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Heute ist so ein Tag, an dem ich leide wie ein Hund. Ich bin kein Politiker, ich bin aber jemand, der dieses Land politisch voranbringen will und ich bringe mich ein bei Themen, die mich etwas angehen und von denen ich etwas verstehe. Ich mache dies nicht, weil ich Politiker werden will oder weil ich irgendwelche Partikular-Intressen vertreten will, sondern weil ich glaube, dass wir als Gesellschaft vorankommen müssen, wenn wir die Zukunft gestalten wollen. Ich habe drei Kinder und sehe mich dafür verantwortlich, alles in meiner Kraft tun zu können, damit die Welt vielleicht ein bisschen besser und lebenswerter werden kann. Allerdings habe ich keine Ahnung, wie man wichtig geopolitische Fragestellungen lösen kann und gehe auch nicht davon aus, dass ich dort irgendwie Einfluß nehmen könnte. Ich verstehe allerdings sehr wohl, in welchem Transformationsprozess sich die Gesellschaft, Staat und Wirtschaft bei der immer weiter zunehmenden Digitalisierung befindet und ich versuche, Ideen zu entwickeln, wie wir aus den verschiedensten Aspekten der Digitalisierung der unterschiedlichsten Lebensbereiche mehr Chancen nutzen können, ohne die Risiken aus dem Blick zu verlieren.

Netzpolitik ist nach meinem Verständnis Gesellschaftspolitik und wir sollten nicht so tun, als ob dieses Thema nur irgendwelche Spinner angeht, sondern dieses Thema tangiert uns alle. Viele Aspekte der Netzpolitik werden und müssen sehr detailliert diskutiert werden, was sie leider wenig massentauglich erscheinen lässt. Netzpolitik ist oftmals auch Wirtschaftspolitik und vor allem Standortpolitik, was mit der rasanten kommerziellen Entwicklung der Digitalisierung zu tun hat.

Wenn ich sage, dass wir uns in einem Transformationsprozess befinden, dann schwingt da natürlich auch mit, dass wir noch nicht genau wissen, was sich wann wie ändern wird und welche Auswirkungen dies haben wird, sondern wir wissen lediglich, dass sich ganz viel ändern wird und wir uns darauf einstellen sollten. Idealerweise begleitet man einen Transformationsprozess mit vielen Fragen und hofft, dass man nach und nach die richtigen Antworten finden kann oder aber die falschen Antworten rechtzeitig korrigiert bekommt. In einem Transformationsprozess gibt es Verlierer und Gewinner, daher müssen wir als Gesellschaft meiner Meinung nach ganz genau hinsehen, welche Veränderungen wem nützen und uns genauestens überlegen, ob Partikular-Interessen im Vordergrund stehen, oder die Allgemeinheit profitieren kann.

Wenn ich sage, dass ich leide wie ein Hund, dann möchte ich damit auch zum Ausdruck bringen, dass Politik für mich eine zutiefst emotionale Angelegenheit ist. Ich bin zu wenig Jurist, als dass ich einen guten Technokraten abgeben könnte, das schaffen allerdings viele Politiker spielend. Ich glaube auch, dass die Vermittlung von Politik ganz viel mit Emotionen und Symbolen zu tun hat, denn es wurden noch nie Wahlen gewonnen, weil in einer Regierungszeit die Gesetze so stringent wie noch nie formuliert wurden.

Diesen Sommer bin ich 25 Jahre Mitglied meiner Partei und ich bin dies vor allem, weil ich mich der Tradition der Arbeiterbewegung verpflichtet fühle, weil ich fest daran glaube, dass Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität Grundwerte sind, für die es sich bedingungslos einzutreten lohnt und weil ich die Tradition dieser Partei liebe, die dieses Jahr 150 Jahre alt wird und so viele positive Veränderungen für dieses Land erkämpft hat. Und ich will verdammt noch mal, dass es den Menschen in diesem Land besser geht und dass mehr Menschen ihre Chancen nutzen können, am gesellschaftlichen Aufstieg zu partizipieren, so wie es mein Vater als Sohn eines Landarbeiters als Erster in der Familie geschafft hat, ein Studium zu absolvieren. Ich will verdammt noch mal, dass die SPD sich ihrer historischen Rolle wieder bewusst wird und mit aller Kraft dazu beiträgt, dass dieses Land besser wird.

Und dann bin ich maßlos enttäuscht, maßlos, wenn meine Partei es trotz vieler guter Initiativen wie dem Kreativpakt, trotz vieler kluger Menschen, die mit viel Engagement dabei sind, trotz vieler Gespräche auf den verschiedensten Ebenen der Partei, dann bin ich maßlos enttäuscht, wenn meine Partei es nicht schafft, ihren eigenen notwendigen Transformationsprozess ernstzunehmen.

Die Chancen für unsere Gesellschaft durch die fortschreitende Digitalisierung sind in meinen Augen weit größer als die Risiken. Als rohstoffarmes Land sollten wir die Digitalisierung umarmen und alles dafür tun, die Arbeitsplätze der Zukunft bei uns zu schaffen. Als Land mit viel Gegend sollten wir alles dafür tun, dass die Digitalisierung genutzt wird, um allen Bürgern einen Zugang zu Informationen und Wissen, aber auch Einkaufsmöglichkeiten und Unterhaltung zu ermöglichen. Als Land der Dichter und Denker sollten wir uns darauf besinnen, dass nur eine gute Bildung dazu führt, dass wir uns weiterentwickeln können, dass wir den nächsten Level erreichen, wie auch immer dieser aussehen mag.

Es gibt viele in diesem Land, die keine Lust haben, sich mit der Digitalisierung wirklich auseinanderzusetzen. Veränderungen sind immer schwierig und mit einer Ungewissheit verbunden, weswegen nicht alle Menschen Veränderungen anstrebenswert halten. Wir können allerdings die Digitalisierung nicht aufhalten, nicht mal in Ansätzen. Wir können also nun so tun als ob uns das nichts angeht und den status quo ante eigentlich ganz toll finden, aber das bringt uns alle nicht weiter und wird dafür sorgen, dass die, die sich den Veränderungen am Längsten entgegenstellen, irgendwann um so brutaler von ihr weggefegt werden.

Heute wird das von CDU/CSU und FDP im Bundestag beschlossene Leistungsschutzrecht Gesetz. Die SPD lehnt es ab, ist aber nicht in der Lage, im Bundesrat ihre Mehrheit zu nutzen, um den Vermittlungsausschuss anzurufen, weil sie meint, das dies auch nichts bringen würde. Das ist eine fatale Fehleinschätzung und reiht sich nahtlos ein in die fatalen Fehleinschätzungen bei den Netzsperren und der Vorratsdatenspeicherung. Niemand erwartet von CDU/CSU und der FDP einen netzpolitischen Sachverstand, der über die Wahrung von Partikular-Interessen hinausgeht. Niemand. Von der SPD allerdings hat man schon immer mehr erwartet als von anderen Parteien. Man erwartet ein bedingsloses Einstehen für den kleinen Mann, man erwartet einen besseren moralischen Kompass und man erwartet das Festhalten an Prinzipien. Im Fall des Leistungsschutzrechts von Union und FDP erwartet man von der SPD zurecht, dass sie sich auf die Hinterbeine stellt, dass sie macht und tut, dass sie zeigt, dass sie dieses Gesetz völlig überflüssig findet und dass sie sich dabei verausgabt, es zu verhindern. Es mag sein, dass das Anrufen des Vermittlungsausschusses nur Symbolpolitik ist und dass das Leistungsschutzrecht aufgrund der Mehrheitsverhältnisse im Bundestag nicht mehr aufgehalten werden kann, aber ganz ehrlich, dass spielt doch gar keine Rolle. Die Menschen erwarten nicht nur ordentliches Regieren, sie erwarten auch Opposition mit Rückgrat, Witz, Raffinesse, Vehemenz und Standhaftigkeit. Von der SPD wird immer, und das völlig zu Recht, erwartet, dass sie auch den hoffnungslosesten Kampf aufnimmt, wenn sie für die richtige Sache kämpft. “Wir können es eh nicht ändern!” ist keine gute Triebfeder für die Politik im Allgemeinen und erst Recht nicht für die SPD. Ach ja, und der Hinweis, dass nach der Bundestagswahl die rot-grüne Bundesregierung das Leistungsschutzrecht sofort kassieren würde, ist allerfeinste Symbolpolitik, aber das nur am Rande. Wenn man es sich jetzt nicht mit den Verlagen verscherzen will, dann wird eine Ankündigung, es nach den Wahlen tun zu wollen, auch nicht ernst genommen, abgesehen davon tut die SPD gerade alles, dass es nach der Bundestagswahl eher nicht auf rot-grün hinauslaufen kann.

Für mich ist das Leistungsschutzrecht nicht nur ein überflüssiges Gesetz, sondern es zeigt auf, wie wenig wir in der Lage sind, die Herausforderungen der Digitalisierung gestalterisch zu nutzen, da wir uns Stattdessen die Rückzugsgefechte der Besitzstandswahrer aufdrängen lassen. So kommen wir nicht weiter in diesem Land, so nicht.

Der Vorsitzende des Rechtssausschusses des Bundestages, Siegfried Kauder von der CDU, hat heute etwas bemerkenswertes getan. Er hat verfassungsrechtliche Bedenken beim von der schwarz-gelben Koalition geplanten Leistungsschutzrecht angemeldet und kritisiert, dass die bisherige Experten-Anhörung parteiisch gewichtet gewesen sei und Verfassungsrechtler nicht gehört wurden. Siegfried Kauder kündigte an, das geplante Leistungsschutzrecht nicht unterschreiben zu wollen. Er bezeichnete das Leistungsschutzrecht als rechtspolitischen Eiertanz. Siegfried Kauder kann sich herausnehmen, eine konträre Meinung in der CDU-Fraktion einzunehmen, denn er wurde bei der Kandidatenaufstellung in seinem Wahlkreis nicht gewählt und geniesst damit unfreiwillig eine gewisse Freiheit. Kauder taugt allerdings kaum zum Held in der unendlichen Geschichte rund um das Leistungsschutzrecht, denn in der Vergangenheit hat er sich gerne als Befürworter von Three-Strikes-Regelungen bei Urheberrechtsverletzungen positioniert.

Bereits am Mittwoch ist aber noch etwas seltsameres passiert. Wirtschaftsminister Rösler hat seine Eier wiedergefunden und verlautbaren lassen, dass seine Leute mittlerweile wohl auch kein Interesse mehr am Leistungsschutzrecht hätten.

Das Leistungsschutzrecht, von Christoph Keese, Matthias Döpfner und Hubert Burda gewünscht und im Koalitionsvertrag verankert, dürfte nun am Widerstand innerhalb der Koaltion scheitern.

Das ist gut so und eine breite Phalanx von Netzpolitikern und Netzaktivisten, ebenso wie Lobby-Organisationen und Unternehmen haben in den letzten Jahren versucht, auf die Politik einzuwirken, um das geplante Leistungsschutzrecht zu verhindern. Zuletzt hat die rot-grüne Koalition in Niedersachsen in ihrem Koalitionsvertrag das Leistungsschutzrecht abgelehnt und auch meine Partei hat mehrfach deutlich gemacht, dass die Herausforderungen der Medienhäuser bei der Suche nach funktionierenden Geschäftsmodellen nicht durch das Leistungsschutzrecht gelöst werden würden.

Das Leistungsschutzrecht ist vor allem netzpolitischer Eiersalat, der niemandem hilft. Langsam scheint auch bei der Koalition durchzusickern, dass das Leistungsschutzrecht überflüssig ist und mehr schaden würde, als dass es nützt.

Marc Andreesen wieder einmal, der Entwickler des ersten Browsers und aktuell einer der VC mit einem Midas Touch, geht auf eine der Fragen der Zukunft ein. Andreessen predicts the death of traditional retail. Yes: Absolute death:

Retail guys are going to go out of business and ecommerce will become the place everyone buys. You are not going to have a choice. [...] We’re still pre-death of retail, and we’re already seeing a huge wave of growth. The best in class are going to get better and better. We view this as a long term opportunity. [...] Retail chains are a fundamentally implausible economic structure if there’s a viable alternative. You combine the fixed cost of real estate with inventory, and it puts every retailer in a highly leveraged position. Few can survive a decline of 20 to 30 percent in revenues. It just doesn’t make any sense for all this stuff to sit on shelves. There is fundamentally a better model. [...] Malls are going under, and there’s more to come. These chains are much closer to going under than you think.

Ja, ich weiss, was ihr sagen wollt: “aber die Haptik! aber das Stöbern! das Erlebnis!” – klar, das sind wichtige Aspekte beim Shopping und man sieht ja auch, wie Apple, Abercrombie & Fitch und andere immer wieder für Schlange vor den Läden sorgen, aber wenn man sich die Buchbranche anguckt, dann ist doch klar, dass das dort erlebte Phänomen auch auf andere Bereiche überschwappen wird. BestBuy in den USA ist massiv angeschlagen, das ist ein Schicksal, mit dem sich Saturn und MediaMarkt und all die anderen großen Elektronikketten dringend auseinandersetzen müssen. Walmart versucht gerade, beim Thema eCommerce massiv aufzuholen, weil sie ebenfalls davon ausgehen, dass eCommerce, gerade mit Lieferungen noch am selben Tag, immer effizienter und damit relevanter für die Kunden wird. Man sieht allerdings auch, wie verzweifelt sich einige Ketten gegen den Trend stemmen wollen, Thalia beispielsweise verkauft nicht mehr nur Bücher, sondern massenhaft Nippes und Spielzeug, verliert damit allerdings den Markenkern als traditioneller Buchladen und wird immer unattraktiver, Filialschliessungen sind die Folge. Görtz hat mit Zalando, Mirapodo und den Shoppingclubs zu kämpfen, denn auch hier wurde immer davon ausgegangen, dass sich eCommerce nicht lohnen würde wegen der Rücksendequote.

Lange Zeit wurde wie ein Mantra von den Filialisten vorgetragen “niemand wird jemals XY im Web kaufen, das ist viel zu umständlich, man will doch die Ware anfassen!” – naja, das war eine schöne Fehleinschätzung und da man sein Geschäft nicht selber kannibalisieren wollte, machen das jetzt eben die anderen.

Die Disruption disruptiert mittlerweile die Disruptoren von einst, diese Entwicklung sehen wir mittlerweile in immer mehr Branchen, weil die Zyklen der Entwicklung immer enger werden. Erst verdrängt das Einkaufszentrum vor den Toren der Stadt den Einzelhandel in der Stadt, jetzt sorgt eCommerce dafür, dass das Einkaufszentrum vor den Toren der Stadt immer unattraktiver wird. Früher liessen sich Kunden beim Einzelhandel beraten und kauften bei großen Ketten, die es billiger anbieten konnten. Heute geht man zu einer großen Kette, scannt den Barcode und bestellt im Web, damit man den Karton nicht schleppen muss und nicht stundenlang an der Kasse steht.

Dieser Verdrängungsprozess wird Arbeitsplätze kosten, und das nicht zu knapp. Diese Entwicklung hat die Fraktion der sog. LINKE in Hamburg zum Anlaß genommen, mal eine Große Anfrage an den Senat zum Thema “eCommerce – ist der klassische und traditionelle Einzelhandel der große Verlierer?” zu stellen. Bei der Großen Anfrage geht es vor allem darum herauszufinden, was der Senat tun kann, um diese Entwicklung aufzuhalten und natürlich geht es darum, zu unterstellen, dass der Senat nicht genug tue.

Ich bin zwar nicht gefragt, aber ich antworte gerne. Was der Senat tun kann, ist in Bildung zu investieren. Massiv. Und zwar so, dass die jungen Leute fit gemacht werden für die Zukunft und nicht für den Jobmarkt der 80er Jahre. Der Senat sollte auch weiterhin dafür sorgen, dass sich neue eCommerce Firmen in Hamburg ansiedeln, um so Arbeitsplätze von Morgen zu schaffen. Die Innenstadt wird weiter attraktiv bleiben und genügend Einzelhandel haben, an den Rändern wird das Angebot aber sukzessive dünner werden. Ähnlich wie beim Bergbau oder der Umwälzung des Büroalltags durch die Einführung der EDV kann man allerdings davon ausgehen, dass diese Entwicklung nicht mehr aufgehalten werden kann, egal wieviele Milliarden man jetzt in die Stützung des Einzelhandels stecken würde. Ich würde das Geld lieber ausgeben, um jungen Leuten Alternativen aufzuzeigen, damit sie nicht auf eine Karriere im Einzelhandel setzen, die in 10 Jahren zu Ende ist. Die Disruption durch den eCommerce ist so tief und wird so nachhaltig sein, dass wir unsere Einkaufsgewohnheiten so ändern werden, dass es vergleichbar sein wird mit dem Niedergang der Tante Emma Läden und dem Aufkommen der Supermärkte. Das passiert nicht über Nacht, aber die Anzeichen sind klar und die Entwicklung wird sich nicht aufhalten lassen. Warum? Weil die Konsumenten abstimmen und denen geht es primär um das beste Angebot und nicht um die Sicherung von Arbeitsplätzen im Niedrigohnsektor für Menschen mit geringem Bildungsstand. Das mag man beklagen, aber auch das wird man nicht ändern können.

Wir müssen uns als Gesellschaft wohl oder übel darauf einstellen, dass die Digitalisierung in immer schnelleren Zyklen nachhaltigere Disruptionen auslösen wird als wir es in den letzten Jahrzehnten gewohnt waren. Das Internet ist die massivste Disruption seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, dagegen ist eine globale Finanzkrise nur ein lauer, sauteurer Furz im Wind. Wir müssen diese Disruption begleiten und die Menschen darauf vorbereiten, dass das einzige Beständige der Wandel sein wird.

1. Genossen im Glück. Es werden Landtagswahlen gewonnen. Ein Land nach dem anderen verliert die Mehrheit von Union und Liberalen. Für den Genossen Trend reicht es noch nicht.

2. Die Grünen sind eigenständig und stark, ohne sie sähe die SPD in den Ländern schlecht und alt aus.

3. Strategische Wähler sorgen für das, was eher despektierlich Leihstimmen genannt wird. Nicht immer geht das Kalkül auf.

4. Die Führungsriege der FDP mobbt sich gegenseitig tagaus, tagein vor laufender Kamera und wird vom Wähler mit einer Bestätigung von Philipp Rösler als Parteivorsitzenden bestraft. Für Rösler bietet der geliehene Wahlerfolg in Niedersachsen die Möglichkeit, sich rechtzeitig vor der Bundestagswahlkatastrophe zurückzuziehen und dem finalen Hoffnungsträger Rainer Brüderle zu weichen.

5. Auf Twitter Recht zu haben gewinnt noch keine Wahlen, das mussten die Piraten schmerzhaft erkennen und finden sich jetzt im Bereich “Sonstige” neben der Partei Bibeltreuer Christen wieder.

6. Die Politik von Frau Merkel ist nicht so alternativlos, wie sie es gerne darstellt. Die Bundesratsmehrheit ist verloren gegangen, das zeigt sehr deutlich, wie unzufrieden die Wähler mittlerweile mit schwarz-gelb sind.

7. Das sogenannte bürgerliche Lager zerfasert und wird zu einem Hort provinzieller Politik, wo es einzig um das Manifestieren des Status Quo und das Sichern der Einflussphäre geht.

8. Die Linke ist im Westen vorbei, für die Wähler ist die Lafontainsche Vergatterung auf Fundamentalopposition zu wenig verlockend.

9. Eine Wahlbeteiligung von knapp 60% darf als Normalität nicht akzeptiert werden. Es müssen deutliche Anstrengungen unternommen werden, damit wieder mehr Menschen zur Wahl gehen.

10. Die Bundestagswahl 2013 wird geprägt sein von den Auseinandersetzungen der beiden Lager rot-grün und schwarz/gelb, von Modernität und Fortschritt auf der einen, sowie vermeintlich alternativlosem Stillstand auf der anderen Seite.

PigSeit Jahrzehnten wird die grassierende Politik- und Politikerverdrossenheit in diesem Land beklagt. Es wird sehnsüchtig auf den amerikanischen Wahlkampf geguckt, weil es dort die Zuspitzung auf zwei charismatische Führungspersonen gibt, während bemängelt wird, dass hierzulande seit dem Abtreten der Politiker der Nachkriegsgeneration nur noch Berufspolitiker als Technokraten ihr Dasein fristen. In Talkshows werden Jahr ein, Jahr aus dieselben Themen von den immerselben Köpfen diskutiert, ab und zu wird mal eine neue Sau durchs Dorf getrieben, bis sie als kleiner Stern am Himmel verglüht. Ansonsten gilt die allgegenwärtige Alternativlosigkeit als allgemein akzeptiert, auch die Medien als 4. Gewalt beugen sich dem Diktum aus dem Kanzleramt.

Gerne werden unsere Politiker als wenig charismatisch charaktisiert, vielleicht noch als versierte Fachpolitiker dargestellt, und die Trauer ist groß, wenn jemand mit Ecken und Kanten wie Peter Struck plötzlich stirbt. Deutsche Politikerkarrieren verlaufen zu gleichförmig, Politik als Beruf hat nicht nur Vorteile, das bekommen wir überall zu lesen. Politiker hängen an ihrem Mandat, da es für sie eine Absicherung und vor allem auch eine berufliche Perspektive darstellt, auch das wird als verwerflich angesehen.

Das ist grob zusammengefasst die Lage der Nation. Wir sind alle kollektiv unzufrieden mit allem, früher war alles besser und anderswo ist es das auch.

Ich bin grundtief genervt von der aktuellen Medienkampagne gegen Peer Steinbrück. Nicht, dass es mich überrascht hätte, aber der Stil ist wirklich unter aller Sau aktuell und nicht förderlich für unser Land. Man muss Peer Steinbrück nicht mögen, man muß auch die SPD nicht mögen oder gar wählen, auch wenn dann vieles besser wäre in diesem Land, aber die Art und Weise, wie derzeit jedes nicht gesetzte Komma in einer Rede ausgewertet wird, ist kaum noch an Absurdität zu überbieten, immer frei nach dem guten alten Motto “irgendwas wird schon hängen bleiben!” – wir erleben gerade Kampagnenjournalismus par Excellence und das, bevor der Wahlkampf richtg begonnen hat.

Peer Steinbrück hat nach einer langen Karriere in der Politik seine Bekanntheit genutzt, um Geld zu verdienen, während er als Abgeordneter im Bundestag sitzt. Ja, und? Journalisten verdienen sich Geld mit dem Schreiben von Reden für andere Leute, mit der Moderation von Firmen-Events oder mit Fernsehwerbung. TV-Moderatoren haben oftmals ihre eigene Produktionsfirma und verdienen fröhlich am öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit. Ich habe auch schon von Journalisten gehört, die ihre Bekanntheit genutzt haben, um ein Buch zu schreiben, dass dann von vielen Leuten gekauft wurde.

Wenn ein Politiker, noch dazu von der SPD, die ja nicht mit Geld umgehen können, glaubt man dem Diktum von Otto Graf Lambsdorff, seine Bekanntheit nutzt, um mit dem Verkünden seiner Ansichten Geld zu verdienen, dann ist das verwerflichst und wird von dem Berufskommentatoren dieser Republik ungefähr auf eine Stufe mit dem Verkaufen des Erstgeborenen in die Sklaverei gestellt.

Ihr habt sie doch nicht mehr alle! Jeder Einzelne von Euch würde nach einer langen Karriere die Gelegenheit nutzen, mit dem Halten von Vorträgen und dem Schreiben von Büchern noch einen großen Schluck aus der Pulle zu nehmen! Diese Heuchelei geht mir sowas von auf den Sack, das glaubt ihr gar nicht!

Man kann überall lesen, dass sich die Menschen in diesem Lande, da draußen, wie es immer so schön heisst, sich nach Typen sehnen, die unabhängig sind, die eine eigene Meinung vertreten, die nicht führungstreue Parteisoldaten sind. Allerdings erleben wir auch immer wieder, dass die unabhängigen Köpfe entweder irgendwann eingenordet werden und sich strikt der Parteilinie unterordnen, oder aus der aktiven Politik verabschieden. Peer Steinbrück beharrt auf seiner Beinfreiheit, was wiederum zu Kritik führt, denn eine derartige Unabhängigkeit wirkt irgendwie suspekt. Ja, was denn nun?

Ich dachte immer, Ironie funktioniert nur im Internet nicht, aber Peer Steinbrück erfährt gerade, dass seine ironische Art, die er sicherlich nicht erst seit ein paar Wochen pflegt, auf einmal massiv gegen ihn ausgelegt wird. Sich über Stromlinienförmigkeit zu beschweren und gleichzeitig jegliche Ironieresistenz an den Tag zu legen, hilft uns auch nicht weiter! Warum ist es so schwer zu akzeptieren, dass Peer Steinbrück nicht nur Politikerfloskeln von sich gibt, sondern seinen eigenen ironischen Humor hat?

Die Art und Weise, wie SPON das Interview von Peer Steinbrück in der FAS interpretiert hat und daraus Meldungen im Stil von “Steinbrück will als Kanzler mehr Geld” generiert hat, wird später in Lehrbüchern für politische Meinungsmache von Medien aufgeführt werden. Die Art und Weise, wie die restlichen Publikationen dem vermeintlichen Leitmedium gefolgt sind, ohne vorher mal das Interview zu lesen, allerdings auch. Es wird permanent versucht, Peer Steinbrück irgendetwas anzuhängen, es wird auf seine Person gezielt, um seine Integrität zu schädigen, genauso wie er übrigens vorher von genau denselben Medien gefeiert wurde – da ist er wieder, der Fahrstuhl, mit dem man rauf und runter fährt.

Peer Steinbrück ist der Kanzlerkandidat der SPD und damit verbunden sind bestimmte Inhalte. Über die Inhalte, die eine Alternative zur jetzigen planlosen und zerstrittenen schwarz-gelben Koalition darstellen, wird nicht geschrieben. Das wäre ja auch anstrengend, dann müsste man sich mit Sachthemen auseinandersetzen und könnte nicht irgendeinen Schwachsinn in Äußerungen reininterpretieren, was wiederum tolle Schlagzeilen generieren würde und mehr Leser bringt als die Diskussion um die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns, um nur ein Beispiel zu nennen.

Mir geht diese Pseudo-Skandalisierung der Medien auf die Nerven, lasst uns über Inhalte und Alternativen reden!

p.s. Der Autor dieser Zeilen steht der SPD nicht nur nahe, sondern ist seit fast 25 Jahren Mitglied in der SPD und hat Peer Steinbrück vor Jahren einmal auf der DLD getroffen, hält aber auch gelegentlich Vorträge.