Archiv für die Kategorie ‘leben’

28. Dezember 2011

Das Ehemaligentreffen: Sneak Peak in das Leben der Anderen

Weihnachten ist voll von Ritualen, einige mag man mehr, andere weniger, viele werden einem aufgezwungen und man kann sich irgendwie nicht wehren. Für mich gibt es seit über 20 Jahren ein seltsames Ritual, das anfing, als ich in der Oberstufe war. An der Lauenburgischen Gelehrtenschule zu Ratzeburg, Gymnasium für Jungen und Mädchen, wobei ich mir immer vorstelle, wie gequält der Zusatz “und Mädchen” in den Anfangsjahren geklungen haben muß, galt doch die LG Ratzeburg lange, lange Zeit als das traditionelle Vorzeige-Gymnasium Schleswig-Holsteins, das auch noch bis tief in die 80er Jahre stolz auf die Einhaltung der 6-Tage-Woche war, findet alle zwei Jahre das Ehemaligentreffen statt, das traditionell von den Oberstufen-Jahrgängen unter Mitwirkung der Lehrer und des Ehemaligenvereins ausgerichtet wird. Vor 20 Jahren war das Ehemaligentreffen echt spannend, da traf man ehemalige Mitschüler, die berichteten, wie es denn so im Studium, beim Bund oder beim Zivildienst abläuft. Als ich dann selber Ehemaliger war, war ich erst einmal froh, viele Leute nicht mehr täglich sehen zu müssen, habe mich dann aber doch gefreut, viele der Mitschüler für einen Abend wieder zu treffen. Damals habe ich mich gewundert, was das wohl für Leute sein müssen, die augenscheinlich schon sehr lange aus der Schule raus sein müssen, sich dennoch zwischen vielen, vielen Schülern und Studenten um die 20 mischen, um beim Ehemaligentreffen wieder einmal in Ratzeburg zu sein.

Zwischenzeitlich wurde die alte Lauenburgische Gelehrtenschule abgerissen, die in den 60ern gebaut und mehrfach angebaut wurde, nicht schön, aber irgendwie meine Schule war, mit pekigen Ecken, mit 80er-Jahre alternativen Versuchen der Auffrischung des Ambientes, mit von mir eingeritzten “The Who”, “Sex Pistols”, “The Clash” oder “Skate or Die!” in irgendwelchen Tischreihen in den Bio- und Chemieräumen, mit den Heizungsrohren im sogenannten Papptrakt, gegen die man schön treten konnte in den Freistunden, damit in den Klassenräumen nur noch ein lautes Geboller zu vernehmen war, der Redaktionsraum des Insulaners, in dem ich viel Zeit verbracht hatte und nach einigen Ausgaben als VisdP den Entschluß fasste, Journalist werden zu wollen, all dies fehlt jetzt und wurde ersetzt durch eine neue Schule, die an ein modernes Krankenhaus oder Seniorenwohnheim erinnert in seiner Sterilität. Ich hatte keinen Edding dabei, auch das wäre früher unvorstellbar gewesen.

Mittlerweile gehöre ich selber zu diesen alten Säcken, über die ich mir früher gewundert habe, wieso die immer noch zum Ehemaligentreffen kommen. Ich durfte mich auf einer Liste eintragen der Abi-Jahrgänge 1990-2000, als ob ich irgendwas mit den Jahrgängen zu tun gehabt hätte, aber nun ist man auf einmal in derselben Alterskohorte. Viele ehemalige Mitschüler, mit denen ich reden wollte, habe ich dann doch nicht getroffen, das hat sich zu früher schon verändert, wahrscheinlich weil immer weniger über Weihnachten die Eltern besuchen fahren. Ich habe auch etliche Leute gesehen, mit denen ich nicht reden wollte. Und auch einige getroffen, denen ich nichts zu sagen hatte. Und natürlich auch mit einigen Leuten geredet, von denen ich nicht den blassesten Schimmer einer Ahnung habe, wer das war, aber ich bin ja Stehparty-gestählt und kann das gekonnt überspielen. Ich habe vor allem festgestellt, daß ich nicht die dickste Plauze habe, im Gegensatz zu vielen meines Alters noch sehr volles Haar habe, ganz ohne merkliches grau, und daß ich niemals so alt werden kann wie einige bereits jetzt schon aussehen. Der verarmte Landadel wirkt weiterhin genauso kollektiv spießig-spackig, daß man auf eine lange inszestiöse Tradition schließen könnte, so sehr wird die Gleichförmigkeit weitervererbt. Haben sich Leute verändert? Irgendwie nicht, glaube ich. Einige sind raus in die weite Welt, andere im Lauenburgischen verwurzelt. Die Leute aus meinem Jahrgang sahen auch noch aus wie früher, da hat sich nichts verändert. Mir wurde erst später bewußt, daß ich zwar seit 15 Jahren endlich mal wieder ein kariertes Flannelhemd trug, aber damit genau so rumgelaufen bin wie früher in der Oberstufe.

Ich habe gestern sehr wenig “mein Auto, mein Haus, meine Yacht” gespielt, das war direkt nach dem Abitur irgendwie exzessiver, jetzt wurde nur noch die Zahl der Kinder aktualisiert. Ich habe auch darüber nachgedacht, ob ich alte Lehrer von mir ansprechen sollte, aber die hatten nahezu alle diesen “den Typen kenne ich noch von irgendwoher, was bin ich froh, daß ich diesen Knilch nicht mehr unterrichten muß!”-Blick aufgesetzt, daß ich irgendwie nicht davon ausging, daß ein kleiner Plausch über daß, was sich bei mir in den letzten 20 Jahren verändert hat (alles.) vs. was sich beim Lehrer verändert hat (eher wenig, immer noch Lehrer) irgendwie nicht so spannend werden würde. Ich glaube, ich war einfach sehr froh, als ich endlich das Abitur hatte, obwohl ich sehr viel Spaß in der Schule hatte. Es war sehr schön, mal wieder an der alten Schule zu sein, aber ich war auch sehr froh, als es wieder nach Hause ging. Das Motto der Schule, DOCTRINAE, SAPIENTIAE, PIETATI, habe ich übrigens trotz meines kleinen Latinums nie übersetzt bekommen, es hat aber irgendwie auch so geklappt. Ich glaube, ich habe mich ganz gut gehalten.

01. Dezember 2011

Steve Jobs über den Einfluß auf die Welt um uns herum

“You can change it. You can influence it. You can build your own things, that other people can use. Once you learn that, you’ll never be the same again.”

Schreibt Euch das mal hinter die Ohren. Aber niemals den obersten Knopf zu machen ohne Schlips, das sieht nicht aus.

23. November 2011

Gute Freunde sind nie allein

Ich werde zum Jahresende Scholz & Friends verlassen. An dieser Stelle muss jetzt eine lange Pause kommen, um die Dramatik meiner Worte zu untermalen. Aber so schlimm ist das alles gar nicht. Ich hatte drei wundervolle Jahre bei Scholz & Friends, habe extrem viel gelernt und das große Glück gehabt, mit vielen wunderbaren Menschen zusammenarbeiten zu dürfen. Gemeinsam haben wir das Thema Social Media und die digitalere Ausrichtung der Agentur vorangetrieben, was bei einer so großen Agenturgruppe wie Scholz & Friends ein nicht immer leichtes Unterfangen darstellt. In meinen drei Jahren bei Scholz & Friends war ich in unzählige Pitches involviert und durfte zweimal hintereinander miterleben, wie die bislang größten Pitches der Agenturgeschichte gewonnen werden konnten. Alles, was ich über Markenführung weiß, habe ich in drei Jahren Scholz & Friends und aus vier Staffeln Mad Men gelernt.

Ich bin schon ein wenig wehmütig, daß ich jetzt Scholz & Friends verlasse, aber ich weiß, daß meine Kollegen künftig auch gut ohne mich zurecht kommen werden. Überheblich könnte ich jetzt schreiben: ich hinterlasse ein gut bestelltes Feld, aber dafür bin ich zu bescheiden. “Mission accomplished” könnte man das auch nennen.

Ich werde mich ab Januar neuen Aufgaben widmen, wie es immer so schön heißt. Ich kann auch schon etwas verraten: ich werde irgendwas mit diesem Internet machen, das soll sich jetzt wohl durchsetzen, munkelt man.

18. November 2011

Das Spannungsfeld von Activist Media, Journalismus und Corporate Media

Activist Media ist ein tolles neues Wort, das mir bis dato nicht geläufig war. Es ist quasi eine Form des User Generated Content, publiziert und distribuiert von Leuten, die eine Agenda haben und daher wollen, daß ihr Thema Aufmerksamkeit bekommt. Diese Activist Media findet statt in einem Umfeld, in dem viele Geschäftsmodelle durch das Internet bedroht sind und daher immer mehr Kostendruck entsteht, was dazu führt, daß sich der Journalismus verändert und beispielsweise weniger Zeit für Recherche oder Reportage zur Verfügung steht.

Das ist gut für Activist Media, weil oftmals Beiträge einfach von den traditionellen Medien übernommen werden und damit mehr Reichweite bekommen, insbesondere bei Fotos und Videos ist dies zu beobachten. Der Umwälzungsprozeß der Branche führt aber natürlich auch vermehrt dazu, daß Unternehmen und Marken ihre eigenen Publikationen erschaffen und von ihrer Seite aus den traditionellen Journalismus angreifen.

Der amerikanische Journalist Tom Forenski hat dies in seinem Artikel The continuing rise of activist media and the demise of the Fourth Estate so zusammengefasst:

Some might cheer the diminishment of the “gate keepers” but professional journalists are essential to a healthy democracy. They are used to dealing with special interests and their agendas, and they strive to produce media that is fair, balanced, accurate, and trustworthy — most people don’t have the same training to see what’s what.

This struggle between establishment media and corporate interests has been going on for a long time. The media used to be referred to as the Fourth Estate, one of the four pillars of society.

What’s changed is that the Fourth Estate is shrinking rapidly because its business model is under attack. This means that its ability to act as a check and balance against the agendas of rich and powerful special interests is also under attack.

It means that important issues will increasingly be presented through media that is polluted by bias, and designed to serve the interests of corporate agendas rather than a common good.

While it is true that activist media of the Occupy Wall Street kind also gets a boost from a weaker establishment media, corporate media has money and that means access to mass media distribution channels — these are far more effective than relying on social networks.

Interessanter Aspekt, daß der klassische Gatekeeper benötigt werden soll, um die Interessen auszutarieren. Regelt sich das nicht durch die vielgepriesene Schwarm-Intelligenz oder wenigstens durch immer smarter werdende Tools, die interessante Inhalte nach oben spülen? Ich finde durchaus, daß dieses Thema interessante demokratie-theoretische Implikationen haben wird, da kann man mal durchaus drüber nachdenken.

12. Oktober 2011

Familienspeisung mit KommtEssen

Meine Frau sagt gerne, daß meine Ernährungsgewohnheiten noch Verbesserungspotential hatten, als wir uns kennenlernten. Ich war Student, hatte kein Geld und auch kein Interesse am Kochen. Das hat sich mittlerweile etwas verändert, jedenfalls koche ich gerne und bin auch kein Student mehr. Aber trotzdem bringt das Kochen immer noch einiges an Nervpotential mit sich, vor allem wenn es darum geht, das Abendessen für die Familie zu zaubern. Ich bin da quasi hin- und hergerissen zwischen Kinder, Küche und Karriere – da ist es nicht leicht, jeden Abend wieder ein gesundes, wohlschmeckendes Essen auf den Tisch zu stellen, das hungrige Mäuler begeistert.

Bereits vor einiger Zeit bin ich über KommtEssen gestolpert und dachte mir, daß ich das eigentlich mal austesten müsste. Das haben wir jetzt getan, denn Lisa Rentrop von KommtEssen hat mich gefragt, ob wir nicht einfach mal KommtEssen testen wollen. KommtEssen liefert alle Zutaten für das Abendessen einer Familie mit Kindern, man muß sich nur entscheiden, wieviele Mahlzeiten in der großen KommtEssen-Tüte sein sollen. Wir haben uns für Mahl4 entschieden und dementsprechend die Zutaten für vier Mahlzeiten inklusive Rezepte bekommen. KommtEssen garantiert eine ununterbrochene Kühlkette und das Gemüse sah auch wirklich frisch aus, aber da wir nie abgepacktes Fleisch kaufen, waren wir vom abgepackten Fleisch dementsprechend wenig begeistert, wohlwissend, daß es eben nicht anders geht. Die 4 Rezepte konnte man auch ohne große Kochkünste innerhalb einer angemessenen Zeit, also so ca. 30 – 45 Minuten kochen.

Wie es geschmeckt hat? Nun ja, ich fand es toll, die eher weniger experimentierfreudigen Familienmitglieder waren nicht so überzeugt. Dabei war keines der Rezepte extravagent, sondern eben nur etwas anders als das, was wir sonst kochen. Es passiert mir alledings auch so häufiger, daß ich etwas koche und skeptische Blicke ernte. Mir ist aufgefallen, daß ich mich erst darauf gefreut hatte, daß ich mir keine Gedanken über das Abendessen machen muß, mir dann aber vier vorgeplante Mahlzeiten doch eher zu viel des Guten war, drei Mahlzeiten hätten mir gereicht. Dennoch finde ich, daß KommtEssen für berufstätige Eltern eine wirkliche Erleichterung darstellt. Ich weiß nämlich gerade schon wieder nicht, was wir heute abend essen wollen.

Ich habe Lisa Rentrop mal ein paar Fragen zu KommtEssen gestellt:

Wie bist Du auf die Idee gekommen, KommtEssen in Deutschland zu starten?
Freunde von mir haben diese Branche in Schweden gestartet (Middagsfrid – direktübersetzt “Abendessenfrieden”). Ich habe aus der Ferne bewundert, was die alles auf die Beine gestellt haben, und mir leise gewünscht, daß es diese Service auch hier gäbe – für mich als berufstätige Mutter. Eines Tages hatte ich dann die Frage in meiner Facebook-Inbox: “wie fände ich es, das Konzept nach Deutschland zu bringen zusammen mit Middagsfrid?”. Sehr sehr spannend fand ich die Idee, so spannend das ich nicht nein sagen konnte, sondern mein festen Job als Projektleiterin gekündigt habe, um es zu probieren. Das war anfang 2010. Jetzt erreichen wir ca 10 Millionen Deutsche mit unseren Liefergebieten (Hamburg, Berlin, München, Köln, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Lübeck, Main, Wiesbaden, Leverkusen… etc)

Wo kommen die Rezepte her?
Ich gehe von schwedischen Wochenplänen aus, und tausche Rezepte nach Bedarf. Wir kriegen hier keinen Elch oder Reintier, diese Rezepte werden überarbeitet. In Deutschland achten wir auf die Spargelzeit, Grünkohlzeit und sonstige Saisons. Wir nehmen regionale deutsche Rezepte, von Omas, verstärken diese fast immer mit Gemüse, um unseren Ansprüchen gerecht zu werden und kochen probe, bevor es in die Tüte wandern darf.

Im Allgemein sind die Rezepte international: Mediterrane Küche mit viel Zitrus, Olivenöl und frischen Kräutern, Französisches, Asiatische/Indische/Südamerikanische Geschmacksrichtungen, hier und da ein schwedisches Lachsrezept, und wie gesagt die deutschen Spezialitäten.

Welches Rezept wird von Euren Kunden am Häufigsten angefragt?
Wir stellen die Tüte jede Woche neu zusammen. Nur die allerbesten Rezepte dürfen noch einmal im Jahr in der Tüte rein. Wir fragen unseren Kunden jede Woche, wie es geschmeckt hat, und ob es einfach war zuzubereiten (per Surveymonkey). Unter den Lieblingsgerichten findet man frischen Fisch in wunderbarer Kokossauce, unsere Pilzcannelloni mit frischen Lasagneplatten, Schweinefilet in Speckmantel mit geröstetem Blumenkohl, Hähnchenwraps mit knackigem Salat u.a.

Lisa, vielen Dank für den Test von KommtEssen und für die Beantwortung meiner Fragen.

Stevan Paul hat bereits vor einem halben Jahr über KommtEssen geschrieben und auch ein paar aussagekräftigere Sätze zu den Rezepten gefunden.