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Die Sache mit Drohnenland

Nico —  30.09.2014 — 2 Comments

“Lies doch nicht immer irgendwelche Bücher zu diesem Digitalkrams, lies doch mal wieder einen Krimi!” – meine Frau meinte irgendwie, dass ich nur Fachbücher lesen würde und damit etwas zu monothematisch sei. Ich war allerdings noch nie ein wirklicher Krimi-Fan, nur selten bin ich in der Stimmung für so etwas.

DrohnenlandNaja, aber wie es eben so ist, ab und zu höre ich dann doch mal auf den Ratschlag meiner Frau, meistens viel zu spät. Nicht aber in diesem Fall, denn ich habe mir das Buch Drohnenland von Tom Hillenbrand für meinen Kindle gekauft und tatsächlich auch gelesen.

Der Trick war, dass Drohnenland auch von Digitalkrams handelt, nur eben anders als in den Fachbüchern, die ich sonst so lese.

Drohnenland spielt in einem Europa, das von Brüssel aus regiert wird und das gerade ein Problem damit hat, dass die Briten nach Unabhängigkeit streben. In diesem Europa sind allerdings die Niederlande schon längst abgesoffen und auch in der Hafencity in Hamburg bekommt man durchaus nasse Füße. Aber das eigentlich Interessante ist, dass Europa ein dystopischer Überwachungsstaat geworden ist. Drohnen in den unterschiedlichsten Formen sorgen für Video-Aufnahmen in den unterschiedlichsten Detailgraden und sog. Spiegelungen ermöglichen es der Polizei, in den Aufnahmen umherzugehen. Es gibt auch noch eine Live-Variante dieses Verfahrens, mit dem der Geheimdienst unsichtbar an Orten des Geschehens agieren kann. Hinzu kommen ein allwissender Analyse-Rechner der Polizei, aber auch intelligente Brillen, die auch normalen Leuten Infos über ihre Umgebung geben können.

Drohnenland spielt also quasi in einem Setting, das die aktuellen Möglichkeiten, die wir mit Drohnen, Google Glass, der Cloud, Vorratsdatenspeicherung und anderen digitalen Tools so haben, ordentlich extrapoliert und ein düsteres Bild von der Zukunft malt.

Allein deswegen fand ich Drohnenland schon lesenswert.

Die Kriminalstory gab es quasi noch on top, mit dem üblichen Ermittler in den besten Jahren und einer attraktiven Analystin an seiner Seite, mit einigen Verstrickungen und überraschenden Wendungen, wie es sich für einen Krimi eben so gehört. Drohnenland ist wirklich unterhaltsam, aber am Ende wird auch nur bedingt alles gut, was durchaus an dem dystopischen Setting liegt.

Ich war neulich in den Niederlanden und bin dort Fahrrad gefahren. Dort gab es wunderschöne, breite Fahrradwege und sogar Unterführungen für Fahrradfahrer unter stark befahrenen Kreuzungen hindurch, von Fahrradampeln und genügend Fahrradständern mal ganz zu schweigen. Fahrradfahren brachte enormen Spaß, man fühlte sich sehr sicher und man kam schnell voran, trotz permanentem Gegenwind. “Mensch, wenn wir das nur auch mal in Deutschland hätten!”, dachte ich. Das war vor 30 Jahren.

Jedes Jahr lese ich dafür auf zeit.de, wie toll das Radfahren in Kopenhagen doch sei, für das eigene Wohlbefinden, für die Umwelt und neuerdings sogar auch für die Wirtschaft.

Alles toll, denke ich mir, hole mein Fahrrad aus dem Keller, setze die Lütte auf den Kindersitz und fahre los. Geniesse auf dem Weg zur Kita ca. 250m neuen Fahrradweg auf der Straße. Man rollt so toll über Asphalt, herrlich. Kurz danach darf ich wieder einen viel zu schmalen Radweg nutzen, muss Passanten bitten, mir Platz zu machen, fahre über viel zu hoch abgesenkte Bordsteine, so dass die Lütte von hinten protestierend “Papa!” ruft und frage mich, ob das wirklich so sein muss. Zurück fahre ich manchmal die Sierichstrasse entlang. Eine Einbahnstrasse, die für Autos wunderbar funktioniert, die aber auf beiden Seiten keinen wirklich durchgängigen Radweg hat. Wie kann das sein? Ich bin neulich am Ring 2 geradelt. Was für ein Fehler, dies ohne Mountainbike mit fetter Federung zu tun. Warum sind Radwege in Hamburg eigentlich grundsätzlich zu schmal und zu holprig? An der Ubahnstation Kellinghusenstrasse liegen seit Jahren jeden Sonntag Morgen unzählige Fahrräder auf der anderen Seite einer Hecke, weil einfach nicht genügend Fahrradständer vorhanden sind und irgendwelche Spinner nachts meinen, dass man mal anderer Leute Eigentum zerstören kann. Wenn man die gestiegenen Zahlen der Fahrraddiebstähle liest, dann wird schon deutlich, dass vernünftige Fahrradständer oder abschliessbare Boxen generell in Hamburg fehlen.

In Hamburg läuft etwas schief, wenn wir zwar über Verkehrsmittel wie die Stadtbahn oder die Seilbahn fabulieren und streiten können, es aber über Jahrzehnte nicht hinbekommen, vernünftige Fahrradwege zu bauen. Wenn wir die Straßen entlasten wollen, dann müssen einfach bessere Fahrradwege her – Fahrradwege aus Asphalt, keine Buckelpisten aus angemalten Gehwegplatten. Am Wetter kann es nicht liegen, das anderswo das Fahrrad mehr genutzt wird. Amsterdam und Kopenhagen sind beide für ein ähnlich mediterranes Klima bekannt wie Hamburg.

Die Null-Grenzkosten GesellschaftIch habe in den letzten Tagen das neue Buch von Jeremy Rifkin, The Zero Marginal Cost Society: The Internet of Things, the Collaborative Commons, and the Eclipse of Capitalism, mit viel Freude gelesen. In dem Titel ist wirklich alles enthalten, was mich derzeit so interessiert und was in der Tat aktuell für wichtige Veränderungen sorgt, weshalb die deutsche Ausgabe des Buches dann auch direkt Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft: Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus heisst. Eigentlich müsste man das Buch gar nicht mehr lesen, um zu wissen, wie die These von Jeremy Rifkin aussieht, denn sie steckt praktischer Weise komplett im Titel des Buches. Aufgrund der fortschreitenden Automatisierung durch das Internet of Things werden die Grenzkosten in der Produktion sinken und folglich Produkte immer preiswerter und immer leichter verfügbar werden. Dadurch wird es zu einer Überwindung des Kapitalismus und gleichzeitiger Stärkung der Zusammenarbeit der Menschen in einer Gesellschaft kommen. Na, wenn das nichts ist, das klingt ja schon fast nach einem sozialdemokratischen Parteiprogramm neuerer Prägung.

Rifkin gibt in “Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft” einen guten Überblick über die großen Trends der letzten Jahre und versucht daraus nicht nur ein Puzzle zusammenzusetzen, sondern auch einen Blick auf die zukünftige Entwicklung geben. Denn in der Tat stehen wir mit Themen wie Industrie 4.0 vor Entwicklungen, deren gesamtgesellschaftliche Auswirkungen wir derzeit kaum absehen können, die aber immense Auswirkungen haben werden. Wenn die Produktion zunehmend automatisiert wird und damit immer billiger wird, werden nicht nur Menschen weniger verdienen und weniger ausgeben, sondern es werden auch weniger Menschen Vollzeit arbeiten und insgesamt weniger Steuern anfallen. Allein diese Entwicklung sollte die Politik nachhaltig irritieren. Rifkin geht noch weiter und zeichnet Bilder neuer Formen der Zusammenarbeit, die sehr von den Entwicklungen des Netzes geprägt sind, wo eben frühzeitig kollaborative Ansätze gefunden wurden. Die immer präsenter werdende Sharing Economy, also das Teilen von Ressourcen wie Wohnungen oder Autos ist eine Ausprägung der von Rifkin beschriebenen Entwicklung.

Leider nennt Rifkin kein konkretes Datum für die Überwindung des Kapitalismus, man kann sich also auf eine Entwicklung entlang eines Zeitstrahls einstellen, aber wann es so weit sein wird, lässt er offen. Für mich ist an der Null-Grenzkosten-Geselschaft vor allem spannend, wie wir den Übergang gestalten werden zu einer Gesellschaft, in der Arbeit an Wert verlieren wird und immer mehr Menschen immer weniger Arbeit und damit immer weniger Geld haben werden. Der demographische Wandel wird diese Entwicklung nicht auffangen, also müssen wir über neue Formen von Grundeinkommen zwingend nachdenken, wenn es nicht zu einer großen Anzahl von Fortschrittsverlierern bei dieser Entwicklung kommen soll.

Rifkin bietet eine Einordnung der aktuellen Entwicklungen und extrapoliert weit in die Zukunft, wobei natürlich die Überwindung des Kapitalismus als letzendliche Konsequenz angepriesen wird. Ich weiss nicht, wie viel dieser Entwicklung ich noch erleben werde, aber ich sehe umfangreiche Veränderungen beim Faktor Arbeit in den nächsten Jahren und zwar genau aufgrund der Entwicklungen, die Rifkin in Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft: Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus beschreibt. Die Überwindung des Kapitalismus ist dabei der Narrativ, der den vielgepriesenen Dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus suggeriert, den auch vor Rifkin schon viele Autoren meinten gefunden zu haben. Vermutlich werden wir die Gesamtheit der von Rifkin beschriebenen Entwicklungen nicht zu spüren bekommen, wohl aber einige Teilaspekte davon. Die Erosion der Grenzkosten in der Produktion durch immer neue, disruptive Geschäftsmodelle ist allerdings eine für mich naheliegende Entwicklung, deren Auswirkungen auf unsere Gesellschaft derzeit kaum absehbar sein werden. Jeremy Rifkins Buch ist ein wertvoller Beitrag zur Debatte um die Zukunft der digitalen Gesellschaft.

Der Ausnahmezustand ist vorbei. Deutschland hat eine souveräne Weltmeisterschaft gespielt und ist verdient Weltmeister geworden. Das sage ich völlig unvereingenommen. Ich bin immer noch ganz angetan von dieser Mannschaftsleistung, in der es wirklich das Team der Star war, eine vielbemühte Floskel, die dieses Mal durchaus wirklich zutraf.

Aber es ist schon merkwürdig, so ohne Fußball am Abend. Sicher, die öffentlich-rechtliche Vor- und Nachbereitung hatte oftmals geringeren Nachrichtenwert als die Zeitansage und Katrin Müller-Hohenstein hat sich schon mal Boulevard-Sendungen bei Privatsendern empfohlen, aber es ist schon gewöhnungsbedürftig, dass jetzt wirklich erst einmal kein Fußball im Fernsehen mehr kommt. Ich habe gestern Abend auch widerstandslos die Glotze wieder in die Hände meiner Familie gelegt, sinnbildlich jedenfalls. Für die Zeitdauer der Weltmeisterschaft galt ein gewisser Anachronismus auf Zeit, der Mann, das kurzzeitig geduldete Familienoberhaupt, durfte widerspruchslos bestimmen, was es abends im Fernsehen gab. 18 Uhr, 21 Uhr, 24 Uhr, völlig egal, es wurde Fußball geguckt, die Paarungen waren nebensächlich. Sogar Bier und Chips durfte ich zu mir nehmen, ohne dass zu sehr die körperlichen Begleiterscheinungen zu sehr thematisiert wurden. Damit ist es jetzt vorbei und ich muss mich wieder unterordnen, was bedeutet, dass ich maximal eine Nachrichtensendung am Tag sehen darf, ansonsten gibt es nur das Promi Shopping Dinner, Rosamunde Pilcher Krimis oder Heile Welt Dokus mit den immergleichen Off-Sprechern.

Aber ich werde mich rächen. Und Fragen stellen. Genauso, wie es meine Familie in den letzten Wochen mit mir gemacht hat. Da beklagen sich alle, dass Kommentatoren zu viel erzählen, aber wer einmal Fußball mit meiner Frau und meinen drei Kindern geguckt hat, der weiss, dass die öffentlich-rechtlichen Kommentatoren in ihrem kommunikativen Verhalten eigentlich einem Schweigegelübde nahe kommen. Das allabendliche Potpourri der Fragen reichte bei uns vom omnipräsenten “Wer hat jetzt den Ball?”, das sofort vom Kommentator beantwortet wurde, ein Umstand, auf den ich hinzuweisen nicht müde wurde, über “die Trikots sehen aber nicht so schön aus” und “der bin ich immer bei FIFA 14!” bis zum Klassiker “jetzt können die anderen aber auch mal ein paar Tore schiessen, sonst ist das unfair!” – vielleicht lese ich aber auch einfach ein Buch, dann muss ich das sommerliche Fernsehprogramm nicht ertragen.

Wir sind Weltmeister. Es ist einfach ein tolles Gefühl. Unser Sohn pfeift nicht mehr einfach so vor sich hin, sondern er summt jetzt die Nationalhymne. Unsere Tochter hat sich zu jedem Spiel schwarz-rot-gold geschminkt. Unsere Mannschaft hat tollen Fußball gespielt und begeistert. Es gab immer Chips und Bier. Ich freue mich schon auf die Europameisterschaft.

Mein Thanksgiving im Jahr 1989 war irgendwie anders und das lag an Max und auch an Bob Dylan. Meine Gasteltern luden mich und meine vier Gastgeschwister in den Minivan und wir fuhren nach Kansas, um mit zwei befreundeten Familien Thanksgiving zu feiern. Thanksgiving war zwar irgendwie traditionell, also mit Turkey, Pumpkin Pie, Honey glazed Ham, American Football, irgendeiner Parade im Fernsehen und so weiter, aber für uns war das Besondere, dass wir alle ein T-Shirt trugen mit der Aufschrift “Camp Max – no pain, wrong camp.” – die Erwachsenen hatten sich das ausgedacht, um den Gastgeber Max ein wenig auf die Schippe zu nehmen. Max war ein interessanter Kerl. Er hatte jedes verfügbare Album von Bob Dylan in seiner Sammlung und verehrte ihn sehr. Max war ein ehemaliger Hippie, der natürlich in Woodstock war und danach nach Kanada geflohen war, um dem Draft zu entgehen und nicht nach Vietnam zu müssen. Mein Gastvater konnte auf die Frage “Was hast Du während Woodstock gemacht?” nur antworten “ich war auf dem Weg, um mich nach Vietnam einschiffen zu lassen, aber dann wurde ich anders verwendet und musste nicht aktiv am Krieg teilnehmen”, das war zwar ehrlich, aber nicht so cool wie die Teilnahme am Woodstock Konzert. Meine Eltern konnten mit dem Wort Woodstock nichts anfangen, was mich in meiner musikalischen Findungsphase als Jugendlicher immer total erstaunt hat. Sie waren zwar progressiv gewesen, aber ihr popkultureller Erfahrungsschatz war dann doch eher limitiert. Nicht so bei Max, er hatte die für mich großartigsten Bands der Epoche live gesehen und hatte noch dazu mit seiner Kriegsdienstverweigerung durch Ausreise nach Kanada ein enorm starkes Zeichen gesetzt. Ich war tief beeindruckt. Aber Max war irgendwie kaum nahbar, ein totaler Zyniker, der von uns 11 Kindern an Thanksgiving mehr als genervt war und das auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit deutlich machte. Naja, das Motto “no pain, wrong camp” war dann irgendwie passend und ich war vor allem enttäuscht, dass Max nicht mit mir über Bob Dylan, Woodstock, die Counterculture der Sixties, LSD und so weiter diskutieren wollte. Er blieb unnahbar. Max war Anwalt und arbeitete als Pflichtverteidiger, ich vermutete, dass ihn das hat zynisch werden lassen.

Ein Jahr nach meiner Rückkehr nach Deutschland verbrachte ich meinen Sommer erneut bei meinen Gasteltern und wir besuchten Max und seine Familie. Während eines Ausflugs nach Kansas City fuhr Max und saß mit meinem Gastvater vorne, während ich mich hinten mit meiner damaligen Freundin unterhielt. Nach einer Weile drehte sich Max um und blaffte uns an, dass wir aufhören sollten, uns auf deutsch zu unterhalten, er könne es nicht ertragen. Er erzählte uns, dass er drei Jahre nach dem Krieg in einem Armeelager in Bayern geboren wurde und dass seine Eltern polnische Juden waren, mit denen er dann in die USA ausgewandert war. Und dass er die deutsche Sprache nur schwer ertragen könne, nach all den Erzählungen seiner Eltern. Wir schwiegen, denn nach Reden war uns auch nicht mehr zumute.

Tja, das hätte mir auch mal jemand vorher sagen können, ich kannte ja nur die Hippie-Geschichten aus den 60ern und auch die Camp-Anspielung machte dann, mehr als zwei Jahre später, endlich Sinn, wenn es auch eher zynisch war, was Max vermutlich gefiel. Max ist vor 20 Jahren gestorben, nach einer unendlich beschissenen und langen Leidensphase. Aber immer wenn ich an Bob Dylan denke, dann kommt mir Max in den Sinn und mir wird immer wieder bewusst, wie weit die Schuld meiner Großeltern-Generation doch reicht.