27. Juni 2011

Wenn alle twittern, was dann?

In einem Interview hat die CSU Bundestagsabgeordnete Dorothee Bär jüngst folgende Antwort auf die Frage, ob Horst Seehofer twittern solle, gegeben:

Jeder sollte twittern.

Tolle Idee, und dann?

Wird sich dann nicht das Politikgetwittere total verändern? Ist nicht der aktuelle Reiz von Twitter, daß nicht alle es nutzen und dass man nicht nur Politikerworthülsen zu lesen bekommt? Viele der derzeit auf Twitter aktiven Politiker lassen sich sogar auf kurze Dialoge ein und wirken dadurch nahbar und teilweise sogar lernfähig. Aber das wird sich ändern, sobald die Politik auch auf Twitter Geschwafel veranstaltet, wie wir es von den Talkshows im Fernsehen kennen, nur eben auf 140 Zeichen. Wenn alle Politiker selbst twittern würden, dann hätte man wenigstens das Thema Medienkompetenz ein Stück vorangebracht, aber das nur am Rande.

Letzte Woche gab es in der Hamburgischen Bürgerschaft einen Mini-Eklat, weil die Präsidentin der Bürgerschaft einen Tweet während der Plenarsitzung abgesetzt hatte. Sie hatte nicht das Sitzungspräsidium verlassen, um vom Plenum zu twittern, was für die Leser unerheblich ist, aber seitens der CDU zu großer Aufregung und Einschaltung des Ältestenrats führte. Wenn mehr Politiker twittern, gibt es dann mehr derartig dämliche Mini-Eklats, oder kehrt dann Gelassenheit ein? Ich glaube, es wird mehr denn je jeder Tweet auf die Goldwaage gelegt werden, denn wenn eines im Umgang mit Social Media und Twitter nicht verstanden haben, dann die Verschriftlichung von Dialogen – Sätze, die nicht für die Ewigkeit bestimmt sind, sondern durchaus auch flüchtig sein können.

Wenn alle twittern, was dann? Wird die Politik dann besser? Gibt es dann neben Redenschreibern auch Twitterschreiber? Kann man komplexe Sachverhalte auf 140 Zeichen diskutieren, oder wird auf Twitter nur gesendet werden, weil man die vielen Dialogwünsche doch nicht ordentlich abarbeiten kann, weil die aktuelle Mitarbeiterpauschale nicht für ein Vollzeittwitterteam ausreicht? Wem wäre dann geholfen?

Jeder sollte gute Politik machen. Twitter bietet dazu noch eine gute Dialogmöglichkeit und erreicht Multiplikatoren schnell. Aber Twitter alleine wird nicht ausreichen.

27. Juni 2011

Rösler und die FDP: One-Trick Pony

Noch nicht einmal 100 Tage ist er im Amt und schon ist der Lack ab. Was hat neue FDP-Vorsitzende Philipp Rösler nicht alles versprochen bei seiner Antrittsrede als Parteivorsitzender: „Leider haben wir auch aus Rücksicht auf unseren Koalitionspartner notwendige und dringende Projekte zurückgestellt.“ und auch „Liebe Wählerinnen und Wähler: Ab heute wird die FDP liefern.“

So, dann wollen wir doch mal gucken, was der große neue Wurf der FDP ist, das Projekt, mit dem sich Philipp Rösler von seinem Vorgänger Guido Westerwelle mal so richtig abheben will.

Steuersenkungen.

Yeah! Der Ladenhüter einer jeden schwarz-gelben Bundesregierung. Gegen jegliche finanzpolitische Vernunft wird grundsätzlich von jeder schwarz-gelben Regierung das Thema Steuersenkungen rechtzeitig vor der Wahl lanciert. Kalkül ist stets dasselbe: die anderen sollen als Steuererhöhungsparteien darstehen. Also werden Steuersenkungen debattiert und sonstwelche Entlastungen versprochen, die aber natürlich alle irgendwie finanziert werden müssen, weshalb am Ende die große Steuersenkung kaum Auswirkungen für den Einzelnen haben wird, wenn man mal von Branchen absieht, die besonders gut bei der FDP Lobbyismus betreiben konnten, wie z.B. die Hotelbranche, und von den Sozialleistungen, die irgendwo gestrichen werden. Steuersenkungen von schwarz-gelb sind also nur für wenige Bürger eine tolle Idee.

Steuersenkungen.

Die FDP zeigt, daß sie inhaltlich ausgebrannt ist. Wenn sie keine anderen Themen findet als Steuersenkungen, dann wird sie sich für eine Weile im 3-Prozent-Türmchen einnisten dürfen. Eine liberale Partei sollte mehr Themen haben und vor allem andere Schwerpunkte setzen. Philipp Rösler hat seinen Start als FDP-Parteichef fulminant vergeigt. Die FDP ist und bleibt ein überflüssiges One-Trick Pony.

27. Juni 2011

Social Media Maschinen sind keine Lösung

Ach, wenn ich das schon lese: Social Media Tool Tweriod ermittelt die optimale Zeit zum Twittern – was für ein Blödsinn.

Unternehmen nutzen Social Media, um Kommunikation mit menschlichem Antlitz hinzubekommen. Wenn man jetzt jeden Tweet durchoptimiert nach Thema und Uhrzeit, um die maximale Response zu bekommen, dann wird die Response mittelfristig sein, dass Nutzer sich abwenden, weil sie sich ausgenutzt fühlen. Nutzer sind nicht doof. Wer jeden Tweet zu lange abwägt und die optimale Tweetzeit finden will, der verscherzt es sich schnell, denn die Nutzer erwarten, daß nach all den Jahren der Durchoptimierung, der Callcenter-Wartschleifen und Tastendrück-Menüs endlich wieder Menschen normal kommunizieren.

Was kommt als Nächstes? Ein Twittertool, das nicht nur die Uhrzeit vorschlägt, sondern auch SEO-Optimierungen macht und jeden Tweet ableicht mit den Follower-/Unfollowerzahlen und daraufhin Tweets permament optimiert? Glückwunsch, damit macht man sich obsolet als Unternehmen auf Twitter.

24. Juni 2011

Es liegt am Rundfunkstaatsvertrag, Dummkopf!

Wohl und Wehe der freien Welt hängt derzeit von der Tagesschau-App ab. Die Verleger klagen, die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und die geneigte Fachöffentlichkeit sind entrüstet.

Wettbewerbsverzerrung. Eine App mit Bewegtbild und Text darf nicht sein, sagen die einen, die aus dem Print-Bereich kommen und massiv in Bewegtbild online investieren. Die anderen sagen, zur Grundversorgung gehört eine App und wir GEZ-Zahler wollen schon das Maximale an öffentlich-rechtlicher Grundversorgung und warum werden überhaupt Beiträge aus dem Archiv gelöscht, die mit unseren GEZ-Gebühren finanziert wurden. Was für eine Verschwendung.

Also wird viel geredet und nun auch geklagt. Aufregung pur.

Ich kann mich über die Klage nicht aufregen, ich finde die Beweggründe absurd, weil es auch andere Bereiche gibt, in denen es eine Wettbewerbsverzerrung gibt und das hat das private Fernsehen nicht aufgehalten, aber ich finde die Klage gut, weil sie zu Denkprozessen anregt.

1. Der Rundfunkstaatsvertrag geht davon aus, dass Sender ein knappes Gut sind. Heutzutage kann jeder Inhalte produzieren und auch senden. Noch dazu reden wir seit 15 Jahren von Medienkonvergenz. Aber die gesetzliche Basis setzt immer noch auf scharf getrennte Bereiche Fernsehen, Print und Radio und humpelt somit der Realität hinterher.

2. Das Internet sorgt dafür, daß wir alle unsere Informationen und auch unser Entertainment auf vielfältigste Arten und Weisen bekommen können. Das ursprüngliche Sender-Prinzip hat ausgedient, es wissen nur noch nicht alle. Warum ist das eigentlich so?

3. ARD und ZDF sind eigentlich Medienanstalten und sollten daher auch ihren Grundversorgungsauftrag medienneutral wahrnehmen können und damit natürlich in Konkurrenz zu den Medienhäusern wie Springer, Burda, WAZ, Holtzbrinck und Co. stehen. Die Nutzer sollten entscheiden können, wo sie was wie konsumieren, nicht der Gesetzgeber.

4. Der Rundfunkstaatsvertrag muß dringend entstaubt werden, aber dazu muß der Gesetzgeber erst einmal anfangen, das Internet und seine Auswirkungen zu verstehen.

An der Tagesschau-App geht unsere Medienwelt nicht zugrunde, allerdings zeigt die Klage deutlich, wie absurd die bundesdeutsche Medienpolitik aussieht. Die Zukunft ist massiv digital und die Politik muß daher den Rundfunkstaatsvertrag gründlich entstauben und ARD/ZDF einen Auftrag für die Zukunft geben. Daran können sich dann alle Marktbegleiter orientieren und sich überlegen, wie sie ihre Businessmodelle darauf ausrichten. Wer weiß, vielleicht bieten ARD/ZDF in einigen Jahren lokale Tageszeitungen an, um die Grundversorgung zu sichern. Aber dafür ist es notwendig, in Kategorien des 21. Jahrhunderts zu denken.

23. Juni 2011

Google Chromebook – was fehlt?

Nachdem ich jetzt mit dem Google Chromebook in der Cloud arbeite, sind mir natürlich einige Sachen aufgefallen, die nicht so prickelnd sind. Ich finde das generelle Konzept super und denke, daß viele Nutzer mit einem Browser alles erledigen können, was sie im Web tun wollen. Aber es gibt einige Aspekte am Google Chromebook, die gerade diesen Nutzern den Umgang mit dem Google Chromebook und dem Konzept Cloud erleichtern.

Was fehlt?

Es fehlt eine ordentliche Einführung in das Konzept Chromebook und seine Nutzungsmöglichkeiten. Es gibt lediglich ein kurzen User Guide, in dem kurz und knapp die Nutzung erklärt wird. Es gibt aber leider keinerlei sinnvoll nutzbare Einstellungshilfen, die es auch eher unbedarften Usern ermöglichen, die verfügbaren Dienste zu nutzen. Man sollte Nutzern erklären, wie sie Gmail, Kalender, oder ähnliches als Tab festheften können, aber auch, wie sie andere Dienste nutzen können, die nicht zum Google Universum gehören. Nicht jeder Nutzer probiert gerne aus, was sich hinter grossen Buttons verbirgt, sondern benötigt eine bessere Nutzerführung. Es muß vor allem besser erklärt werden, was es bedeutet, wenn man keine wirklich nutzbare Festplatte hat, sondern alles im Netz speichern muss. Da hilft nicht der Hinweis, dass Chrome einen Webstore hat, in dem man viele tolle Sachen finden kann. Nutzer brauchen hier eine konkrete Führung, damit sie sich nicht verloren fühlen. Was macht man mit seiner Musik, mit den Photos, wie kann ich Videos abspielen, womit kann ich Bilder bearbeiten, was mache ich mit meinen Skype-Kontakten? Die Nutzer werden viele derartige Fragen haben und Google muß dies antizipieren und den Nutzern zeigen, wie man derartige Dienste auf dem Chromebook nutzen kann, oder welche Ausweichmöglichkeiten sich bieten.

Es fehlt ein vernünftig grosses Einstellungsmenü, da reicht nicht ein kleiner Button rechts oben, der dann noch Optionen verbirgt, die über den reinen Browser hinausgehen. Auch wenn man nur in der Cloud arbeitet, so finde ich es aus Nutzersicht verwirrend, daß ich in den Browser-Einstellungen auch Optionen für das System finde. Auch hier muß mehr erklärt werden, man wird den Eindruck nicht los, daß das Chromebook-Konzept von Geeks für Geeks gemacht wurde, obwohl die eigentliche Nutzerschaft weit weniger geschult im Umgang mit einem Computer sein dürfte.

Es fehlt eine nutzbare Drucker-Lösung. Man kann nicht ein Laptop anbieten, mit dem man nicht einfach drucken kann. Ich habe unter Zurhilfenahme meines Macbook Air versucht, unseren HP Photosmart C5100 mittels Google Print zum Drucken zu bewegen. Nach 15 Minuten erfolglosem Hin- und Hergeclicke habe ich es aufgegeben. Das wird für viele Nutzer ein absoluter Showstopper sein, bzw. zu massivem Frust führen. Die Nutzerführung bei Google Print lässt extrem zu wünschen übrig und erklärt auch wieder zu wenig.

Es fehlt generell eine Fokussierung auf den Nutzer, damit dieser sich abgeholt fühlt und sich in der neuen, reinen Web-Umgebung besser zurecht findet. Das Google Chromebook kann das Laptop für die Massen werden, muß dafür aber dem Nutzer den Einstieg besser ermöglichen.