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Auf der re:publica 13 hat Sascha Lobo mal wieder den Versuch unternommen, den Anwesenden auf die Füße zu treten, um Reaktionen zu provozieren. Das finde ich gut so. Auch wenn ich es natürlich stark manipulativ finde und mir einige Tage lang vorgenommen habe, nicht darauf hereinzufallen. Na gut, jetzt eben doch. Egal. Das hat er jetzt davon.

Ja, wir sind überwiegend eine netzpolitische Hobbylobby. Abgesehen vom BVDW, eco, BITKOM, VPRT, dem Börsenverein des deutschen Buchhandels, oder dem Bundesverband der Musikindustrie und anderen finanziell gut ausgestatteten Verbänden jedenfalls, die auch alle munter Netzpolitik betreiben, es aber anders nennen. Und oft auch andere Ziele haben als die netzpolitische Hobbylobby.

Mit vielen anderen zusammen bin ich Teil dieser Hobbylobby, unser Verein heisst D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt und wir finanzieren uns ausschliesslich durch Mitgliedsbeiträge.

Ich würde auch gerne Montag Morgen in das 10-stöckige D64-Hauptquartier in Berlin Mitte kommen, bei der Morgenlage kurz die wichtigsten Themen des Tages erläutern und dann per Telefon kurz ein paar Regierungsvertreter einbestellen lassen, um diese durch D64-Hauptabteilungsleiter kurz zurechtweisen zu lassen, damit sie künftig eine bessere Politik machen.

Tue ich aber nicht. Stattdessen versuchen wir in einer Facebook-Gruppe Themen zu diskutieren, die uns wichtig erscheinen, bilden uns eine Meinung und versuchen dann über Gespräche, Blogposts, Tweets und sogar Telefonate das Thema in unserem Sinne voranzutreiben. Sind wir dabei ultra-erfolgreich? Sicherlich nicht. Ist das aufwendig? Allerdings. Haben wir alle viel Zeit dafür? Natürlich nicht, das wäre ja auch zu einfach. Insofern ja, wir sind Hobbylobby par excellence und das ist mühsam. Es hat aber den großen Vorteil, dass wir nicht einen riesigen Apparat finanzieren und dass wir nicht die Interessen von externen Geldgebern vertreten müssen, sondern dass wir unabhängig sind.

Was uns allerdings fehlt in der Netzpolitik, das sind Trecker. Lange Zeit war die Netzpolitik, oder überhaupt das Internet, nur ein Thema für Nerds und Geeks, nicht aber für den Mainstream. So langsam wird immer mehr Menschen in diesem Land klar, dass die Zukunft immer mehr durch die Digitalisierung bestimmt wird, aber das sorgt nicht immer nur für Jubelstürme, sondern auch für ordentliche Reaktanzen. Allerdings ist das, was wir im Bereich Netzpolitik diskutieren, alles andere als plastisch begreifbar. Allein schon der Begriff Netzpolitik verrät sehr wenig über das, was man damit meinen könnte. Bei Umweltpolitik wissen alle, wovon die Rede ist, und das war auch so, bevor Umweltpolitik en vogue war. Allerdings hatte die Umwelt-Bewegung einen großen Vorteil: die Atomkraftwerke, Wiederaufbereitunsanlagen, Castorbehälter, aber auch das Waldsterben oder die verunreinigten Flüsse waren alles sichtbare Faktoren, die zu einer anderen Politik führen sollten. Hinzu kam, dass im Wendland immer wieder mit Treckern gegen die Castor-Transporte demonstriert wurde, was zu einer Auseinandersetzung mit der Staatsmacht und einer damit verbundenen Infragestellung dieser einherging. Dadurch entsteht eine mediale Aufmerksamkeit, die dazu beiträgt, dass das Thema über die letzten Jahrzehnte immer präsenter wurde im Mainstream.

Open Data, Open Access, Open Education, Netzneutralität, Leistungsschutzrecht, Vorratsdatenspeicherung, Bandbreite, Infrastruktur, Informatik an den Schulen, Medienkompetenz – das sind alles keine Themen, die man am Infostand vorm Aldi mit Menschen diskutieren kann und sie sorgen alle nicht dafür, dass die engagierten Netznutzer einen sinnbildlichen Trecker haben, um ihrem Unmut mehr Ausdruck zu verleihen. Die aktuell einzige Ausnahme kann die Netzneutralität werden, da die Telekom durch ihre angekündigten Tarif-Änderungen für breiten Missmut in der Bevölkerung sorgt, allerdings wird auch in diesem Fall es nicht leicht sein, zu erklären, was das eigentlich Problematische an der Drosselung ist. Das Ende der Flatrates ist ein Thema, die Bevorzugung, bzw. eher die daraus resultierende Diskriminierung von Datenpaketen ist das wirklich Entscheidende an der Debatte um die Drosselkom. Aber ein Trecker ist das noch lange nicht.

So lange wir keinen Trecker haben, müssen wir in aller Ruhe und quasi zu Fuß das Thema Netzpolitik und digitale Gesellschaft beackern. Das ist mühselig und es führt zu Rückschlägen und leider sind nicht alle so schlau wie man selbst. Aber wenn ich mir angucke, was aus der Anti-AKW-Bewegung und den bunten "Atomkraft, nein Danke!"-Buttons geworden ist, dann denke ich, dass wir einen langen Atem brauchen, auch wenn sich die digitale Gesellschaft rasant entwickelt. Wir Menschen lernen ja bekanntlich aus Fehlern und so wird die aktuelle Politiker-Generation noch vieles falsch machen, was wir lautstark zu kritisieren haben. Unsere Themen sind noch lange nicht Mainstream und zugegebenermassen finden wir das ja auch ganz toll so, wie es ist. Wir finden es nur nicht so gut, dass wir noch nicht die Mehrheitsmeinung abbilden bei den wichtigen Themen der digitalen Zukunft. Aber das kommt. Es dauert nur.

Wo war ich? Ach ja, Hobbylobby. Bei D64 kann man Mitglied werden und mitmachen! Aber auch so kann man mitmachen, man kann Eltern, Freunden, Kollegen und Bekannten immer wieder erklären, warum diese komischen geekigen Themen alle so relevant sind und dann kann man einen nach dem anderen überzeugen. Ja, das ist wie der lange Marsch durch die Institutionen, nur ohne Studentenproteste, das ist wie die Umweltbewegung, nur ohne Trecker.

Die aktuelle Diskussion um die Vetternwirtschaft in der bayerischen Politik zeigt für mich deutlich, wie entrückt vom normalen Leben Berufspolitiker oftmals sind. Es verhalten sich da gerade einige Leute so, also ob die Diskussionen der letzten Jahrzehnte nicht nur über Politikverdrossenheit und das Ansehen der Politiker, sondern auch um Vetternwirtschaft, Mauscheleien, Begünstigungen und Betrug in Wirtschaft und Poltik überhaupt nicht stattgefunden hätten. Ich finde es nachgerade absurd, dass dann Politikerinnen und Politiker, nicht nur von der CSU, aber dort mit einer besonderen Häufung und vor allem auch im Kabinett sitzend, meinen, sie können Anstand und Moral ausblenden, da sie sich ja konsequent an den Gesetzestext hielten.

bayernbananeIrgendwas läuft allerdings schief, wenn munter weiter Ehefrau, Ehemann oder Kinder angestellt und auf Staatskosten bezahlt werden. Irgendjemand aus dem engeren Umfeld hätte den betroffenen Politikern “So etwas macht man einfach nicht!” zurufen müssen, aber es scheint mir, dass das Umfeld einfach billigend die Praxis in Kauf genommen hat. Da hilft es auch überhaupt nicht, dass Dorothee Bär, MdB (CSU), darauf verweist, dass das Beschäftigungsverhältnis für ihren Mann noch vor der Heirat endete – schon als Lebensgefährte geht so etwas zu weit. Was im eigenen Betrieb völlig in Ordnung ginge, ist auf Kosten der Steuerzahler noch lange nicht okay!

Ich glaube, dass Politiker, die 23 Jahre lang ohne Unrechtsbewußtsein ihre Ehefrau als Sekretärin beschäftigen, völlig entrückt sind von den normalen Menschen. Abgesehen davon, dass es ich es für problematisch halte, dass jemand so lange im Amt ist, weil ich immer finde, dass Politik vom Wechsel lebt, kann es doch nicht sein, dass sich die Koordinaten in Wirtschaft und Gesellschaft verschieben, aber ein Politiker wie der ehemalige Fraktionsvorsitzende der CSU im bayerischen Landtag, Georg Schmid, einfach so weiter macht. Guckt der nicht Tagesschau und denkt sich “huch, bei Siemens ändert sich aber viel im Bereich Compliance, vielleicht wird es mal Zeit, darüber nachzudenken, ob meine Frau wirklich noch für mich arbeiten kann?” – oder was hat sich Schmid wohl gedacht, als der bayerische Landtag eine Neuregelung der Beschäftigungsrichtlinien verabschiedet hat: “das gilt nur für die anderen, nicht für mich, oder?” – ich verstehe so ein Verhalten nicht.

Als gewählter Volksvertreter muss man doch eigentlich eine bestimmte Sensorik dafür haben oder wenigstens schnell entwickeln, was zwar gesetzlich erlaubt ist, aber was Anstand, Moral oder einfach auch nur der gesunde Menschenverstand einfach nicht zulassen. Wenn man diesen Kompass nicht hat, dann sollte man wenigstens ein Umfeld haben, dass auf eine mögliche Unwucht im eigenen Verhalten hinweist, bevor es zu spät ist. Wir sind alle nur Menschen und lernen aus Fehlern, aber 23 Jahre lang die eigene Ehefrau zu beschäftigen lässt auf Ignoranz, langsame Auffassungsgabe oder bewusstes Handeln zum ausschließlich eigenen Vorteil schliessen. Das sind drei Faktoren, die ich bei einem Politiker nicht sehen möchte.

Die Politik ist ein anstrengendes Geschäft und es macht etwas mit den Menschen, die sich so stark engagieren, dass Politik zu ihrem Beruf wird. Es ist ein leichtes, bei den vielen, vermeintlich wichtigen Terminen, bei der Aufmerksamkeit, die man bekommt, bei den vielen Freunden, die man auf einmal hat, die Bodenhaftung zu verlieren. Ich habe großen Respekt vor der Entscheidung eines jeden Einzelnen, der oder die sich entscheidet, in die Politik zu gehen. Allerdings müssen sich Politikerinnen und Politiker aber auch immer wieder vor Augen führen, dass sie nicht nicht nur im Parlament sitzen, weil dies ihr Berufswunsch war, sondern weil sie gewählte Volksvertreter sind. Damit ist implizit verbunden, dass für das eigene Handeln andere Maßstäbe gelten sollten, nicht nur, weil die Wählerinnen und Wähler dies erwarten könnten oder sollten, sondern auch, um die eigene Unabhängigkeit zu wahren.

Das Ausmaß der Vetternwirtschaft in der bayerischen Politik zeigt mir deutlich, dass dort einige Koordinaten dauerhaft verrückt waren und Politikerinnen und Politiker ihren eigentlichen Auftrag aus den Augen verloren haben. Sobald die Politik zum Selbstbedienungsladen wird, gerät sie in die Gefahr, ihre Wirksamkeit für die Gesellschaft zu verlieren. Die Parteien tun gut daran, darauf zu achten, dass nicht nur die entsprechenden Gesetze durch die Abgeordneten eingehalten werden, sondern auch darüber hinaus die Maßgabe “das tut man einfach nicht!” gewahrt bleibt, da ansonsten die Politik insgesamt einen weiteren Vertrauensverlust erleiden wird. Die Parteien sollten ohne Rücksicht auf die handelnen Personen bei Vetternwirtschaft sofort dafür sorgen, dass diese Politikerinnen und Politiker auf der nächsten Listenaufstellung der jeweiligen Partei nicht mehr vertreten sind. Wenn ein Politiker trotz des Vorwurfs der Vetternwirtschaft in seinem oder ihren Wahlkreis wiedergewählt wird, dann hat der Souverän es wohl auch nicht anders verdient.

Wenn Vetternwirtschaft zur Normalität wird, dann möchte ich nicht wissen, was das insgesamt über den Politikstil im Land aussagt. Das Ansehen der Politikerinnen und Politiker ist viel zu gering in diesem Land, es liegt im Interesse aller Beteiligten, dass dies nicht so bleibt. Dafür müssen dann allerdings die gewählten Volksvertreter auch entsprechend handeln und sich nicht als Raffkes präsentieren. Als Wähler erwarte ich von allen Politikerinnen und Politikern, dass sie stets versuchen, mit gutem Beispiel voranzugehen. Das ist ein ziemlicher Anspruch an die Politik, aber das ist jawohl auch das Mindeste, was man erwarten kann.

Die Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft (EIDG) hat nach vielen Sitzungen und dem Veröffentlichen von Unmengen Papier jetzt ihren Abschluss gefunden. Die Mitglieder haben viele Themen umfangreich erörtert und wichige Aspekte beleuchtet. Aber irgendwie bleibt für mich als entfernten, aber interessierten Betrachter irgendwie der Eindruck, dass die Internet-Enquete eher doch nur eine Veranstaltung für die Galerie war. Es wurde engagiert gearbeitet, aber wofür eigentlich?

Die übereinstimmende Erkenntnis nach dem Abhalten der Enquete-Kommission scheint zu sein, dass man einen Internet-Minister bräuchte, weil das Thema Internet in der Regierung besser koordiniert werden müssse.

O RLY? Diese Internet-Enquete kommt mindestens 10 Jahre zu spät und wirkt eher wie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, um zu suggerieren, dass die Politik das Internet wichtig findet und jetzt endlich mal ein tiefergehendes Verständnis davon erlangen will. Trotz Enquete kann man nicht behaupten, dass der Bundestag in Sachen ACTA, Vorratsdatenspeicherung, Leistungsschutzrecht oder De-Mail irgendwie schlauer agiert hätte als sonst.

Sicherlich ist es immer gut, wenn sich Leute zu einem Thema aufschlauen wollen, das kann nie schaden. Aber wenn eine Enquete doch wieder anhand der Parteilinien ihre Handlungsempfehlungen deklariert, dann wirkt die Deliberation eher wie ein Schauspiel denn wie eine Auseinandersetzung über Sachthemen. Das Signal sollte sein “wir machen was, ihr müsst nicht die Piraten wählen!” – aber niemand dürfte ernsthaft davon ausgehen, dass aus der Internet-Enquete ernsthafte Impulse entstehen können, die die Politik in Deutschland irgendwie verbessern würde. Dieses Jahr werden strittige Themen ausgeklammert werden, aber pünktlich nach der Wahl wird sich die Politik mit einer Reform des Urheberrechts auseinandersetzen müssen, wird sich die Politik mit den Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt abmühen und wird eine Bildungslandschaft vorfinden, die durcheinander gewirbelt wird, während Verbraucherrechte weiter unter Druck geraten und Datenschutz als Standortnachteil ausgelegt wird – dafür aber andere Länder verstärkt auf Breitband setzen und damit attraktiver für Unternehmen und Bürger werden. Dann werden wir sehen, wie wenig Impulse von der Internet-Enquete ausgehen und wieviele Politiker weiterhin in den Denkmustern des 20. Jahrhunderts verharren und Erklärungs- als auch Lösungsansetze verwenden, die mit der real existierenden und sich immer schneller verändernden Gegenwart wenig zu tun haben.

Die Internet-Enquete war eine Placebo-Pille. Wichtig ist, dass die Politik endlich die richtigen Weichenstellungen angeht, damit wir in Deutschland von den Chancen des Internets profitieren und die Risiken eindämmen können.

[n.b.: Ich wurde damals gefragt, ob ich als Sachverständiger für die SPD teilnehmen würde, habe abgelehnt, da ich bereits in Rheinland-Pfalz in einer Enquete-Kommission als Sachverständiger für die FDP tätig war.]

Heute war der Wahlparteitag der SPD in Augsburg, auf dem Peer Steinbrück eine sehr gute, vor allem inhaltlich spannende Rede gehalten hat. Ich habe in den letzten Wochen durchaus mit meiner Partei gehadert und dies auch zum Ausdruck gebracht. Allerdings bin ich sehr angetan von der Rede Steinbrücks heute, die eine ganze Reihe von Aspekten der digitalen Gesellschaft angesprochen hat, von Bildung bishin zu Gründungen.

Ich möchte Euch naheliegen, wenigstens diese Passage der Rede Steinbrücks einmal zu lesen:

steinbrueckIch bin davon überzeugt, liebe Genossinnen und Genossen, dass auch wirtschaftlich-technologisch ein neues Zeitalter anbricht. Die SPD wird dieses mitgestalten müssen. Einige reden von der vierten industriellen Revolution nach den Dampfmaschinen, der Elektrizität, dem Computer – Konrad Zuse war in den 30er-Jahren. Und jetzt redet man von der Digitalisierung. Richtig ist, dass diese Digitalisierung alle Produktions- und Arbeitsprozesse massiv beeinflussen wird. Alles wird vernetzter. Diese Entwicklung greift ja auch in unseren privaten Verhältnissen weit Raum. Diese Digitalisierung betrifft die Arbeitswelt insgesamt: den Mittelstand, auch den Tischlermeister im ländlichen Raum. All diejenigen werden das als Chance empfinden, die stärker differenzieren wollen zwischen ihrem Heimarbeitsplatz und gegebenenfalls ihrer Anwesenheit im Betrieb, die die Chancen nutzen wollen, das zu kombinieren und damit auch Familie und Beruf besser zu koordinieren. Darin liegt ein riesiges Chancenpotenzial.

Worauf ich hinaus will, ist, dass die SPD vor 150 Jahren richtig lag, als sie nicht nur den Wählerinnen und Wählern, sondern auch der Arbeitnehmerschaft, der arbeitenden Bewegung gesagt hat: Gebt den Arbeiterinnen und Arbeitern Bücher. Arbeiterbildungsvereine sind eine ganz wichtige Begleiterscheinung dieser Sozialdemokratie gewesen nach dem Motto: Wissen ist Macht und versetzt in den Stand, ein eigenverantwortliches Leben zu führen.

Heute muss es nicht mehr heißen, „gebt den Arbeiterinnen und Arbeitern Bücher“, sondern heute müsste es heißen: Gebt allen digitale Kompetenzen. Denn sie sind der Schlüssel für die Arbeitswelt von morgen.

Unter der Merkel-Regierung ist von einem solchen Aufbruch in diese Richtung nichts zu spüren. Das denke ich mir nicht mal eben so aus, weil er darum geht, mit dem Löffel immer wieder auf ein und denselben Nerv zu klopfen. Viele können sich daran erinnern, dass es diese Regierung mit Frau Merkel an der Spitze war, die den Breitbandausbau zur Chefsache erklärt hat. Nun gebe ich euch allen das Rätsel auf, in den nächsten 24 Stunden im Internet zu recherchieren, was denn dabei rausgekommen ist. Ich erleichtere euch die Recherche: Nix.

Das ist keine typische Übertreibung, sondern zutreffend. Beim Breitbandausbau in der EU sind wir in Deutschland letzter hinter Rumänien. Das ist so, als ob es für unsere tüchtige Automobilindustrie in Deutschland nur Schotterpisten und Waldwege geben würde.

Ich will mit euch eine zukunftsorientierte Regierung führen, die dafür sorgt, dass das Breitbandnetz massiv ausgebaut wird, und zwar nicht nur in den Städten, sondern flächendeckend, auch in den ländlichen Regionen.

Ich will mit euch zusammen eine Politik machen, die auch für die nötigen Fachkräfte – wenn man so will auf der digitalen Werkbank sorgt. Ich will dafür sorgen, dass alle Schülerinnen und Schüler mit einem Laptop oder Tablet lernen können; denn das wird ihre Zukunft bestimmen.

Ich möchte gemeinsam mit euch dafür sorgen, dass Unternehmensgründungen in diesem Bereich stattfinden.

Das ist wichtig. Auf meinen Reisen – davon habt ihr einige Fotos gesehen; einige sind darauf abgebildet , insbesondere in Berlin, Hamburg, Leipzig, habe ich sehr viele junge mutige und neugierige Menschen getroffen, die sich auf eigene Füße stellen wollen. Sie haben eine enorme Risikobereitschaft, an der Grenze zur Selbstausbeutung. In manchen Fällen findet diese Selbstausbeutung längst statt. Sie sind sozial alles andere als abgesichert. Aber das sind junge Leute, die etwas in Gang bringen wollen, die unternehmerisch tätig sein und Unternehmen gründen wollen, die für eine gute Idee alles stehen und liegen lassen, oftmals auch auf einen sicheren Job als abhängig Beschäftigte verzichten, um eine eigene Firma zu gründen, zum Teil verbunden mit einer phantastischen sozialen Verantwortung.

Menschen wie Katja von der Burg. Ich habe sie bei einem Gespräch mit jungen Unternehmensgründerinnen und –gründern in Leipzig kennengelernt. Dort ist Katja von der Burg.

Oder hier in Augsburg, Frau Trinkwalder, eine soziale Unternehmerin.

In ihrem Unternehmen geht sie noch einen Schritt weiter. Sie ist bereit, viele ungelernte, viele Langzeitarbeitslose, Frauen und Männer, in ihrem Betrieb einzustellen, die sonst alles andere als eine Chance auf einen Job hätten. Großer Respekt!

Das Wort Profit kennt sie offenbar gar nicht. Das war mir fast etwas zu altruistisch.

Aber ich will auf Frau Katja von der Burg zurückkommen, die ich, wie gesagt, in Leipzig kennengelernt habe, und deren Geschichte mit zwei Leidenschaften losging, die ich im Kopf behalten habe: nämlich mit dem Internet und mit dem Schreiben.

Aus diesen Leidenschaften ist heute eine Agentur geworden, die heißt Projecter, die ihren Kunden den perfekten Online-Auftritt beschert und die inzwischen 25 Menschen beschäftigt.

Von der Experimentierfreude, die ich bei vielen jungen Frauen und Männern gerade auch in den letzten Wochen konzentriert gesehen habe, die ich nicht nur in Leipzig, Hamburg oder Berlin kennengelernt habe, sondern auch vorher in Köln, wo ich mich mit der sogenannten kreativen Wirtschaft gelegentlich getroffen habe, brauchen wir mehr. Und die SPD muss Anwalt dieser Existenzgründerinnen und gründer sein.

Das, liebe Genossinnen und Genossen, wird dann aber schnell konkret. Da kann man nicht nur etwas in einer Sonntagsrede in den Raum stellen, sondern dann werden wir uns zum Beispiel um das Steuerrecht für junge Existenzgründer kümmern müssen. Die haben nämlich einen dicken Hals wegen dem, was da gerade abläuft – nicht mit Blick auf die Höhe, sondern mit Blick auf die Komplexität dieser Besteuerung. Und die haben alles andere als Bock, sich bereits in den ersten Monaten ihrer Existenzgründung einen teuren Steuerberater zu nehmen, weil sie sich das nicht leisten können. Wir werden beim Steuerrecht ansetzen müssen. Wir werden uns um die soziale Absicherung kümmern müssen, wo die SPD mit der Künstlersozialversicherung schon Verdienste erworben hat.

Und wir werden uns mit dem Urheberrecht beschäftigen müssen, und zwar anders und besser als diese Bundesregierung.

Das bedeutet, die Interessenlage derjenigen, die geistiges Eigentum produzieren oder in Kunst und Kultur etwas auf die Beine stellen, zusammen mit den Verwertern und natürlich zusammen mit den vielfältigen Nutzern im Netz in einen fairen Interessenausgleich zu bringen, aber auch darauf zu achten, dass diejenigen, die geistiges Eigentum produzieren, auch davon leben können.

Abgesehen davon, dass ich manchmal den Eindruck habe, wir müssen in Deutschland etwas stärker eine Mentalität befördern, mit der es auch eine zweite oder dritte Chance gibt. Das gilt nicht nur für diejenigen, die sich ausbilden, die in der Schule sind oder die eine berufliche Ausbildung machen, sondern auch für Existenzgründer. In den USA sind sie uns voraus. Da wird eine Illiquidität oder eine Insolvenz als Anreiz empfunden, aus den Fehlern zu lernen für das zweite Mal. Bei uns sind das Pleitiers, und es gibt kaum eine Bank geben, die denen noch mal Startkapital gibt, nach dem Motto: „Wo ist denn deine Sicherheit?“

Wir brauchen eine andere Mentalität, um diese Existenzgründungen, den Drang, den da viele haben, zu unterstützen.

So, das kann ich alles sofort unterschreiben, das macht Sinn und es freut mich, dass meine Partei einen derartigen programmatischen Fokus auf die digitale Gesellschaft legt. Leider finden diese Themen in der allgemeinen Diskussion der Person Steinbrücks kaum eine Rolle, aber ich finde es bemerkenswert, dass Peer Steinbrück hier die entscheidenen Themen anpackt.

Aber die SPD hat in diesem Wahlkampf noch mehr vor, auch wenn Parteichef Gabriel scheinbar die Details nicht so richtig verstanden hat. Die SPD will über mitmachen.spd.de endlich das Umsetzen, was ich schon sehr lange von ihr vordere, nämlich die Unterstützung des Wahlkampfs vor Ort mit Hilfe einer aktiven Online-Kampagnenplattform. Über die Hintergründe zu mitmachen.spd.de hat Mathias einiges geschrieben.

Und ja, ich weiss, dass einige der Innen- und Medienpolitiker der SPD noch eine Wegstrecke vor sich haben, damit man nicht immer nur kopfschüttelnd und staundend da sitzt, wenn die sich zur digitalen Gesellschaft äußern, aber ich bin sehr froh, dass der SPD Kanzlerkandidat diese Themen für sehr wichtig erachtet und sie immer wieder vorantreibt.

Breitband-Ausbau, Vermittlung von digitalen Kompetenzen in der Schule, ein besseres Urheberrecht und eine neue Gründerwelle – das sind doch schon ein paar richtig gute Punkte, auf deren Umsetzung nach der Wahl ich mich jetzt schon freue.

So, nun sind ein paar Tage vergangen, das Leistungsschutzrecht von CDU/CSU und FDP ist flott durch den Bundesrat gekommen, auch weil meine SPD mal wieder netzpolitisch versagt hat, und wir lecken alle fröhlich unsere Wunden. Sascha Lobo bespielsweise schreibt in Unsere Mütter, unsere Fehler:

Ich war und bin wütend über das Versagen der Netzgemeinde, über unser Versagen, über mein Versagen. Ja, das Leistungsschutzrecht ist unser Versagen. Das Wörtchen “wir” benutze ich so sparsam wie möglich, aber wenn man als Teil einer Gruppe Selbstkritik üben will, lässt es sich nicht vermeiden. Entgegen häufiger Behauptungen der Netzgemeinde gibt es die Netzgemeinde natürlich doch, es handelt sich um eine amorphe, im Kern jedoch überraschend meinungskonsistente Interessengruppe. Diejenigen, die sich aus persönlichem Interesse um Netzpolitik und Netzgesellschaft kümmern und deren Priorität die Erhaltung und Weiterentwicklung des freien, offenen Internet ist.

Da ist mir etwas eingefallen, was mich an meinen alten Professor Peter Lösche erinnerte. Lösche begann gleich das erste Proseminar Politikwissenschaft mit dem Gedankenspiel, wie es wohl wäre, wenn das gesamte Proseminar geschlossen in die örtliche FDP eintreten würde, denn dann hätten wir alle das Sagen in der Göttinger FDP und die alten Kader das Nachsehen.

Wenn man sich Saschas Text so durchliest, dann wird dieses Gedankenspiel von Peter Lösche umso naheliegender. Sascha beklagt unsere mangelnde Vernetzung und er beklagt auch, dass die Parteien andere Themen viel wichtiger nehmen als wir. Das kann man ändern, indem man in den Parteien für Veränderungen streitet und idealerweise ändert man es schneller, indem man gleich die Abstimmungsmehrheiten mitbringt. Dieses Prozedere ist nicht neu, gerade in Großstädten melden sich vor Abstimmungen gerne in den Parteien etliche Mitglieder um, damit sie in anderen Gliederungen Entscheidungen beeinflussen können.

Wie wäre es, wenn einfach mal alle netzpolitisch interessierten Menschen in eine traditionelle Partei ihrer Wahl eintreten und dort dafür sorgen, dass Netzpolitik ein Thema wird? Eine Parteimitgliedschaft kostet nicht viel, in der Regel zwischen 5 und 15 € im Monat. Wir sorgen dann für eine Vernetzung der netzpolitischen Fraktion und unterstützen uns gegenseitig bei diesem einen Thema, so lange bis alle Parteien es verstanden haben. Wenn man sich die Ortsvereine der Parteien so anguckt, dann dürfte es kein Problem sein, mit ein paar Leuten und etwas Beharrlichkeit direkt Einfluß nehmen zu können, sowohl bei Inhalten als auch bei Wahlen. Also quasi wäre das die Fortentwicklung der Grundidee des Politcamps als ständige netzpolitische Interessenvertretung in den Parteien.

Der Nachteil an meiner Idee: man wird Teil der real existierenden deutschen Parteienlandschaft, was oftmals ungefähr so reizvoll sein wird wie eine Wurzelkanalbehandlung ohne örtliche Betäubung. Andererseits kann der netzpolitische Marsch durch die Institutionen auch vor den Parteien nicht halt machen und wenn man etwas bewegen will, dann gehört dies neben gesundem Netzaktivismus auch dazu. Wenn man allerdings mit einer Handvoll Gleichgesinnter eintritt, dürfte auch die verschlafenste Sitzung wieder Spaß bringen.

Damit die Vernetzung auch richtig klappt, könnte man ja ein tolles Crowdfunding- und Crowdsourcing-Projekt daraus machen. Wir sammeln von allen Geld ein, sorgen für die vernetzten Strukturen und analysieren dann, wo aktuell neue Mitglieder in einer Partei benötigt werden, schicken dort die Leute hin und zahlen aus dem großen Pott die Mitgliedsbeiträge. Über eine etwaige Schmerzensgeldzulage bei ganz fiesen örtlichen Partei-Vorkommnissen kann man auch reden.

Ach so, ich bin schon in einer Partei, aber ich komme mir auch eher allein gelassen vor. Wer macht noch mit und tritt ein? Nachholbedarf gibt es in jeder etablierten Partei, allein schon, um die dortigen Netzpolitiker zu unterstützen.