Es ist richtig und wichtig, dass die Presse die Politik kontrolliert und ganz genau hinsieht, was die gewählten Volksvertreter so treiben. Aber es nervt mich wahnsinnig, wenn immer wieder so getan wird, als ob Politikerinnen und Politiker nur in der Politik sind, um sich selber zu bereichern. In unzähligen Artikeln sind große und kleine Spitzen und Unterstellungen zu finden, bei denen es nur darum geht, Vorurteile zu schüren und damit Politikerinnen und Politiker zu diskreditieren.

– Vorurteil Nr. 1: Politikerinnen und Politiker sind nur des Geldes wegen in der Politik.
Bei jeder Diätenerhöhung wird wieder vom Selbstbedienungsladen gesprochen und suggeriert, dass der Politiker an sich zu viel verdient. Das Gegenteil ist der Fall. Für einen befristeten Job mit Führungsverantwortung und einem Pensum, das weit jenseits der 38-Stunden Woche liegt, sind die gezahlten Bezüge noch viel zu gering, um das Geld zum einzigen Motivationsgrund zu machen.

– Vorurteil Nr. 2: Politikerinnen und Politiker haben gar keine Ahnung von dem, was sie tun.
Das ist so ungefähr die billigste und dümmlichste Auseinandersetzung mit dem, was Politiker so leisten. Es wird oft kritisiert, dass eine fachliche Eignung, beispielsweise ein abgeschlossenes Studium in einem bestimmten Fachgebiet, fehle. Natürlich kann jemand Verteidigungsministerin werden, ohne vorher gedient zu haben und natürlich muss man kein Arzt sein, um Gesundheitsminister zu werden. Dafür haben Ministerien eine umfangreiche Bürokratie, die gespickt ist mit Fachleuten, gemeinhin Referenten genannt. Die Ministerien werden von Ministerinnen und Ministern geleitet, die den politischen Rahmen vorgeben und sich dabei auf die Ratschläge und Hinweise von Fachleuten verlassen.

– Vorurteil Nr. 3: Politiker haben nie richtig gearbeitet, sondern direkt eine Politiklaufbahn durchlaufen.
Was ist denn „richtiges Arbeiten“? Ist das nur Handwerk, oder auch Verwaltung? Was ist mit jemandem, der eine Firma erbt, diese leitet und dann in die Politik geht? Hat diese Person jemals „richtig“ gearbeitet? Es ist anmassend, über andere zu urteilen, dass sie nie richtig gearbeitet haben, nur weil sie einen Job machen, den man selber vielleicht nicht in seiner vollumfänglichen Komplexität durchschaut. Wer es schafft, Politik so zu organisieren, dass daraus eine Karriere wird, hat in aller Regel extrem viel Zeit dafür aufgewendet und sich professionelle Strukturen erarbeitet. Das ist anders als das, was man in der Fabrik oder der Zeitungsredaktion tagtäglich macht, aber es ist auch richtige Arbeit.

– Vorurteil Nr. 4: Politikerinnen und Politiker sind faul.
Der Klassiker. Schliesslich dauert alles in der Politik immer viel zu lange und das Ergebnis ist auch selten das, was man sich erhofft hat. Also sind die Politiker wohl faul, inkompetent sind sie ja sowieso. Na klar, es gibt immer mal wieder einen Calle von Bismarck, der nicht genau weiss, warum er eigentlich in der Politik ist, aber im Großen und Ganzen haben Politiker jeglicher Coleur die Hucke voll zu tun mit ihrem Job, und zwar 7 Tage die Woche rund um die Uhr. Als Politiker kann man nie sagen „geh weg, ich habe jetzt Feierabend, Du störst!“ und dessen sollte man sich stets bewusst sein. Denn zu den reinen Präsenzterminen im Wahlkreis, im Parlament, in den Arbeitsgruppen, bei Dienstreisen, in der Partei, bei Veranstaltungen, etc., kommt immer noch das Studieren von Akten, schreiben von Vermerken, und so weiter, und so fort. Ach so, und natürlich ist das Parlament nicht bei jeder Debatte knüllevoll auf den letzten Platz besetzt, denn der Deutsche Bundestag ist ein Arbeitsparlament und diese Arbeit findet in Ausschüssen, Arbeitsgruppen und Anhörungen statt, oftmals zeitgleich mit den Sitzungen des Bundestags. Wer mal im Reichstag war, der wird schnell merken, dass es dort wie im Bienenstock zugeht und Politikerinnen und Politiker wahnsinnig schnell zwischen den unterschiedlichen Themen hin- und herschalten müssen.

– Vorurteil Nr. 5: Politikerinnen und Politiker sind machtgeil.
Die allermeisten Politikerinnen und Politiker gehen nicht in die Politik, um im Alter gut versorgt zu sein. Sie gehen auch nicht in die Politik wegen der Diäten oder der Schnittchen bei Terminen. Sie gehen in die Politik, weil sie politisch etwas verändern, gestalten oder bewahren wollen. Das geht allerdings nur, wenn sie Macht besitzen und diese auch ausüben wollen. Einem Politiker oder einer Politikerin Machtgeilheit vorzuwerfen macht ungefähr so viel Sinn, wie einem Fußball-Stürmer dem Drang zum Tor übel zu nehmen. Wenn man keine Macht anstrebt, wird man auch seine politischen Positionen nicht durchsetzen können. So einfach ist das. Eine Politikerin oder einen Politiker ohne Willen zur Macht würde niemand wählen, wozu auch?

Es nervt mich wahnsinnig, wenn immer und immer unterstellt wird, dass unsere Politikerinnen und Politiker eigentlich ein Haufen fauler und inkompetenter Stümper sind, die keine Ahnung haben von dem, was sie tun und sich dabei auch noch hemmungslos bereichern. Das Gegenteil ist der Fall. Mir missfällt dabei durchaus die politische Meinung von vielen Politikerinnen und Politikern, aber so ist das nunmal mit der Demokratie. Man kann sich gerne über das politische Personal aufregen, sollte sich aber auch die Frage stellen, wer denn eigentlich noch so politisch motiviert ist, dass er oder sie Lust hat, diesen Job ausüben zu wollen. Auch wenn die Diäten über dem Durchschnittseinkommen in Deutschland liegen, so bedeuten sie dennoch noch kein Leben in Saus und Braus. Vergleichbare Führungskräfte in der Wirtschaft verdienen um einiges mehr und werden in aller Regel nicht am Wochenende auch noch angemeckert, weil die Ampelschaltung immer noch nicht verbessert wurde oder die Energiewende immer noch nicht vollendet ist.

Ich finde es überhaupt nicht mehr erstrebenswert, Politiker werden zu wollen, denn das ist ein verdammt undankbarer Job, der zudem auch noch von Journalisten auf Stammtisch-Niveau immer wieder in den Dreck gezogen wird. Bei jedem Furz wird Neid und Missgunst geschürt, ohne überhaupt mal zu reflektieren, ob der entstehende Schaden durch den möglichen Ansehensverlust wirklich diese Skandalisierung wert ist. Anders ausgedruckt: wenn Ministerinnen und Minister in ihrem Ministerien übernachten, dann tun mir diese Personen leid, weil sie augenscheinlich ein Arbeitspensum haben, dass dazu führt, dass man ganz auf eine Wohnung verzichten kann. Dann ist der Skandal eher, dass wir von unseren Politikerinnen und Politikern zu viel erwarten und es für sie immer schwieriger wird, Freizeit, und damit Zeit zur Entspannung, zu bekommen.

Die Sache mit dem Praktikum

Nico —  12.02.2014

Vor zwei Wochen erhielt ich einen Anruf eines alten Bekannten, ob ich der Tochter eines gemeinsamen Bekannten behilflich sein könnte bei der Bewerbung um einen Praktikumsplatz in der Agenturbranche. Natürlich, so etwas mache ich gerne und ich habe in der Vergangenheit immer wieder Praktikanntinnen und Praktikanten eingestellt, mit denen ich sehr gerne zusammengearbeitet habe und die ich jederzeit wieder einstellen würde. Ich finde Praktika extrem nützlich, eigentlich.

Ich glaube, dass Praktika in der Tat nur ein Reinschnuppern in einen Job darstellen sollten und eben nicht als Beschaffung für billige Arbeitskräfte seitens der Unternehmen genutzt werden dürfen. Allein schon die Tatsache, dass es den stehenden Begriff Generation Praktikum gibt, zeigt mir, dass da etwas im Argen liegt. Weiterhin finde ich es fatal, dass insbesondere bei Praktika ohne Beziehungen kaum etwas geht. Da ist es offensichtlich, dass Jugendliche und junge Erwachsene benachteiligt sind, deren Eltern nicht über ein ordentliches Netzwerk in der gewünschten Branche verfügen. Wer in einer Agentur mal mit dem zahlreich verfügbaren unvermögenden Nachwuchs der Kunden zusammenarbeiten durfte, gegen den man sich als unterwürfiger Dienstleister nicht wehren kann, hat eine Vorstellung davon, wie sich diese Schieflage bei den Bewerbungen auf die Qualität der Praktika auswirkt. Dabei ist weder dem Unternehmen, noch den Praktikanten wirklich geholfen, wenn die eigentlichen Interessen oder das vorhandene Wissen ganz woanders liegen.

Ich habe nie ein Praktikum gemacht, abgesehen von einem einwöchigen Schülerpraktikum in einem Anzeigenblatt in Hamburg Bergedorf. Den Praktikumsplatz hat mir mein Stiefvater verschafft. Wie auch meinen ersten Sommerjob als Plakatkleber bei der SPD Hamburg. Ohne ihn hätte ich in den 90ern sicherlich nicht in den Semesterferien in der Landesorganisation Hamburg bei unzähligen Wahlkämpfen mitgeholfen, denn er hat mir den Einstieg verschafft, über den ich dann mein eigenes Netzwerk langsam aufgebaut habe. Ehrlich gesagt hatte ich aber auch das große Glück, dass Mitte der 90er dieses Internetdingens langsam losging in Deutschland und ich auch deshalb keine Praktika machen musste, weil ich stattdessen lieber gut bezahlte Jobs als Webdesigner, so nannte ich mich damals, man möge mir verzeihen und keine Frühwerke mehr im Internet finden, in den Semesterferien machte, da hatten es viele Kommilitionen um einiges schwerer, die Pflichtpraktika machen mussten und bei Firmen Klinken putzen durften.

Für mich sieht ein erfolgreiches Praktikum idealtypisch so aus, dass eine Praktikantin oder ein Praktikant in ein Unternehmen kommt, die Abläufe und Themen kennenlernt, eine eigene Nische für die Betätigung findet und sich dann so unentbehrlich macht, dass man alles daran setzt, diese Person nach Beendigung der Ausbildung oder des Studiums an sich zu binden. Mir ist das als Chef ein paar Mal gelungen und darauf bin ich dann immer ein klein wenig stolz, weil es eben so schön passt und für beide Seiten sinnvoll ist.

Es gibt es nun die YPD-Challenge, eine Plattform, bei der es um die Vermittlung von Praktikumsplätze geht. Beginnen wird die YPD-Challenge mit einer mehrtägigen Online-Challenge. Kann man sich hier beweisen, tritt man bei der Zertifizierung an, ein Offline-Event, wo man sich als Gewinner bereits einen von rund 120 Praktikumsstellen aussuchen kann. Und quasi als Icing on the cake können die Kandidaten in der TV-Show bei ServusTV mitmachen und um den Hauptgewinn kämpfen. Als mir das Format präsentiert wurde, war ich ja eher skeptisch. Aber es gibt einen Punkt, den ich an diesem Format gut finde: es können sich alle bewerben und es geht um die Fähigkeiten der einzelnen Person, nicht um die Ausprägung des jeweiligen Beziehungsnetzwerkes. Also es geht um können und nicht um kennen. Das finde ich gut und richtig, denn es bietet allen Bewerberinnen und Bewerbern die gleiche Ausgangslage. Die YPD-Challenge, das YPD steht für Young, Powerful und dynamic, lädt zu guter Letzt auch zur Karrieremesse ein, wo sich (Ex)-Kandidaten und Unternehmer treffen und austauschen können. Viele nennenswerte Unternehmen bieten über die YPD-Challenge Praktikumsplätze an, so daß ich davon ausgehe, dass wirklich für viele junge Leute einen prima Einstieg in das Berufsleben darstellen kann. Für die Teilnehmer an der TV-Show winkt als Hauptgewinn ein Sommer mit Karrierestationen in Top-Unternehmen weltweit. Die Zuschauer können während der Sendung ebenfalls teilnehmen und sich per SecondScreen den Herausforderungen stellen.

Macht mit! – der Anmeldeschluß ist der 24. Februar 2014!

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Irre, oder? Es kommt mir noch wie gestern vor, als ich staunend von dem schnell wachsenden sozialen Netzwerk las, das nur Leute mit der Email-Adresse einer amerikanischen Uni aufnahm und trotzdem, oder gerade deshalb, stetig populärer wurde. Ich bin daher auch erst seit knapp 7 Jahren bei Facebook, genauer gesagt seit dem 16. Februar 2007. Mittlerweile kenne ich nur noch eine Handvoll Facebook-Verweigerer, die aber allesamt wirre Aluhüte tragen und grundsätzlich meinen, wortreich erklären zu müssen, warum sie nicht bei Facebook sind und wirken dabei immer angestrengt und unentspannt. Alle anderen sind bei Facebook, vor allem, weil alle da sind.

Und ich? Ich finde Facebook toll! Gleichzeitig finde ich es aber auch nicht so toll. Aber toll überwiegt. Toll überwiegt vor allem deshalb, weil Facebook mir Menschen näher bringt, die mir wichtig sind. Man kann Facebook den ganzen Tag lang für irgendetwas kritisieren, vor allem dafür, dass es ein Ökosystem ist, dass natürlich zentralisierend wirkt und damit den dezentralen Tugenden des Netzes widerspricht. Aber, wie so oft im Leben, ist es einfach so, dass die Menschen das nutzen, was einfach ist und was sie verstehen, nicht dass, was versucht, dem Idealbild am nächsten zu kommen. Das ist ein bisschen so wie die Debatte um Linux auf dem Desktop, da war ich auch immer dafür, aber OS X ist einfach nutzbarer, also stirbt man den einen Tod und freut sich über unzählige Erleichterungen im Alltag.

Für mich ist Facebook vor allem eine Plattform, die viele Probleme gelöst hat, die mir irgendwann mal wichtig waren. Beispielsweise Facebook Connect, also die Möglichkeit, sich mit seinem Facebook Konto irgendwo anmelden zu können. Na klar, OAuth ist viel toller, aber eben auch viel umständlicher. Ich habe vor knapp 10 Jahren gemeinsam mit den Jungs von Knallgrau mal versucht, bei Blogs die gegenseitige Anmeldung bei Kommentaren hinzubekommen, damit man mehr Gewissheit hat, wer kommentiert. Das war ein netter Versuch, aber Facebook hat es auf einem globalen Maßstab richtig gemacht. Facebook macht vor allem das Messaging richtig, total nahtlos zwischen Web und mobile. Das habe ich mit Mabber bereits 2005 versucht, mit äußerst bescheidenem Erfolg, auch hier hat Facebook wieder alles so gemacht, wie es sein soll. Und natürlich gilt das auch für den Umgang mit Fotos. 550 Millionen Fotos werden jeden Tag bei Facebook hochgeladen, eine schier unvorstellbare Menge, die aber vor allem deswegen hochgeladen wird, weil es so einfach ist. Letztendlich hat Facebook über die umfangreiche API und den daraus resultierenden Markt für Apps dafür gesorgt, dass das Ökosystem Facebook weiter wächst und durch Dritte interessant gehalten wird.

Facebook hat natürlich bei dieser Entwicklung nicht alles richtig gemacht, ganz entsprechend dem eigenen Motto „move fast and break things“, aber Facebook schafft es immer wieder, sehr schnell aus Fehlern zu lernen und diese unzähligen Iterationen bei der Entwicklung machen Facebook so kraftvoll. Ich finde es bewundernswert, dass Mark Zuckerberg es geschafft hat, seine Vision von der Vernetzung der Menschen so groß skalieren zu lassen, denn man darf nicht vergessen, was das vor allem für eine technologische Herausforderung bedeutet, den ganzen Laden tagtäglich am Laufen zu halten. Ich hatte mal vor ein paar Jahren das Vergnügen, Mark Zuckerberg in Berlin treffen zu dürfen. Er tat mir ein wenig leid, am Abend im Hotel noch eine Handvoll Startup-Heiopeios treffen zu müssen, die ihm alle eher nichtssagend waren, aber er nahm diesen Abend sehr routiniert wahr und erläuterte im kurzen Zwiegespräch seine Vorstellungen von Facebook und den kommenden Entwicklungen. Für mich war klar: der Typ brennt für sein Produkt, der hat noch viel vor.

Seit 7 Jahren stopfe ich jede Menge Daten bei Facebook rein und bin alles andere als datensparsam. Auch wenn Facebook gerne als Datenkrake dargestellt wird und sicherlich viele, viele Datenpunkte über mich hat, so konnte ich bislang noch nicht feststellen, dass dies auch nur ansatzweise negative Auswirkungen auf mich oder meine Person hatte. „Na klar, die wollen Dich in Sicherheit wiegen!“ denken jetzt die Aluhüte, aber ich glaube ja vielmehr, dass Facebook bewusst ist, wie wichtig der sorgsame Umgang mit den persönlichen Daten ist. Journalisten tun gerne so, als ob Facebook die persönlichen Daten der Nutzer an Werbetreibende verkaufen würde, ich stelle mir dann immer die Übergabe eines Koffers voller Geld gegen einen Koffer voller Datensätze vor, aber natürlich tut Facebook gerade dies nicht, sondern versucht, die Werbung passend zu den jeweiligen Interessen der Nutzer auszuspielen. Wie gut das klappt, mag jeder selber beurteilen, ich jedenfalls sehe bei dem Algorithmus noch viel Potential.

Bin ich zu blauäugig? Das mag sein, aber was ist denn das schlimmste anzunehmende Szenario? Jemand mag meine politische Meinung nicht und stellt mich deswegen nicht ein, bzw. gibt mir keinen Auftrag. Tja, wenn so wenig Toleranz besteht, hätten wir sicherlich auch ohne Facebook nicht zusammengepasst. Jemand findet bescheuert, was ich so poste, meine Fotos, die Links, was auch immer. Ja, das mag sein, dann soll er oder sie eben etwas anderes im Web lesen, es ist ja genug da. Jemand nervt rum und trollt. Die Person wird geblockt und die Kommentare werden gelöscht. Das geht einfacher als mit irgendwelchen Hirnis in der Kneipe. Ja, ich weiss, ich bin seltsam exponiert auf Facebook und anderswo im Netz und meine Netznutzung gilt auf keinen Fall als pars pro toto für alle Nutzer im Netz – vor allem kann ich nachvollziehen, dass andere Leute ihre Privatsphähreneinstellungen anders handhaben als ich. Aber genau dafür bietet Facebook ja nun auch genügend Knöpfe, auf die man drücken kann.

Was mich wirklich an Facebook nervt, ist die Tatsache, dass Facebook als Ökosystem die unterschiedlichsten Inhalte aufsaugt, aber sehr zurückhaltend ist, was das Herausziehen der Inhalte angeht. Facebook wird sicherlich noch viele Dinge ausprobieren und ich bin gespannt, wie es weiter geht.

Mit Technologischer Totalitarismus: Warum wir jetzt kämpfen müssen ist ein vielbeachteter Aufsatz von EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) in der FAZ, dem Fachblatt für Zukunftswarnungen aller Art, betitelt. Dieser Text ist bemerkens- und auch lesenswert, und zwar aus den verschiedensten Gründen.

Wäre dieser Text eine Rede gewesen, bei der ich im Saal anwesend gewesen wäre, ich hätte mich glaube ich nicht zurückhalten können, einige Sachen reinzurufen. Neben „ach, watt, echt? is nicht wahr!“ oder „na, das wurde ja auch mal Zeit, dass die SPD bei dem Thema aufwacht!“ auch ein aggressives „dann sorg doch endlich dafür, dass die beschissene Vorratsdatenspeicherung endlich abgeschafft wird!“ Aber da dieser Text in der FAZ steht, bleibt mir eben nichts anderes üblich, als hier meine Kritik zu äußern.

In der Tat ist es super, dass im Parteivorstand der SPD das Thema Digitalisierung endlich angekommen ist und das Nachdenken darüber anfängt. Darüber freue ich mich sehr, auch wenn man sich natürlich fragt, warum das erst jetzt passiert, also nach 4 Jahren Enquete Kommission Internet und Digitale Gesellschaft und 14 Jahre nach dem Zusammenbruch der New Economy. Die Veränderungen sind seit vielen Jahren offensichtlich, aber die SPD hat sich bislang sehr schwer getan, die Debatte darüber auch mal in einer angemessenen Breite zu führen. Sicher, wir haben mit der Diskussion um den Kreativpakt in der letzten Legislaturperiode uns um einige der Herausforderungen der Kreativwirtschaft gekümmert, aber die Digitalisierung insgesamt ist weitreichender. Schön, dass Martin Schulz dieses Thema nun aufgreift. Es war lange überfällig.

Ich kann auch locker unterschreiben, was Schulz am Ende des Artikels fordert:

Ein freies Netz, ein an Grundrechten orientierter regulierter Datenmarkt und die Erinnerung daran, dass die Autonomie des Individuums unser Mensch-Sein begründet, kann eine bessere, eine neue Welt schaffen. In dieser Welt könnten die Chancen einer neuen Technologie zum Wohle aller genutzt und die Ökonomisierung aller Lebensbereiche verhindert werden. Es geht um nichts weniger als um die Verteidigung unserer Grundwerte im 21. Jahrhundert. Es geht darum, die Verdinglichung des Menschen nicht zuzulassen.

Es ist in der Tat höchste Zeit, die Digitalisierung konsequent als Chance zu begreifen und dafür zu sorgen, dass die Teilhabe daran dafür sorgt, das Menschen in die Lage versetzt werden, besseren Zugang zu Bildung und Arbeit, aber auch Kultur, Konsum und Entertainment bekommen. Dabei ist es natürlich wichtig, dass nicht die Wirtschaft den Rahmen vorgibt, sondern Politik und Gesellschaft. So lange sich allerdings die Politik aus der Diskussion heraushält, so wie in den letzten 10 Jahren, so lange wird es schwer, diesen Rahmen für die digitale Entwicklung vorzugeben. Es ist bezeichnend, dass Schulz eine Zustandsbeschreibung liefert, die eine Dystopie skizziert, ohne auch nur ansatzweise zu formulieren, was denn in Zukunft anders passieren soll und vor allem, wie dies passieren soll. Ich könnte jetzt natürlich Brandt zitieren, aber ich hole mal einen Tick weiter aus und zitiere John F. Kennedy, denn der hat ja auch zu allem etwas Passendes gesagt:

Change is the law of life. And those who look only to the past or the present are certain to miss the future.

Das ist der Kern des Dilemmas, in dem Martin Schulz stellvertretend für die Parteiführung der SPD steckt. Sie sind jetzt endlich mal so weit, dass sie ansatzweise verstehen, was gerade passiert, aber sie sind nicht in der Lage zu formulieren, was kommen soll. Stattdessen wird auf Ressentiments zurückgegriffen („multinationale Konzerne“), um vom eigenen Versagen und der eigenen Verantwortung abzulenken. Die weitgehende Abwesenheit der deutschen Politik bei der Ausgestaltung der digitalen Gesellschaft hat doch vor allem dazu geführt, dass sich die Wirtschaft die Rahmen selber interpretiert haben. Man kann vor allem nicht auf die sozialdemokratischen Grundwerte Freiheit, Gleichheit und Solidarität verweisen und gleichtzeitig einen Massenüberwachungsapparat wie die Vorratsdatenspeicherung durchwinken! Da bleibt ein Spitzengenosse wie Martin Schulz bei aller Sympathie für das Geschriebene leider unglaubwürdig, denn gerade als EU-Parlamentspräsident sollte er dann auch seinen Einfluß geltend machen können.

Die aktuelle Strategie des „überholen ohne einzuholen“ beim Diskurs zur digitalen Agenda offenbart, dass trotz schöner Rethorik die Substanz noch etwas mickrig ist. Der Nachholbedarf bei der SPD ist offensichtlich, aber wenn ich die Zeichen der letzten Wochen richtig deute, dann wurde dies offensichtlich nun auch erkannt und wie immer ist Selbsterkenntnis der erste Schritt zur Besserung. Für eine Partei wie die SPD ist die breite Auseinandersetzung mit der Digitalisierung der Gesellschaft, die übrigens im Kern eine ursozialdemokratische Idee ist, nämlich der Verbreiterung von Teilhabe in der Gesellschaft, lange überfällig und ein Bundesparteitag im nächsten Jahr zur digitalen Agenda kann erst der Anfang der Debatte sein.

D64 logoDer Verein D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt, bei dem ich Co-Vorsitzender sein darf, freut sich auf die anstehenden Auseinandersetzungen um den zukünftigen Kurs der Digitalisierung der Gesellschaft, wir haben uns ja vor nunmehr zwei Jahren genau aus diesem Grund gegründet und werden die Diskussionen in der SPD mit viel Interesse begleiten. Einer unserer Themenschwerpunkte für dieses Jahr ist die Zukunft der Arbeit und wir merken gerade, wie dieses Thema auf einmal von immer mehr Seiten ebenfalls diskutiert wird.

Insofern bin ich natürlich auch ganz entzückt, dass die SPD nun endlich bei diesem Thema Fahrt aufnimmt und ich gehe davon aus, dass der Beitrag von Martin Schulz nur ein erstes Geschmacksmuster aus der Küche darstellt, allerdings sind die anderen noch auf der Suche nach dem Markt, um die Zutaten zu kaufen, um mal bei diesem Bild zu bleiben. Wenn die SPD es aber schafft, die Herausforderungen der Digitalisierung angstbefreit zu diskutieren und daraus einen eigenen Kurs abzuleiten, dann dürfte das nicht nur beim Regierungshandeln helfen, sondern auch darüber hinaus der SPD bei der Ansprache der Wähler bei den kommenden Bundestagswahlen durchaus gut tun.

Am 5. Februar habe ich auf der Local Web Conference in Nürnberg die Keynote mit dem griffigen Titel Wir sind ja alle sowas von local. gehalten. Anders als sonst habe ich nicht einfach nur Slides mit Bulletpoints gezeigt, sondern mehr oder weniger eine Rede vom iPad gehalten. Der Text ist im Wortlaut hier zu finden, aber es gilt natürlich das gesprochene Wort.

Wir sind ja alle sowas von local.

Geodaten sind das neue Gold und wir Nutzer sorgen dafür, dass es geschürft werden kann. Es ist an der Zeit, darüber nachzudenken, welche Konsequenzen das Local Web für unser Nutzungsverhalten hat und welche gesellschaftlichen Implikationen dies mit sich bringt.

Wenn wir über das Lokale diskutieren, dann reden wir natürlich immer auch von Hoffnungen. Die einen wünschen sich nutzbare Dienste mit einem echten Mehrwert, die anderen wollen Leser erreichen – und natürlich soll Geld verdient werden. Die üblichen Analysten machen dazu Vorhersagen, die generell allesamt von Fantastrilliarden in den nächsten 5 Jahren ausgehen. Die Pyramid Consulting Group, ein mir bis dato völlig unbekanntes Unternehmen, dessen Zahlen zur Entwicklung der Location Based Services aber gerne zitiert werden, prognostizierte vor 3 Jahren einen globalen Markt in Höhe von 10 Milliarden US-Dollar im Jahr 2015. Ich glaube, das muss man auch, sonst wird die Prognose ja auch gar nicht wahrgenommen. Ich finde allerdings diesen globalen monetären Aspekt eher zweitrangig, sondern möchte mich eher auf die Nutzer und ihre Daten konzentrieren. Ich denke, wir sehen alle, dass mit der lokalen Nutzung des Webs viele neue Möglichkeiten für die Monetarisierung entstehen, auch wenn viele Entwicklungen immer noch vom Prinzip Hoffnung geleitet werden. Das Mantra aus dem Film „Field of Dreams“ gilt hier ebenfalls: „If you build it, they will come.“ Bei einigen Diensten kommen die Nutzer schneller und ermöglichen eine Monetarisierung, wie z.B. bei Yelp, bei anderen wie Foursquare bleibt die Hoffnung auf einen persönlichen Nutzen des Angebots erst einmal den Early Adopters und Geeks vorbehalten und damit die Monetarisierung immer noch eine Perspektive für später.

Das Local Web stellt eine konsequente Weiterentwicklung des Konzeptes von Web 2.0 dar. Wir erinnern uns: der große Paradigmenwechsel war, und das klingt mittlerweile total banal, dass der Nutzer in den Mittelpunkt der Angebote der Web-Dienste gestellt wurde und in die Lage versetzt wurde, sich mit gewissen Einschränkungen quasi selber seinen Baukasten zusammenzustellen. Die Dienste sind über APIs verknüpft und ermöglichen somit den leichten Datenaustausch und das Zusammenspiel untereinander. Wenn wir auf lokale Angebote schauen, dann sehen wir letztendlich die konsequente Fokussierung auf den Nutzer durch die Anreicherung des Dienstes mit Geo-Daten. Dabei ist es von meiner Warte aus völlig unerheblich, ob der Nutzer seinen Standort preisgibt, oder Inhalte konsumiert, die mit Geo-Daten verknüpft werden. Ich würde also Foursquare genauso zu den Location-based Services zählen wie ein lokales journalistisches Angebot, das ich auf dem Tablet zuhause auf dem Sofa konsumiere und bei dem es bei der Nutzung nicht darauf ankommt, dass ich meinen Standort preisgebe.
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