mich derzeit so interessiert und was in der Tat aktuell für wichtige Veränderungen sorgt, weshalb die deutsche Ausgabe des Buches dann auch direkt Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft: Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus heisst. Eigentlich müsste man das Buch gar nicht mehr lesen, um zu wissen, wie die These von Jeremy Rifkin aussieht, denn sie steckt praktischer Weise komplett im Titel des Buches. Aufgrund der fortschreitenden Automatisierung durch das Internet of Things werden die Grenzkosten in der Produktion sinken und folglich Produkte immer preiswerter und immer leichter verfügbar werden. Dadurch wird es zu einer Überwindung des Kapitalismus und gleichzeitiger Stärkung der Zusammenarbeit der Menschen in einer Gesellschaft kommen. Na, wenn das nichts ist, das klingt ja schon fast nach einem sozialdemokratischen Parteiprogramm neuerer Prägung.

Rifkin gibt in “Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft” einen guten Überblick über die großen Trends der letzten Jahre und versucht daraus nicht nur ein Puzzle zusammenzusetzen, sondern auch einen Blick auf die zukünftige Entwicklung geben. Denn in der Tat stehen wir mit Themen wie Industrie 4.0 vor Entwicklungen, deren gesamtgesellschaftliche Auswirkungen wir derzeit kaum absehen können, die aber immense Auswirkungen haben werden. Wenn die Produktion zunehmend automatisiert wird und damit immer billiger wird, werden nicht nur Menschen weniger verdienen und weniger ausgeben, sondern es werden auch weniger Menschen Vollzeit arbeiten und insgesamt weniger Steuern anfallen. Allein diese Entwicklung sollte die Politik nachhaltig irritieren. Rifkin geht noch weiter und zeichnet Bilder neuer Formen der Zusammenarbeit, die sehr von den Entwicklungen des Netzes geprägt sind, wo eben frühzeitig kollaborative Ansätze gefunden wurden. Die immer präsenter werdende Sharing Economy, also das Teilen von Ressourcen wie Wohnungen oder Autos ist eine Ausprägung der von Rifkin beschriebenen Entwicklung.

Leider nennt Rifkin kein konkretes Datum für die Überwindung des Kapitalismus, man kann sich also auf eine Entwicklung entlang eines Zeitstrahls einstellen, aber wann es so weit sein wird, lässt er offen. Für mich ist an der Null-Grenzkosten-Geselschaft vor allem spannend, wie wir den Übergang gestalten werden zu einer Gesellschaft, in der Arbeit an Wert verlieren wird und immer mehr Menschen immer weniger Arbeit und damit immer weniger Geld haben werden. Der demographische Wandel wird diese Entwicklung nicht auffangen, also müssen wir über neue Formen von Grundeinkommen zwingend nachdenken, wenn es nicht zu einer großen Anzahl von Fortschrittsverlierern bei dieser Entwicklung kommen soll.

Rifkin bietet eine Einordnung der aktuellen Entwicklungen und extrapoliert weit in die Zukunft, wobei natürlich die Überwindung des Kapitalismus als letzendliche Konsequenz angepriesen wird. Ich weiss nicht, wie viel dieser Entwicklung ich noch erleben werde, aber ich sehe umfangreiche Veränderungen beim Faktor Arbeit in den nächsten Jahren und zwar genau aufgrund der Entwicklungen, die Rifkin in Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft: Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus beschreibt. Die Überwindung des Kapitalismus ist dabei der Narrativ, der den vielgepriesenen Dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus suggeriert, den auch vor Rifkin schon viele Autoren meinten gefunden zu haben. Vermutlich werden wir die Gesamtheit der von Rifkin beschriebenen Entwicklungen nicht zu spüren bekommen, wohl aber einige Teilaspekte davon. Die Erosion der Grenzkosten in der Produktion durch immer neue, disruptive Geschäftsmodelle ist allerdings eine für mich naheliegende Entwicklung, deren Auswirkungen auf unsere Gesellschaft derzeit kaum absehbar sein werden. Jeremy Rifkins Buch ist ein wertvoller Beitrag zur Debatte um die Zukunft der digitalen Gesellschaft.

Eine Studie des Digitalization Think:Lab des Marketing Center der Uni Münster und der Roland Berger Strategy Consultants hat ein paar interessante und vor allem aktuelle Zahlen zum Konsumverhalten im digitalen Bereich zusammengestellt. Den German Digitalization Consumer Report 2014 kann man dezent als PDF herunterladen oder einfach die Kernpunkte ganz digital anhand dieser Infografik konsumieren.

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Der Ausnahmezustand ist vorbei. Deutschland hat eine souveräne Weltmeisterschaft gespielt und ist verdient Weltmeister geworden. Das sage ich völlig unvereingenommen. Ich bin immer noch ganz angetan von dieser Mannschaftsleistung, in der es wirklich das Team der Star war, eine vielbemühte Floskel, die dieses Mal durchaus wirklich zutraf.

Aber es ist schon merkwürdig, so ohne Fußball am Abend. Sicher, die öffentlich-rechtliche Vor- und Nachbereitung hatte oftmals geringeren Nachrichtenwert als die Zeitansage und Katrin Müller-Hohenstein hat sich schon mal Boulevard-Sendungen bei Privatsendern empfohlen, aber es ist schon gewöhnungsbedürftig, dass jetzt wirklich erst einmal kein Fußball im Fernsehen mehr kommt. Ich habe gestern Abend auch widerstandslos die Glotze wieder in die Hände meiner Familie gelegt, sinnbildlich jedenfalls. Für die Zeitdauer der Weltmeisterschaft galt ein gewisser Anachronismus auf Zeit, der Mann, das kurzzeitig geduldete Familienoberhaupt, durfte widerspruchslos bestimmen, was es abends im Fernsehen gab. 18 Uhr, 21 Uhr, 24 Uhr, völlig egal, es wurde Fußball geguckt, die Paarungen waren nebensächlich. Sogar Bier und Chips durfte ich zu mir nehmen, ohne dass zu sehr die körperlichen Begleiterscheinungen zu sehr thematisiert wurden. Damit ist es jetzt vorbei und ich muss mich wieder unterordnen, was bedeutet, dass ich maximal eine Nachrichtensendung am Tag sehen darf, ansonsten gibt es nur das Promi Shopping Dinner, Rosamunde Pilcher Krimis oder Heile Welt Dokus mit den immergleichen Off-Sprechern.

Aber ich werde mich rächen. Und Fragen stellen. Genauso, wie es meine Familie in den letzten Wochen mit mir gemacht hat. Da beklagen sich alle, dass Kommentatoren zu viel erzählen, aber wer einmal Fußball mit meiner Frau und meinen drei Kindern geguckt hat, der weiss, dass die öffentlich-rechtlichen Kommentatoren in ihrem kommunikativen Verhalten eigentlich einem Schweigegelübde nahe kommen. Das allabendliche Potpourri der Fragen reichte bei uns vom omnipräsenten “Wer hat jetzt den Ball?”, das sofort vom Kommentator beantwortet wurde, ein Umstand, auf den ich hinzuweisen nicht müde wurde, über “die Trikots sehen aber nicht so schön aus” und “der bin ich immer bei FIFA 14!” bis zum Klassiker “jetzt können die anderen aber auch mal ein paar Tore schiessen, sonst ist das unfair!” – vielleicht lese ich aber auch einfach ein Buch, dann muss ich das sommerliche Fernsehprogramm nicht ertragen.

Wir sind Weltmeister. Es ist einfach ein tolles Gefühl. Unser Sohn pfeift nicht mehr einfach so vor sich hin, sondern er summt jetzt die Nationalhymne. Unsere Tochter hat sich zu jedem Spiel schwarz-rot-gold geschminkt. Unsere Mannschaft hat tollen Fußball gespielt und begeistert. Es gab immer Chips und Bier. Ich freue mich schon auf die Europameisterschaft.