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WLAN ist toll. Eine großartige Erfindung, die ich seit vielen Jahren nicht mehr missen möchte. Und ich weiss noch, wie es war, als man nie ohne LAN-Kabel aus dem Haus ging und zur Sicherheit noch einen kleinen Hub oder eine Switch dabei hatte. Ich weiss, Opa erzählt von der Zeit nach dem Krieg und so. Aber es kommt ja noch besser, mittlerweile gibt es öffentliche WLAN an vielen Ecken. Noch vor 10 Jahren war das total unüblich und als ich damals in Wien war zur BlogTalk, die erste Blogkonferenz damals 2003, da durfte ich ganz verzückt feststellen, dass im Museumsviertel öffentliches WLAN verfügbar war. In der Zeit gab es in Hamburg in einigen Cafés zwar bereits WLAN, aber insgesamt war es wenig verbreitet.

Mittlerweile wird mit WLAN geworben, es ist ein USP geworden für viele Cafés, Hotels und andere Plätze. Egal ob Starbucks oder Bahn, es wird mir ein WLAN zur Nutzung angeboten. Ich zahle fröhlich ein paar Euro mehr für meinen T-Mobile Vertrag, damit ich bundesweit die WLAN-Hotspots der Telekom nutzen kann.

So weit so gut. Aber was mich wirklich nervt, ist die extrem wechselhafte Qualität des WLAN-Angebots. Andersherum ausgedrückt: man kann sich nicht darauf verlassen, dass das WLAN nutzbar ist. Am ICE prangt ein dickes WLAN-Logo, aber das WLAN funktioniert nicht, niemand kann helfen. Im Starbucks sitzen so viele Leute mit Laptops, Smartphones und Tablets, dass man das WLAN zwar nutzen kann, aber alles so langsam ist, dass man kaum arbeiten kann. Anderswo kann man sich zwar einloggen, aber ansonsten funktioniert nichts. Ich denke, das geht nicht nur mir so, oder?

Ich verstehe das nicht. Warum schafft man ein Angebot und kümmert sich dann nicht darum? Für mich ist die WLAN-Nutzung zu einem reinen Glücksspiel geworden. Ich merke das immer daran wie schnell mein Datenpaket aufgebraucht ist, denn wenn das WLAN nicht funktioniert, arbeite ich eben über den Personal Hotspot meines iPhones. Ich arbeite viel von unterwegs und nutze die WLAN-Hotspots nicht nur aus Jux und Dollerei, sondern weil ich Dinge erledigen will oder muss. Zwar sind viele WLAN-Angebote mittlerweile kostenlos und liegen nicht mehr bei 24€ pro Tag wie noch vor einigen Jahren, aber es wäre doch sehr schön, wenn etwas mehr Wert auf die Qualitätssicherung gelegt werden könnte. Ich verstehe ja auch, dass im ICE die Nutzung des WLAN unter erschwerten Bedingungen passiert als im Café, aber für beide gilt: wenn man es anbietet, dann sollte es auch immer nutzbar sein und nicht nur manchmal. Sonst wird das nämlich alles nix mit dieser Breitband-Offensive in Deutschland, wenn wir noch nicht mal stabiles WLAN hinbekommen!

Im Sommer 1991 war ich wieder bei meiner Gastfamilie in Iowa zu Besuch, nachdem ich 1990 aus den Staaten zurückgekehrt war. Der Sommer 1991 war ordentlich heiss, aber dennoch wollten wir einen längeren Roadtrip von Des Moines nach Chicago und dann weiter nach Minneapolis machen. Also wurde der Minivan, ein Plymouth Voyager, der schon etwas betagt war, vollgeladen und neben mir und meiner damaligen Freundin fuhren meine Gastmutter, zwei „eigene Kinder“ und zwei Freunde der Kinder mit.

Bereits auf der Strecke nach Chicago wurde klar, dass der Wagen ein Problem hatte, denn nach einer Weile des Fahrens in der Hitze mussten wir anhalten und den Motor etwas ruhen lassen, bevor wir weiter fahren konnten. Das war eher nervig, aber für uns auch nicht so schlimm, schliesslich konnten wir bei den zahlreichen Stops Eis essen oder die Softdrink-Vorräte auffüllen. Immerhin brachte uns der Wagen bis nach Chicago und nach zwei Tagen Chicago inklusive einem Besuch des legendären Wrigley Fields zu einem Spiel der Chicago Cubs sind wir dann am Nachmittag aufgebrochen, um nach Minneapolis zu fahren.

Allerdings sind wir in der Nachmittagshitze bei extrem zähfliessendem Feierabendverkehr nicht wirklich weit gekommen, denn irgendwann blieben wir mit dem Wagen auf der Interstate liegen, unweit des Stadions der Chicago Whitesox in der Chicagoer South Side. Die South Side galt damals eher als heruntergekommener Stadtteil mit einer hohen Arbeitslosenquote unter den überwiegend schwarzen Einwohnern, mit viel Gewalt durch Gangs und dem damit verbundenen Drogenhandel. Das wusste ich damals nicht, meine Gastmutter aber durchaus. Jedenfalls blieben wir dort mit dem Wagen liegen, kurz vor Anpfiff des Spiels der Whitesox und direkt an der Ausfahrt. Ausgelassene Menschen fuhren an uns vorbei direkt zum Spiel oder in den Feierabend. Es interessierte aber niemanden, dass wir da mit offener Motorhaube und dampfendem Motor standen in der prallen Hitze. Meine Gastmutter war unschlüssig, was sie nun machen sollte, ihren Ausspruch „Damn, why do I have to be the adult?“ werde ich nie vergessen. Sie wollte uns weder alleine im Auto zurücklassen, um Hilfe zu holen, noch jemanden von uns die Ausfahrt entlang schicken, um dort jemanden zu finden, der uns helfen könnte. Also warteten wir, ob zufällig ein Abschleppwagen oder die Polizei vorbei kommen würde.

Nach einer Weile kam jemand vorbei. Ein klappriger alter Ami-Schlitten hielt knapp 50m entfernt von uns an und aus dem Fahrerfenster kletterte ein Mann, der sich schnell auf uns zu bewegte. Der Mann machte einen eher verlotterten Eindruck, trug dreckige Jeans und ein speckiges T-Shirt, hatte große Hände, vernarbte Unterarme, verfilzte Haare und sprach mit einem breiten Akzent, so wie es die Schwarzen in Chicago tun. Er sagte zu meiner Gastmutter: “Ma’am, can I help you?” und meine Gastmutter guckte ihm in die glasigen Augen und dann guckte sie mich fragend an, bis sie erwiderte, dass wir Probleme mit dem Wagen hätten. Der Mann sagte “My name is George. I’m a mechanic. Wait a minute!”, dann drehte er sich um und lief zurück zum Auto, beugte sich tief durch das Fahrerfenster in das Auto und holte eine Brechstange hervor. Damit ging er zum Kofferraum, öffnete den Kofferraum mit der Brechstange und holte einen Werkzeugkoffer hervor. Mit dem Werkzeugkoffer kehrte er zum Auto zurück, sagte zu meiner Gastmutter: „Trust me, the Lord sent me!“ und riss irgendwelche Schläuche im Motorraum aus ihrer Verankerung, so daß eine grüne Flüssigkeit austrat und meine Gastmutter “we will never get out of here” murmelte. Nach einer Weile kam George wieder aus dem Motorraum hervor und meinte, wir sollten den Motor wieder starten. Und tatsächlich, die Kiste sprang an. George meinte, wir sollten ihm zur nächsten Tankstelle folgen, um neue Kühlflüssigkeit zu kaufen. An der Tankstelle angekommen, meinte George zu meiner Gastmutter: “go, get me a can of coke!” – meine sichtlich irritierte Gastmutter fragte nach, welche Art es denn sein solle, worauf er erwiderte: “any coke will do. I want to prove to you that I am really a mechanic!” Nun ja, wir hatten ihm schon vertraut und der Wagen lief wieder, aber nun waren wir doch gespannt, was George denn mit der Cola vorhatte. Er nahm die Dose, öffnete sie, trank einen Schluck und kippte den Rest über die Batterie, bei der dann magisch die ausgetretene Batteriesäure entfernt wurde. Wir waren nun vollends perplex. George war der Retter in der Not, auch wenn wir eher Befürchtungen hatten, dass er unser Problem nur noch verstärken wurde. Ich werde dieses “Trust me, the Lord sent me!” nie vergessen und natürlich täuscht der erste Eindruck oftmals, den man von Menschen hat. Wir sind mit dem Wagen locker bis nach Minneapolis und dann zurück nach Des Moines gefahren, nur Dank George.

Wie ich gerade jetzt darauf komme? Wegen des Artikels 20 Practical Uses for Coca Cola – Proof That Coke Does Not Belong In The Human Body, der mir gerade in die Timeline schwappte.

Ach, und als wir in Minneapolis ankamen, meinte die Freundin meiner Gastmutter nur lakonisch “People got killed in the South Side for less than a broken car.” Meine Gastmutter war jedenfalls heilfroh, dass wir unversehrt in Minneapolis angekommen waren und als gläubige Christin wurde sie nicht nur durch den Ausspruch „Trust me, the Lord sent me!“ in ihrem Glauben noch bestätigt. Für uns alle war das Erlebnis mit George etwas, was wir nicht vergessen würden.

Auf zeit.de kann man gerade nachlesen, wie wenig Kinder und Karriere vereinbar sind. Geht alles gar nicht, behaupten die beiden Autoren und berichten von ihrem Alltag und den Herausforderungen. „Die Wahrheit ist: Es ist die Hölle.“ schreiben sie.

Ich habe mir den Artikel jetzt mehrfach durchgelesen. Ich schwanke immer noch zwischen Nicken und Kopfschütteln. Wir haben selber drei Kinder und mir ist durchaus bewusst, wie anstrengend das (Großstadt-)Leben mit Kindern sein kann. Das tägliche Wegbringen und Abholen will koordiniert sein, ebenso wie alle anderen Aufgaben, die eine Familie so mit sich bringt. Das ist anstengend, egal ob beide Elternteile berufstätig sind, ob Karriere gemacht werden soll, oder nicht. Als Eltern steckt man erst einmal zurück, Wolfgang hat das gut beschrieben. Gleichzeitig frage ich mich durchaus, welche Anspruchshaltung die Autoren für ihr Dasein als Väter haben und was andere Väter dazu sagen würden. Der Artikel ist dann irgendwie doch ein Klagen auf hohem Niveau, denn so anstrengend das Leben als Journalist auch sein mag, ein Vater, der Sonntag abends in den Kleinbus steigt, um quer durch die Republik zu fahren, damit er die Woche über auf Montage arbeiten kann und erst Freitag spät abends zurückkehrt, hat sicherlich viel weniger Möglichkeiten, den Kindern als Vater präsent zu sein.

2012-10-13 17.29.43Dennoch, ich kenne das Gefühl gut, dass alle an einem zerren und man immer meint, irgendwem nicht gerecht zu werden. Der Partnerin, den Kindern, der Arbeit, dem eigenen Körper, der eigenen Psyche. Es zerreisst einen teilweise, weil man wieder einen Kompromiss finden musste, den man nicht finden wollte und dann doch nur halb bei der Sache ist. Andererseits gibt es auch so Momente, bei denen ich gar nicht wirklich bei der Sache sein will, obwohl ich treu-sorgender Vater bin. Fußballtraining ist so eine Sache. Seit einiger Zeit nehme ich mir den Freitag nachmittag frei, um unseren Sohn zum Fußball-Training zu bringen. Das ist ihm wichtig. Mir auch. Aber mal ehrlich, ich kann nicht eine Stunde lang dabei fasziniert zugucken, wie eine Horde Jungs mehr oder weniger talentiert dem Ball hinterherläuft. Ich war immer froh, dass ich unsere Tochter beim Chor und beim Tanzen in der Musikschule immer nur abliefern und abholen sollte, nicht aber den Proben beiwohnen musste. Natürlich lese und schreibe ich in der Zeit Emails, natürlich telefoniere ich in der Zeit, warum auch nicht? Der Sohn soll sich auf das Training konzentrieren, nicht auf seinen Vater, der am Spielfeldrand rumsitzt. Ich bin früher immer alleine beim Training gewesen und daher verspüre ich auch wenig Drang, meine Kinder in jeder Sekunde ihrer Freizeit begleiten zu müssen. Quality Time sollte es geben, klar, und dabei scheitere ich oft genug daran, das Smartphone mal wirklich weg zu legen, aber ich bin eben auch ein ziemlicher Gesellschaftsspielehasser und kann mich zudem nur schwer zurückhalten, brutalstmöglich zu gewinnen, wenn sich mir die Chance bietet, quasi als Rache für die ertragenden Qualen. Sicher, ich würde auch liebend gerne den ganzen Tag lang die coolsten Bauwerke aus LEGO bauen mit meinen Kindern, aber man muss ja nicht gleich die Überhöhung der Werbung für sein eigenes Leben als gesetzt annehmen.

Ich habe mal vor einigen Jahren meinen Gastvater aus Iowa gefragt, wie er es denn geschafft hat, mit 4 Kindern Karriere zu machen. Ich habe ihm von meiner Zerrissenheit erzählt, von den täglichen Herausforderungen und der Unzufriedenheit, es vermeintlich niemandem Recht machen zu können. Ich hoffte natürlich auf deinen Kniff, der mein Leben einfacher gestalten würde. Nix da. Ich solle mich damit abfinden, dass in der Lebensphase, in der ich am Produktivsten sei, in der ich Karriere machen würde, gleichzeitig auch die Familie die größten Anforderungen stellen würde. Ich solle mich auf Jahre des Verzichts und des wenigen Schlafs einstellen. Danke, das half zwar nur bedingt weiter, zeigte mir aber auf, dass die Problemlage, in der ich mich befand, nicht komplett einzigartig war. Ich versuche also weiterhin, mit zu vielen Bällen zu jonglieren und immer, wenn einer runterfällt, arbeite ich daran, die Komplexität zu reduzieren. Das klappt natürlich auch nur ansatzweise, aber ich würde den Zustand nicht als Hölle bezeichnen, sondern eher als Herausforderung, die man als Elternteil anzunehmen hat. Dabei sollte man sich durchaus darüber im Klaren sein, dass man extrem privilegiert ist, wenn man die Zeit hat, derartige Gedanken zu formulieren, also doch irgendwie noch Muße zu finden scheint. Vielen berufstätigen Eltern geht es noch viel schlechter, die haben jeden Tag viel existentiellere Herausforderungen und wären froh, unsere Probleme zu haben. Wer Karriere machen will, muss eben die Zähne zusammenbeissen und da durch. Wenn es einfach wäre, würde es ja jeder machen.

Es ist selten, dass ich mal vor Plakaten stehen bleibe und denke: „wow, das ist mal eine richtig gute Idee, die Debatte ist lange überfällig!“ – aber bei der aktuellen Kampagne der IG Metall, deren Plakatmotive ich seit ein paar Wochen an den Bahnhöfen gesehen habe, ist dies der Fall.

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Ich finde, dass diese Kampagne genau die richtigen Fragen aufwirft, was die Zukunft der Arbeit angeht. Denn irgendwie habe ich das Gefühl, dass noch immer nicht gesehen wird, wie sich die Arbeit gerade verändert. Das hat mit der Automatisierung in einigen Branchen zu tun, so wie es Constanze Kurz und Frank Rieger in ihrem Buch Arbeitsfrei eindrücklich beschrieben haben, aber auch mit dem Entstehen neuer Arbeitsfelder und neuer Jobs. Wenn man sich allerdings die Debatten so anguckt, dann bekommt man den Eindruck, dass man sich eher in die Realität der 70er Jahre zurücksehnt, als zu erkennen, dass eine Veränderung der Arbeitswelt natürlich auch zur Folge haben muss, dass wir dringend Vorstellungen davon bekommen müssen, wie wir als Gesellschaft damit umgehen wollen. Es ist nicht mehr üblich, nach der Ausbildung vom Betrieb übernommen zu werden und dann bis zur Rente in dem Betrieb zu arbeiten. Das bedauern etliche sicherlich, aber für andere käme ein derartiges Modell nicht in Frage. Überhaupt stellt sich immer mehr die Frage, wie wir die Arbeit so verteilen wollen, dass genug für alle da ist und nicht die einen sich überarbeiten, während die anderen keine Beschäftigung finden.

Mich treibt dieses Thema seit einiger Zeit um, nicht nur, weil ich ein klein wenig am Kreativpakt mitgearbeitet habe, bei dem die SPD Bundestagsfraktion in der letzten Legislaturperiode versucht hat, die Herausforderungen für die Erwerbstätigen in der Kreativbranche zu verstehen und Lösungsansätze für die Verbesserung der Situation zu definieren. Aus eigener Erfahrung sehe ich eben auch, mit welcher Rasanz aktuell neue Jobs entstehen, während alte obsolet werden. Die Ümbrüche in der Medienbranche und die neuen Herausforderungen für die Agenturlandschaft waren dabei allerdings nur die Vorboten von Entwicklungen, die wir erst in einigen Jahren auch in anderen Branchen sehen werden. Die disruptive Kraft der Digitalisierung ist enorm. Sie sorgt für neue Arbeitsfelder, von denen Leute wie ich profitieren, sie sorgt allerdings auch für den Abbau von Arbeitsplätzen, für die es kaum adäquaten Ersatz geben wird. Wir müssen Szenarien entwickeln, wie wir als Gesellschaft damit umgehen wollen.

Daher finde ich es super, dass die IG Metall anfängt, die richtigen Fragen zu stellen und damit eine lange überfällige Debatte anschiebt. Bislang sind die Gewerkschaften allerdings in meiner Wahrnehmung auch nicht dadurch aufgefallen, dass sie an vorderster Front versucht haben, Veränderungen zu antizipieren und ihre Mitglieder darauf vorzubereiten, sondern sorgten mit ihren Ritualen für die Einbetonierung des Status Quo. Überhaupt ist mir dabei aufgefallen, wie wenig wichtig in meinem bisherigen Arbeitsleben Gewerkschaften sind. Meine Eltern waren natürlich in der Gewerkschaft, in der GEW und der ÖTV, wie sich das gehört und meine Mutter war auch zeitweilig im Betriebsrat. Für mich stellte sich die Frage noch nie, ob ich in eine Gewerkschaft eintreten sollte. Ich habe allerdings auch noch nie in einem Unternehmen gearbeitet, das einen Betriebsrat hat. Das ist mir neulich aufgefallen, als ich einen Workshop mit Betriebsräten gemacht habe, damit diese Online-Tools effektiver für Betriebsratswahlen einsetzen können. Da konnte ich in einige irritierte Gesichter blicken, als ich meinte, dass ich noch nie in einer Firma mit Betriebsrat gearbeitet habe. Wobei ich natürlich generell eine Interessenvertretung der Arbeitnehmer für unterstützungswert halte, nur boten sich die Gewerkschaften in den letzten Jahren in meiner Wahrnehmung eher nicht an.

Aber die Fragestellungen, mit denen wir es in Zukunft zu tun haben werden, sind ja enorm weitreichend. Wenn immer mehr junge Menschen nur befristete Verträge bekommen, wird das Auswirkungen auf die Investitionsbereitschaft und vor allem auf die Familienplanung haben. Wenn immer mehr Erwerbsbiographien Lücken aufweisen, die durch Arbeitslosigkeit aufgefüllt werden oder durch Zeiten der Selbständigkeit ergänzt werden, denn werden wir nicht darum herumkommen, unsere Sozialsysteme anzupassen. Wenn gleichzeitig ein beträchtlicher Teil der Arbeitnehmer in Frührente gehen will oder muss, weil die Arbeit kaum noch zu schaffen ist, physisch oder psychisch, während viele andere Arbeitnehmer gerne noch länger arbeiten würden, weil sie noch fit sind und die Arbeit Spaß bringt, dann müssen wir uns über flexiblere Renteneinstiegsmodelle unterhalten als wir es bislang tun. Wir werden auch nicht um die Frage herumkommen, wie wir damit umgehen wollen, dass die anstehende Automatisierungswelle, die Huckepack mit Industrie 4.0 kommen wird, substanziell viele Arbeitsplätze vernichten wird. Gleichzeitig haben immer mehr Menschen keine Lust mehr, in Vollzeit zu arbeiten und halten die bisherigen Arbeitszeitmodelle und vor allem die Präsenzpflicht am Arbeitsplatz für überholt. Das hat dann wiederum Auswirkungen auf die Karrieremöglichkeiten, Jobsicherheit und und und.

Kurzum, ich bin der IG Metall dankbar, dass sie diese Kampagne gerade gestartet hat und ich hoffe sehr, dass dadurch eine längst überfällige Debatte um die Zukunft der Arbeit entsteht. Bei D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt haben wir daher für dieses Jahr einen Themenschwerpunkt Digitale Arbeit festgelegt.

51HqSvm0FDLEine der allerbesten Entscheidungen, die ich je getroffen habe, war mein Jahr als Austauschschüler in den USA. Wieso ich darauf komme? Weil ich zu Weihnachten das Buch Alle Toten fliegen hoch: Amerika von Joachim Meyerhoff geschenkt bekommen und sogleich verschlungen habe. Der Autor schildert in dem Buch, wie es war, aus der schleswig-holsteinischen Provinz kommend mit einer Austausch-Organisation ein Jahr an einer amerikanischen Highschool in der Provinz zu verbringen. Bei Meyerhoff ging es von Schleswig nach Laremie in Wyoming. Bei mir war es ähnlich, von Mölln ging es nach Des Moines, Iowa. Vieles, was Meyerhoff in dem Buch schreibt, war bei mir ähnlich, angefangen von den Vorbereitungstreffen in Hamburg, bei denen schnöselige Hamburgerinnen und Hamburger herablassend die Provinzjugendlichen ignorierten bis hin zum Alltag in der Gastfamilie, der Religiösität und vor allem den Abläufen an der Schule.

Für mich war die Idee mit dem Auslandsjahr eigentlich naheliegend, aber von alleine wäre ich nicht darauf gekommen. Meine Mutter war die treibende Kraft dahinter und ich glaube, ein Stück weit war es auch in ihrem Interesse, mich aus dem Haus zu bekommen. Mit 16 Jahren war ich voll konzentriert auf alles Mögliche, nur nicht auf Schule. Ich spielte viel Basketball, war andauernd auf dem Skateboard unterwegs, hörte viel Punk und war in der Schule völlig desinteressiert. Meine Noten waren da, wo meine Motivation auch war. Im Keller. Ich bewarb mich also und wurde zu einem Auswahlgespräch nach Hamburg eingeladen, mit dem deutlichen Hinweis, dass es nicht gerne gesehen wird, wenn man die Fahrt nach Hamburg als Shoppingevent ansähe, an dessen Ende man zu Youth for Understanding (YfU) zum Auswahlgespräch fahre. Folgerichtig bin ich vorher zu Michele Records gefahren und kam mit den üblichen sperrigen Schallplattentüten zum Auswahlgespräch an. In dem Büro von YFU, gar nicht weit weg von unserem jetzigen Zuhause in Hamburg, kam ich mir total deplatziert vor. Ein schniekes Büro in einem Altbau, und ich hatte ausnahmsweise mal keine kaputte Jeans an und Schuhe, die nicht vom Skaten verschlissen waren. Alle wirkten wie aus dem Ei gepellt und hatten sich vorbereitet, ich hingegen setzte auf Spontanität und Ignoranz. Um es abzukürzen: ich wurde genommen und durfte mich wenig später zu einem Vorbereitungsseminar einfinden, bei dem man eine Woche in ein Schulungshaus in einem Kuhkaff unweit von Hamburg kaserniert wurde, in dem es eine Telefonzelle und sonst gar nix gab. Dort haben wir viel diskutiert und Themen wie Kulturschock, Herkunft, Nationalsozialismus, Alltag in den USA und vieles weitere mehr erörtert. Die anderen Teilnehmer waren eher so die Streberfraktion, alle wussten ganz schlau viel zu sagen und ich fremdelte eher, aber ein anderer Teilnehmer hatte auch kaputte Airwalks an und ich wusste, der ist ein Skater, mit dem kann ich reden. Die Vorbereitungswoche war enorm intensiv, aber es dauerte noch ein paar Monate, bis es losgehen sollte.

Irgendwann kam dann auch die langersehnte Post mit den näheren Infos zum Abflug. Allerdings gab es für mich noch keine Gastfamilie. Während andere aus der Gruppe bereits wussten, wo es hingeht und Briefe austauschten, wurde mir gesagt, dass es eine Willkommensfamilie für die ersten Wochen gäbe und sich alles andere dann später klären würde. Nun ja. Mein Reiseziel sollte Des Moines, Iowa sein, erreichbar über einen Flug von Frankfurt nach New York und von da aus nach St. Louis, Missouri. Klasse, ich hatte noch nie von Des Moines, Iowa gehört und als Skater wollte ich natürlich nach Venice Beach und sonst gar nix. Ich schickte also einen Brief auf Luftpostpapier ab, in dem ich meine unbändige Freude zum Ausdruck brachte, dass ich nun bald endlich nach Des Moines kommen könnte, aber ehrlich gesagt war ich zwar aufgeregt, aber irgendwie auch enttäuscht. Reiseführer erwähnten Des Moines noch nicht einmal. Nix mit Skaten mit den Pros, so wie ich mir das in meinen Träumen immer ausgemalt hatte. Damals war bestand meine hauptsächliche Lektüre aus dem Monster Magazin, Transworld Skateboarding und natürlich Thrasher. Meine Träume drehten sich um das Skaten in California und ich hatte ein kleines Langenscheidt-Wörterbuch am Bett liegen, in dem ich Vokabeln nachschlug, wenn ich im Traum aufwachte, weil mir ein Wort nicht einfallen wollte, das ich für einen Dialog mit den Pros brauchte. Kein Scheiss. Gut, nun also Iowa. Schweine, Soja und Mais. Kein Meer weit und breit. Skateparks auch nicht.

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