Archiv für die Kategorie ‘Politik’

05. März 2010

und jetzt alle: Neustart für die Netzpolitik

“Gefahr! Risiko! Oh Nein! So geht das nicht! Wir müssen regulieren!” – So oder anders hört man es gerade in vielen Gesprächen mit Politikern, sobald es um das Thema Netzpolitik geht. Sicherlich sind etliche Heilsversprechen der 90er Jahre in Bezug auf das Internet nicht eingetreten, dennoch kann man attestieren, daß das Internet eine gewaltige Kraft entfacht hat und dadurch zu immensen Umwälzungen geführt hat. Das Internet hat so viel verändert, und verändert immer noch mehr, daß wir noch nicht absehbar die Folgen absehen können, da wir mitten drin in der Entwicklung sind. Das Internet ist gewaltig und disruptiv.

In der Diskussion um die Netzpolitik in Deutschland wünsche ich mir oftmals den Zustand zurück, als sich die Politik noch nicht um das Netz kümmern wollte. Denn bislang glänzt die Politik durch das Anlegen gelernter Kriterien aus dem Rundfunk-Bereich und dem damit verbundenen Ableiten von Regularien. Die Zähmung des Biestes Internet steht an erster Stelle.

Das ist der absolut falsche Weg! Ich habe keine Lust mehr, immer wieder zu diskutieren, wie man Inhalte nicht verfügbar machen kann, wie die immer noch als Neue Medien bezeichneten Kommunikationsformen passend gemacht werden können für das Rundfunk-Paradigma. Akzeptiert einfach, das das Internet anders ist und andere Lösungen erfordert!

Ich sage nicht, daß man die Risiken negieren sollte, aber es gilt, den Fokus endlich auf die Chancen zu legen und zu definieren, wo in Deutschland die Reise lang gehen soll und nicht zu diskutieren, wie wir den Zug noch aufhalten wollen, der schon längst mit Volldampf den Bahnhof verlassen hat.

Wir haben in den letzten Jahren völlig verdrängt, daß es gilt, die politischen Rahmenbedingungen für das Internet zu diskutieren. In was für einer Gesellschaft wollen wir leben, wie soll der Zugang zum Netz aussehen? Soll es ein Recht auf Breitband geben? Welche Bandbreite ist politisch gewünscht in 5-10 Jahren? Wie gehen wir mit den digitalen Spaltungen der Gesellschaft um? Was hat das für Auswirkungen auf unser politisches System? Wer hat wofür Verantwortung zu übernehmen? Wie können wir durch das Internet mehr wirtschaftliche Kraft und Arbeitsplätze für die Zukunft schaffen? Wie verändert das Internet unsere Arbeitswelt, was hat das für Auswirkungen auf unser Leben und unser Freizeitverhalten?

Ich habe noch nicht einmal ansatzweise alle Fragen zusammen, geschweige denn die Antworten, aber ich finde, wir müssen ganz dringend einen anderen Fokus bei der netzpolitischen Debatte bekommen. Umarmt den Wandel, interpretiert ihn und versucht dann, Rückschlüsse für eine sinnvolle Netzpolitik zu ziehen.

03. März 2010

Jetzt wird alles gut: GK Netzpolitik der SPD

Nach dem sagenumwobenen Online-Beirat der SPD hat gestern nun der ebenfalls mit mystischen Kräften ausgestattete Gesprächskreis Netzpolitik der SPD getagt, der laut Jörg-Olaf Schäfers allenfalls “Appeasement und Opium für’s Netz” darstelle. Ich hatte auch erwartet, daß sogleich mit der konstituierenden Sitzung ein Ruck durch das Internet und die Politik geht und spätestens ab 9 Uhr morgens am 3.3. alles anders läuft in Deutschland. Ich fürchte allerdings, wir müssen uns noch ein wenig gedulden und erst einmal etwas arbeiten.

Das ist auch schon der massive Unterschied zum Online-Beirat, denn der GK Netzpolitik der SPD sieht sich als Arbeitsgremium, der zwar auch tagesaktuelle Themen behandeln will, aber vor allem die Leitlinien sozialdemokratischer Politik für Internet und digitale Gesellschaft definieren will. Das ist ein massiver Anspruch, den ich gut und richtig finde. Da natürlich auch immer der Weg ein bisschen das Ziel sein kann, wollen wir bei der Arbeit im GK Netzpolitik auch neue Arbeitsweisen ausprobieren, die natürlich das Netz nutzen und auch offener sind, als man das traditionell von Parteien kennt. Die Größe des Gremiums finde ich nachwievor problematisch, wobei ich gestern bei der Sitzung feststellen durfte, daß entgegen meinen Befürchtungen doch eine sehr heterogene Gruppe zusammengekommen ist.

Ein Hub für den netzpolitischen Diskurs wird künftig netzpolitik.vorwaerts.de, wo viele Stränge zusammenlaufen werden. Für mich hat der GK Netzpolitik der SPD durchaus Werkstatt-Charakter, wir versuchen einfach mal, einige Dinge anders zu machen und sozialdemokratische Netzpolitik zu definieren. Dabei werden wir von den üblichen Verdächtigen mit viel Häme begleitet, freuen uns aber natürlich auf einen kritisch konstruktiven Dialog mit denjenigen, den eine bessere Netzpolitik in Deutschland wichtig ist.

01. März 2010

Von Nagetieren und größeren Wasserfahrzeugen

Der Hamburger CDU-Chef Michael Freytag tritt von seinem Amt als Landesvorsitzender der CDU Hamburg und auch von seinem Amt als Finanzsenator zurück. Damit ist die schleichende Demontage des einst als Kronprinzen Ole von Beusts gehandelten Freytag vorbei, er flüchtet in die Wirtschaft und begründet dies mit der Wahrung seiner Unabhängigkeit.

Die schwarz-grüne Koalition in Hamburg ist deutlich angeschlagen, die Umfragewerte sind im Keller und gelingen will schon gar nichts mehr so richtig. In zwei Jahren wird in Hamburg wieder gewählt und nun wird zusehend klar, wie aufgebraucht die CDU ist, die nun ihren einstigen starken Mann los ist, der in der Affäre um die HSH-Nordbank durchaus nicht die beste Figur gemacht hat, um dies mal freundlich auszudrücken. Zudem ist die Finanzlage in Hamburg desolat, was sicherlich auch dem Finanzsenator anzulasten ist.

Der Lack ist ab bei schwarz-grün, eine Kabinettsumbildung als letzter Versuch eines Befreiungsschlags wird immer wahrscheinlicher und Michael Freytag hat die entsprechenden Konsequenzen gezogen und sich aus den Führungspositionen der Hamburger Politik verabschiedet. Das Sinken geht weiter.

24. Februar 2010

Kann das Netz für bessere Gesetze sorgen?

Julius Endert schreibt über die Sternstunde des Petitionsausschusses auf CARTA (wer schreibt da eigentlich nicht?) und sieht dadurch eine Aufwertung des Souveräns und die Chance, künftig bessere Gesetze zu entwickeln:

Mit der Petition als Auslöser ist über das Web erstmals eine neue Öffentlichkeit entstanden. Der Sinn oder Unsinn von Netzsperren wurde so breit und auf so vielen Plattformen diskutiert wie selten ein Thema. Politik wurde endlich einmal vom Souverän herausgefordert – und selbst der letzte Hinterbänkler wird sich nach der Anhörung verkneifen, zukünftig auch noch damit zu prahlen, dass er von diesem Internet keine Ahnung hat. Vielmehr wird sich die Politik auf „diesen neuen Gegner“ aus dem Web einstellen und künftige Vorhaben bzw. Vorstöße, die in eine ähnliche Richtung gehen, besser vorbereiten, beispielsweise den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag.
Es gab also einen fachlichen und einen – wenn man so will – Demokratie-Erkenntnisgewinn in der Politik. Noch bei viel mehr Themen wäre es daher zu wünschen, dass sie auf diese Weise bearbeitet würden. Dann wären uns vielleicht weitere missratene Gesetze, die nach der klassischen Parteien-Proporz-Klientel-Systematik beschlossen und nie ernsthaft öffentlich diskutiert wurden, erspart geblieben – angefangen bei Abwrackprämien bis hin zur Steuerpfuscherei zum Wohle weniger.

Das klingt alles super und wünschenswert. Aber ist es realistisch, daß auch bei anderen Themen eine derartige Mobilisierung im Netz funktionieren würde? Hier ging es ans Eingemachte der Netznutzer und auch wenn die ePetition ein großer Erfolg war, ist dennoch das Thema doch vor allem ein Internet-Thema geblieben. Ich habe jedenfalls nicht gesehen, daß beim Wachstumsbeschleunigungsgesetz ein Sturm der Entrüstung durch das Web fegte ob der fehlgeleiteten Entlastungen für einige Interessensgruppen., der dann zu einer Modifzierung des Gesetzes geführt hat.

Ich bin da extrem skeptisch. Wir haben zwar jede Menge Tools für Diskurs und Mobilisierung – aber eben auch jede Menge anderer Inhalte im Internetz. Die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland ist online, aber bedeutet das wirklich, daß wir jetzt über das Netz bessere Gesetze gestaltet bekommen? Mich würde es maßlos freuen, und es unbedingt versuchen, aber ich bin da skeptisch.

22. Februar 2010

Gedanken zum Gesprächskreis Netzpolitik der SPD

In der SPD gibt es unzählige Gesprächs- und Arbeitskreise, aber die meisten davon bekommen weit weniger Aufmerksamkeit als der Gesprächskreis Netzpolitik der SPD, hervorgegangen aus dem sagenumwobenen Online-Beirat der SPD. Letzte Woche nun hat es nicht nur eine Einladung zum ersten Treffen des Gesprächskreise gegeben, dem ich auch angehören werde, sondern auch die Veröffentlichung der Liste aller Teilnehmer mit einer anschliessenden Aufforderung, weitere 3 Teilnehmer zu nominieren. Jörg-Olaf Schäfer hat dieses Verfahren im Beitrag AK Netzpolitik der SPD: Basisdemokratie nach Art des Hauses scharf kritisiert, nicht nur wegen der kürze der Nominierungsphase und weil auch schon die meisten Teilnehmer feststanden, sondern auch, weil er es nicht gut findet, wenn “Vertreter unabhängiger zivilgesellschaftliche Initiativen” sich an derartigen Gesprächskreisen beteiligen.

Tja. Da redet Sigmar Gabriel davon, daß die Partei wieder mehr zur Werkstatt werden solle und sich öffnen müsse, und wir lesen überall im Internetz, daß Parteien transparenter werden sollen, aber wenn es dann die SPD mit zaghaften Schritten tut, ist es auch wieder falsch.

Ich habe ein ganz anderes Problem mit der Zusammensetzung des Gesprächskreises. Weniger ist oftmals mehr. Ich finde die Runde viel zu groß. Die Mischung aus Politikern, Fachleuten und Netizens finde ich gut, aber mit 20 Leuten kann die Runde viel zu schnell zu einer Laberbude verkommen – zumal ich den Automatismus “Du warst im Online-Beirat – daher bist Du jetzt im GK Netzpolitik” auch nicht wirklich nachvollziehen kann. Ein Gesprächskreis beim Parteivorstand der SPD sollte sich auf ein paar Personen beschränken und nicht durch Masse beeindrucken. Idealerweise gibt es durch ein paar Personen Schnittstellen in die Partei herein, wie beispielsweise zur SPD Netzpolitik Gruppe. Die Forderung, der GK Netzpolitik müsse komplett basisdemokratisch bestimmt werden, halte ich allerdings auch für absurd und wenig zielführend, denn es geht doch primär beim Gesprächskreis Netzpolitik darum, wichtige Aspekte der Netzpolitik zu diskutieren und damit dem Parteivorstand der SPD Impulse für die politische Arbeit zu geben.

Mal sehen, wie die erste Sitzung nächste Woche wird und ob dann auch mal Impulse für eine inhaltliche Debatte entstehen und nicht nur über den Gesprächskreis selber diskutiert wird.